Obdachlosen-Brücke in Hamburg Idyll aus Müll

Jahrzehnte lebten Obdachlose in Hamburg unter der Kersten Miles-Brücke friedlich miteinander. Dann sperrte die Stadt die Heimstatt der Heimatlosen kurzzeitig mit einem Zaun. Was für eine Wendung! In den Achtzigern hätten die Behörden noch Dixi-Klos spendiert, erinnert sich der Fotograf Günter Zint. Er dokumentierte das kleine Paradies damals auf seinen Bildern.

Günter Zint/Panfoto

Fein säuberlich aufgereiht stehen die Modellautos im Regal. In einem ausgemusterten Aquarium blüht ein kleines Blumenensemble, bewacht von einem Trupp Gartenzwerge. Das Bett ist akkurat gemacht, die Zierkissen auf dem Sofa sorgfältig platziert. Wäre da nicht die unverputzte Ziegelwand, die sich über das Zimmer wölbt und die kleinen Schnapsflaschen, die ebenso liebevoll auf dem Nachttisch arrangiert sind, könnte man denken, ein stinknormales, deutsches Wohnzimmer zu sehen.

Es ist aber kein Wohnzimmer. Sondern das kleine Idyll, das sich ein paar Obdachlose in den achtziger und neunziger Jahren unter der Hamburger Kersten Miles Brücke gebaut hatten, unweit des Hafens und der Reeperbahn. Für eine Woche stand an dem ehemaligen Ort der selbstgezimmerten und zusammengeklaubten Gemütlichkeit ein kalter Stahlzaun. Der Hamburger Bezirksamtsleiter Markus Schreiber hatte ihn errichten lassen, um nach Jahren des Ringens zwischen Behörden und Obdachlosen um den trockenen Platz unter der Brücke endlich und endgültig für Ruhe zu sorgen.

Er erreichte das Gegenteil: Seit der Errichtung des Zauns Ende September 2011 regte sich wütender Protest, aus allen Teilen der Bevölkerung. Längst war der Zaun über die Stadtgrenzen hinaus bekannt geworden, als Symbol für eine kaltherzige Sozialpolitik. Der öffentliche Druck wurde so groß, dass die Stadt den Zaun am Freitag nachmittag wieder abrüsten ließ. Der Fotograf Günter Zint kennt die Obdachlosenbehausung noch aus der anderen, der alten Zeit. Mehrfach hat er die Bewohner der Kersten-Miles-Brücke damals getroffen und fotografiert. Auf einestages erinnert er sich an die Begegnungen.

Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Gemeinschaft, das soziale Gefüge, das dort damals unter der Brücke entstanden ist. Wenn man die Bilder von damals sieht, muss man unweigerlich an deutsche Spießigkeit denken - und tatsächlich gab es die in gewisser Weise auch. Die Bewohner der Brücke hatten einen ganz klar definierten Regelkatalog aufgestellt, inklusive Koch- und Putzplan. Wer sich nicht daran hielt, flog raus.

Es mutet auf den ersten Blick wie ein seltsamer Kontrast an, ein straffes Regelkorsett, die Sehnsucht nach Ordnung - und das Leben auf der Straße. In Wahrheit aber waren die meisten der dort lebenden Menschen durch Schicksalsschläge zu Obdachlosen geworden, zum Beispiel durch Jobverlust oder eine kostspielige Scheidung. Umso verständlicher war ihr Verlangen nach einem kleinen Stückchen heiler Welt.

Unterstützt wurden sie bei ihrem Streben von den Hamburger Bürgern und der Stadt. Heute baut die einen Stahlzaun - damals stellte sie den Obdachlosen ein Dixi-Klo hin, damit sie ihre Notdurft nicht im Gebüsch verrichten mussten. Die Bewohner der Brücke bekamen zudem Spenden von Bürgern der Stadt. Ich habe es selbst erlebt, wie Leute mit dem Auto vorfuhren, anhielten und alte Möbel oder ein Radio verschenkten.

Wenn im direkt neben der Brücke gelegenen Hotel Hafen Hamburg die Buffets abgeräumt wurden, kamen die Reste nicht in den Abfall, sondern wurden auf Tabletts unter die Kersten Miles-Brücke getragen - Room Service für Obdachlose. Die bekamen durch die allgemeine Akzeptanz Auftrieb. Mit viel Elan werkelten sie an ihrem provisorischen Heim, bauten sich aus Abfallholz Trennwände. In den Büschen neben der Brücke bastelten Sie sich außerdem eine Dusche. Und als sie einen kleinen Generator gespendet bekamen, hatten sie sogar Strom und konnten kleine elektrische Geräte wie Nachttischlampen betreiben

Die Obdachlosen unter der Brücke waren damals stadtbekannt - und niemand störte sich an ihnen. Im Gegenteil: oft hielten Menschen auf dem Weg zu den Landungsbrücken vor der provisorischen Unterkunft an und schauten neugierig. Dann wurden Sie von den Obdachlosen in die gute Stube gebeten.

Ich habe die Leute damals für mehrere Fotoreportagen besucht. Außerdem haben wir ein Studentenprojekt organisiert, bei dem wir den Vagabunden kleine Einwegkameras gegeben haben, damit die Ihren Alltag porträtieren können. Die Fotos sind natürlich nicht so doll geworden, deswegen habe ich die nicht aufgehoben. Aber es zeigt, wie wenig die Obdachlosen damals ausgegrenzt waren. Ich habe Sie auch an Weihnachten besucht, als sie sich ihre Bleibe mit Tannenzweigen geschmückt hatten. Meinen dreijährigen Sohn nahm ich ohne Bedenken mit.

Im Laufe der Zeit verschärfte sich dann aber der Umgangston zwischen Behörden und Obdachlosen. Angelockt von der Aussicht, an dem Lebensstandard inklusive Dusche teilhaben zu können, siedelten sich immer mehr Straßenschläfer auch neben der Brücke an. Entsprechend verstärkten die Behörden ihre Bemühungen, sie umzusiedeln. Dabei wurde aber eben ganz anders vorgegangen als heute: Die Behörden suchten das persönliche Gespräch und schickten Sozialarbeiter als Vermittler. Erst als alle Vermittlungsversuche scheiterten, ließen sie die Brücke räumen.

Es gab auch einmal ein Projekt, die Bewohner ganz umzusiedeln, das war direkt nach der Wende. Eine Hamburgerin hatte einen alten Bauernhof in den neuen Bundesländern geerbt und wollte ihn den Obdachlosen als neue Bleibe zur Verfügung stellen. Die waren auch ganz begeistert, packten ihre Siebensachen und fuhren gemeinsam mit dem Zug gen Osten, die Tickets hatten sie von der Sozialbehörde bekommen, meine ich. Doch nach und nach kamen sie alle wieder zurück nach Hamburg, zu ihrer alten Brücke. Weil sie es woanders nicht aushielten.

Aufgezeichnet von Michail Hengstenberg



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