Familiengeschichte Mein Großonkel, der SS-Sturmbannführer

Familiengeschichte: Mein Großonkel, der SS-Sturmbannführer Fotos

Aus reiner Neugier googelte sie den Namen ihres Vaters. Die Trefferliste sollte Louisa Lages Leben verändern: Die Schülerin stieß auf die NS-Vergangenheit eines Verwandten. Sie forschte nach - und fand heraus, dass ihr Großonkel für den Tod von Anne Frank mitverantwortlich gewesen sein könnte. Von

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Es war ein sonniger Tag. Im Haus war es angenehm kühl, nur einige Sonnenstrahlen brachen durch die geschlossenen Rollläden. Ich fuhr meinen Laptop hoch, um meine E-Mails abzurufen und stöberte noch ein bisschen im Internet herum. Geschlossene Fenster dämpften das fröhliche Gezwitscher der Vögel und das Summen der Bienen und Hummeln. So voller Leben war dieser Tag im vergangenen Sommer.

Aus purer Neugierde googelte ich den Namen meines Vaters. Wer hat dort nicht schon einmal seinen oder den Namen eines Verwandten oder Freundes eingegeben? Ich ahnte nicht, auf was ich stoßen würde. Gebannt arbeitete ich mich durch die Trefferliste. Heute weiß ich: Dieser Tag veränderte mein Leben.

Unter Wikipedia fand ich folgenden Eintrag: "Willy Paul Franz Lages, auch Willi Lages, (geboren am 5. Oktober 1901 in Braunschweig, gestorben am 2. Februar 1971) war während des zweiten Weltkriegs SS-Sturmbannführer, Leiter des Sicherheitsdiensts in Amsterdam und in dieser Funktion Vorgesetzter des Leiters der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam. Er war mitverantwortlich für die Deportation von Juden aus den Niederlanden in die Konzentrationslager." Mein Vater heißt mit Vornamen ebenfalls Willy und mit Nachnahmen Lages. War das also möglicherweise ein Verwandter von mir?

Ich wollte es nicht glauben

Ich wollte nicht so recht an eine Verwandtschaft mit diesem NS-Verbrecher glauben, zumal ich so wenig über die Familie meines Vaters wusste. Ich lebte ausschließlich bei meiner Mutter. Wochen später traf ich mich mit meinem Vater, wir besuchten gemeinsam eine Messe und gingen hinterher noch in die Stadt. "Ach, weißt du übrigens von unserem berühmten Verwandten?" begann mein Vater das Gespräch. Mir stockte kurz der Atem. "Meinst du etwa diesen Willy Lages", fragte ich. "Ja genau. Ein Kollege brachte mich vor kurzen darauf, und ich habe das nachgeprüft. Es ist der Bruder meines Vaters, dein Großonkel", erwiderte mein Vater.

Schlagartig wurde mir bewusst, dass dieser Mensch eventuell mitverantwortlich für die Deportation Anne Franks war. Schon mit zwölf oder 13 Jahren hatte ich das "Tagebuch der Anne Frank" gelesen - gebannt. Schrecklich war der Moment, als die Aufzeichnungen stoppten und der Hinweis erschien, Anne Frank sei 1945 im Konzentrationslager Bergen- Belsen umgekommen. Konzentrationslager - dieses Wort hallte damals lange in meinem Kopf nach.

Nach dem Gespräch mit meinem Vater kreisten meine Gedanken weiter um meinen Großonkel Willy Lages. 1949 wurde er in den Niederlanden zum Tode verurteilt. Drei Jahre später begnadigte ihn die niederländische Königin Juliana. Das Urteil wurde daraufhin in eine lebenslange Haftstrafe umgemünzt. 1966 kam er sogar frei und kehrte nach Deutschland zurück. Die niederländischen Ärzte hatten bei ihm Blasenkrebs sowie akute Herzbeschwerden, gepaart mit einer Gehirnblutung, diagnostiziert. Lages habe nur noch wenige Wochen zu leben, hieß es damals.

Krasses Fehlurteil

Doch er starb und starb nicht. Die niederländischen Ärzte hatten offensichtlich eine Fehldiagnose gestellt. Der Blasenkrebs erwies sich, wie der SPIEGEL 1966 berichtete als vergleichsweise harmloser Darmverschluss. Ein paar Operationen später war Lages genesen. Je mehr ich über meinen Großonkel erfuhr, desto empörter wurde ich. Wie konnte ein solcher Verbrecher, der für den Tod so vieler Menschen mitverantwortlich war, so glimpflich davonkommen? Und wie konnte es sein, dass die Ärzte seinen gesundheitlichen Zustand derart falsch einschätzten?

Vielen Niederländern ging es offensichtlich damals wie mir heute. Wutentbrannt zogen sie im September 1966 demonstrierend durch die Straßen Amsterdams und forderten, Lages zurück in seine Zelle zu bringen. Sie kämpften vergebens. Lages weilte nämlich schon in Deutschland und konnte sich dort sicher fühlen. Paragraph 16 des Grundgesetzes schützte ihn. Demnach darf kein Deutscher ans Ausland ausgeliefert werden.

