NS-Verbrechen Die Spur der Skelette

NS-Verbrechen: Die Spur der Skelette Fotos

Nazi-Ärzte im Rassenwahn: Für eine Skelettsammlung ließ der Medizinprofessor August Hirt 1943 einfach 86 Menschen töten. Die Alliierten fanden Anfang 1945 die Leichen, aber die Identität der Opfer blieb ein Rätsel - bis eine aufwendige Spurensuche ihnen 60 Jahren später ihre Namen zurückgab. Von

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Der Zweite Weltkrieg tobte noch auf dem Kontinent, als die Londoner "Daily Mail" am 3. Januar 1945 eine selbst für diese blutigen Zeiten erschreckende Meldung verbreitete: Im Anatomischen Institut der wenige Wochen zuvor befreiten Universitätsstadt Straßburg seien "86 Leichen von augenscheinlich gesunden Männern und Frauen" gefunden worden. Insgesamt 16 komplette Tote sowie 224 Teile, die zu 70 ganzen Leichen zu ergänzen gewesen wären. Allerdings fehlten 70 Köpfe.

Ein festgenommener Angestellter des Instituts, so das britische Blatt, habe erklärt, dass er selbst diese Leichen im August 1943 entgegengenommen habe. Die 86 Personen seien "zum Schlafen gebracht" worden - wie, wisse er jedoch nicht. Der Korrespondent der "Daily Mail" äußerte den Verdacht, dass das offenkundige Verbrechen mit den Rassentheorien der Nazis zu tun habe. Denn verantwortlich für den dutzendfachen Mord sei Professor August Hirt, ein "fanatischer Nazi-Wissenschaftler" und "Jünger des Nazi-Regimes".

Obwohl die Russen bereits zum Sprung nach Ostpreußen ansetzten und die Alliierten im Westen ebenfalls das Reichsgebiet erreicht hatten, reagierte das Auswärtige Amt in Berlin umgehend auf den Pressebericht. Von dem beschuldigten Professor Hirt erbaten die Beamten "tunlichst baldige" Stellungnahme - woraufhin der Mediziner die Vorwürfe umgehend als "Gräuelmärchen" abtat: Im Leichenkeller seines Instituts befänden sich Leichen und Einzelpräparate, "wie das in jeder Anatomie der Fall" sei, erklärte der Ende 1944 vor den anrückenden Alliierten vorsichtshalber nach Tübingen ausgewichene Anatom.

Fahnder "lächerlich machen"

Das "einzige, was in meinem Institut mit Rassefragen zu tun" habe, sei eine "große anthropologische Schädelsammlung", die schon vor dem Ersten Weltkrieg angelegt worden sei, so Hirt. Darunter seien Schädel von "Ägyptern, Negern, Chinesen, Japanern, Deutschen, Engländern, Franzosen". Er habe es als seine "selbstverständliche Pflicht" angesehen, "diese Schädelsammlung zu erhalten und sie der Tradition des Instituts gemäß und nach Möglichkeit nach modernen Gesichtspunkten weiterzuführen".

Doch hinter Hirts "modernen Gesichtspunkten" verbarg sich ein grausames Geheimnis - das der NS-Professor mit einer ausgeklügelten Kommunikationsstrategie lange verbergen konnte. Erst nach aufwendigen Untersuchungen konnten die zuständigen Ermittler der französischen Militärpolizei den Professor als skrupellosen Mörder überführen.

Hilfreich zur Hand ging Hirt bei der Verschleierung des Geschehens die NS-Organisation "Ahnenerbe", eine pseudowissenschaftliche Vereinigung von NS-"Rasseforschern". Deren Hauptgeschäftsführer Wolfram Sievers befand, Hirt sei "sehr geeignet für eine pressepolitische Auswertung". Sein Plan: die von den Alliierten eingesetzte Untersuchungskommission "in Artikeln lächerlich machen" und nebenbei herausfinden, "was die Feindseite überhaupt weiß". Dazu sollte das Auswärtige Amt über diplomatische Kanälen anbieten, dass sich Hirt einer neutralen Kommission zur Verfügung stellen würde. Etwa zeitgleich verabredeten Hirt und Sievers, alle noch vorhandenen Unterlagen über die Einzelheiten des 86-fachen Mords zu vernichten.

Eine heiße Spur

Doch bald fanden die französischen Ermittler eine heiße Spur. Sie führte von der NS-gelenkten "Reichsuniversität" Straßburg in das rund eine Autostunde entfernte Konzentrationslager Natzweiler-Struthof. Dessen im April 1945 von den Briten festgenommene ehemalige Kommandant, Joseph Kramer, enthüllte, dass die 86 Frauen und Männer, deren Leichen im Straßburger Anatomiekeller entdeckt worden waren, Anfang August 1943 aus Auschwitz ins Elsass deportiert und im KZ Natzweiler-Struthof umgebracht worden waren.

Aber erst während des sogenannten Nürnberger Ärzteprozesses, der ab Dezember 1946 im Justizpalast der fränkischen Metropole stattfand, erfuhr die Öffentlichkeit weitere Einzelheiten des beispiellosen Verbrechens. Demnach hatte Hirt mit den Köpfen der jüdischen Opfer tatsächlich die historische Schädelsammlung seines Instituts ergänzen wollen.

In einem für den "Reichsführer SS" Heinrich Himmler verfassten Papier hatte Hirt nicht groß um seine Absicht herumgeredet: "In den jüdisch-bolschewistischen Kommissaren, die ein widerliches, aber charakteristisches Untermenschentum verkörpern, haben wir die Möglichkeit, ein greifbares wissenschaftliches Dokument zu erwerben, indem wir ihre Schädel sichern." Opfer sollten gezielt in Lagern mit russischen Kriegsgefangenen aufgespürt, anthropologisch vermessen und anschließend erschossen werden. "Für die Aufbewahrung und die Erforschung des so gewonnenen Schädelmaterials wäre die neue Reichsuniversität Straßburg ihrer Bestimmung und ihrer Aufgabe gemäß die geeignetste Stätte", so Hirt voller Zynismus.

