NS-Propagandaflop Hans im Unglück

Einmal gezeigt - und nie wieder: Die Verfilmung von "Hans im Glück" war eines der großen, von den Nazis protegierten Filmprojekte und verschlang astronomische Produktionskosten. Die Uraufführung des auf hölzerne Dialoge und reichlich Kitsch setzenden Schwanks endete 1936 in einem Fiasko.

Verlag für Filmschriften/Christian Unucka

Jedes Kind kennt ihn, diesen schrägen Typen namens Hans im Glück, der von sich behauptet: "So glücklich wie ich gibt es keinen Menschen unter der Sonne." Seltsam, haben sich Generationen von Lesern gedacht, seltsam, dass dieser dumme Hans, der freiwillig seinen Lohn für jahrelange Arbeit - einen großen Goldklumpen - zuerst gegen ein Pferd, dann gegen eine Kuh, ein Schwein, eine Gans und schließlich gegen einen Wetzstein eintauscht, am Ende der Geschichte wahrhaftig glücklich zu sein scheint. Schlimmer noch: dass sein Glück erst dann perfekt zu sein scheint, als ihm sogar noch der Wetzstein unwiederbringlich in einen Brunnen fällt.

Anfang der dreißiger Jahre fanden die Szenenbildner Robert Herlth und Walter Röhrig, dass es an der Zeit war, diesen in seiner Unbekümmertheit und Einfältigkeit so weisen Hans auf die Leinwand zu bringen - und zwar in Eigenregie. Herlth und Röhrig waren in der Szenenbildnerbranche keine Unbekannten - sie galten seit der Stummfilmära als wahre Meister ihres Fachs. In den zwanziger Jahren hatten sie bereits an filmischen Meisterwerken wie Fritz Langs "Der müde Tod" und Robert Wienes "Das Cabinet des Dr. Caligari" mitgewirkt. Doch die Regieführung stellte sie vor eine ganz neue Herausforderung - die sie mit Feuereifer angingen: Fleißig schrieben sie an dem Drehbuch für ihren "Hans im Glück", der sich an ein erwachsenes Publikum richten sollte.

Damit die Geschichte über Spielfilmlänge trug, sollte Hans zusätzliche Abenteuer bestehen, und eine Liebesgeschichte durfte, wie es sich für einen echten Kinofilm gehört, auch nicht fehlen. Herlth und Röhrig feilten lange an ihrem Drehbuch, bis sie es der Ufa vorlegten. Doch ihr Manuskript landete im Papierkorb. Zwar hatten sie den Märchenstoff kongenial in malerische Filmbilder umgesetzt, eine spannende Handlung und mitreißende Dialoge fehlten jedoch. Aber die beiden ließen sich nicht so einfach von ihrem Vorhaben abbringen.

Ein Märchen gegen die Landflucht

Das überarbeitete Drehbuch wurde 1934, nach Machtergreifung der Nationalsozialisten, erneut von der Ufa abgelehnt. Der Stoff sei zu schwach und die Herstellungskosten zu hoch, hieß es. Allerdings hatte inzwischen der Reichsfilmdramaturg, der wichtige Filmvorhaben prüfte, von dem Projekt erfahren und unterstützte es. Im Juni 1935 nahm sich die Delta Film GmbH des Projekts an. Sie war bekannt für besonders nationalistische Filme - beispielsweise schilderte ihr anti-sowjetischer Propagandastreifen "Friesennot" die angebliche Diskriminierung von Bauern durch Sowjets in einem wolgadeutschen Dorf und wurde von der nationalsozialistischen Filmprüfstelle als "staatspolitisch und künstlerisch besonders wertvoll" ausgezeichnet.

Das "Hans im Glück"-Projekt wurde kurzerhand zum neuen deutschen Großfilm erklärt, der den gewohnten Rahmen sprengen sollte. Herlth und Röhrig schienen darüber hinwegzusehen, dass ihr naiv-künstlerischer Märchenfilm für Propagandazwecke missbraucht werden würde. So entstand schließlich eine Art Werbefilm für das ursprünglich-ländliche Leben der Bauern. Mit "Hans im Glück" sollte auch ein Zeichen gegen das damals herrschende Problem der Landflucht gesetzt werden.

Bereits bei den ersten Außenaufnahmen im Westerwald wurden Bauern in einem Kornfeld gefilmt - "alles bodenverwurzelte, deutsche Menschen", so die Tageszeitung Film-Kurier anerkennend. Dass diese bei der harten Feldarbeit noch fröhlich sangen, unterstrich das Bild vom lustigen, erstrebenswerten Bauernleben. Volksverbundenheit sollte sich aber nicht nur in romantisierenden Bildern deutscher Landschaften widerspiegeln, sondern auch in der großzügigen Verwendung deutschen Liedguts und im neuen Filmtitel: "Hans im Glück. Ein heiteres Spiel im Volksliedton". Der Film ertrank förmlich in Volksmusik.

NS-Größen am Set

Während der mehrwöchigen Dreharbeiten, die das Filmteam auch nach Rothenburg ob der Tauber und nach Schwedt an der Oder führten, ließen sich bemerkenswert häufig NS-Größen an den Drehorten sehen. So besuchten zum Beispiel Arnold Raether, Vizepräsident der Reichsfilmkammer, und Josef Dietrich, Kommandeur der Leibstandarte-SS Adolf Hitler, das Aufnahmegelände. Das parteipolitische Interesse hatte einen Grund: Verleihfirma der sogenannten Großfilme von Delta Film war die Reichspropagandaleitung der NSDAP. Die Partei unterstützte gern Produktionen, die die Ideen und Ziele des Nationalsozialismus propagierten. "Hans im Glück" sollte zum ersten märchenhaften Werbeträger der Partei aufsteigen.

Die Unterstützung durch die Reichspropagandaleitung der NSDAP brachte für die Verfilmung vor allem auch finanzielle Vorteile: Nicht nur die aufwändigen Außendrehs in der malerischen Landschaft kosteten viel Geld. Auch die Bauten auf dem Freigelände von Neubabelsberg bei Berlin, die bei Massenszenen eingesetzt wurden, verschlangen allein mehr als 100.000 Reichsmark. Nach Plänen von Herlth und Röhrig waren nicht nur Nachbauten mittelalterlicher Häuserzeilen entstanden, mit schmalen Gässchen und einem Marktplatz, der dem in Rothenburg o. d. Tauber täuschend ähnlich sah. Auch ein 21 Meter hohes Ständehaus im Stil der Dürer-Zeit sollte den Zauber des Kleinstadtlebens im späten Mittelalter neu aufleben lassen.

Ausgelacht und ausgepfiffen

Mit großen Erwartungen wurde "Hans im Glück" im Januar 1936 feierlich der Filmprüfstelle vorgelegt. Doch entgegen aller Erwartungen erhielt der Film keine Auszeichnung der nationalsozialistischen Filmprüfstelle. Innerhalb eines halben Jahres wurde der langatmige, fast 90-minütige Film daraufhin auf eine Länge von nur noch einer Stunde zusammengeschnitten - aber auch diesmal ging er ohne Auszeichnung aus. Die Hoffnungen der Regieneulinge Herlth und Röhrig auf einen Erfolg schienen vergeblich gewesen zu sein - doch es kam noch schlimmer: Bei der Uraufführung am 3. Juli 1936 im Berliner Ufa-Palast am Zoo wurde "Hans im Glück" vom Publikum ausgelacht und ausgepfiffen - und schon nach einem Tag wieder abgesetzt.

Den Verantwortlichen wurde nun auf bittere Weise klar, dass die hübschen Landschaftsbilder und deutschen Volkslieder, auf die sie gesetzt hatten, alleine noch keinen Erfolg an den Kinokassen garantierten. Die Botschaft des Films, die sich die Reichspropagandaleitung gewünscht hatte, war zudem viel zu plump und durchschaubar verpackt worden. Ein laienhaftes Drehbuch mit hölzernen Dialogen tat das Übrige.

Für Herlth und Röhrig sollte "Hans im Glück" das einzige eigene Filmprojekt bleiben. Hochfliegende Pläne der ebenfalls glücklosen Delta-Film, die Erlebnisse des Freiherrn von Münchhausen auf die Leinwand zu bringen, wurden gestoppt. Wenige Jahre später sollten diese der Ufa und Hans Albers in der Rolle des Münchhausen einen Platz in der Filmgeschichte einbringen.



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insgesamt 3 Beiträge
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Seite 1
Walter Schüle, 24.08.2010
1.
Fehler bezüglich "Friesennot". Im Beitrag wird eine in Umlauf befindliche Falschinformation zu dem Film "Friesennot" weitergetragen. Dort heisst es: "beispielsweise schilderte ihr anti-sowjetischer Propagandastreifen "Friesennot" die angebliche Diskriminierung von Bauern durch Sowjets in einem wolgadeutschen Dorf" 1. Der Film "Friesennot" handelt nicht von Wolgadeutschen, sondern von pazifistisch-religiösen Russlanddeutschen in einem versteckt liegenden Dorf in einer nicht näher gekennzeichneten Wildnis der Sowjetunion. Die Wolgadeutschen sind nur eine Teilmenge der Russlanddeutschen. Die versteckte Lage in einer sehr einsamen Wildnis und die extrem pazifistische Religiosität der weltabgewandten Bewohner spricht sogar ganz erheblich gegen eine Lokalisierung in den wolgadeutschen Gebieten. Auch ist das Wolgadeutschtum am meisten von der hessischen und nicht von der friesischen Kultur geprägt. Das fiktive Dorf in dem Film "Friesennot" ist eher an die Lebenswelt sibirischer Mennoniten angelehnt, auf die sowohl eine friesische Identität, als auch ein evangelikaler Pazifismus und ein weltabgewandtes Leben in der versteckten Einöde zutrifft. 2. Von einer "angeblichen Diskriminierung Wolgadeutscher" zu sprechen, ist ein multipler Fehler und eine Beleidigung der Geschichte. Abgesehen davon, dass es sich (siehe Punkt 1) nicht um Wolgadeutsche handelt, ist die besondere Tyrrhanisierung der Russlanddeutschen und insbesondere auch der Mennoniten ein historisch eindeutiges Faktum und kein "angeblich". Der Film behandelt außerdem gar nicht die spezifische Diskriminierung der Russlanddeutschen. Drehpunkt des Films ist die Kollision der sowjetischen Ideologie mit dem evangelikalen Pazifismus völlig weltabgewandter Christen. Die Dorfbewohner werden nur nebensächlich als Deutsche dargestellt, ihr absolut prägendstes Merkmal ist ihre Religion. 3. Der Streifen war für die Nationalsozialisten ein Wechselbad der Gefühle. Deshalb wurde der Film erst ausgezeichnet und anschliessend verboten. Was den Nationalsozialisten entgegen kam, war sicherlich der bedingungslose Antibolschewismus seiner Erzählung, der in sehr drastischen Szenen den historisch unbestrittenen Terror der Sowjetära darstellt. Damit enden allerdings auch schon die Überschneidungen mit der NS-Ideologie. Die Hauptakteure des Films nehmen beispielsweise keinen Anstoß an ethnischen Mischehen, Mischlinge werden in ihre Gesellschaft als "Friesen" integriert. Im Mittelpunkt der Handlung steht das Liebesdrama zwischen der Friesin Mette (eigentlich Tochter eines friesischen Vaters und einer fremden, nicht näher beschriebenen Mutter) und dem roten Kommisar Tschernow. Tschernow, ausgerechnet ein asiatisch stämmiger Offizier der Roten Armee kommt dabei die Rolle des "guten Feindes" zu. Anstatt eine drastische Säuberung durchzuführen, hegt er eine ehrliche Liebe zu der Friesin und umgeht aus Gewissensgründen die Befehle der stalinistischen Obrigkeit. Nachdem seine Mannschaften nichtsdenkend "Kein Gott" auf das Bethaus schmieren, ermahnt er den Vorsteher der deutschen Gemeinde ermahnt er zur Bezahlung der auferlegten Abgaben mit den Worten "Auch diese Obrigkeit ist von Gott. Selbst, wenn sie es nicht wahr haben will!" Ausgerechnet der "gute Feind" Tschernow, der eine Konfrontation mit den Bewohnern verhindern will, stirbt am Ende des Films durch die Pistolenschüsse einiger Friesen, die mit dem Pazifismus ihrer Ideologie brechen. Der Film ist intellektuell ausgesprochen anspruchsvoll, seine Philosophie erschliesst sich allerdings nur, wenn man eine stabile Vorbildung über die Geschichte der Russlanddeutschen und die mennonitische Theologie mitbringt. Ansonsten bleibt er für den Betrachter ein seltsames Liebesdrama. Außer dem kategorischen Antibolschewismus bleibt kaum eine Überschneidung mit der NS-Ideologie übrig, in vielen Bereichen widerspricht er sogar den Botschaften anderer NS-Filme. Rassereinheit wird als Tugend abgelehnt, gute Menschen selbst unter fremdrassigen Bolschewisten werden aufgezeigt, die Kollision zwischen Widerstandswille und religiösem Pazifismus wird nur als Konflikt aufgezeigt, bleibt aber ohne eigentlichen Sieger, da die "gewaltbereite Fraktion" unter Mettes Ziehvater Klaus Niegebüll letztlich auch die eindeutig falschen tötet und mit dem Niederbrennen des Dorfes endet. Im Gegenzug kann die Figur des Tschernows auch als Identifikationspunkt für ungehorsame Offiziere gelten und Tschernow spielt zweifelsfrei eine Heldenrolle. Jegliche Thematisierung des Judentums bleibt in diesem Film aus, was bei NS-Streifen ungewöhnlich ist, weil der "jüdische Charakter" des Bolschewismus in der NS-Propaganda eigentlich obligatorisch war. Ich persönlich kann den Film nur jedem Menschen empfehlen, der eine gehobene theologische und historische Vorbildung besitzt. Ohne diese Vorbildung ist der Film eine reine Zeitverschwendung. Die Darstellung stalinistischen Terrors beinhaltet für die damalige Zeit drastische Gewaltdarstellungen, die eine Freigabe erst ab 16 Jahren rechtfertigen würden. Dass der Film heute allerdings dem normalen Publikum gar nicht freigegeben wird, ist eine eindeutige Fehlentscheidung. Bedauerlicherweise führte dies dazu, dass die meisten Beschreibungen des Films grob fehlerhaft sind und lediglich von Personen vorgenommen wurden, die nur die Sekundärliteratur über den Film gelesen, ihn selbst aber nicht gesehen haben. Als Musterbeispiel für den "nationalistischen Film aus der NS-Zeit" taugt "Friesennot" jedenfalls überhaupt nicht. Er ist in Bezug auf die Filmproduktion der NS-Zeit eher ein erfreulicher Ausreisser. Vielleicht weil die zuständigen Nazis gar nicht die philosophische und theologische Tiefe des Drehbuchs begriffen haben.
torsten steinbeck, 26.08.2010
2.
bei amazon gibt es einen Film Namens "Hans macht sein Glück" ebenfalls mit Erwin Linder und von Robert Herlth und Walter Röhrig, aber als Produktionsjahr wird dort 1952 angegeben. Wurde das Originalfilmmaterial nur neu geschnitten oder auch nochmal verfilmt für diese Version? Was ist der Unterschied zwischen beiden Versionen, wenn es der selbe Film ist?
Ron Schlesinger, 26.08.2010
3.
Hallo Herr Steinbeck, vielen Dank für Ihre Frage. Ja, der Film wurde 2006 auf DVD unter dem Titel "Hans macht sein Glück" veröffentlicht. Leider ist darauf nicht die 59-minütige Premierenfassung vom 3.7.1936, sondern eine Kurzfassung aus dem Jahre 1952 in einer Länge von nur 25 Minuten zu sehen. Diese ist offenbar für ein Kinderpublikum neu geschnitten worden - Nachweise über Kinoaufführungen fehlen mir aber. Zudem werden im Vorspann nur ein Verleih und der neue Titel genannt. Ungachtet dessen gibt die Kurzversion einen kleinen Eindruck von der Ästhetik des Films. Viele Grüße, Ron Schlesinger
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