Nürburgring Tod auf der Piste

Rudi Izdebski liebt Autorennen. Doch was der Motorsportfan am 24. Mai 1981 auf der berüchtigten Nordschleife des Nürburgrings erlebte, erschütterte ihn zutiefst: Direkt vor seinen Augen verbrannte der Spitzen-Rennfahrer Herbert Müller in seinem Porsche. Bis heute ist der Unfall nicht aufgeklärt.

Rudi Izdebski

Es sollte eine große Veranstaltung werden, und die Vorzeichen dafür waren gut: das 1000-Kilometer-Rennen auf der Nordschleife des Nürburgrings im Jahr 1981. Das Team von Reinhold Jöst brachte einen Porsche 936 in die Eifel, der offiziell gar kein 936 sein durfte und deshalb die Bezeichnung 908/80 trug. Jösts Teamkollege war der Porsche-Werksfahrer Jochen Mass. Zakspeed karrte den Super-Capri an und besetzte ihn mit der absoluten Top-Paarung Winkelhock/Niedzwiedz. Hans Joachim Stuck und der amtierende Formel-1-Weltmeister Nelson Piquet pilotierten den Sauber BMW M1 von GS-Tuning. Jürgen Barth, der das Rennen im Jahr zuvor gewonnen hatte, startete im Vorjahres-Siegerwagen, dem Porsche 908/4 Turbo. Sein Beifahrer war Volkert Merl.

Rallye-Weltmeister Walter Röhrl steuerte, zusammen mit Grohs und Schornstein, einen Porsche 935 - und bewies eindrucksvoll, dass er auf allem, was vier Räder hat, superschnell war. Weitere große Namen bei den Fahrern und Wagen komplettierten das hochwertige Starterfeld. Der Formel-1-Weltmeister und der Rallye-Weltmeister zusammen in einem Rennen am Ring! Die Zuschauer waren gespannt - und wurden schon beim Warming-Up für ihr Kommen belohnt: Manfred Winkelhock fuhr den Gruppe-5-Capri in unglaublichen 7:18,48 Minuten um den 22,835 Kilometer langen Kurs. Das war absoluter Gruppe-5-Rekord! Damit war Winkelhock im Super-Capri satte 8,5 Sekunden schneller als der Porsche 936 von Jochen Mass.

Allerdings fiel der Super-Capri kurz darauf aus, eine knappe Stunde vor dem Rennen. Manfred Winkelhock bemerkte, dass der Motor sehr zäh lief, und fuhr langsam an die Box zurück. Im Ölfilter entdeckten die Techniker Späne: Lagerschaden. Feierabend. Winkelhock war zerknirscht.

Verhängnisvoller Wagen am Straßenrand

Dann der Start: Ohne den Super-Capri hatte der Jöst-Porsche leichtes Spiel. Jochen Mass fuhr den Start-Turn und setzte sich schnell ab. Dahinter balgten sich die anderen Porsche, BMW, Lancia und Lola um die Plätze. Noch in der ersten Runde gab es einen leichten Unfall: Der Lola T600 und der Coca-Cola-935 des Akin-Teams kamen sich zu nahe, was dazu führte, dass die Fahrt des 935 im Kesselchen endete. Der Wagen wurde entgegen der Fahrtrichtung am linken Fahrbahnrand abgestellt. Es fing leicht an zu nieseln, aber wirklich nass wurde die Strecke nicht.

Doch dann der Schock: Der Fahrer eines Porsche 930 drehte sich im Kesselchen, ohne groß anzuschlagen - da hörten wir Zuschauer ein schürfendes, schabendes Geräusch und dann einen dumpfen Knall. Herbert Müller war mit seinem Porsche 908 frontal in den stehenden Akin-Porsche 935 geknallt.

Qualm und Feuer bestimmten die Szene direkt vor unseren Augen. Die Zuschauer, die den Aufprall mitbekommen hatten, starrten schockiert auf die Unfallstelle. Andere kamen angerannt, um die Szene stumm zu beobachten. Die Streckenposten reagierten präzise und schnell. Schon weit vor der Unfallstelle schwenkten sie gelbe Flaggen, um zu verhindern, dass die nachfolgenden Wagen, die sich hinter einer Kurve befand, in die Unfallstelle fuhren. Die hervorragende Planung und Arbeit der Rettungsstaffel der Organisation Nationale Sicherheit (ONS) wurde offensichtlich: Innerhalb einer Minute war ein Rettungswagen am Unfallort.

Manche Fahrer hielten an, andere fuhren zwischen dem Rettungswagen und den Helfern an dem Feuer vorbei. Dazu muss gesagt werden, dass keiner der Fahrer wusste, dass Herbert Müller noch im Wagen saß. Zudem war das Rennen noch nicht abgebrochen worden.

Lebensgefährlicher Einsatz der Streckenposten

Der Rettungswagen fuhr nah an den brennenden Rennwagen heran, aber selbst der große Bordlöscher hatte gegen die lodernden Flammen keine Chance. Zu retten gab es ohnehin nichts mehr. Herbert Müller, der vor dem Start von seinem "letzten Rennen" gesprochen hatte, starb direkt beim Aufprall, wie Ärzte später bestätigten.

Während die Löschaktion weiterging, wunderten sich die Leute der Rennleitung, dass nur noch vereinzelte Wagen an der Unfallstelle vorbeikamen. Das waren jene Autos, die zuvor am Feuer vorbeigefahren waren. Ähnlich wie beim Unfall Niki Laudas im Jahr 1976 wussten die meisten Beteiligten auch jetzt nichts Genaues über den Unfall. Auch die Qualmwolke deutete nicht unbedingt auf einen schweren Unfall hin. Man hätte denken könne, ein Wagen habe Feuer gefangen und verbrenne ohne Gefahr für den Fahrer am Streckenrand. Ein Grund, das Rennen abzubrechen, war das nicht. Es als die Rennleitung erfuhr, was passiert war, brach sie das Rennen offiziell ab. Doch zu dem Zeitpunkt hatten die Fahrer das schon vor Ort erledigt: Die Lenker eines Porsche 936 und eines Porsche 908 blockierten einfach die Piste. Streckenposten warnten unter Einsatz ihres Lebens die nachfolgenden Fahrer mit der geschwenkten gelben Flagge.

Es gab später einige Schuldzuweisungen in alle Richtungen. Aber bei genauer Betrachtung gab es keinen Schuldigen. Die Rennleitung konnte nicht früher wissen, was passiert war. Mobiltelefone gab es damals noch nicht, und die Funkverbindung war unterbrochen. Die Fahrer, die an dem brennenden Wagen vorbeifuhren, wussten nicht, dass noch ein Kollege im Auto saß. Solange das Rennen nicht abgebrochen war, taten sie, wofür sie gekommen waren: Rennen fahren. Die ONS und die Streckenposten leisteten tadellose Arbeit.

Warum Herbert Müller die Kontrolle über seinen Wagen verlor, ist bis heute nicht bekannt. Er war die Stelle schon mehrfach gefahren und kannte die Bedingungen.

insgesamt 5 Beiträge
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Willie Beck, 10.10.2007
1.
Der Artikel beschreibt recht gut aus der Sicht eines Laien die Situation, die sich damals am Ring entwickelte. Das Herbert Müller in den abgestellten Porsche reinfuhr ist leider nichts anderes als ein typischer Rennunfall gewesen, leider kann soetwas im Rennsport immer passieren und der 908 war auch damals schon ein "alter Hut", "Stumpen-Herbie" hatte schlicht keine Chance den Aufprall zu überleben. Ein Hinweis sei noch gestattet, dei ONS war damals die " Oberste Nationale Sportbehörde für den Automobilsport in Deutschland", heute nach dem Zusammenschluss mit den Motoradfahren "DMSB" und nicht die "Organisation für Nationale Sicherheit".
Rudi Izdebski, 10.10.2007
2.
Hallo Herr Beck, die Bezeichnung "Organisation für Nationale Sicherheit" stammt nicht von mir. Mein Text wurde von der Redaktion modifiziert. Hier das Orginal: http://www.i-t-d.net/Nurburgring/Nurburgring_81/nurburgring_81.php mfg Rudi Izdebski
Wolfgang Eisele, 19.12.2008
3.
Es hätte dem Artikel "gut getan" wenn man die betreffenden Fahrernamen ( jener welche gehalten haben; aber auch jene welche durchgefahren und danach als Sieger gewertet wurden) - genannt hätte zumal sie zu den bekanntsten und erfolgreichsten Fahrer dieser Zeit zählten ! des weiteren sollte Erwähnung finden, dass die Rennleitung unter dem legendären Ali Schatz erst auf "Druck und Entscheidung" der Fahrer sich dazu entschliessen konnte das Rennen abzubrechen !
Rudi Izdebski, 23.10.2009
4.
Hallo Herr Eisele, generell stimme ich Ihnen zu. Aber mir ging es hier nicht um Schuldzuweisungen oder Fehlverhalten. Auf meiner Website http://www.i-t-d.net/Nurburgring/Nurburgring_81/nurburgring_81.php gibt es aber ein Interview mit Jochen Mass, das diesbezüglich sehr aussagekräftig ist. Mit freundlichen Grüßen Rudi Izdebski
Jörg Bernhardt, 24.05.2018
5. Videodokumentation
Eine Doku von Samsara bei Youtube https://www.youtube.com/watch?v=p2eFlswckbY&pbjreload=10
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