NS-Täter in der DDR Wie die Stasi SS-Leute aus Auschwitz erpresste

Als ehemaliger Auschwitz-Wachmann im antifaschistischen Musterstaat leben? Eigentlich undenkbar. Doch tatsächlich arrangierte sich die DDR mit vielen, die im KZ Dienst getan hatten. Der Preis: ein Zwangspakt mit der Stasi.

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Josef Settnik wusste, worum es ging. Also packte er in der Stasi-Kreisdienststelle in Dippoldiswalde lieber gleich aus. SS-Freiwilliger, SS-Infanterist, ab Januar 1942 Dienst im Konzentrationslager Auschwitz: Settnik nannte die Stationen seiner NS-Karriere.

Er rechnete fest damit, im antifaschistischen Musterstaat DDR vor Gericht gestellt zu werden. Von seiner Frau habe er sich verabschiedet und sein "Amen" gebetet, sagte er. Am Ende des Gesprächs saß er weinend am Tisch - weil ihm die Stasi-Leute ein Angebot gemacht hatten, das er nicht ausschlagen konnte. Seine Vergangenheit in der SS sollte vergessen sein, wenn er mit dem Ministerium für Staatssicherheit kooperieren würde. Fortan bespitzelte er Angehörige seiner katholischen Gemeinde.

Die Stasi warb Settnik 1964 an, vor 50 Jahren, als im Westen der erste Auschwitz-Prozess lief. Und wie mit ihm ging die DDR mit vielen von denen um, die in Auschwitz Dienst getan hatten: Sie blieben von der Justiz unbehelligt. (Mehr zum Thema Auschwitz lesen Sie im SPIEGEL 35/2014.

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"NS-Täter hatten in der DDR eine große Chance, ungeschoren davonzukommen, wenn sie sich unauffällig verhielten oder kooperierten", sagt Henry Leide von der Außenstelle Rostock des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR. Manche waren so unauffällig, dass sie erst kürzlich, Jahrzehnte nach dem Ende der DDR, in den Fokus der Justiz gerückt sind.

Karriere statt Knast

Johannes A. ist so jemand. Ab 1942 war er als SS-Rottenführer in Auschwitz tätig und auch in der Wachkompanie des Konzentrationslagers Monowitz. Dort starben mehr als 25.000 Zwangsarbeiter. Nach dem Krieg machte er in der DDR als Hochschullehrer Karriere, war hoch angesehen.

A. gehörte zu den 30 ehemaligen Angehörigen des KZ-Personals von Auschwitz, gegen die die Ludwigsburger Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen im September 2013 die Vorermittlungen abgeschlossen hatte. Die Fälle waren für weitere Ermittlungen an die zuständigen Staatsanwaltschaften übergeben worden. Doch die Staatsanwaltschaft Halle stellte im Mai die Ermittlungen wegen des Verdachts der mehrfachen Beihilfe zum Mord ein, weil A. nicht vernehmungs- und verhandlungsfähig war.

Die Geschichten von Settnik und A. werfen ein Schlaglicht auf den Umgang der Stasi und DDR-Justiz mit dem Thema Auschwitz. Der war keineswegs so konsequent und umfassend, wie das Regime nach außen glauben machen wollte.

739 Urteile gegen NS-Täter

Bereits 1950 schaltete sich die Stasi in die Strafverfolgung ein - von da an gab es eine "starke politische Einflussnahme", sagt Annette Weinke von der Universität Jena. Die Wissenschaftlerin hat ihre Doktorarbeit über NS-Strafverfolgung in BRD und DDR geschrieben. "Dass Täter geschont wurden, war in dieser Phase eher selten", sagt sie. Dazu sei der Druck von sowjetischer Seite zu groß gewesen. "Verfahren aus politischer Opportunität nicht anzustrengen, ist eher ein Phänomen der Sechziger- und Siebzigerjahre."

Nicht eindeutig klären lässt sich bis heute, was in der DDR Regel und was Ausnahme war: die juristische Verfolgung mutmaßlicher Auschwitz-Täter oder die Nicht-Verfolgung als Gegenleistung für andere Dienste. Experten schätzen, dass DDR-Gerichte etwa 20 Personen wegen im KZ begangener Taten verurteilten.

"Bei Auschwitz sieht man, wie die Stasi manövriert hat: Manche wurden verurteilt, andere als Spitzel angeworben, andere blieben unbehelligt", sagt Leide. Man könne aber durchaus von einer Täterschutzpolitik der Stasi sprechen. Insgesamt gab es laut Leide zwischen 1950 und 1989 in der DDR 739 Urteile gegen NS-Täter.

Die DDR-Justiz habe mit der NS-Strafverfolgung andererseits auch punkten wollen, sagt Historikerin Weinke. Etwa mit dem Prozess gegen das frühere SS-Mitglied Hans Anhalt. Er wurde 1964 - parallel zum ersten Auschwitz-Prozess im Westen - zu lebenslanger Zuchthausstrafe verurteilt. Anhalt nannte sich die "rechte Hand" des Auschwitz-Lagerarztes Josef Mengele. Zu den bekannteren Fällen zählt auch das Todesurteil gegen den SS-Hauptsturmführer Horst Fischer. Er hatte laut Anklage in Auschwitz Zehntausende Menschen zur sofortigen Vernichtung bestimmt. Fischer wurde im Juli 1966 hingerichtet.

