Strandfotos aus Dänemark Das Bilderbuch der NVA-Spione

Sand, Steine, Steilküste - Agenten der DDR sammelten in Dänemark Fotos und Infos, sogar nach dem Mauerfall noch. Wozu nur? Ein Aktenfund gibt Kopenhagener Geheimdienstlern Rätsel auf.

Forsvarets Efterretningstjeneste

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Gestalterisch hätten die Motive noch Luft nach oben. Zu sehen sind: Sand, Strand, Steine, Meer. Ein Boot. Ein Windrad. Ein Leuchtturm. Noch mehr Strand, Steilküste. Und immer wieder Straßen und Deiche.

Einen Dänen konnte nichts davon wirklich überraschen.

Bemerkenswert ist die Fotosammlung dennoch, die Mitte der Neunzigerjahre beim dänischen Nachrichtendienst Forsvarets Efterretningstjeneste (FE) in Kopenhagen landete: ordentlich aufgeklebt und beschriftet in Dutzenden von Schnellheftern, immer zwei Bilder pro Seite, dazu Landkarten-Ausschnitte mit Markierungen für den Aufnahmeort jedes Fotos. In der Summe zeigen die weit mehr als 1000 Seiten fast die komplette dänische Küstenlandschaft.

Erstellt hat die Dokumentation der Militärische Nachrichtendienst der DDR, nicht dafür bekannt, touristische Interessen zu verfolgen - die Fleißarbeit diente der Vorbereitung auf einen Krieg. Die Kenntnisse über Bodenbeschaffenheit, Zuwegung und Anschlüsse ans Hinterland sollten Truppen eine Landung erleichtern, erklärt Thomas Wegener Friis. Der dänische Historiker hat den skurrilen Aktenfund gesichtet.

Mauerfall? Weitermachen!

Auf den Pappdeckeln der Hefter steht eine kurze Inhaltsangabe, mal von Hand in Druckbuchstaben, mal als maschinenbeschriebener Papierstreifen: "Küstenaufklärung Langeland, Band 5, 1. Ausfertigung". Oder: "Küstenaufklärung - Kleiner Belt. Abschnitt: Insel Fünen (III)".

Verblüffend ist die Datumsangabe auf dem Deckblatt einiger Aufklärungsmeldungen: "17.11.89", das war acht Tage nach dem Mauerfall. Die beflissenen Spione hatten sich vom Zerfall der DDR offenbar nicht beirren lassen. War es preußische Disziplin, die sie drängte, die einmal begonnene Arbeit zu Ende zu führen? Für Historiker bleibt es vorerst ein Rätsel.

Fotostrecke

26  Bilder
Fotoalbum der NVA: Was es in Dänemark zu sehen gab

Das gilt auch für den Zeitraum der Dokumentation insgesamt: Die Sowjetunion und ihre osteuropäischen Vasallenstaaten hielten für den Kriegsfall lange an der Doktrin einer schnellen Offensive in Richtung Westen fest. Doch ab Mitte der Achtzigerjahre konnte der Warschauer Pakt nicht mehr schritthalten mit der Waffentechnologie des Westens. "Das machte den Gedanken an einen massiven Vorstoß nach Westeuropa deutlich gewagter, wenn nicht nahezu unmöglich", sagt Wegener Friis. Zudem war die Volksrepublik Polen mit ihrer freien Gewerkschaftsbewegung zu einem unzuverlässigen Bündnispartner geworden.

1987, unter Kremlchef Michail Gorbatschow, hatte die Sowjetunion deshalb ihre offensive Militärdoktrin aufgegeben. Ziel war nicht länger, im Kriegsfall bei einem Vorstoß nach Westen auch Dänemark rasch zu besetzen. Vorrang hatte jetzt die Verteidigung, gegebenenfalls verbunden mit einem Rückzug sowjetischer Truppen in der DDR und in Polen. Dafür allerdings musste man nicht unbedingt wissen, wie es an dänischen Stränden aussah.

Deutscher Tourist mit Kamera - unauffälliger geht's nicht

Hatte sich Gorbatschows neue Linie nicht bis zum Nachrichtendienst der Nationalen Volksarmee (NVA) herumgesprochen, wurden die Spione im dänischen Ferienparadies vergessen? Wer hatte überhaupt die Informationen zusammengetragen?

Die große Fotodokumentation begann bereits 1978, wie die ältesten Hefter zeigen. Zunächst ging es um militärische Objekte wie Munitionslager und Kasernen. Einiges davon offenbar so brisant, dass Teile entfernt wurden, bevor der dänische Nachrichtendienst die Dokumente lange nach Ende des Kalten Krieges freigab.

Dänemark war sowohl Operationsgebiet für eigens entsandte NVA-Agenten mit Spezialaufträgen als auch für Leute, die sich dort mehr oder weniger legal aufhielten, etwa getarnt als Botschaftsmitarbeiter. Dänische Spitzel anzuwerben war offenbar schwieriger, als Amtspersonen direkt auszufragen. Ein KGB-Offizier berichtete über eine angebliche nationale Eigenart: Die Dänen sprächen gern und viel, machten sich dabei wichtig. Wegen ihres losen Mundwerks würden sie sich hervorragend als Abschöpfungskontakte eignen, aber gerade nicht für dauerhafte konspirative Verbindungen.

Historiker Wegener Friis vermutet, dass die Marschaufklärer, wie die Spione in der NVA-Sprache hießen, sich als Urlauber tarnten: "Ein deutscher Tourist mit Kamera auf einem Strand in Dänemark - das ist das Unauffälligste, was es überhaupt gibt." Ein passendes Westauto ließ sich besorgen, auf manchen Fotos sieht man sogar den Seitenspiegel.

Es gab sicher unangenehmere Jobs, als von Strand zu Strand zu fahren: Die Tour führte von der Insel Rømø im süddänischen Wattenmeer über die Feriengebiete entlang der Jütländischen Westküste und Teile der Ostküste nach Seeland, außerdem auf die Inseln Fünen, Lolland und Langeland.

Für Agenten nur die Nebensaison

Wäre da nicht eine gewisse Eintönigkeit im Blick des Fotografen, hätte die emsige Arbeit fast Reiseführerpotential. Allerdings gönnte die DDR ihren Agenten wohl keine Touren in der Hauptsaison - auf den meisten Fotos ist Herbst. Die Beschreibung der Landschaft fällt nüchtern aus, etwa über Langeland:

"Der Küstenabschnitt erstreckt sich über eine Distanz von ca. 33 km. Die Küste ist dünn besiedelt. Zu den bedeutendsten Ortschaften im Küstenabschnitt zählen Dageløkke, Lohals und Snøde Udflyttere. Der Küstenabschnitt ist durch Sand und vorwiegend Geröll am Strand sowie flache Übergänge ins Hinterland und zum Teil bis zu 10 m hohe Böschungen gekennzeichnet. Im Hinterland überwiegen Felder, Wiesen und kleine Waldgebiete. Folgende Straßen und Wege führen vom Strand in das Hinterland..."

Fotos aus der Welt der Nachrichtendienste dringen sonst nur selten an die Öffentlichkeit. Wie die Dokumentation 1995 nach Kopenhagen gelangte, lasse sich nicht mehr rekonstruieren, teilte der Nachrichtendienst auf Anfrage mit. Möglich, dass ein befreundeter Dienst das Material nach der Wende einsammelte und weiterleitete - oder ein ehemaliger Mitarbeiter die Fotoalben aufbewahrte.

Gelegenheit dazu bestand. Denn anders als die Staatssicherheit war der Militärische Nachrichtendienst der DDR in der Öffentlichkeit kaum bekannt - und hatte daher Chancen auf einen geordneten Rückzug. "Im Wendejahr empörten sich alle über die Stasi", sagt Wegener Friis, "wer kümmerte sich da schon um die Spione der NVA?"

Bis zur endgültigen Auflösung der Behörde 1990 blieben die Agenten quasi im Amt. So blieb ihnen zwischen Mauerfall und deutscher Einheit genug Zeit, ihre Unterlagen zu sortieren und zu vernichten. Oder eben nicht.

insgesamt 8 Beiträge
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Tobias Schäfer, 26.04.2018
1. Einfachste Erklärung
Urlaub auf Kosten des Chefs? In meiner Zeit im Vertrieb wurden die Kunden in Lienz, Meran oder Berlin auch häufiger mit Besuchen bedacht als die in Duisburg oder Chemnitz. Natürlich war die Terminlage beim Kunden leider meistens so, dass die besuchten Personen nur an zwei aufeinander folgenden Tagen Zeit hatten, so dass man leider auch 2 ganze Tage dort bleiben musste...
Hans W Berghoff, 26.04.2018
2.
Glaubt der Autor ernsthaft, dass die DDR mit der Öffnung der Grenze bereits den Staat stillegte? Selbstverständlich waren die Behörden weiter tätig.
Michael Schmidt, 26.04.2018
3. Es ging nicht
um eine rasche Besetzung Dänemarks, weil es NATO-Gebiet war...Ziel war es, die Ostsee zu schließen, sowie die Nordsee zu bedrohen, um Sicherheitsgebiete für die eigenen Truppen zu schaffen, Marineeinheiten zu entlasten, GB direkt zu bedrohen und vor allem die Flanke der sowjetischen Nordmeerflotte zu sichern.
Siegfried Wittenburg, 26.04.2018
4. @ Michael Schmidt
Das Ziel war der Weltkommunismus. Die Feinde waren die Kapitalisten, auch in Dänemark. Das lernte östlich des Eisernen Vorhangs jedes Schulkind, bis es selbst denken konnte.
Bernd Krüger, 26.04.2018
5. Die offensive Strategie der Warschauer Vertrags Staaten
wurde bereits 1984 aufgegeben, ganz offiziell . . . nicht zuletzt unter Einsicht, dass jede offensive Handlung in Mitteleuropa, bei Erfolg, in einem Atomkrieg geendet und damit am Ende nicht nur die Zerstörung Europas nach sich gezogen hätte. Siehe: Gleichgewicht des Schreckens Anders als bei die Doktrin der Vorneverteidigung der NATO -> http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13513027.html und der anhaltenden Er/Be-kenntnisverweigerung -> https://www.welt.de/geschichte/article120175507/Warum-die-NVA-den-Westen-erobert-haette.html Natürlich heißt das nicht, dass man danach nur noch Karten gespielt hat und auf sein Dienstende wartete . . .
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