NS-Widerstand Agent aus der Luft

Er ließ sich den Mund nicht verbieten und bezahlte fast mit dem Leben: In letzter Sekunde gelang dem österreichischen Nazigegner Alois Bilisics die Flucht vor der Gestapo. In Ägypten heuerte ihn der britische Geheimdienst an.

Josef Königsberg

Erzählen möchte ich die Lebensgeschichte meines Schwiegervaters Alois Bilisics, der im Zweiten Weltkrieg als einer der wenigen österreichischen Widerstandskämpfer sein Leben für die Bewahrung von Freiheit und Gerechtigkeit riskierte. Meine Aufzeichnungen habe ich nach seinen Erzählungen, die mir nach all den Jahren im Gedächtnis geblieben sind, angefertigt. Seine Devise war: "Jeder von uns hat das unveräußerliche Recht zu entscheiden, was richtig und was falsch ist. Das ist Freiheit, das ist Recht auf Kritik."

Alois Bilisics entstammte einer kroatisch-ungarischen Familie (in der Grundschule wurde noch in ungarischer Sprache unterrichtet), die im Burgenland ansässig war. Zur Zeit der Annektierung Österreichs durch das deutsche Nazi-Regime war er ein junger Jura-Student an der Universität von Wien, der durch überdurchschnittliche Intelligenz, großen Ehrgeiz und Eloquenz hervorstach. Studium und Unterhalt finanzierte er, indem er Studenten aus wohlhabenden Familien Unterricht erteilte und ihnen bei der Vorbereitung ihrer Examina half. In Wien lernte er Maria kennen, und als der Zweite Weltkrieg ausbrach, entschied das junge Paar, rasch zu heiraten.

Alois und Maria entstammten gutbürgerlichen, katholischen Familien. Ihre Weltanschauung passte so gar nicht zu den faschistischen Grundsätzen der Nationalsozialisten, die auch in der österreichischen Bevölkerung immer mehr Anhänger fanden. Ihr innerer Widerstand gegen die deutschen Machthaber wuchs von Tag zu Tag - doch offene Kritik war gefährlich, weshalb sie sich heimlich mit Gleichgesinnten trafen. Bei einem dieser Treffen äußerte sich Alois sehr negativ über die Person und Politik Hitlers. Einer der Anwesenden, offenbar ein Spitzel, informierte die Geheime Staatspolizei. Kurz darauf drang die Gestapo mit einem Trupp Bewaffneter in Alois' Elternhaus ein.

"Verräter des Volkes"

Alois gelang in letzter Sekunde die Flucht. Er konnte zu seiner Schwester ins Burgenland flüchten, die ihn in einem Kartoffelbunker versteckte. Die Gestapo kam ihm jedoch bald auf die Spur, zumal die antifaschistische Gesinnung der Familie bekannt war. Dank der Warnung von Freunden, die das Fahrzeug der Nazis in Richtung des Hauses seiner Schwester fahren sahen, konnte Alois auch dieses Mal noch rechtzeitig entkommen. Sein Schwager sattelte ihm in aller Eile ein Pferd, mit dem er in Richtung ungarische Grenze ritt. Von Ungarn aus nahm er Kontakt zu einer Widerstandsgruppe auf. Mit ihrer Hilfe kam er nach Ägypten, das zur damaligen Zeit unter britischem Mandat stand.

Der britische Geheimdienst wurde auf ihn aufmerksam und warb ihn an. Bilisics, der im Widerstand den Decknamen "Brenner" trug, wurde der österreichischen Sektion von SOE (Special Operations Executive - eine aktive britische nachrichtendienstliche Spezialeinheit während des Zweiten Weltkriegs) zugeteilt, in Kairo zum Funk- und Fallschirmagenten ausgebildet und nach nur sechs Monaten in einem Kampfgeschwader eingesetzt, das unter anderem in dem unter britischem Mandat stehenden Palästina sowie an verschiedenen Fronten in Italien gegen das deutsche Regime kämpfte.

Am 19. November 1944 sprang Alois bei Tolmezzo (Friaul) aus 1500 Meter Höhe ab. Von da aus ging es durch den Tagliamento nach San Daniele und Udine mit dem Ziel, die slowenische Grenze zu erreichen, um dort mit den Partisanen dem deutschen Heer den Weg abzuschneiden.

Alois ahnte nicht, dass seine Frau, die er so plötzlich verlassen hatte, schwanger war. Maria und er hatten über Monate keinen Kontakt zueinander. Selbst die Geburt seiner kleinen Tochter blieb ihm zunächst verborgen. Da er in der Zwischenzeit von einem Sondertribunal in Wien in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war und als Verräter des Volkes gesucht wurde, verließ meine Schwiegermutter aus Angst vor Repressalien mit ihrer Tochter Brigitte Wien, um sich bei ihrer Familie auf einem Bauernhof versteckt zu halten.

Rückkehr nach Österreich

Nach Ende des Krieges kehrte Alois nach Österreich zurück, in Graz wurde er als Staatsanwalt eingesetzt. Er machte Karriere, wurde später ins Außenministerium berufen und als Attaché der österreichischen Botschaft in Belgrad akkreditiert. Zwei Jahre darauf berief ihn das Auswärtige Amt nach Brüssel. Aufgrund seiner internationalen Verbindungen lernte er Größen wie Kurt Waldheim und Bruno Kreisky kennen, zu denen er einen persönlichen Kontakt pflegte.

Eine große Ehre wurde ihm zuteil, als er 1954 vom damaligen belgischen König Boudouin I mit dem Orden "Officier de l'Ordre de la Couronne" ausgezeichnet wurde.

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Auch für uns ist und bleibt er ein großer Mann, der, umgeben von Denunzianten, fanatischen Regimeanhängern und passiven Mitläufern den Mut aufbrachte, Widerstand zu leisten und damit seine gesamte vielversprechende Zukunft riskierte, obwohl er die Möglichkeit hatte, sich zu arrangieren und alle Vorteile seines Standes mithilfe der staatstragenden Macht zu genießen, wie viele andere es auch taten. 1971 verstarb Alois Bilisics im Alter von nur 58 Jahren aufgrund einer schweren Lungenerkrankung. Meine Frau Brigitte und ich gedenken seiner mit großem Stolz und in Anerkennung seiner mutigen Taten.



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