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20. August 2010, 16:20 Uhr

NS-Propagandaflop

Hans im Unglück

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Einmal gezeigt - und nie wieder: Die Verfilmung von "Hans im Glück" war eines der großen, von den Nazis protegierten Filmprojekte und verschlang astronomische Produktionskosten. Die Uraufführung des auf hölzerne Dialoge und reichlich Kitsch setzenden Schwanks endete 1936 in einem Fiasko.

Jedes Kind kennt ihn, diesen schrägen Typen namens Hans im Glück, der von sich behauptet: "So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne." Seltsam, haben sich Generationen von Lesern gedacht, seltsam, dass dieser dumme Hans, der freiwillig seinen Lohn für jahrelange Arbeit - einen großen Goldklumpen - zuerst gegen ein Pferd, dann gegen eine Kuh, ein Schwein, eine Gans und schließlich gegen einen Wetzstein eintauscht, am Ende der Geschichte wahrhaftig glücklich zu sein scheint. Schlimmer noch: dass sein Glück erst dann perfekt zu sein scheint, als ihm sogar noch der Wetzstein unwiederbringlich in einen Brunnen fällt.

Anfang der dreißiger Jahre fanden die Szenenbildner Robert Herlth und Walter Röhrig, dass es an der Zeit war, diesen in seiner Unbekümmertheit und Einfältigkeit so weisen Hans auf die Leinwand zu bringen - und zwar in Eigenregie. Herlth und Röhrig waren in der Szenenbildnerbranche keine Unbekannten - sie galten seit der Stummfilmära als wahre Meister ihres Fachs. In den zwanziger Jahren hatten sie bereits an filmischen Meisterwerken wie Fritz Langs "Der müde Tod" und Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari" mitgewirkt. Doch die Regieführung stellte sie vor eine ganz neue Herausforderung - die sie mit Feuereifer angingen: Fleißig schrieben sie an dem Drehbuch für ihren "Hans im Glück", der sich an ein erwachsenes Publikum richten sollte.

Damit die Geschichte über Spielfilmlänge trug, sollte Hans zusätzliche Abenteuer bestehen, und eine Liebesgeschichte durfte, wie es sich für einen echten Kinofilm gehört, auch nicht fehlen. Herlth und Röhrig feilten lange an ihrem Drehbuch, bis sie es der Ufa vorlegten. Doch ihr Manuskript landete im Papierkorb. Zwar hatten sie den Märchenstoff kongenial in malerische Filmbilder umgesetzt, eine spannende Handlung und mitreißende Dialoge fehlten jedoch. Aber die beiden ließen sich nicht so einfach von ihrem Vorhaben abbringen.

Ein Märchen gegen die Landflucht

Das überarbeitete Drehbuch wurde 1934, nach Machtergreifung der Nationalsozialisten, erneut von der Ufa abgelehnt. Der Stoff sei zu schwach und die Herstellungskosten zu hoch, hieß es. Allerdings hatte inzwischen der Reichsfilmdramaturg, der wichtige Filmvorhaben prüfte, von dem Projekt erfahren und unterstützte es. Im Juni 1935 nahm sich die Delta Film GmbH des Projekts an. Sie war bekannt für besonders nationalistische Filme - beispielsweise schilderte ihr anti-sowjetischer Propagandastreifen "Friesennot" die angebliche Diskriminierung von Bauern durch Sowjets in einem wolgadeutschen Dorf und wurde von der nationalsozialistischen Filmprüfstelle als "staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll" ausgezeichnet.

Das "Hans im Glück"-Projekt wurde kurzerhand zum neuen deutschen Großfilm erklärt, der den gewohnten Rahmen sprengen sollte. Herlth und Röhrig schienen darüber hinwegzusehen, dass ihr naiv-künstlerischer Märchenfilm für Propagandazwecke missbraucht werden würde. So entstand schließlich eine Art Werbefilm für das ursprünglich-ländliche Leben der Bauern. Mit "Hans im Glück" sollte auch ein Zeichen gegen das damals herrschende Problem der Landflucht gesetzt werden.

Bereits bei den ersten Außenaufnahmen im Westerwald wurden Bauern in einem Kornfeld gefilmt - "alles bodenverwurzelte, deutsche Menschen", so die Tageszeitung Film-Kurier anerkennend. Dass diese bei der harten Feldarbeit noch fröhlich sangen, unterstrich das Bild vom lustigen, erstrebenswerten Bauernleben. Volksverbundenheit sollte sich aber nicht nur in romantisierenden Bildern deutscher Landschaften widerspiegeln, sondern auch in der großzügigen Verwendung deutschen Liedguts und im neuen Filmtitel: "Hans im Glück. Ein heiteres Spiel im Volksliedton". Der Film ertrank förmlich in Volksmusik.

NS-Größen am Set

Während der mehrwöchigen Dreharbeiten, die das Filmteam auch nach Rothenburg ob der Tauber und nach Schwedt an der Oder führten, ließen sich bemerkenswert häufig NS-Größen an den Drehorten sehen. So besuchten zum Beispiel Arnold Raether, Vizepräsident der Reichsfilmkammer, und Josef Dietrich, Kommandeur der Leibstandarte-SS Adolf Hitler, das Aufnahmegelände. Das parteipolitische Interesse hatte einen Grund: Verleihfirma der sogenannten Großfilme von Delta Film war die Reichspropagandaleitung der NSDAP. Die Partei unterstützte gern Produktionen, die die Ideen und Ziele des Nationalsozialismus propagierten. "Hans im Glück" sollte zum ersten märchenhaften Werbeträger der Partei aufsteigen.

Die Unterstützung durch die Reichspropagandaleitung der NSDAP brachte für die Verfilmung vor allem auch finanzielle Vorteile: Nicht nur die aufwändigen Außendrehs in der malerischen Landschaft kosteten viel Geld. Auch die Bauten auf dem Freigelände von Neubabelsberg bei Berlin, die bei Massenszenen eingesetzt wurden, verschlangen allein mehr als 100.000 Reichsmark. Nach Plänen von Herlth und Röhrig waren nicht nur Nachbauten mittelalterlicher Häuserzeilen entstanden, mit schmalen Gässchen und einem Marktplatz, der dem in Rothenburg o. d. Tauber täuschend ähnlich sah. Auch ein 21 Meter hohes Ständehaus im Stil der Dürer-Zeit sollte den Zauber des Kleinstadtlebens im späten Mittelalter neu aufleben lassen.

Ausgelacht und ausgepfiffen

Mit großen Erwartungen wurde "Hans im Glück" im Januar 1936 feierlich der Filmprüfstelle vorgelegt. Doch entgegen aller Erwartungen erhielt der Film keine Auszeichnung der nationalsozialistischen Filmprüfstelle. Innerhalb eines halben Jahres wurde der langatmige, fast 90-minütige Film daraufhin auf eine Länge von nur noch einer Stunde zusammengeschnitten - aber auch diesmal ging er ohne Auszeichnung aus. Die Hoffnungen der Regieneulinge Herlth und Röhrig auf einen Erfolg schienen vergeblich gewesen zu sein - doch es kam noch schlimmer: Bei der Uraufführung am 3. Juli 1936 im Berliner Ufa-Palast am Zoo wurde "Hans im Glück" vom Publikum ausgelacht und ausgepfiffen - und schon nach einem Tag wieder abgesetzt.

Den Verantwortlichen wurde nun auf bittere Weise klar, dass die hübschen Landschaftsbilder und deutschen Volkslieder, auf die sie gesetzt hatten, alleine noch keinen Erfolg an den Kinokassen garantierten. Die Botschaft des Films, die sich die Reichspropagandaleitung gewünscht hatte, war zudem viel zu plump und durchschaubar verpackt worden. Ein laienhaftes Drehbuch mit hölzernen Dialogen tat das Übrige.

Für Herlth und Röhrig sollte "Hans im Glück" das einzige eigene Filmprojekt bleiben. Hochfliegende Pläne der ebenfalls glücklosen Delta-Film, die Erlebnisse des Freiherrn von Münchhausen auf die Leinwand zu bringen, wurden gestoppt. Wenige Jahre später sollten diese der Ufa und Hans Albers in der Rolle des Münchhausen einen Platz in der Filmgeschichte einbringen.

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