NS-Täter Mein Großvater, der Verbrecher

NS-Täter: Mein Großvater, der Verbrecher Fotos
Alexandra Senfft/Gottfried Gilbert

Er war ein strammer Nazi, ein Kriegsverbrecher - und ein liebevoller Vater: Hanns Elard Ludin wütete als Hitlers Gesandter in der Slowakei. Seine Frau und die sechs Kinder idealisierten ihn nach seinem Tod als "guten Nazi". Enkelin Alexandra Senfft analysiert das Trauma ihrer Täterfamilie.

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Mein Großvater hätte statt am Galgen im KZ enden können, wenn der Zufall es nicht anders gewollt hätte. Hanns Elard Ludin war Offizier der Reichswehr. 1930 kam er als Hochverräter vor Gericht, weil er seinen Eid auf die Verfassung gebrochen und mit zwei "Kameraden" versucht hatte, die Reichswehr durch den Aufbau nationalsozialistischer Zellen zu unterwandern. Fort mit der Schmach des Versailler Vertrags, alle Macht den Arbeitern und Bauern! - dafür stand das Offizierstrio, erfüllt von jugendlichem Idealismus und revolutionären Gedanken.

Ihre Verhandlung im "Ulmer Reichswehrprozess" bot Hitler die Gelegenheit zu beteuern, er strebe die Macht ausschließlich mit legalen Mitteln an. Das steigerte seine Popularität und ebnete ihm den Weg ins Reichskanzleramt. Ludin, gerade 25 Jahre alt, wurde zu 18 Monaten Festungshaft verurteilt und kam ins Gefängnis nach Rastatt. Dort saßen Nationalsozialisten ein, mit denen er sich austauschte; er war nun NSDAP-Mitglied.

Sein Freund Richard Scheringer indes verbüßte seine Haftstrafe in Gollnow bei Stettin - unter einer Gruppe namhafter Kommunisten, was alsbald dazu führte, dass er sich für den Kommunismus entschied. Obwohl sich ihre Wege hier trennten, blieben die Männer eng befreundet: der Nazi und der Kommunist. Wie hätte mein Großvater sich entwickelt, wenn auch er nach Gollnow gekommen wäre?

Zum Leben verurteilt

Anders als Scheringer wurde Ludin nach acht Monaten begnadigt und konnte Karriere machen: Reichstagsabgeordneter, kommissarischer Polizeipräsident von Karlsruhe, nebenher ein Studium der Geschichte und die Ehe mit meiner Großmutter Erla, schließlich Führer der SA-Gruppe Südwest. Im Schwabenland schätzte man Ludin, ein Name, an den man sich auch nach dem Krieg noch lange erinnern würde.

Beim Röhm-Putsch verschonte Hitler ihn, möglicherweise ein weiterer dieser Zufälle: "Ich war zum Leben verurteilt", soll Ludin gesagt haben. Seine revolutionären Ziele warf er jetzt endgültig über Bord, er verschrieb sich Hitler mit Leib und Seele. Und weil er ideologisch so standfest war, durfte er Anfang 1941 als Gesandter nach Pressburg. Er nahm seine Frau, meine Mutter und ihre drei jüngeren Geschwister mit, zwei weitere Kinder wurden geboren.

Der Gesandte machte seine Arbeit gut, das Auswärtige Amt war mit ihm zufrieden, jedenfalls bis zum Partisanenaufstand 1944. Ludin verstand es, den Slowaken das Gefühl einer Quasi-Souveränität zu vermitteln und sie gleichzeitig davon zu überzeugen, dass es in ihrem Interesse sei, die Interessen des Deutschen Reiches umzusetzen. Dazu gehörte auch die Deportation der slowakischen Juden. Bis 1944 wurden nahezu 70.000 in die Vernichtungslager abtransportiert und die meisten von ihnen ermordet.

Der lange Schatten des Vaters

Einen Eid bricht man nicht zweimal, sagte mein Großvater, als ihm erste Zweifel kamen und er verharrte in Pressburg. Kurz vor Kriegsende floh er, lieferte sich dann aber den Amerikanern aus. Sie stuften ihn als Kriegsverbrecher ein. Diverse Fluchtmöglichkeiten lehnte er ab - er müsse für seine Sache gerade stehen, sagte er. Er habe nicht begriffen, welch verbrecherischem System er gedient habe, ja, er habe bis zum Schluss an Hitler geglaubt. Ludin wurde an die Tschechoslowakei ausgeliefert, abermals stand er vor Gericht. Im Dezember 1947 hängte man ihn. Genau vierzehn Jahre später brachte seine älteste Tochter ihr erstes Kind zur Welt: mich.

Damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Meine Großmutter erzog ihre Kinder nach dem Tod ihres Mannes im Glauben an den guten Vater und anständigen Nationalsozialisten - und die gaben diese Sichtweise wiederum an ihre Kinder weiter. Wir sprachen zwar viel ""vom Hanns", doch von Schuld war keine Rede, über seine Beteiligung an der Ermordung der Juden kein Wort. So wuchsen wir mit einem idealisierten Bild auf - ein feiner Mann sei er gewesen, gebildet und charmant, ein Opfer der damaligen Umstände. Seine guten Seiten durften gelten, die "nazihaften" nicht.

