Hitlers Aufstieg Am Wahlkampf lag es nicht

Hitlers Wirkung auf Wähler war überraschend gering - seine vielen Wahlkampfauftritte bis 1933 beeinflussten die Reichstagswahlen nur marginal. Das folgern Forscher aus einer neuen Analyse.

ullstein bild/ Heinrich Hoffman

455-mal trat der wahlkämpfende NSDAP-Chef Adolf Hitler zwischen 1927 und 1933 öffentlich auf - doch diese Auftritte waren für die Reichstagswahlergebnisse offenbar nicht entscheidend.

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Zu diesem erstaunlichen Schluss - die Ergebnisse der NSDAP steigerten sich in dieser Periode immerhin von 3 auf 44 Prozent - kommt eine Studie der Politologen Simon Munzert von der Hertie School of Governance und Peter Selb von der Universität Konstanz.

Die Autoren haben Wahlstatistiken aus 1000 Landkreisen und Bezirken sowie 3864 Kommunen analysiert und die Entwicklung der Wahlergebnisse in Gebieten, in den Hitler Reden hielt, mit jenen verglichen, in denen er nicht auftrat. Flächendeckend zeigte sich, dass sein Wahlkampf räumlich und zeitlich nur sehr begrenzt wirkte.

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Hitlers Wahlkampf: "Marginaler Effekt seiner Auftritte"

"Wir sind überrascht, wie marginal der Effekt von Hitlers Auftritten war, obwohl ihm von Zeitzeugen und Historikern überragende rhetorische Fähigkeiten attestiert werden", so Selb und Munzert. Die Ergebnisse seien umso bemerkenswerter, weil Hitlers Kampagne sich auch durch den Einsatz neuer Techniken wie Lautsprecher und Flugzeuge von der Konkurrenz abhob.

Entscheidend für die Wahlerfolge der Nazis müssen daher andere Umstände gewesen sein: Massenarbeitslosigkeit, wirtschaftliche Not oder die Schwäche staatlicher Institutionen. Selbs Fazit: "Erst der Wegfall der Meinungsvielfalt im Zuge der Gleichschaltung nach 1933 verlieh Hitler seine demagogische Durchschlagskraft."

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insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Edgar Zander, 04.08.2018
1. Jedenfalls ist es anderen Forschern gelungen,.....
.....durch statistische Auswertungen von Daten auf Wahlkreisebene, einen Nachweis zu erbringen, dass es bezüglich des Aufstiegs der Nazis einen großen Zusammenhang zur Austeritätspolitik von Brüning gab. Vor einiger Zeit hat dazu ja auch der Spiegel-Kolumnist Thomas Fricke berichtet: „Das beeindruckende Ergebnis: Den größten Zulauf bekamen die Nazis gar nicht dort, wo es als Folge von Finanzcrash und Rezession per se etwa besonders viele Arbeitslose gab. Die wählten damals vor allem die Kommunisten. Die Stimmenzuwächse gab es vor allem dort, wo besonders brachial Austerität durchgezogen wurde, die Steuern besonders deutlich angehoben und Ausgaben etwa für Rente oder Gesundheit gekürzt worden waren. Das betraf oft Leute aus der Mittelschicht - kommt uns bekannt vor, oder?“ http://www.spiegel.de/wirtschaft/handelskrieg-und-populismus-in-italien-zurueck-in-die-dreissigerjahre-kolumne-a-1197182.html https://www.anderson.ucla.edu/Documents/areas/fac/gem/nazi_austerity.pdf
Frank Furtner, 04.08.2018
2. Nicht so überraschend
Wenn in einer Großstadt 1000 Leute kommen, was schon viel ist, so ist das eben trotzdem nur 1%. Hinzu kommt, dass größtenteils Leute hingehen werden, die sowieso schon Fans sind. Zudem verschmiert sich der Effekt, wenn eine Veranstaltung in X war, kommen auch Leute aus den gar nicht besuchten Gebieten Y und Z, oder sie erfahren von faszinierten Bekannten, wie es war. Radio gab es auch schon, ein Auftritt bot also nicht den absolute Neuheitseffekt. Ein Vergleich mit der heutigen Zeit wäre angebracht. Ich schätze dass auch heute der Effekt marginal ist.
Michael Vogl, 04.08.2018
3. Hitler
Gelang deshalb an die Macht, weil die Siegermächte Deutschland haben ausbluten lassen. Es gibt genügend Zitate führender Politiker zu dieser Zeit. Hitler kam auch deshalb so gut an, weil er sagte, jetzt ist Schluss. Diesen großen Fehler nach dem 1 ten Weltkrieg, haben die Alliierten nach dem 2 ten nicht mehr gemacht. Weltwirtschaftskrise kam erschwerend dazu
Fred Will, 04.08.2018
4. Holzweg-Analyse ....
Ein Satz wie: "Erst der Wegfall der Meinungsfreiheit ab 1933 .... verlieh Hitler seine demagogische Durchschlagskraft"... (sinngemäß aus dem Gedächtnis zitiert) zeigt, das an dieser Analyse ganz offensichtlich etwas nicht stimmen kann. Als Hitler erst einmal Reichskanzler war, und die Nazis mit der geplanten Beseitigung der gesamten Opposition begannen, hatte Hitler seine "demagogische Rhetorik" am wenigsten nötig. Sie diente nur noch zur Verstetigung der errungenen Macht und zur Einschüchterung anderer Länder. Hitler hat durch seine Reden vor 1933 die NSDAP sozusagen "in die Öffentlichkeit geschrien" - wobei er meistens gar nicht geschrien aber sehr wirkungsvoll vor dem Hintergrund der Wirtschaftskrise demagogisch argumentiert hat. Das man seine Wirkung in der Öffentlichkeit an seinen Redeorten messen kann, ist eine geradezu törichte Forschungsidee. Denn Hitler sprach für die Medien seiner Zeit, in dem Wissen das sie über viele seiner Auftritte schreiben und berichten würden. Das war Hitlers Kalkül und das der NSDAP-Propagandastrategen (Goebbels !) vor 1933 und darin waren sie allen anderen Parteien ihrer Zeit überlegen. Wie man ca. 85 Jahre danach noch eine derart naive wissenschaftliche Analyse ausführen kann, zeigt auch heute noch, welche Langzeitwirkungen die teuflische Saat von Hitler & Co. bis heute hat. Und das ist wahrhaft beunruhigend!
Hans-Gerd Wendt, 04.08.2018
5. Ursachenforschung
Die NSdAP hatte nie eine eigene Mehrheit im Reichstag, und Hitler wurde nicht gewählt, sondern ernannt. Ernannt von den Anführern der rechtsbürgerlichen Parteien und einer Reihe Industrieller. Die Nazipartei war schon auf dem absteigenden Ast, als Hitler Kanzler wurde, und natürlich war der "Wegfall der Meinungsvielfalt" - eine freundliche Umschreibung der brutalen Diktatur nach dem Reichstagsbrand - Ursache für den dann ungebremsten Aufstieg der Faschisten.
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