NS-Vergangenheit Meine Großeltern, die Nazis?

Opfer, Mitläufer oder Täter? Moritz Pfeiffer ging der NS-Vergangenheit seiner Großeltern auf den Grund. Über das Ergebnis seiner Recherche hätte er gern mit ihnen gesprochen.

Moritz Pfeiffer

Meine Großeltern waren keine bekannten Persönlichkeiten. Sie hatten zwischen 1933 und 1945 keine herausragende Stellung in Staat oder Gesellschaft. Sie waren "ganz normale Deutsche", die den Nationalsozialismus mit trugen, die begeistert waren, die sich aktivieren ließen, die Opfer brachten und zu Mittätern wurden. Ich habe ihre Geschichte in meiner Magisterarbeit aufgeschrieben und geprüft. Ich wollte wissen: Waren meine Großeltern wirklich überzeugte Nazis? Und wenn sie für eine totalitäre Ideologie zu begeistern waren, bin ich dann auch gefährdet, mich in vergleichbarer Situation ebenfalls schuldig zu machen?

Als ich meine Magisterarbeit abschloss, war ich 25 Jahre alt. Im gleichen Alter kehrte mein Großvater aus anderthalbjähriger amerikanischer Kriegsgefangenschaft nach Deutschland zurück. Mit 16 Jahren hatte er in seiner Heimatstadt ein "Fähnlein" im "Jungvolk" geleitet, meine Großmutter war "Stammführerin" und befehligte etwa 1000 Mädchen im "Bund Deutscher Mädel". Mit 19 Jahren trat sie freiwillig in die NSDAP ein.

Mit 18 wurde mein Großvater im frischeroberten Polen als Offiziersanwärter in der Infanterie ausgebildet, mit 19 Jahren erlebte er seinen ersten Fronteinsatz in Frankreich, mit 21 Jahren verlor er nach 15 Monaten Einsatz im Russlandfeldzug vor Stalingrad sein rechtes Auge. Mit 22 Jahren wurden er und meine Großmutter Zeugen des alliierten Bombenkrieges gegen die deutschen Städte, mit 23 Jahren war er Teil der Besatzungs-truppen in Metz. Als mein Großvater 1946 in seine Heimatstadt zurückkehrte, sah er zum ersten Mal seine bereits 18 Monate alte Tochter.

Kaum zu glauben

Diese bewegte Vita habe ich zunächst in Erinnerungsinterviews dokumentiert. Später habe ich diese mit zeitgenössischen Briefen, Wehrmachtspersonalunterlagen, Kriegstagebüchern und den Erkenntnissen der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung verglichen. Ich habe versucht, so objektiv wie möglich an das Thema heranzugehen, wollte meine Großeltern weder verurteilen noch "reinwaschen".

Mein Großvater sagte, er habe während seiner Stationierung in Polen erstmals gerüchteweise von "rigorosem Vorgehen" der SS gehört. Die "Legende der sauberen Wehrmacht" war jedoch bei ihm tief verwurzelt. Ihr zufolge führte das Heer einen wertneutralen, "sauberen" Krieg gänzlich nach den Bedingungen des Völkerrechts.

Dieser Darstellung zu glauben, fiel mir schwer. In Russland war die Einheit meines Großvaters der 6. Armee von Generalfeldmarschall Walter von Reichenau unterstellt. Zahlreiche seiner Befehle waren völkerrechtswidrig, rassistisch und verwendeten nationalsozialistisches Sprach- und Gedankengut. Er forderte seine Soldaten auf, Mittel anzuwenden, "die nicht unserer Art entsprechen, noch jemals von deutschen Soldaten gegen eine feindliche Bevölkerungsgruppe angewendet worden sind".

Mein Großvater bestand in seinen Erzählungen jedoch darauf, dass nur Einheiten der SS in seinem Abschnitt Kriegsverbrechen verübt hätten. Er hat seine Handlungen im Krieg, durch die die Haupttäter ihrer Opfer überhaupt erst habhaft wurden, nie zum Holocaust gezählt.