Für mich war Hanns Ludin eine Figur aus dem Geschichtsbuch, emotional verband mich mit ihm nichts. Wahrscheinlich würde ich noch heute der Familiensage vom unbescholtenen Nazi anhängen, wäre ich nicht mit einer depressiven Mutter aufgewachsen, deren Leben infolge eines schleichenden Selbstmords ein tragisches Ende genommen hat. Vermutlich war es der eigene Leidensdruck, der mich gezwungen hat, genauer hinzusehen, um zu verstehen.

Im familiären Gefängnis

Kann ein Nazi überhaupt unschuldig geblieben sein, wo beginnt die Verantwortung, fragte ich mich. Während dieses Prozesses habe ich an mir erleben können, wie die Geschichte in uns weiter lebt. Vieles, was ich früher für Zufall hielt, stellt sich für mich seither als logische Konsequenz aus der Vergangenheit dar. Dazu gehört, dass ich mich bereits als junge Frau intensiv mit der Dialogarbeit zwischen Israelis und Palästinensern beschäftigte. Meinen persönlichen Bezug als Enkelin eines Nazitäters habe ich bei allem Verantwortungsbewusstsein für die Schuld der Deutschen damals aber noch nicht sehen wollen - oder können.

Sich mit den Verbrechen der eigenen Verwandten auseinander zu setzen tut weh, es macht Angst und traurig. Lässt man sich einmal darauf ein, taucht man in psychologische und gesellschaftspolitische Komplexitäten ein, die man vorher kaum erahnt hat. Ich verstand erst in diesem Moment, wie stark die Krankheit meiner Mutter mich beeinflusst hat, wie Schuldgefühle und andere Erfahrungen weitergereicht werden und in welchem "familiären Gefängnis" meine Mutter und ich trotz aller Zuneigung oder gerade ihretwegen gelebt hatten.

Meine Mutter hat es nicht geschafft, ihren geliebten Vater mit dem Verbrecher in ihm in Verbindung zu bringen. Als 14-Jährige von seiner Hinrichtung traumatisiert, bekam sie weder eine Chance zu trauern, noch ein angemessenes Bild von ihm zu entwickeln. Ihre Mutter und das Familiensystem waren stärker als sie. Sie zerbrach an dem Dilemma, an der harten Mauer der Verleugnung, am zermürbenden Zweifel. Ich war plötzlich erschrocken, dass ich meine Mutter zu ihren Lebzeiten nie über ihre damaligen Erfahrungen befragt hatte - ich wusste ja, welches Leid sich bei ihr dahinter verbarg.

Aus Tätern werden Opfer

Das Schweigen über die Verbrechen meines Großvaters hatte ich also unbewusst selbst fortgesetzt, ohne es zu merken war ich eine Komplizin beim Vertuschen gewesen. Was genau mein Großvater in der Slowakei gemacht hatte, das wollte ich früher nicht wissen, denn das Schlimmste zu denken war in meiner Familie ein Tabu. Ich war erschüttert, zu erkennen, wie befangen ich gewesen war - aus Liebe zu meiner Großmutter und meiner Mutter, aus falsch verstandener Loyalität zu meinen Verwandten.

Der Eklat um Oettinger/Filbinger hat gezeigt, dass wir kein Einzelfall sind. Es ist in Deutschland weiterhin üblich, Täter in Opfer oder Widerstandskämpfer umzudefinieren. Viele weitaus größere Täter als mein Großvater sind ungescholten davon gekommen und haben im Nachkriegsdeutschland Karriere gemacht. So sehr es zum Alltag der Nazizeit gehörte, wegzuschauen, wenn Juden und "andere Minderwertige" abtransportiert wurden, so "normal" war es anschließend, über die eigene Rolle in der NS-Zeit zu schweigen. Das ist zwar menschlich, denn es kostet viel Kraft, das Schmerzhafte wahrzunehmen, das Unaussprechliche auszusprechen und Schuld zu benennen - aber Verdrängen und Lügen kostet am Ende mehr.

Wir Deutsche haben unsere Vergangenheit akademisch und politisch weit aufgearbeitet, biographisch allerdings kaum. Solange wir uns der Vergangenheit unserer Vorväter und -mütter nicht stellen und die Täterschaft nur an denen aufarbeiten, die außerhalb der Familie sind, kann keine nachhaltige Auseinandersetzung stattfinden. Denn das Verschwiegene, das Verdrängte, arbeitet über Generationen hinweg weiter - in der Gesellschaft, in den Familien und in uns selbst, auch wenn es immer wieder neue Formen und Symptome annimmt, die mit den Verbrechen, den Methoden und ideologischen Vorstellungen des Nazi-Systems nicht mehr unmittelbar in Verbindung zu bringen sind.

Alexandra Senfft ist Autorin des Buches "Schweigen tut weh. Eine deutsche Familiengeschichte". claassen Verlag, Ullstein Buchverlage, Berlin 2007; 351 Seiten; 19,95 Euro.

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Robert Abel 18.12.2007
1968 geboren bin ich ein Enkel der deutschen Großeltern, meine Eltern waren Kriegskinder. Auch bei meinen Eltern waren diese Erlebnisse, "Erziehung" und Krieg, traumatisierend bis zum frühen Lebensende. Durch die "Großeltern" habe selbst ich frühzeitig mitbekommen, wie es sich anhört, wenn abends aus Erinnerungen heraus vom "Polen" oder vom "Jüdd" geredet wurde. Zwangsläufig wirkt dieses Grauen auch auf das Leben der Enkel weiter. Es sollte einmal wissenschaftlich geklärt werden, ob Ängste und Neurosen, von denen die deutschen Generationen geplagt werden, nicht direkt auf unsere braune Vergangenheit zurück zu führen sind.
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