Auch mehrere deutsche Zeitungen berichteten über diesen Fall, darunter der SPIEGEL und das "Hamburger Abendblatt". Heute finden sich über meine Großonkel zahlreiche Materialien im Internet: Beschlüsse, die er unterschrieben hatte, Prozessakten, Bilder. Das Internet hält die Vergangenheit lebendig, vielleicht auch, damit wir, die Enkel und Enkelinnen, Großneffen und –nichten die Möglichkeit haben, die eigene Familiengeschichte zu erforschen. Und das ist gut so: Denn in viel zu vielen Familien werden die unrühmlichen Kapitel aus der NS-Zeit totgeschwiegen. Ich bin mir sicher, dass ich nicht die Einzige an meiner Schule bin, deren Familienstammbaum dunkle Flecken aufweist. Wieso also sollte ich darüber schweigen?

Der Artikel von Louisa Lages erschien vor einigen Jahren in der Schülerzeitung "Spiegelbild" des Gymnasiums Wolfenbüttel. Inzwischen lebt sie in Hamburg.

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1.
Henk Tenhain 29.07.2013
Die Sache wird jetzt wieder lebendig, weil die Leute tot sind. Ich glaub auch nicht, dass die Sache totgeschwiegen wurde, sie wurde kostengünstig geschwiegen, weil die Zuführung der Täter zu einem ordnungsgemässen Strafvollzug inklusive medizinischer Begutachtung und Versorgung viel zu aufwendig und zu teuer gewesen wäre. Es waren Millionen, und jede Familie hat einen. (Ausnahmem bestätigen die Regel). Viele haben zumindest vorübergehend die Pension gestrichen bekommen. Ständige Rechtsstreits mit den Verwandten hätten alle Gerichte lahmgelegt,und jeder Nachkreigsbürger hätte Jurist werden müssen, wie zB Richard von Weizsäcker, der dem Rechtsanwalts seines Vaters (Hoher Beamter beim auswärtigen Amt in der NS-Zeit) bei den Nürnberger Krigsverbrecherprozessen assistierte. Im Ausland gab es auch Kollaborateure, in geringer Anzahl natürlich, auch in den Niederlanden hatten die dortigen Behörden mit denen nach der Befreinung selbst genung zu tun, allein mir dem Schutz derer vor Selbstjustiz. Deutschland hätte das den NL-Behörden zahlen müssen, Das Exll-Domizil des Deutschen Kaisers und andere Deutscher haben sie enteignet, das reicht aber nicht. Das hier eine DeutschIn den niederländischen Ärzten ein Fehlurteil vorwirft, halte ich schlichtweg für arrogant, bekannt arrogant.
2.
Hariolf Kling 29.07.2013
Leider kann man so eine Nachforschung in Deutschland nicht machen, weil man aus Datenschutzgründen keine Auskunft bekommt. Dies zeigt mir, das der hohe deutsche Datenschutz da ist, um die Verbrechen der Nazis zu Vertuschen. Daher ist der Gesetzgeber nun gefordert, das es für die Zeit von 1933 bis 1945 der Datenschutz nicht mehr gilt und das Behörden und Instutionen eine Auskunftsplicht haben.
3.
Felix Boerschmann 29.07.2013
Ich frage mich gerade ob die Entdeckung eines Mitwirkenden des Nazisystems hier die eigentliche Meldung ist oder sein soll. Frau Lages war interessiert an Ihre Vergangenheit und hat einen Nazi dazu bekommen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass diese Form des "Familienzuwachses" sehr bereichernd sein kann - unabhängig davon wer oder was da nun zu Tage kommt. Nicht wegen einer irgendwie stattgefunden habenden, herausragenden Teilhabe am Zeitgeschehen. Mein "entdeckter Großonkel" war kein Nazi, sondern prominent das Gegenteil - macht mich das nun zum besseren Menschen , als wenn er "dabei" gewesen wäre ? Es empfinde es als sehr spannend und bereichernd, mich mit meinem neuen Verwandten zu beschäftigen. Schön, das es ihn gab.
4.
Christian Duerig 29.07.2013
Hier eine erfreuliche Nachricht aus dem Tagesanzeiger vom 07.06.2013 Mit Anne Frank auf der Schulbank http://www.tagesanzeiger.ch/zuerich/Mit-Anne-Frank-auf-der-Schulbank/story/28692645 Freundliche Grüsse aus Bern. Crigs
5.
Christian Fischer 29.07.2013
Wie wäre es mit etwas weniger Empörung, Frau Lages. Ich finde es immer wieder herzig, wie Menschen aus der heutigen Warte das beurteilen und verurteilen wollen, was andere Menschen zu einer anderen Zeit unter anderen Umständen getan haben. Und alle die, die heute ihren moralischen Zeigefinger heben. Spätestens das Milgram-Experiment hat gezeigt, dass die überwiegende Zahl der Menschen auch noch viele Jahre später zu Taten in vergleichbarer Art fähig egwesen wäre. Und das sogar unter sauberen und zivilisierten klinischen Testbedingungen... Ach ja. Mit persönlich wäre es egal, wenn ich heute > 65 Jahre später erfahren würde, dass meine Großväter irgend welche Dinge im Krieg getan hätte, die heute irgend jemand als verachtenswert empfindet. Für mich waren sie die besten Opas der Welt und das ist alles, was für mich zählt.
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