Mein Großvater - ein Kriegsverbrecher?

Meine emotionale Grenze erreichte ich bei der Frage nach den Kriegsverbrechen meines Großvaters. Der "Kommissarbefehl" des Oberkommandos der Wehrmacht vom 6. Juni 1941 schrieb den Truppenoffizieren der Wehrmacht vor, im Falle der Gefangennahme von sowjetischen Soldaten die Politischen Kommissare der Roten Armee sofort "abzusondern" und "mit der Waffe zu erledigen".

Mein Großvater war von Juni 1941 bis September 1942 im Russlandfeldzug Kompanieführer und Bataillonsadjutant und folglich diesem Befehl zum Mord unterworfen. Ich habe mich bis zum heutigen Tag nicht dazu durchringen können, sorgfältig und mit allen Mitteln zu recherchieren, ob mein Großvater diesen Befehl ausgeführt hat.

Immer wieder erstaunt war ich über die Unsensibilität meiner Großeltern gegenüber dem Leid, dass Deutsche anderen Zivilbevölkerungen zugefügt haben. Demgegenüber löste der alliierte Bombenkrieg gegen Deutschland, dessen Auswirkungen meine Großeltern während des Angriffes auf ihre Heimatstadt am eigenen Leib erfuhren, sehr wohl Unverständnis, Entsetzen und Wut aus.

"Ich bin im Banne der Führerworte!"

Rückblickend erzählten meine Großeltern, schon ab etwa 1943 nicht mehr siegessicher gewesen zu sein und die Durchhalteparolen der NS-Propaganda als "Hochjubelei" und Inszenierung wahrgenommen zu haben. Ihre zeitgenössischen Briefe belegen hingegen, dass etwa die berüchtigte Sportpalast-Rede von Propagandaminister Joseph Goebbels ("Wollt ihr den totalen Krieg?") großen Eindruck auf sie machte.

Auch Adolf Hitler selbst hatte von seiner Wirkungskraft noch nichts eingebüßt. Nachdem sie eine "Führer-Rede" im Radio gehört hatte, schrieb meine Großmutter im November 1943: "Noch bin ich ganz im Banne der Führerworte! Ich glühe förmlich vor Begeisterung! Wie viel Vertrauen, Glauben und Kraft geben einem doch immer wieder aufs Neue die Worte des Führers! Man fühlt sich danach so stark, zum Bäume ausreißen!"

Keinesfalls waren meine Großeltern nur Mitläufer oder Opfer. Als kleine Rädchen im Getriebe leisteten sie dem Nationalsozialismus keinen massiven Vorschub. Und doch sorgten sie an ihrem jeweiligen Posten dafür, dass er bestand.

Sprachlos

Nach 1945 setzte für meine Großeltern ein schmerzhafter Prozess der Auseinandersetzung mit den eigenen früheren Idealen, Anschauungen und Erfahrungen ein. Die nun unleugbaren Verbrechen des NS-Regimes und das Wissen um den eigenen Anteil daran beschäftigten sie bis ins hohe Alter. Mich überraschte immer wieder aufs Neue die konsequente verbale Abwehr von Schuld und Scham. Sie gaben vor, von den Verbrechen nichts gewusst zu haben - was die Analyse der Briefe jedoch widerlegte. Sie fühlten sich denn wohl schuldig. Diese Sprachlosigkeit versuchten meine Großeltern, innerfamiliär durch das Verschenken von entsprechender Literatur zu überwinden, etwa durch Uwe Timms "Am Beispiel meines Bruders".

Ihre Begeisterung für den Nationalsozialismus erkläre ich mir mit mehreren Faktoren - nicht zuletzt ihre Erziehung und Sozialisierung in nationalistischen, konservativen Elternhäusern und in NS-Jugendorganisationen. Die hier zahlreich gemachten persönlichen Erfahrungen müssen in Verbindung mit den Inszenierungen der NS-Propaganda in ihren Augen legitimierend gewirkt haben. Diese Erkenntnis soll und will jedoch ihr Wissen um und ihren - direkten oder indirekten - Anteil an den beispiellosen NS-Verbrechen nicht als unumgänglich oder akzeptabel erscheinen lassen.

