NS-"Machtergreifung" 1933 Der faule Nazi-Zauber von Nürnberg

NS-"Machtergreifung" 1933: Der faule Nazi-Zauber von Nürnberg Fotos

Die SS marschierte, Leni Riefenstahl filmte: Vor 75 Jahren inszenierte Adolf Hitler den bombastischen "Reichsparteitag des Sieges" mit Massenaufmärschen und dem weltgrößten Feuerwerk. Nur Riefenstahls Propagandafilm wurde einkassiert - Hitler hatte den zweiten Hauptdarsteller nach dem Parteitag ermorden lassen. Von

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 1 Kommentar
  • Zur Startseite
    3.2 (404 Bewertungen)

Hitlers Propagandachef war euphorisch: "Nürnberger Parteitag beschlossen", notierte Joseph Goebbels am 29. Juli 1933 in sein Tagebuch. "Wird ganz groß." Eine Woche zuvor hatte der Nürnberger Stadtrat den "Führer" über den Stand der Vorbereitungen in der Frankenmetropole unterrichtet. Mochte München sich als "Hauptstadt der Bewegung" fühlen - Nürnberg, so die Hoffnung der dortigen Stadtväter, werde im gerade ausgerufenen "Tausendjährigen Reich" der Nationalsozialisten zur Stadt der NSDAP-Parteitage werden.

Und Hitler ließ durchaus Sympathie für die Stadt der Meistersinger erkennen. Zu leicht aber wollte er es den eilfertigen Honoratioren von der Pegnitz auch nicht machen. Stuttgart bewerbe sich ebenfalls um die Ausrichtung des ersten "Reichsparteitags" der NSDAP nach der "Machtergreifung", ließ er die Nürnberger wissen. Zur Bedingung für den Zuschlag machte Hitler die Abholzung des alten, eigentlich unter Schutz stehenden Baumbestands im Luitpoldhain, angelegt 1906 zu Ehren des bayerischen Prinzregenten, der in der Vergangenheit der Bayerischen Landesausstellung Raum geboten hatte. Nun wurde hier ein Aufmarschareal für 150.000 Menschen angelegt.

Schon einmal, im Jahr 1929, hatte die NSDAP ihren Parteitag in Nürnberg, abgehalten. In den darauffolgenden Jahren jedoch hatte die linksliberale Mehrheit im Nürnberger Stadtrat weitere Zusammenkünfte der Braunhemden verhindert. Jetzt aber, wenige Monate nach Hitlers "Machtergreifung", riefen die Nazis ihre Anhänger zur Feier ihres Triumphs wieder nach Nürnberg.

Das gewaltigste Feuerwerk der Welt

Am Abend des 30. August 1933, einem Mittwoch, läuteten die Nürnberger Kirchenglocken das Nazi-Treffen ein - Hitler hatte es sich so gewünscht. Der "Führer" begab sich zu einem Empfang in den Rathaussaal, wo der Oberbürgermeister dem "Ritter ohne Furcht und Tadel", wie er den NSDAP-Vorsitzenden und Reichskanzler apostrophierte, einen Originaldruck von Albrecht Dürers Meisterstich "Ritter, Tod und Teufel" überreichte. Der Beschenkte dankte den erfreuten Stadtoberen mit dem Hinweis, "dass unsere Parteitage jetzt und für immer in dieser Stadt stattfinden" würden. Die Nürnberger waren am Ziel.

Der eigentliche Parteikongress begann am Freitag, dem 1. September, mit der Ouvertüre zu Richard Wagners "Meistersingern". Der erste Höhepunkt des großen Spektakels war die "Proklamation des Führers", die Hitler von dem Münchner Gauleiter Adolf Wagner verlesen ließ. Die Proklamation reihte die bekannten NS-Klischees aneinander: Nach schweren Kämpfen hätten die Nationalsozialisten am Ende einen heroischen Sieg errungen und stünden nun an der Schwelle zu einem "Tausendjährigen Reich". Für Außenstehende war wenig Neues zu hören, aber sie waren auch nicht die Adressaten dieser Inszenierung - sie galt den einfachen Parteigenossen, die sich als Teil einer heroischen Tradition fühlen sollten.

Der Nachmittag war der sogenannten Rassenfrage gewidmet. Es sprachen Joseph Goebbels, Alfred Rosenberg und Walter Groß. Groß war Mediziner und Leiter des Aufklärungsamts für Bevölkerungspolitik und Rassenpflege, das er kurz zuvor im Auftrag des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebundes gegründet hatte. (1934 wurde daraus das Rassenpolitische Amt der NSDAP.) Der Rassismus stand im Zentrum des nationalsozialistischen Programms. Mit dem Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14. Juli 1933 waren erste Programmpunkte dieses Rassenwahns bereits kurz vor dem NSDAP-Parteitag Gesetz geworden.

Rückwärtssehen verboten

Riesige Aufmärsche prägten den folgenden Tag. Die NSDAP hatte inzwischen mehr als zweieinhalb Millionen Mitglieder - da war es wichtig, den vielen kleinen Funktionären das Gefühl zu geben, dass jeder einen bedeutsamen Beitrag zum Erfolg der Bewegung leisteten. Die braunen Fähnleinführer seien "eine Führerhierarchie, die wie ein Fels unerschütterlich im Getriebe des Lebens steht", schmeichelte der "Führer" den 151.000 "Amtswaltern", die sich zur Großkundgebung formiert hatten. Am Nachmittag waren es 60.000 Hitlerjungen, denen der "Führer" zurief: "Ihr seid das lebende Deutschland der Zukunft." Beschlossen wurde der Tag mit dem "gewaltigsten Feuerwerk der Welt", wie es im offiziellen Parteitagsführer hieß. 30 Pyrotechniker hatten einen Feuerzauber mit 70.000 Explosionen innerhalb einer Stunde vorbereitet.

Alles war minutiös durchgeplant. Die formierte Gemeinschaft namens NSDAP sollte bei den "Volksgenossen" draußen im Reich einen perfekten Eindruck hinterlassen. So waren zum Vorbeimarsch der SS nur "körperlich und rassisch einwandfreie Teilnehmer" zugelassen, die "mit militärisch kurz geschnittenem Haar und gut rasiert anzutreten" hatten. Sogar jede einzelne Bewegung war genau festgelegt: "Auf das Kommando 'Achtung!' wird die linke Hand zum Koppelschloss geführt, die rechte Hand wird durchgeschlagen, jedoch nicht über die Höhe des Koppelschlosses hinaus. Auf das Kommando 'Augen rechts!' blicken alle den Führer an. Der Blick bleibt bis zum Kommando 'Rührt euch!' nach rechts gerichtet. Ein Rückwärtssehen ist verboten."

Auch die SA marschierte am letzten Tag groß auf. Mit inzwischen beinahe drei Millionen Mitgliedern war Hitlers Parteiarmee ein bedeutender Machtfaktor. Ihr selbstbewusster Stabschef Ernst Röhm trat bei allen Veranstaltungen der SA gleichberechtigt neben Adolf Hitler auf: bei der Totenehrung, die den Parteikongress eröffnete, bei der Weihe neuer Fahnen und auch bei der Abnahme des Vorbeimarschs der SA in der Nürnberger Innenstadt. Zugleich zeigte sich hier die Umbruchsituation, in der sich die NSDAP nach der "Machtergreifung" befand: Der Reichsparteitag von 1933 war der erste, bei dem die SA nicht die Mehrheit der Teilnehmer stellte.

Leni Riefenstahl hat ein Problem

Die optische Präsenz von SA-Chef Röhm wurde später zum Problem. Ein knappes Jahr nach dem Parteitag, am 1. Juli 1934, ließ Hitler ihn zusammen mit 80 weiteren SA-Führern im Zuge des sogenannten Röhm-Putschs ermorden. Von Stund an war der ehemalige Weltkriegsoffizier, der für Hitlers Aufstieg eine so wichtige Rolle gespielt hatte, im "Dritten Reich" eine Unperson. Sein Name wurde aus allen Darstellungen getilgt, sein Konterfei aus allen Fotos herausretuschiert. Es hatte ihn nie gegeben. Doch aus dem Parteitagsfilm "Sieg des Glaubens", Leni Riefenstahls erstem NS-Propagandafilm, ließ Röhm sich nicht entfernen. Der Propagandastreifen musste aus dem Verkehr gezogen werden.

