Oderflut 1997 "In der Küche schwamm der Kühlschrank"

Oderflut 1997: "In der Küche schwamm der Kühlschrank" Fotos
Ralf Schreck

Durch ein Fernglas mussten sie zusehen, wie ihr Haus unterging: Bei der Oderflut 1997 verloren Ralf Schreck und seine Familie beinahe alles. Nun droht erneut das Hochwasser. Die Schrecks haben einen Notfallplan - doch sie fürchten, nach einer zweiten Katastrophe bliebe nur noch ein Geisterdorf. Von

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Am 10. Juli 1997 überraschte die Oderflut Polen und Tschechien. Eine Woche später erreichten die Wassermassen Brandenburg. In den folgenden Tagen brachen mehrere Dämme, am 24. Juli der Deich bei Aurith. Ungehindert strömten die Fluten in die Ziltendorfer Niederung. An ihrem tiefsten Punkt liegt die Thälmann-Siedlung, ein Ortsteil von Ziltendorf - sie wurde vollständig überschwemmt. Ralf Schreck (48) lebt dort mit seinen Eltern und musste damals mit ansehen, wie ihr gesamter Besitz unterging. Auf einestages erzählt er seine Geschichte.

"Du hier und nicht in Ziltendorf?", fragte mich ein ehemaliger Arbeitskollege, den ich zufällig auf einem Parkplatz traf, überrascht. Ich machte gerade Urlaub im ungarischen Siofok am Balaton. "Warum?", erkundigte ich mich. Was er dann sagte, werde ich niemals vergessen: "Die Thälmann-Siedlung säuft ab." Dort war ich aufgewachsen und wohnte gemeinsam mit meinen Eltern in einem kleinen Einfamilienhaus. "Du spinnst", sagte ich nur.

Ich wusste, dass die Oder, die nur zwei Kilometer von unserem Dorf entfernt liegt, über die Ufer getreten war. Am Tag vor meiner Abreise hatte ich noch mit unserem Nachbarn Herrn Turian auf dem Deich gestanden und auf das Wasser geschaut. Da reichte es schon bis an den Wall. Herr Turian lebte direkt dahinter, war aber entspannt. Das Wasser reichte zwar bis an den Deich, stand aber nur etwa zehn Zentimeter hoch. "Da passt noch viel rein", hatte Herr Turian gesagt und auf die weite Wasserfläche hinter dem Deich geschaut, "hier passiert nichts".

Ich packte sofort meine Sachen zusammen und fuhr vom Balaton zurück nach Hause. 1000 Kilometer mit dem Auto in zwölf Stunden. Nachts um drei kam ich in unserem Dorf an, da kamen mir schon Wagen von Polizei, THW und Feuerwehr mit Blaulicht entgegen. Ich ahnte Schlimmes, aber die Thälmann-Siedlung war noch nicht untergegangen - es stand noch nicht einmal Wasser vor dem Haus. Doch als ich die Tür zu unserem Haus öffnete, stapelten sich drinnen die Sandsäcke. Dann stand meine Mutter vor mir. "Was ist nun", fragte ich, "kommt jetzt das Wasser?" "Nee", antwortete sie, "so schlimm ist es noch nicht - aber kurz davor."

Das Dorf wurde zum Sperrgebiet

Drei Tage später brach der Damm bei Kunitz Loose. Wir hatten schon einen Tag vorher gehört, dass die Siedlung evakuiert werden sollte. Es waren Handzettel ausgegeben worden, die Anwohner sollten Medikamente und Kleidung für zwei Tage mitnehmen. Das muss denen später wie ein schlechter Scherz erschienen sein. Um auch unsere Tiere in Sicherheit zu bringen, liehen wir uns einen Lkw mit Anhänger. Wir hatten gerade unsere Hühner und Enten aufgeladen, um sie bei einer Cousine, die ein paar Kilometer weiter wohnte, in Sicherheit zu bringen. Da kam uns der Polizeiwagen entgegen. "Bürger der Thälmann-Siedlung", schallte es durch ein Megafon, "verlassen sie sofort den Ort. Soeben ist der Damm bei Kunitz Loose durchgegangen."

Danach war das ganze Dorf Sperrgebiet. Sie hatten wohl gedacht, dass eine zwei bis drei Meter hohe Flutwelle angerollt kommen würde. So war es nicht. Aber mit den Wassermassen, die sich dann vier Wochen lang im dorf ausbreiteten, hatte niemand gerechnet. Nicht einer. Die Thälmann-Siedlung liegt mitten in einer Senke und so traf es die 50, 60 Häuser hier im gesamten Flutgebiet am härtesten. In den Medien berichteten sie ständig über die Region Oderbruch. Aber unsere Siedlung, die komplett absoff, bei der nichts mehr ging, wurde fast gar nicht erwähnt.

Doch das Wasser kam langsam. Und so lieferten mein Vater und ich uns noch eine kleine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Wir hatten noch Kaninchen in den Ställen und wollten sie holen. Aber die Polizei dachte gar nicht daran, uns durchzulassen, da sagte mein alter Herr auf einmal: "Gas!" Also fuhr ich los. Die Polizei war gleich mit einem Geländewagen hinter uns her. Als wir vor der Hoftür hielten, stand das Wasser an unserem Auto bereits bis zum Auspuff. Ich ließ den Motor laufen und während wir die Tiere und ein paar andere Sachen einluden, riefen die Polizisten von einer trockenen Stelle auf dem Grundstück der Nachbarn aus rüber, wir sollen ihnen sofort folgen, sonst würden sie uns 48 Stunden in Verwahrung nehmen.

In der Küche schwamm der Kühlschrank

Von da an mussten wir aus der Ferne zusehen, wie unser Besitz langsam unterging. Von der B112 konnte man mit einem Fernglas unser Haus sehen und ich fuhr die nächsten Tage immer wieder dorthin. Wir hatten Blumenkästen an den Fenstern im Erdgeschoss. Erst konnte ich sie noch sehen - und auf einmal waren sie weg. Da wusste ich, wie es steht.

Ein paar Tage später gab das THW den Anwohnern die Möglichkeit, zu ihren Häusern zu fahren und "zu retten, was noch zu retten ist". Das war nicht viel. Ein Zugboot schleppte uns in Schlauchbooten in die Mitte der Siedlung, von wo aus wir dann zu unseren Häusern paddelten. Eine völlig unwirkliche Situation. Neben unserem Haus war eine Doppelgarage, an der ein Reklameschild für das Bestattungshaus Diepholt und Lembke hing. Doch aus dem Wasser guckte nur noch das Wort "Bestattungshaus". "Ja, hier liegt die Thälmann-Siedlung begraben", sagte einer. Wie alles aussah, das kann man nicht mit Worten beschreiben, das muss man selber gesehen haben. Es war Wahnsinn.

Will man in unser Haus, muss man vier Stufen hoch, das heißt, das Erdgeschoss liegt fast einen Meter über dem Boden, trotzdem war es mehr als zur Hälfte unter Wasser. Hinein kamen wir nur noch über ein Fenster im Dach. Von da aus bin ich die Treppe runter. Es war unheimlich. Bis zur Brust stand ich im Wasser und es war stockfinster. Denn bevor wir gegangen waren, hatten wir alle Rollos runtergelassen. Mit einer Taschenlampe leuchtete ich den Weg ins Wohnzimmer. Ich erschrak heftig, als plötzlich eine riesige Blase neben mir hochgluckerte. Doch das war nur Luft, die sich unter der Auslegeware gesammelt hatte. Aus dem Bad kam eine widerliche Brühe, weil wir damals noch keine zentrale Abwasserleitung hatten, sondern nur eine Fäkalgrube, in der Küche schwamm der Kühlschrank auf dem Wasser. Mit der Taschenlampe im Mund balancierte ich die Sachen, die noch trocken waren, auf meinem Kopf ins Obergeschoss. Am Ende rettete ich mit dieser Aktion nur einige Tafeltücher und ein bisschen Bettzeug, die ganz oben in der Wohnzimmerschrankwand lagen. Alles andere war den Bach runtergegangen.

Alles war abgestorben

Es dauerte vier Wochen, bis das Wasser so weit zurückgegangen war, dass wir mit den Aufräumarbeiten anfangen konnten. In der ganzen Siedlung stank es heftig nach Fäulnis, weil alle Gräser, das Getreide auf den Feldern und sogar die Bäume abgestorben waren. Im Haus waren alle Tapeten von den Wänden gekommen, die Holzmöbel waren verquollen und unbrauchbar. Am besten erinnere ich mich aber an den Vorratsschrank. Mehl, Trockenhefe, Puddingpulver und andere Lebensmittel hatten sich miteinander vermengt und als widerlicher, graubrauner Schleim auf dem Schrankboden abgesetzt. Das hat am meisten Übelkeit erregt.

Ich bin von Beruf Fliesenleger, deshalb hatte ich das Glück, dass viele Kollegen vom Bau kamen und mir halfen. Auch Verwandte, Arbeitskollegen von meinem Vater und sogar die Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr packten mit an. Sonst hätten wir es wohl nicht hingekriegt. Man kann sich nur immer wieder bedanken für die viele Hilfe und Unterstützung. Ende Oktober zogen wir dann wieder im Haus ein. Erst mal provisorisch mit Feldbetten und Luftmatratzen. Kurz vor Weihnachten kam dann ein Laster mit den neuen Möbeln - und zum Fest war dann endlich wieder alles wie vorher. Wir hatten sogar einen Tannenbaum.

Ohne die vielen Spenden, die aus ganz Deutschland kamen, wäre das wohl kaum möglich gewesen. Durch sie wurde 90 Prozent des Schadens ersetzt. Ich bekam sogar meinen Verdienstausfall erstattet, den ich hatte, weil ich einen Monat nicht zur Arbeit gehen konnte. Ohne die Spenden, hätten hier viele vor dem Nichts gestanden.

Bei einer neuen Flut bleibt nur ein Geisterdorf

Ich glaube aber, wenn es jetzt wieder passiert, wenn es eine zweite Oderflut gibt, wird die Spendenbereitschaft nicht mehr so groß sein. Sollte die Thälmann-Siedlung noch ein zweites Mal untergehen, verkraftet das keiner mehr. Ich schätze, das Durchschnittsalter im Dorf liegt bei 50. Da hat niemand mehr den Willen, das alles noch einmal aufzubauen. Kommt die Flut noch einmal so heftig, bleiben hier nur Ruinen übrig. Dann ist die Thälmann-Siedlung eine Geisterstadt.

Manchmal ärgere ich mich, dass man 1997 nicht mit offenen Karten gespielt hat. Da haben sie gesagt, sie würden die Dämme höher und breiter machen. Aber ich habe mir das mal angeguckt, breiter sind sie geworden - aber nicht viel. Warum haben sie die Dämme nicht einfach viel größer gemacht und die Sache ein für alle Mal aus der Welt geschafft, damit wir hier sorgenfrei leben können? Jetzt bangt man hier schon wieder wegen des Wassers.

Aber wenn dieses Mal der Damm bricht, habe ich einen Notfallplan. Ich habe schon damit angefangen, Sachen aus dem Schuppen ins Obergeschoss in Sicherheit zu bringen - Kettensäge, Bohrmaschinen, Rasenmäher, Fahrräder. Das Wasser wird schon nicht bis in den ersten Stock kommen. Und ich werde dieses Mal auf jeden Fall im Haus bleiben. Ich habe, ist eine Wathose, die bis zur Brust geht - und ich kann schwimmen.

Aufgezeichnet von Benjamin Maack

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