Erster FCKW-freier Kühlschrank Öko-Coup aus Ostdeutschland

Erster FCKW-freier Kühlschrank: Öko-Coup aus Ostdeutschland Fotos
Manfred Scharnberg/Greenpeace

Die einen wollten ihren Job retten, die anderen die Umwelt: Vor 20 Jahren produzierte ausgerechnet ein kleiner ehemaliger DDR-Betrieb mit Hilfe von Greenpeace den ersten FCKW-freien Kühlschrank der Welt. Die Firma ging trotzdem pleite - wohl auch wegen einer Vertragsklausel der Umweltschützer. Von

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Jeder im Betrieb hatte Angst, sagt Albrecht Meyer, "das ganze Jahr, von frühmorgens bis abends". 5500 Stellen hatte es zu DDR-Zeiten in der Firma gegeben, drei Jahre nach dem Fall der Mauer waren davon noch 630 geblieben. Der einst größte Kühlschrank-Produzent des Ostblocks, der VEB dkk Scharfenstein, stand 1992 am Abgrund. Meyer sollte helfen, die Jobs zu retten.

Auch Wolfgang Lohbeck hatte Angst, aber um die Umwelt. Jahrelang kämpfte er bei Greenpeace gegen einen Ozonkiller mit vier Buchstaben: FCKW, Fluorchlorkohlenwasserstoffe, bei der Industrie als Kältemittel beliebt.

Meyer, der nüchterne Ingenieur aus der DDR, und Lohbeck, der idealistische Umweltschützer aus der Bundesrepublik, könnten verschiedener nicht sein. Doch vor 20 Jahren verbanden sich ihre unterschiedlichen Motive auf so wundersame Weise, dass daraus eine Technikrevolution entstand: der erste in Serie produzierte FCKW-freie Kühlschrank der Welt. Am 15. März 1993 lief er bei der Firma Foron, wie dkk Scharfenstein sich nun nannte, vom Band.

Das Öko-Wunder aus dem Osten

Meyer hat diese Technik entscheidend mitentwickelt, Lohbeck hat sie geschickt vermarktet - und aus dem sächsischen Scharfenstein im Erzgebirge eroberte sie fortan die Welt: Seit 1993 sind weltweit etwa 650 Millionen FCKW-freie Kühlschränke gebaut worden. Was für ein Wunder! Ausgerechnet ein ehemaliges VEB-Werk der nicht gerade für eine besonnene Umweltpolitik bekannten DDR verhalf der Menschheit zu einem ökologischen Durchbruch.

Alles begann 1988 mit dem Montreal-Protokoll, einem Abkommen zum Schutz der Ozonschicht. Die Bundesrepublik und die DDR gehörten zu den 196 Unterzeichnern. Die Länder verpflichteten sich, mittelfristig komplett auf die Emission von FCKW zu verzichten. Jetzt standen die Produzenten von Kühlgeräten unter Druck. Allerdings gab es für die Industrie eine Hintertür: Fluorkohlenwasserstoffe (FKW) waren weiter zugelassen, weil sie kein Ozon abbauten. Greenpeace hielt FKW wegen des Einflusses auf den Treibhauseffekt dennoch für äußerst klimaschädlich.

In dieser Situation setzten alle Kühlschrankhersteller der BRD auf das zugelassene, aber unökologische FKW-Kältemittel 134a. Auch die dkk Scharfenstein wollte das neue Kältemittel, doch der Westen belieferte sie nicht. "Auf abenteuerlichen Wegen", erinnert sich Kältetechnik-Ingenieur Albrecht Meyer, "haben wir uns über Kiew und Prag 1,9 Kilogramm 134a besorgt". Für Testzwecke. Die Lieferung kam am 7. Oktober 1989 an. Dann fiel die Mauer, und alles änderte sich.

Denn die deutsche Revolution sollte auch Wolfgang Lohbeck von Greenpeace in die Karten spielen. Lohbeck leitete damals eine denkbar schwierige Kampagne: "Es gibt kaum etwas Langweiligeres als Kühlschränke", erzählt er, "die sind eckig, weiß und kalt. Aber ich sollte daraus ein hochemotionales Produkt machen." Denn Greenpeace wollte den ersten FCKW- und FKW-freien Kühlschrank der Welt produzieren lassen. Aber wie sollte Lohbeck die Menschen aufrütteln?

Er verhandelte mit den sieben großen westdeutschen Firmen, die Greenpeace spöttisch "Die chlorreichen Sieben" nannte. Doch ob AEG, Liebherr oder Bosch-Siemens: Sie alle wollten auf 134a umsatteln und behaupteten, das Mittel sei weder schädlich, noch gebe es Alternativen. Dabei hatte der Medizinprofessor Harry Rosin zusammen mit einem Kollegen schon 1990 für das Dortmunder Hygieneinstitut ein ökologisches Kältemittel zusammengemischt, das aus reinen Kohlenwasserstoffen bestand.

Verzweifelt erfuhr Lohbeck 1992 schließlich von Menschen, die weit verzweifelter waren als er: Der Umsatz bei der dkk Scharfenstein, die zu DDR-Zeiten ihre günstigen Kühlschränke noch millionenfach über Quelle in den Westen verkauft hatte, war nach der Wende dramatisch eingebrochen. Die Bilanz war tiefrot, die Abwicklung über die Treuhand drohte. Lohbeck fragte die Ostdeutschen, ob sie nach dem Dortmunder Vorbild ein FCKW-freies Gerät bauen könnten. Sein bestes Argument war aber ein recht unökologisches: Greenpeace wollte dafür 26.000 Mark bereitstellen.