"Mit dem Urteil gegen Fischer wollte man die Durchschlagskraft der eigenen Justiz belegen und das Dasein als antifaschistischer Musterstaat herausheben. Man wollte zeigen, dass man schneller und besser zu härteren Urteilen kam", sagt Leide. Alles sei der Auseinandersetzung mit der BRD "und ihren personellen Relikten aus der NS-Zeit" untergeordnet worden.

Die Kehrseite dieser Strategie war freilich: Jedes Verfahren war ein Eingeständnis, dass die offizielle Lesart - alle Nazis sind schon lange verurteilt oder in den Westen geflohen - nicht stimmte. Verurteilt worden seien deshalb nur Täter, sagt Leide, "die an schweren NS-Gewaltverbrechen beteiligt gewesen waren, also eine entsprechende Tatschwere vorlag, bei denen die Beweislage eindeutig war, keine innen- oder außenpolitischen Verwicklungen zu befürchten waren und bei denen die These vom bedauerlichen Einzelfall, der bei der Entnazifizierung durchgeschlüpft war, aufrechterhalten werden konnte."

Wenn in den Sechzigerjahren noch reihenweise NS-Täter verurteilt worden wären, "das wäre peinlich gewesen", sagt Weinke. "Man musste damit rechnen, dass das im Westen publik wird, der Klassenfeind mit dem Finger auf die DDR zeigt und die antifaschistische Agitation zunichtemacht." Entdeckte NS-Täter gingen daher straffrei aus, um die Propaganda nicht zu konterkarieren.

1,5 Millionen ehemalige NSDAP-Mitglieder in der DDR

Unbestritten ist, dass sich die vorgeblich antifaschistische DDR mit vielen Alt-Nazis arrangierte. 1951 ergab eine Zählung der SED, dass 174.928 ehemalige NSDAP-Leute oder Wehrmachtsoffiziere nun Parteimitglied waren. Insgesamt soll es 1,5 Millionen ehemalige NSDAP-Mitglieder in der DDR gegeben haben; eines war Ernst Melsheimer, Chefankläger der Generalstaatsanwaltschaft.

DDR-Bürger mit Nazi-Vergangenheit waren für die Stasi leicht erpressbar und wurden so zu willigen Spitzeln, etwa August Bielisch, der ab Juli 1943 im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau Dienst getan hatte, und damit im Oktober 1971 von der Stasi konfrontiert wurde. Bielisch sagte damals, er habe in Auschwitz lediglich Wachdienst versehen und von Verbrechen im Lager nichts bemerkt. Dennoch wusste er, dass er kooperieren musste. Schriftlich hielt er fest, ihm sei klar, dass er wegen "[…] Verschweigens meiner Angehörigkeit zur SS und der ausgeübten Tätigkeit als Wachmann im Konzentrationslager Auschwitz (Birkenau) strafrechtlich zur Verantwortung gezogen werden kann. Durch meine Bereitschaft, offen und ehrlich mit dem Ministerium für Staatssicherheit zusammenzuarbeiten, möchte ich meine Fehler wiedergutmachen."

Die Haltung der Stasi drückte sich Leide zufolge sehr treffend in dem aus, was er 2006 auf einer Diskussionsveranstaltung hörte. Ein Mann erklärte, dass er dafür verurteilt worden sei, dass er in der DDR die Namen ehemaliger NSDAP-Mitgliedern publik gemacht habe. Stasi-Leute hätten ihm gesagt: "Wer Nazi war - das bestimmen wir!"

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Thomas Samstag, 24.08.2014
1. Wo waren die Bomben?
Kann mir jemand mal erklären warum die Amerikaner oder Britten nicht die Gleisanlagen welche zu den Vernichtungslagern geführt haben in Ruhe gelassen haben. Es war den Allierten doch klar was da geschah! Hätte da man nicht mehr machen können?
Andreas Hentschel, 24.08.2014
2. Die DDR gibt es nicht mehr
Warum wieder Salz in Wunden streun, das alles gab es auch bei uns in der BRD. Und noch schlimmer Nazi Größen wurden Richter, Lehrer und Abgeordnete....Warum wieder das alte aufwühlen wir Deutsche haben eine Schmutzige Vergangenheit!!
Markus Wollbrueck, 24.08.2014
3. Göring
sagte einmal (in Zusammenhang mit Staatssekretär Milch) waer Jude ist bestimme ich. Wie sich die Bilder in totalitären Staaten gleichen...
Oliver Mesh-hadi, 24.08.2014
4. Unpassende Wortwahl
"Die Aufnahme vom 27. Mai 1944 zeigt neu eingetroffene Häftlinge im KZ Auschwitz, die von NS-Offizieren eingewiesen werden." Liebe SPON-Redaktion, die werden nicht "eingewiesen", sondern in "sofort zu Vergasende" (ca. 80 %) und "sicher durch Sklavenarbeit zu Vernichtende" (der Rest, von denen ca. 1 % überlebt hat) selektiert.
Otmar Ihl, 24.08.2014
5. Ich kann die Zahlen nicht beurteilen
Aber es wundert mich schon das im Deutschland der Globkes, Nollau, Mende und Gehlen immer noch die Moralkeule geschwungen wird gegen die DDR. Auch für die DDR galt wohl die Erkenntnis das es keine Grünen Männchen waren die 1933 in Deutschland einfielen und 1945 verschwunden waren. Vermutlich brauchte und braucht man diese Mär um sauberer da zu stehen. Die Nazis sind 1945 weder hier noch dort ausgestorben. Einige waren gar keine Nazis weder hier von in der DDR. Sie waren nur so feige wie wir heute auch wieder. Wie man im geeinten Merkel Deutschland mit Nazis umgeht, das zeigt der NSU Prozess.
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