Auftrag erweitert

Warum die SS-Mediziner statt Kriegsgefangenen schließlich KZ-Häftlinge als Opfer wählten, ist bis heute unklar, ebenso, wie es zur Ausweiterung des Auftrages von einer "jüdischen Schädel-" zu einer "jüdischen Skelettsammlung" kam. Einer, der den Grund nennen konnte, schwieg sich darüber aus: Bruno Beger. Im Oktober 2009 ist der ehemalige SS-Hauptsturmführer und Anthropologe im Alter von 98 Jahren in Königstein/Taunus gestorben. Im Juni 1943 war er mit dem Tübinger Anthropologen Hans Fleischhacker und dem Präparator Wilhelm Gabel nach Auschwitz gereist, hatte dort die angeforderten Juden selektiert und nach damals gängigen "rassebiologischen" Kriterien kategorisiert.

Wegen einer gefährlichen Fleckfieberepidemie brachen die Wissenschaftler ihre Auschwitz-Mission vorzeitig ab. Statt der vorgesehenen 150 Juden wurden so lediglich 86 Juden per Reichsbahn ins Elsass nach Natzweiler gebracht, wo der perverse Auftrag schließlich kaltblütig zu Ende geführt wurde. Die selektierten Frauen und Männer, so berichtete eine Augenzeugin nach dem Krieg, hätten sich in Auschwitz "voller Freude" verabschiedet, weil sie der Lüge glaubten, in ein besseres Lager zu kommen.

Ziffern am Unterarm

Das elsässische KZ war kein Vernichtungslager wie Auschwitz. Die Gaskammer, in der die verschleppten Auschwitz-Häftlinge ermordet wurden, hatten deutsche Medizinprofessoren für medizinische - und oft tödliche - Giftgas-Experimente an Struthof-Häftlingen eingerichtet. Die Leichen der unglücklichen 86 brachten SS-Männer nach Straßburg ins Anatomische Institut zu August Hirt. Weil aber die erforderlichen Gerätschaften kriegsbedingt fehlten, wurden ihre sterblichen Überreste nicht mehr zu Skeletten präpariert und lagen über ein Jahr unberührt in Bottichen konserviert.

Erst im Spätsommer 1944, als wegen der nahenden Alliierten die Evakuierung des Instituts nach Tübingen anstand, ordnete Hirt (der sich kurz nach Kriegsende erschoss) an, den Großteil der konservierten Leichen zu vernichten. Doch die Anatomiemitarbeiter hatten die Spuren des Grauens nicht mehr rechtzeitig beseitigen können. Die von der französischen Militärjustiz beauftragten Gerichtsmediziner stellten im Juni 1945 eine fürchterliche Bilanz auf: 16 vollständige und 70 zerstückelte Körper in insgesamt 224 Teilen, aber ohne Köpfe - die waren angeblich im Straßburger Krematorium verbrannt worden.

Mehr als 60 Jahre lang lagen die Autopsie-Protokolle der französischen Gerichtsmediziner in Archiven - ehe sie für die Identifizierung der Leichen herangezogen wurden: An 13 der 16 Leichen hatten die Gerichtsmediziner an den linken Unterarmen Zahlenfolgen festgestellt, ebenso an drei Rümpfen. Die Ziffern waren die Nummern, die den Ermordeten in Auschwitz in die Haut tätowiert worden waren.

Schicksal geklärt

Die Nummern waren schon Henry Henrypierre aufgefallen, der die aus dem KZ Natzweiler-Struthof angelieferten Leichen in Straßburg entgegengenommen hatte. Doch er konnte sie nicht deuten. Der Anatomiehelfer hatte die Zahlen heimlich notiert, weil ihm Zweifel kamen, dass diese Toten auf natürliche Weise gestorben waren. Seine Notizen gab er nach der Befreiung der Militärpolizei. Sie nahm Henrypierre in die Akten auf. Die Gelegenheit, damit alle Nummern wieder in Namen zurückzuverwandeln und die Toten zu identifizieren, blieb ungenutzt.

Dabei gibt es von dem Mann mit der Nummer 107969 sogar ein Foto, das ihn auf dem Untersuchungstisch der Gerichtsmediziner zeigt. Die Ziffern sind problemlos ablesbar. Als Rachel Pomeranz 1956 ihren Onkel Menachem in Jad Vaschem in die Liste der Shoa-Opfer eintrug, hätte sie somit im Grunde schon sein genaues Schicksal kennen können. Menachem Taffel war ein in Galizien geborener Jude, der zuletzt als Milchmann arbeitete und mit seiner Familie in Berlin lebte.

Heute sind nach einer aufwendigen Spurensuche nicht nur die Namen der 86 Opfer bekannt, sondern auch ihre Biografien dokumentiert. Die Toten aus dem Straßburger Anatomiekeller stammen aus acht Ländern - ihr gemeinsames Schicksal zeigt die ungeheure Dimension des Massenmordes an den europäischen Juden durch die Nationalsozialisten. Wer Alice Simon aus Berlin und Elisabeth Klein aus Wien, Frank Sachnowitz aus Larvik und Maurice Francese aus Thessaloniki, Jean Kotz aus Paris und Levi Khan aus Amsterdam, Marie Sainderichin aus Brüssel und Fajsch Gichman aus Szereszow, diese und alle anderen, postum ein Stück ihres Leidensweges begleitet, für den bekommt die Geschichte dieses Verbrechens eine neue Tiefenschärfe.

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