Leider sind meine Großeltern gestorben, bevor meine Arbeit fertig war. So konnten wir nicht mehr über die Ergebnisse diskutieren. Ich bin aber überzeugt: Die Aufarbeitung der eigenen nationalsozialistischen Familiengeschichte von 1933 bis 1945 muss nicht mit bösem Blut enden. Natürlich ist sie unangenehm und intim, aber sie sensibilisiert und entdämonisiert. Wer versteht, wie die eigenen Verwandten aktiviert werden konnten, ist selbst vielleicht weniger anfällig für Populismus, Hetzparolen und Missbrauch. Eine grundlegenden Tatsache sollte zumindest bewusst sein: Nationalsozialismus und Holocaust sind Teil unserer Familiengeschichten.

Zum Weiterlesen:

Moritz Pfeiffer: "Mein Großvater im Krieg 1939-1945. Erinnerung und Fakten im Vergleich". Donat-Verlag, Bremen 2012, 216 Seiten.



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Hilmar Zeissig, 24.05.2009
1.
Eine erstklassige, gut recherchierte und dennoch gefühlvolle Analyse eines jungen Zeitgenossen. Ich bin eine Generation älter und gerade noch vor Kriegsbeginn geboren. Meine beiden Grossväter waren Offiziere im I. Weltkrieg, einer war General im II. Weltkrieg. Mein Vater war Kriegsfreiwilliger im I. Weltkrieg, wanderte dann nach Argentinien aus und kam als begeisterter Nationalsozialist und hauptamtlicher Mitarbeiter der Auslandsorganisation der Partei 1936 nach Deutschland zurück. !939 wurde er als Landesgruppenleiter der NSDAP nach Prag geschickt und empfing dort den Führer nach der Besetztung der Tschechoslovakei. Er hätte dann als "unabkömmlich" auf seinem sicheren Posten in Berlin bleiben können, meldete sich aber bei Beginn des Krieges wieder freiwillig als Reserveoffzier zu seinem Infanterieregiment zurück. Nach dem Frankreichfeldzug wurde er Landesgruppenleiter der NSDAP in Paris. Nach dem Einmarsch in Russland ritt er als Chef einer Infanteriekompanie durch den grausamen Winter bis in die Vororte von Moskau, wurde dort 27.12. 1941 verwundet und starb am 6.1.1942 im Feldlazarett von Wjasma. Ich habe 1958/59 freiwillig bei der Bundeswehr gedient und als Reserveoffizier mehrere Wehrübungen absolviert. Der Grund dafür war vor allem mein Wunsch, mit den kriegsgedienten Offizieren und Unteroffizieren über deren Erfahrungen und Motivationen während des Krieges zu diskutieren, was mir leider mit meinem Vater und meinen Grossvätern nicht mehr vergönnt war. Diese langen Nächte am Biertisch und meine Lektüre von zeitgenössichen Dokumenten, einschliesslich der Briefe zahlreichen Briefe und Notizen meines Vaters haben mich ein weniger wissenschaftlicher Weise zu ganz ähnlichen Erkenntnisse wie Moritz Pfeiffer geführt, und ich stimme seine Schlussfolgerungen in jeder Weise zu. Nirgends in den mir zugänglichen Famniliendokumenten ergibt sich ein Hinweis auf die Kenntnis der Vorfahren von den Greueltaten der letzten Kriegsjahre, aber die Logik spricht dagegen, dass sie nicht gewusst haben. Tatsache ist, dass wir uns in die Situation und das Verhalten unserer Vorfahren nur unvollkommen hineinversetzten können, dass wir daraus aber Lehren für unser eigenes Leben ziehen und reichlich Anlass zu einer kritischen Einstellung zum politischen und gesellschaftlichen Umfeld finden sollten.
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