NS-Residenz Obersalzberg Der Höhenwahn

Machtzentrale im Bergidyll: 1933 wird Hitler Dauergast am Obersalzberg. In 1000 Meter Höhe entsteht der "Führersperrbezirk", eine gigantische Parallelbergwelt aus Beton, Bühne für Hitlers absurde Selbstinszenierung - und ein Sinnbild für den Untergang des "Dritten Reichs".

Getty Images

Ein Stück Papier ist der renommierten Tageszeitung "Washington Post" im Herbst 2011 eine Geschichte wert: "Lieber Dennis" heißt es in der handschriftlichen Nachricht, die nun im CIA-Museum in Langley ausgestellt wird, "der Mann, der diese Karte eigentlich geschrieben haben sollte, kontrollierte einst ganz Europa. Jetzt ist er tot, sein Andenken wird verachtet, sein Land liegt in Trümmern." Geprägt ist der Briefkopf mit einer goldfarbenen Wort- und Symbolkombination: einem Reichsadler mit Hakenkreuz. Darunter steht: "Adolf Hitler, Obersalzberg".

Das zeithistorische Fundstück, das nun in den USA aufgetaucht ist, verfasste der spätere CIA-Direktor Richard Helms als junger US-Geheimdienst-Offizier im gerade kollabierenden Deutschen Reich. Er stibitzte Hitlers Briefpapier bei Kriegsende, um es - mit einigen Zeilen versehen - an seinen dreijährigen Sohn Dennis in New Jersey zu senden. Aber er irrte sich in einem Punkt: Hitlers "Andenken" war längst nicht verraucht. Und kaum anderswo sollte der "Führer"-Mythos nach 1945 eine derart hartnäckige Präsenz entfalten wie am Berchtesgadener Obersalzberg.

Dessen rund 1000 Meter hoch gelegenes Gipfelgebiet musste 22 Jahre als Bühne Hitlers und seiner Entourage herhalten. Nahezu alle Bewohner des gleichnamigen Ortsteils von Berchtesgaden wurden in dieser Zeit von der NSDAP enteignet, ihre seit Generationen bewirtschafteten Höfe und Häuser abgerissen. Der Obersalzberg wurde zur Beton fressenden Großbaustelle der Nazis und zum heimlichen Regierungssitz des Deutschen Reiches. Hier gaben sich bald Politiker, Staatschefs und Militärs die Klinke in die Hand, ehe die Royal Airforce das über 100 Hektar große NS-Refugium mit seinen ausgefallenen Anwesen, Bunkersystemen, Straßen und Schutzzäunen bei Kriegsende in Trümmer legte.

Die Erinnerungen an den "Führer" konnten die britischen Bomben indes nicht auslöschen. Hitler blieb der Mondlandschaft im bayrisch-österreichischen Grenzgebiet erhalten, bis heute: Der Obersalzberg ist Beleg für die zerstörerische Utopie des Nationalsozialismus und Sinnbild für den Untergang des Dritten Reichs.

Der Wolf im Kampfhäusl

Erahnen ließ sich von dieser unheilvollen Entwicklung nichts, als Hitler im Mai 1923 erstmals auf dem Obersalzberg erschien, um den NS-Publizisten Dietrich Eckart aufzusuchen. Eckart, NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, wurde wegen Verleumdung des Reichspräsidenten Ebert per Haftbefehl gesucht und war unter falschem Namen am Obersalzberg abgetaucht. Auch Hitler tarnte sich: Mit den Worten "Diedi, der Wolf ist da!", will Hitler sich angekündigt haben, ehe er die Pension seines zeitweiligen Mentors betrat.

Nach dieser Stippvisite kehrte der "Wolf" immer wieder auf den Berg zurück. Nach gescheitertem Putsch und Festungshaft schrieb Hitler im Sommer 1925 den zweiten Teil von "Mein Kampf" am Obersalzberg: in einer von der Partei später zum "Kampfhäusl" verklärten Holzhütte. Bei ausgedehnten Spaziergängen räsonierte er mit Kampfgefährten über das zukünftige Parteiprogramm. Fotos dieser Zeit stellen Hitler als nachdenklichen und gleichsam entschlossen wirkenden Mann dar, der in der abgeschiedenen Bergwelt Kraft tankt: Hitler mit verschränkten Armen, wie er in Lederhosen und Uniformhemd an einen Baum lehnt oder neben seinem Schäferhund liegend auf das alpine Panorama starrt. Viele der alteingesessenen Dorfbewohner nehmen den Fremden mit dem Oberlippenbärtchen indes nur als einen "spinnerten Kerl mit seinen Hunden" war, wie sich eine Zeitzeugin in einer TV-Dokumentation erinnert.

Mit dem Kauf des Hauses "Wachenfeld" wurde Hitler 1933 Dauergast am Obersalzberg. Bereits 1928 hatte er das zweigeschossige Gebäude im bayrischen Landhausstil gemietet, ehe es ihm nach der "Machtergreifung" zum Kauf angeboten wurde. Mit der Ruhe war es in dem fortan Luftkurort vorbei. Täglich defilierten Tausende Schaulustige an Hitlers Haus vorbei und wollten den "Führer" sehen. Der gab sich - ganz im Sinne der NSDAP-Propaganda - volksnah und winkte von seiner Terrasse oder signierte Autogramme.

Einzigartiger Herrensitz mit Kegelbahn

Mit Hitlers politischer Machtausdehnung wuchs dessen Präsenz am Obersalzberg. Zentrum der braunen Sommerresidenz war der im Juli 1936 fertiggestellte "Berghof", ein klobiges Anwesen mit lang gezogenen Seitenflügeln, in den das ehemalige Haus "Wachenfeld" als kleiner Anbau integriert war. "Das Ganze ist ein einzigartiger Herrensitz auf dem Berge", notiert Goebbels in seinen Tagebüchern, "Der Führer ist ganz glücklich. Hier ist er zu Hause".

Hinter der verputzten Fassade verteilten sich 30 Räume auf zwei Stockwerke: Arbeits- und Privatzimmer Hitlers, Speisesaal, Küche, Gäste- und Bedienstetenzimmer. Treppenstufen und Säulen des Prunkbaus waren aus Marmor gefertigt, ein Großteil der Wände und Decken mit dunklem Holz vertäfelt. Im Keller war eine Kegelbahn nebst Bar untergebracht.

Obwohl der Architekt Alois Degano für den "Berghof" verantwortlich zeichnete, hatte Hitler einen Teil der Pläne eigenhändig skizziert. Mittelpunkt des Hauses und Hitlers ganzer Stolz bildete eine riesige Wohn- und Konferenzhalle von der Grundfläche eines Einfamilienhauses und ausgestattet mit modernster Technik: Hinter einem der wertvollen Wandgobelins verbarg sich eine Kinoleinwand, ein Musikschrank sorgte für den passenden Sound. In die Frontseite der Halle war ein 32 Quadratmeter großes, versenkbares Panoramafenster eingelassen, durch das regelmäßig starker Benzingeruch aus der darunter liegenden Garagen eingedrungen sei, wie sich Hitlers Architekt Albert Speer erinnerte. Er urteilte rückblickend über Hitlers "Berghof"-Entwurf: "Es war ein Grundriss, der in jedem Seminar einer Technischen Hochschule abgelehnt worden wäre".

Ein Haus als Geburtstagsgeschenk

Um den "Berghof" entstand indes eine gigantische Baustelle. Unbarmherziger Antreiber der mitunter 8000 Arbeiter und verantwortlich für den Ausbau des über 100 Hektar großen "Führersperrgebietes" war NSDAP-Parteisekretär Martin Bormann. Auf seinen Befehl detonierten nahezu täglich an irgendeinem Felsen Sprengsätze, um dem alpinen Gelände Platz für ein weit verzweigtes Straßennetz abzutrotzen oder um das zirka drei Kilometer lange Bunkersystem in die Erde zu treiben.

An der Stelle der einstigen Privathäuser und Bauernhöfe standen bald eine SS-Kaserne mit unterirdischem Schießstand, Verwaltungsgebäude, Werkstätten, Dienst- und Postenhäuser sowie ein Kindergarten. Für den Vegetarier Hitler wurde sogar ein eigenes Gewächshaus errichtet. Steinerner Ausdruck des nationalsozialistischen Bauwahns wurde das "Kehlsteinhaus", Bormanns Geschenk zu Hitlers 50. Geburtstag 1939. In 1.820 Metern Höhe gelegen, thront der einstige Repräsentativbau bis heute über dem Obersalzberg. Unter großem Aufwand wurde in nur einem Jahr Bauzeit ein 124 Meter langer Tunnel mit einer sich anschließenden, ebenso langen Liftstrecke in den Berg gebaut. Hitler nutzte die rasante Fahrt in dem mit Messing ausgekleideten Aufzug allerdings nur selten und spazierte lieber zu seinem 30 Minuten vom "Berghof" entfernten Teehaus.

Platz für die alt eingesessenen Obersalzberger blieb an "Hitlers Berg" nicht mehr. Wer seinen Grund und Boden nicht zum Spottpreis herschenkte, dem drohte KZ-Haft. Bis zum Juli 1937 vertrieb die NSDAP auf diese Weise die Bewohner von 54 Grundstücken und riss noch mehr Häuser nieder, unter anderem die Urlaubsvillen Carl von Lindes, eines Wegbereiters der Kühltechnik, und Arthur Eichengrüns, maßgeblicher Erfinder der Aspirin-Tablette.

Cocktails für die Naziprominenz

Hitlers neue Nachbarn wurden die Nazigrößen Speer, Bormann und Göring. Ihre Nobelanwesen lagen nur unweit vom "Berghof" entfernt. Hitlers Leibarchitekt Speer unterhielt neben einem Wohnhaus ein eigenes Atelier in den Bergen. Göring, der sich bereits in der Schorfheide mit seinem Landsitz "Carinhall" verewigt hatte, wohnte in einem vergleichsweise bescheidenen Landhaus mit Swimmingpool im Garten. Hier ließ sich der "Reichsjägermeister" auch gerne für die Wochenschau filmen: Schmusend mit seinem zahmen Löwen "Caesar". Bormann unterhielt neben einer Villa, in der seine neun Kinder in einem eigenen Badebecken plantschen konnten, einen Gutshof. Der als Modell für künftige Betriebe im eroberten Osten angepriesene Hof erwies sich aber in der Höhenlage als gänzlich unwirtschaftlich.

Absurd gestaltete sich auch der Alltag von Hitlers Hofstaat. Während sich der "Führer" tagsüber vor Kameras als kinderlieber Hundefreund inszenierte, der am "Berghof" Stöckchen warf, bezopfte Mädchenköpfe streichelte und den immer gleichen Mittagsspaziergang zum Teehaus unternahm, warte seine gequälte Gesellschaft, dass es endlich Nacht wurde: Wenn der Führer über seine Monologe eingedämmert war und ins Bett ging, floss der Alkohol. Hitlers Kammerdiener Heinz Linge berichtet später, dass Eva Braun regelmäßig Cocktails für die anwesende Naziprominenz gemixt hätte. In Bormanns Haus seien zu Swing-Klängen wilde Gelage gefeiert worden. Dabei wäre es auch vorgekommen, dass Hitlers Parteisekretär, während er mit einer Geliebten tanzte, seine Frau wecken ließ und in sein über 150 Kilometer entferntes Haus in Pullach schickte, um ihm ein frisches Hemd zu besorgen.

Als politische Bühne hatte der Obersalzberg hingegen eine größere Bedeutung: Auf dem "Berghof" schüchterte Hitler vor dem "Anschluss" Österreichs im März 1938 dessen Bundeskanzler Kurt Schuschnigg ein - an selber Stelle empfing er wenige Monate später im Vorfeld des Münchner Abkommens den britischen Premier Neville Chamberlain, um den deutschen Einmarsch in das Sudetenland diplomatisch abzusichern. Neben dem regelmäßig hier gastierenden "Duce", bestellte Hitler während des Krieges auch befreundete Staatschefs und Vasallen nach Oberbayern.

Vom Ruinenfeld zum Touristenmagneten

Den Schlussakt in der noch intakten Parallelbergwelt setzte Göring. Während Hitler im brennenden Berlin im Wahn mit seinem Schicksal haderte, erbat der besorgte Reichsmarschall vom Obersalzberg aus am 23. April 1945 um Übertragung der Staatsgewalt. Hitler fühlte sich durch das Telegramm verraten und ließ Göring am Obersalzberg verhaften und aus der Partei ausschließen. Zwei Tage später verwandelten über 300 englische Bomber Hitlers Obersalzberg-Ensemble in ein Ruinenfeld.

Als US-amerikanische Soldaten am 4. Mai 1945 in Berchtesgaden einrückten, stellten sie erleichtert fest, dass sie Goebbels Propaganda aufgesessen waren: Statt der befürchteten "Alpenfestung" fanden die GIs lediglich den brennenden und bereits von Einwohnern geplünderten "Berghof" vor.

Obwohl der Freistaat Bayern nach der teilweisen Rückgabe durch die Amerikaner 1947 einiges daran setzte, auch die letzten sichtbaren Spuren des Dritten Reichs zu tilgen und deswegen auch 1952 die Reste des zerstörten Hitler-Domizils sprengte, ist der Obersalzberg ein bis heute historisch kontaminiertes Gebiet. Die 1999 eingerichtete "Dokumentation Obersalzberg" kanalisiert zwar den bis dahin "wilden" Hitler-Tourismus im Sinne einer kritischen Auseinandersetzung. Gleichzeitig beflügelt die Dauerausstellung den Ansturm auf den Ort, der jährlich über 150.000 Besucher zählt. "Adolf Hitler, Obersalzberg" erregt immer noch Aufmerksamkeit - zu bizarr sind die Erinnerungen an einen größenwahnsinnigen Diktator, der sich sogar einen eigenen Berg formen wollte.



insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Linus Schwanke, 13.11.2011
1.
Guten Tag, einige Hinweise zur Fotogalerie: Bild Nr. 7 zeigt nicht den "verlassenen Berghof", sondern das benachbarte Haus "Türken", in dem Büros vom Reichssicherheitsdienst (RSD) und SS-Wachmannschaften untergebracht waren. http://www.thirdreichruins.com/tuerken.htm Das Hotel Türken existiert noch heute. Bild Nr. 11 wurde nicht im Berghof aufgenommen, sondern im sog. Teehaus am Mooslahner Kopf. In Bild Nr. 14 sieht man nicht das Haus von Bormannn, sondern die Villa Bechstein, die als Gästehaus - u.a. für die Goebbels-Familie - diente. Foto: http://www.thirdreichruins.com/villabechstein.jpg (unten im Bild). Bormanns und Görings Villen oben links im Bild.
jonas krull, 15.11.2011
2.
ich frag mich nach lesen des artikels wo der obersalzberg sinnbild für den niedergang des 3. reichs war, weil er von den engländern zerbombt wurde? so wie dresden, hamburg, osnabrück, sind diese städte nun auch sinnbild für den niedergang des dritten reichs? oder ist dieser artikel wiedereinmal nur eine weitere von unzähligen darstellungen des ns regimes?
Christian Gödecke, 13.11.2011
3.
Vielen Dank für die Hinweise zu Fehlern in der Bildergalerie. Wir haben die Fehler korrigiert. Christian Gödecke für die Redaktion.
Karin Veermann, 14.11.2011
4.
"oder signierte Autogramme" - ist das so richtig? Nicht eher "Fotos oder Bücher"?
Werner Samjeske, 17.11.2011
5.
Bild 6: Der Berghof wurde bei der Bombardierung keineswegs "fast vollständig zerstört". Es existieren Luftbildaufnahmen, auf denen man eindeutig erkennt, dass nur der Seitenflügel Treffer erhalten hatte. Die Bausubstanz blieb fast vollständig erhalten. Beim Abzug wurde von der Obersalzberg-SS Feuer gelegt und der Berghof wurde dadurch stark beschädigt. Den Rest besorgten dann die Alliierten und die einheimische Bevölkerung.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.