Schon im Mai 1933 war Goebbels auf die junge Filmregisseurin zugegangen, die im Jahr zuvor mit ihrem Debüt "Das blaue Licht", einem mystisch-romantischen Bergfilm, Aufsehen erregt hatte. Der Propagandaminister schlug ihr nun einen Hitler-Film vor und notierte anschließend: "Sie ist begeistert davon." Tatsächlich realisierte Riefenstahl, bevor sie dann 1936 die Olympischen Spiele von Berlin verfilmte, in den Jahren 1933 bis 1935 eine Trilogie von Parteitagsfilmen, darunter "Triumph des Willens" von 1934.

Da war sie schon die Lieblingsregisseurin der Nazis und konnte jeden gewünschten Aufwand treiben. 1933 waren die Verhältnisse noch etwas komplizierter. Riefenstahl standen mehrere hochqualifizierte Kameraleute zur Verfügung, doch "Sieg des Glaubens" war am Ende eine Kompilation aus Wochenschauaufnahmen, nachträglich im Studio gedrehten Einstellungen und den Außenaufnahmen, die die Kameramänner geliefert hatten. Der Film ist, ähnlich wie der Parteitag selbst, ein Werk des Übergangs. Riefenstahl erprobt dramaturgische Neuerungen und ungewohnte Perspektiven, lässt aber den verpönten Wochenschaustil noch nicht konsequent hinter sich. Die Partei und ihre berufene Bildgestalterin sind noch dabei, sich zu finden.

"Die modernste Volksvertretung der Welt"

In manchem war der "Reichsparteitag des Sieges" noch ein Provisorium. Noch stand keine der von Albert Speer entworfenen Bauten auf dem späteren "Reichsparteitagsgelände", die Teilnehmer fanden Platz auf rasch zusammengezimmerten Holztribünen. Choreografie und mediale Präsentation hatten noch nicht die Perfektion späterer Jahre. Aber die Manifestation der formierten Volksgemeinschaft war dennoch eindrucksvoll. Der erste Parteitag nach der "Machtergreifung" war, in den Worten von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, die "modernste Volksvertretung der Welt".

Und die Partei nutzte ihre Macht, auch die finanziellen Fragen zu ihrem Vorteil zu regeln. Von den immensen Kosten, die das Parteitagsspektakel verursacht hatte, übernahm die NSDAP nur 196.944 Reichsmark. 1.436.050 Reichsmark der direkten Kosten kamen aus dem nach den Jahren der Weltwirtschaftskrise ohnehin arg strapazierten Haushalt der Stadt Nürnberg. Die "Stadt der Reichsparteitage" zu sein, war kein billiges Vergnügen.


Ernst Piper schreibt monatlich über die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten vor 75 Jahren.

Im Januar: Als Hitler Kanzler wurde

Im Februar: Als der Reichstag brannte

Im März: Der parlamentarische Selbstmord

Im April: Kampfansage vor dem Kaufhaus

Im Mai: Als der 1. Mai braun wurde

Im Juni: Als Hitler die Jugend verführte

Im Juli: Wie Hitler die "Volksgemeinschaft" formte

Lesen Sie im September: Mit der Einrichtung des "Reichsnährstandes" wird die deutsche Landwirtschaft unter staatliche Kontrolle gestellt und mit dem Reichskulturkammergesetz übernimmt Propagandaminister Joseph Goebbels die Aufsicht über das gesamte Kulturleben.


Vom selben Autor:

Ernst Piper: Kurze Geschichte des Nationalsozialismus von 1919 bis heute. Verlag Hoffmann und Campe. Hamburg 2007

Artikel bewerten
3.2 (404 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Ralf Fastenau 31.08.2008
Der faule Zauber von Peking Manchmal entstehen aus der Geschichte erstaunliche Parallelen: 1936 die Olympischen Spiele in Berlin, sogar mit 2 jüdischen Teilnehmern im deutschen Team. 1939 dann der Überfall der deutschen Armee auf Polen und der Beginn des zweiten Weltkriegs. 2008 wieder Olympische Spiele in einer Diktatur, mit Betrug vom Anfang (gefälschte Bilder des Feuerwerks bei der Eröffnungszeremonie, eine Sängerin, die zwar singen kann, aber im Fernsehen nicht auftreten darf, ...) bis zum Ende (51 Goldmedallien für China statt der geplanten 50). Gab es eigentlich Teilnehmer aus "der autonomen Region Tibet" in der chinesischen Mannschaft? Hoffen wir, dass die Spiele 2012 in London tatsächlich stattfinden und nicht schon wieder wie 1944 verschoben werden müssen. =;-)
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen