SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

12. April 2010, 15:16 Uhr

NS-Propaganda

Einmarsch ins Märchenreich

Von

Der König war immer der "Führer", Rotkäppchens Retter trug das Hakenkreuz: Die Propagandamaschine der Nazis machte auch vor den Kleinsten nicht halt. Systematisch trimmte die deutsche Filmindustrie Kindergeschichten auf Linie - das Umschreiben der Klassiker trieb dabei oft abstruse Blüten.

Jedes Märchen ist "politisch ausrichtbar, ohne daß man die Dichtung vergewaltigt", stellte Hubert Schonger 1938 in einem Interview mit dem "Film-Kurier" klar. Für den Regisseur und Filmproduzenten hieß das: Geschichten entsprechend umschreiben, Dialoge propagandistisch zuspitzen - Märchenfiguren in den Dienst des Nationalsozialismus stellen.

Schonger war bereits seit den zwanziger Jahren erfolgreicher Kulturfilmer - und einer von vier Märchenfilmproduzenten im "Dritten Reich". Sie brachten Schneewittchen, Rumpelstilzchen und Co. für ein Kinderpublikum auf die Kinoleinwand. Etwa 20 Märchen wurden von 1933 bis 1945 mit Schauspielern verfilmt - fast ausschließlich von kleinen Produktionsfirmen. Ufa, Tobis oder Terra hielten sich mit ihrem Engagement zurück.

Denn: Märchenfilme rentierten sich oft erst nach vielen Jahren. Um das schwierige Geschäft mit diesem Genre dennoch gewinnbringend zu betreiben, hofften die Macher auf die Filmprüfstelle in Berlin. In dieser, Goebbels' Propagandaministerium unterstellten, Behörde zensierten Beamte Werke, die nicht mit der nationalsozialistischen Ideologie vereinbar waren. Doch sie vergaben auch Prädikate, die steuerliche Erleichterungen im Verleihgeschäft brachten. Diese waren wichtig, um die Märchenfilmproduktion rentabel zu machen. Um ein solches Prädikat zu erhalten und sich zudem als regimetreu zu empfehlen, gingen die Filmproduzenten nicht eben zimperlich mit den Märchenvorlagen um.

"Heil dem Kater Murr!"

So zum Beispiel 1935 mit dem "Gestiefelten Kater": Das Märchen erzählt von einem sprechenden Kater, der einem armen Müllerburschen zu Reichtum und einer königlichen Gemahlin verhilft. So weit, so gut. Aber: Nach seinem Sieg über den bösen Zauberer wurde der Filmheld allen Ernstes mit den Worten gelobt: "Heil dem Kater Murr! Er ist unser Erretter! Wir leben wieder!"

Auch in "Die verzauberte Prinzessin" (1939), der Verfilmung einer Novelle von Friedrich Hebbel, bedienten sich die Drehbuchschreiber ungeniert am nationalsozialistischen Wortschatz. In der Geschichte um den Bauernsohn Assad, der die in einem Rubin gefangene Prinzessin erlöste, wünschte Assads Vater seinem Sohn: "Ewig aber ist die Liebe deines Volkes und deiner Rasse! Friede sei mit dir!"

Dumm nur, dass beide Filme trotzdem keine Prädikate erhielten. Warum? Goebbels hatte den Grund bereits 1937 auf der ersten Tagung der Reichsfilmkammer treffend formuliert: "In dem Augenblick, da eine Propaganda bewusst wird, ist sie unwirksam!" Propaganda solle "nur durch Haltung, durch Ablauf, durch Vorgänge, durch Kontrastierung von Menschen" in Erscheinung treten - wie in "Tischlein deck dich, Esel streck dich, Knüppel aus dem Sack!" (1938). Der Drehbuchschreiber fügte der Geschichte über drei Schneidersöhne und ihre Wundergaben eine entscheidende Szene hinzu, die nicht in der Grimmschen Vorlage auftauchte: Einem geschwätzigen Bauern wurde zur Strafe ein "gelber Fleck" angedroht - mitten auf seine blaue Hose.

Der "gelbe Fleck" ist nichts anderes als ein mittelalterlicher Vorläufer des "Judensterns", den alle Juden ab 1941 im deutschen Machtbereich tragen mussten. Zwar wurde der "gelbe Fleck", wie auch der "Judenstern", nicht auf der Hose sondern am Oberkörper getragen, doch wurde hier - wie gewünscht: subtil - antisemitisches Gedankengut bedient. Als Anerkennung gab es dafür das Prädikat "volksbildend".

Im Kampf gegen Riesen

Auch "Schneewittchen und die sieben Zwerge" von 1939 - das deutsche Realfilm-Pendant zu Disneys "Snow White and the Seven Dwarfs" (1937) - wurde der Gegenwart angepasst. Obwohl bei den Brüdern Grimm Schneewittchens Vater keine tragende Rolle spielt, hatte er im NS-Märchenfilm seinen großen Auftritt: Er zog als oberster Heerführer mit seinen Soldaten in den Krieg. Die Uraufführung das Märchenfilms fand im Oktober 1939 statt - nur einen Monat nach Deutschlands Angriff auf Polen.

Ebenso stolperte "Das tapfere Schneiderlein" (1941) nicht zufällig in seine Abenteuer, sondern stellte sich bewusst dem "Kampf" mit zwei Riesen, die das Königreich "bedrohten". Im Vorwort des Drehbuchs zu "Das tapfere Schneiderlein" hieß es: "Dem Mutigen gehört die Welt!" Beide Märchenfilme wurden - wen wundert's - ebenfalls mit dem Prädikat "volksbildend" ausgezeichnet.

Auch der König wurde Ideologiekonform glatt gebürstet und zur Metapher für den "Führer" gemacht - volksnah, gerecht, unantastbar. Schlechte Charaktereigenschaften des Herrschers wurden in neuen Nebenfiguren ausgelagert. So war in "Rumpelstilzchen" (1940) nicht der König sondern ein Schatzkanzler der Geldgierige, für den die Müllerstochter immer mehr Stroh zu Gold spinnen sollte.

Und wenn der König dann doch auf unpopuläre Befehle zurückgriff, wie in "Dornröschen" (1936), dann wurden diese sozialpolitisch abgefedert: Als er zum Schutz seiner Tochter befahl, alle Spindeln im Reich verbrennen zu lassen, sorgte er gleichzeitig für den Erwerbsausfall des vom Spinnhandwerk abhängigen Volkes. Damit war die positive Autorität des Königs wieder hergestellt.

Ein Nazi rettete das Rotkäppchen

Dass auch Hakenkreuze im nationalsozialistischen Märchenfilm nicht ungewöhnlich waren, bewies "Rotkäppchen und der Wolf" (1937). Der zum Teil in Farbe produzierte Film stellte die Grimmsche Märchenwelt auf den Kopf: Eine Rahmenhandlung, die in der Nazi-Gegenwart spielte, bettete das Märchen vom Rotkäppchen ein. Die Rahmenhandlung wurde in Schwarzweiß, der Mittelteil in Farbe gedreht.

Schauspieler Fritz Genschow schrieb das Drehbuch und führte auch Regie. Zudem übernahm er die Rolle des "Onkel Jäger" und befreite das Rotkäppchen aus dem Bauch des Wolfs. Doch: Der nette "Onkel Jäger" trug dabei eine Uniform, an der sich - natürlich ganz nach Vorschrift - das Hoheitsabzeichen mit Reichsadler und Hakenkreuz befand. Auf die Jäger des "Dritten Reichs" war eben Verlass.

Nicht nur populäre Schauspieler wie Paul Henckels, Marianne Simson, Gustav Waldau oder Lucie Englisch spielten Hauptrollen in den Märchenfilmen. Auch für die Filmmusik schafften es die Produzenten, bekannte Namen zu verpflichten. So schrieb 1938 Norbert Schultze die Musik zu "Schneeweißchen und Rosenrot" (1938) und "Schneewittchen und die sieben Zwerge" (1939).

Schultze hatte 1936 mit seiner Märchenoper "Schwarzer Peter" für Furore gesorgt. Als er die Musik zu den Märchenfilmen schrieb, komponierte er parallel zu dem damals noch unbekannten Gedicht "Lili Marleen" von Hans Leip eine Melodie. 1941 sollte das Lied, gesungen von Lale Andersen, zu einem der bekanntesten Soldatenschlager werden. Doch zu dieser Zeit war Schultze längst zu Goebbels' Hofkomponist aufgestiegen und vertonte wenig märchenhafte Propagandalieder.

Das Forschungsprojekt von Ron Schlesinger "Rotkäppchen im Dritten Reich. Die deutsche Märchenfilmproduktion zwischen 1933 und 1945" wurde mit einem Stipendium der DEFA-Stiftung gefördert.

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH