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26. Mai 2016, 14:00 Uhr

Obdachloser Komponist Moondog

Der Wikinger von Manhattan

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Klassikkomponisten, Jazz- und Popstars priesen ihn als Genie, doch er lebte wie ein Bettler. Der blinde Komponist Moondog war eine Ikone der Musikszene in New York. Und Stadtstreicher in Oer-Erkenschwick in NRW.

Auch im Menschenmeer New Yorks fiel er sofort auf: hochgewachsen, lange Haare und Rauschebart, mit Umhang, Sandalen und gehörntem Helm, in der Hand seinen Speer. Jahrzehntelang stand dieser blinde Wikinger fast täglich an der Sixth Avenue, meist Ecke 54. Straße, während die Gezeiten der Büroschichten Millionen Arbeiter an ihm vorbeispülten.

Der Krieger namens "Moondog" verkaufte Gedichte, er sang und spielte auf einer selbst gebauten Trommel oder diskutierte mit Passanten. So viele Menschen staunten von 1943 bis 1974 über ihn, dass er zu einem Wahrzeichen New Yorks wurde, verzeichnet in Stadtführern, besichtigt auf Touristenrundgängen. Selbst das Hilton-Hotel soll in Anzeigen als Adresse "gegenüber von Moondog" angegeben haben.

Auf den ersten Blick konnte man ihn für ein Kuriosum halten, einen Spinner oder einen Bettler. Dabei war der Obdachlose ein Komponist, der mit Leonard Bernstein, den New Yorker Philharmonikern und Charlie Parker verkehrte; 40-köpfige Orchester spielten seine Stücke. Eine Ikone, von Paul Simon zum Vorbild erhoben, von Janis Joplin gecovert. Ein Perfektionist, der Bach Kompositionsfehler nachwies, und den die Minimal-Music-Väter Philip Glass und Steve Reich als ihren "Leitwolf" feierten.

Leben und Schaffen von Louis Thomas Hardin alias Moondog sind so außergewöhnlich wie sein Auftreten: Er schuf Duette für Bambusflöte und Schiffsnebelhorn ebenso wie einen Dancefloor-Hit. Er lief als Totgeglaubter in einer Ruhrgebietkleinstadt zur Höchstform auf und belegte musikalisch die Existenz Gottes. So sonderbar wie seine ganze Karriere war schon ihr Anfang - den er einem Indianerhäuptling verdankte. Und Sprengstoff.

Blind nach einer Detonation

Am 26. Mai 1916 wurde Hardin als Sohn eines Wanderpredigers in Marysville (Kansas) geboren. Es kam zu einer folgenreichen Begegnung: "Mein Vater nahm mich mit ins Reservat der Arapaho", erinnerte er sich 1994 im Magazin "Keyboards", auch zu einem Sonnentanz: "Häuptling Yellow Calf ließ mich auf seinem Schoß sitzen und die Trommel schlagen. Es klang gewaltig!" Das Erlebnis brachte ihn zum Schlagzeugspiel und sollte später seine Kompositionen prägen.

Zum Komponieren jedoch führte ihn erst ein Schicksalsschlag: Im Sommer 1932 fand der 16-Jährige an Gleisen Sprengkapseln und spielte damit. Sie detonierten - und kosteten ihn das Augenlicht. "Ich wollte nicht mehr weiterleben", erinnerte Hardin sich 1992 im "Zeit Magazin". Aber: "Ohne den Unfall hätte ich wohl nie die Möglichkeit bekommen, Musiker zu werden." Denn seine Eltern schickten ihn auf eine Blindenschule, wo er Violin-, Klavier- und Orgelspiel lernte, im Chor sang und Musiktheorie studierte.


Trailer zu einer geplanten Doku über Moondog


Zurück bei seinem Vater begann er, in Braille zu komponieren - ohne Instrumente, nur aus dem Kopf. Mit einem Privatlehrer studierte er die Kompositionsregeln des Kontrapunkts, zentral für seine Musik. Bald wurde Hardin klar: In der Provinz konnte er seinen Traum nicht verwirklichen.

Also zog er 1943 nach New York. Er schlief in Hauseingängen und lebte von dem bisschen Geld, das er mit Modellstehen an der Kunsthochschule und als Straßenmusiker verdiente. Eine "schwere Zeit", sagte Hardin, "aber ich hatte die Wahl: entweder die Straße, trotz Kälte und Regen, oder in einem Blindenheim Körbe flechten. So eine Schattenexistenz wollte ich auf keinen Fall."

Zwischen Barock, Minimal und Jazz

Durch sein Äußeres zog er Blicke auf sich: Zu Bart und langen Haaren trug er Umhang und Sandalen, gleich einem Christusbildnis. So stach er auch den New Yorker Philharmonikern ins Auge. Ihr Dirigent Artur Rodzinski war beeindruckt von Hardins Kompositionen. Fünf Jahre lang kam er zu den Proben und lernte von den Orchestermusikern. Sie sammelten sogar Geld, um ihm eine Bleibe zu finanzieren.

Er komponierte bereits mit dem unermüdlichen Arbeitsethos, mit dem er bis zu seinem Tod Tausende Lieder, Symphonien und Kanons verfassen würde. Hardins Musik war geprägt von klaren Melodien und so minimalistisch wie komplex. Ihr Rückgrat bildeten einerseits die Regeln des barocken Kontrapunkts, die er pedantisch einhielt, andererseits indianische Rhythmen.

In den Vierzigerjahren entdeckte Hardin seine Leidenschaft für Wikinger. Er las begeistert eine Braille-Ausgabe der skandinavischen Sagensammlung "Edda": "Ich war auf der Suche nach meiner Identität, und in den Sagen fand ich sie." Seinem Outfit fügte er Wikingerhelm und Speer hinzu und gab sich nun auch einen Künstlernamen: Moondog - nach seinem früheren Blindenhund, der ausdauernd den Mond angebellt hatte.

Und plötzlich war er weg

Leonard Bernstein entdeckte "dieses seltsame Genie, das da unten an der Ecke steht"; für ihn begeisterten sich auch Stardirigent Arturo Toscanini und Bebop-Urvater Charlie Parker. Moondog wurde zum Liebling der Musikwelt: Er wohnte bei Philip Glass, trat mit Charles Mingus auf und veröffentlicht mehrere Platten - Geräuschcollagen, Orchestrales, sogar ein Kinderalbum mit Mary-Poppins-Darstellerin Julie Andrews.

Man kannte ihn: Ein DJ hatte seinen Namen ungenehmigt für eine Radiosendung verwendet, Moondog ging vor Gericht. "Bedenken Sie, der Mann ist ein ernst zu nehmender Komponist!", ermahnte den Richter ein Fürsprecher. Es war Igor Strawinski.

Es lief gut - Anfang der Siebzigerjahre hatte Hardin ein geregeltes Einkommen und ein Landhaus. Bis er über Nacht verschwand.

Als der "Wikinger der 6th Avenue" 1974 weg war, vermuteten Journalisten seinen Tod. Paul Simon betrauerte im Fernsehen das Ableben seines Idols. Doch tatsächlich war er nicht ins Walhalla eingeritten - sondern in den Ruhrpott. Genauer: in Oer-Erkenschwick.

Nach einem Orgelkonzert in Frankfurt, schrieb 1974 die "Rhein-Neckar-Zeitung", hatte Hardin beschlossen, im "heiligen Land mit dem heiligen Fluss - dem Rhein" zu bleiben, auch wenn er nun erneut auf der Straße lebte. So zog er durch die Republik, über Hamburg und Hannover bis nach Recklinghausen.

Eine Studentin nahm Moondog auf

Dort, vor der Alten Apotheke, entdeckte ihn kurz vor Weihnachten 1976 die Geologiestudentin Ilona Göbel. Sie und ihr Bruder hatten Mitleid mit dem alten Mann und wollten ihn nach Hause einladen, erzählte sie 1979 der "New York Times" - "aber keiner traute sich, ihn zu fragen". Dann hörte Göbel eine Platte mit Orchesterstücken des vermeintlichen Tippelbruders: "Ich konnte nicht glauben, dass ein Mann, der solche Musik schreiben konnte, so leben musste." Sie fasste sich ein Herz und brachte ihn bei ihren Eltern unter.

Göbel gab ihr Studium auf, gründete das Label Managarm, wurde Moondogs Managerin und Verlegerin, übertrug unermüdlich Werke aus Braille in Standardnotation. Hardin schrieb und schrieb, mehr als 50 Symphonien und unzählige experimentelle Werke, darunter ein Kanon für 1000 Stimmen oder ein neunstündiges Opus für Orgel und Orchester. Bis sich Kisten voller Noten stapelten.

Als er 1989 für ein Festival nach New York zurückkehrte, witterten Journalisten einen Schwindel und brachten alte Moondog-Fotos von Hardin mit. Doch er war es wirklich, das Publikum feierte seine neuen Stücke.

Endlich bewiesen: Gott existiert

Bald wurden alte Moondog-Platten neu aufgelegt, die Royal Albert Hall führte seine Musik auf, er wurde zu den Salzburger Festspielen ebenso eingeladen wie zur Documenta. Weiter erkundete er neues Terrain - ob auf "Elpmas" (1992) mit Samples oder auf "Sax Pax for a Sax" (1994) mit jazznahen Kompositionen für ein Saxophonensemble. Ein Remix von "Bird's Lament", einem Gedenkstück an Charlie Parker, wurde 1999 zum Dancefloor-Hit "Get A Move On" des britischen DJs Mr. Scruff.



Nach Amerika zog es Moondog nicht zurück. Er wollte seinen Lebensabend in Deutschland verbringen. Hier komponierte er, analysierte Bachs Werke ("Seine Brandenburgischen Konzerte! Eine schlampige Arbeit") oder versuchte, an Beethovens Spinett sitzend, in "spirituelle Kommunikation" mit dem Meister zu treten.

Dann machte der erklärte Agnostiker eine Entdeckung, die seine Welt umkrempelte. In den ersten neun Obertönen, so sagte er 1994, habe er den "Cosmicode" entdeckt. Diese kosmischen Strukturen bedeuteten für ihn "die Offenbarung, dass es eine höhere Intelligenz gibt" - die "größte Entdeckung in der Geschichte der Menschheit." Moondog war überzeugt, Gott gefunden zu haben. Darwins Evolutionstheorie und Einsteins Relativitätstheorie seien "nichts im Vergleich dazu!"

Und so konnte er seine letzten Jahre nach all den Härten des Lebens mit der tröstlichen Erkenntnis leben, die letzte, ultimative Entdeckung gemacht zu haben. Wenige Jahre später, am 8. September 1999, starb Louis Hardin im Krankenhaus von Münster an Herzversagen, mit 83 Jahren.

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