Rettung durch eine "radikale Truppe"

"Für diesen Preis hätten wir Greenpeace alles reingeschüttet, was sie wollten", erzählt Eberhard Günther, damals dkk-Geschäftsführer. Es war keine Liebesgeschichte zwischen dem sächsischen Betrieb und Greenpeace. Viele hatten noch nie etwas von den Umweltschützern gehört. Kältespezialist Meyer, der die Testreihen mit den Kohlenwasserstoffen leitete, hatte die Aktivisten früher sogar für eine "etwas radikale Truppe" gehalten. Anfang Juli 1992 einigte man sich dennoch.

Die Zusammenarbeit war mehr als eine Notlösung: Anders als alle westdeutschen Firmen stellte die dkk ihre Kompressoren noch selbst her, so dass neue Kühlmittel schnell im Haus getestet werden konnten. Zudem setzte der Betrieb für die Isolierung aus Kostengründen auf Polystrol ("Styropor") - während die westdeutschen Hersteller einen Schaumstoff verwendeten, der besser dämmte, aber ebenfalls FCKW enthielt. Und weil die Ostdeutschen anfangs nicht ans Kältemittel 134a gekommen waren, hatten sie bereits zuvor mit reinen Kohlenwasserstoffen experimentiert.

"Unser technischer Rückschritt wandelte sich für uns auf einmal zum Vorteil", erzählt Meyer. Erste Tests mit den Kohlenwasserstoffen Propan und Isobutan liefen besser als erwartet, bald sei überall "Aufbruchsstimmung und Euphorie" zu spüren gewesen. Bis die Treuhand Mitte Juli 1992 ankündigte, den defizitären Betrieb zu schließen.

Werbetour gegen die Treuhand

Jetzt zahlte sich die Kooperation mit Greenpeace aus: Medienwirksam priesen die Umweltschützer auf einer 100.000 Mark teuren Werbetour quer durch Deutschland die Prototypen des neuen Öko-Kühlschranks "Greenfreeze" an. Wie könne man, fragten sie bei jeder Gelegenheit empört, einen so fortschrittlichen Betrieb einfach schließen? 65.000 Vorbestellungen gingen ein. Schließlich gab die Treuhand ihre Pläne zur Schließung auf. Hunderte Arbeitsplätze waren gerettet.

Die westdeutschen Kühlschrankhersteller waren über den Coup wenig erfreut. "Mit einem respektablen Instrumentarium an Tricks haben sie versucht, unseren Erfolg zu verhindern", erinnert sich Ex-Geschäftsführer Günther. Eine Studie von AEG prognostizierte dem Öko-Kühlschrank, 30 Prozent mehr Strom als handelsübliche Geräte zu verbrauchen. "Wir waren uns sicher, dass diese Ergebnisse nicht stimmen konnten und die Studie wohl gelinkt war", sagt Günther. "Wir hatten ein unabhängiges Institut beauftragt, das zu ganz anderen Ergebnissen kam."

Wenn schon keine Stromfresser, dann eben lebensgefährlich: Explosionsgefahr! Die westdeutsche Kühlschrank-Lobby ließ verbreiten, dass Geräte die nicht mit 134a, sondern mit reinen, also brennbaren Kohlenwasserstoffen gekühlt werden, leicht in Brand geraten könnten. Ein Gutachten prognostizierte bereits Todesfälle. Greenpeace konterte: Es werde nur etwa so viel Gas wie aus drei Feuerzeugen verwendet. Zudem waren die Geräte TÜV-geprüft und alle möglichen Zündquellen ausgebaut worden.

"Zauberkiste" aus dem Erzgebirge

Die Angstkampagne verpuffte, die Brände blieben aus - und auch in einem anderen Punkt hatten die Umweltschützer langfristig recht: 134a ist umweltschädlich und seit 2011 europaweit in Autoklimaanlagen verboten.

Und doch sollte der damalige Erfolg eine Art Sommermärchen bleiben. Das Ost-Unternehmen hatte die komplette westdeutsche Konkurrenz an die Wand gespielt und mit Hilfe von Greenpeace die Schlagzeilen beherrscht: Die "taz" bejubelte den Öko-Kühlschrank als "Zauberkiste", Lohbeck sprach von einer "Revolution". Eine Zeitlang kamen Experten aus aller Welt ins sächsische Erzgebirge. Schließlich sahen die westdeutschen Produzenten ein, dass sie an der so lange verteufelten Entwicklung nicht mehr vorbeikamen. Bosch-Siemens attestierte Foron plötzlich "einen sensationellen Erfolg". Das Lob wurde zum Todesurteil.

Geschäftsführer Eberhard Günther hatte schon vorher geahnt, "dass unser technologischer Vorsprung nicht dauerhaft die Spielregeln des Markts außer Kraft setzen wird". Die Westfirmen nahmen nun viel Geld in die Hand und produzierten Monate später ebenfalls serienmäßig FCKW-freie Kühlschränke.

Untergang der Pioniere

Foron wurde nun auch eine Klausel aus der Vereinbarung mit Greenpeace zum Verhängnis. Die Organisation hatte darauf bestanden, dass Foron seine Technik nicht patentieren lassen dürfe: Die Umweltschützer wollten mit der Technologie das Wohl der Welt fördern, nicht das einer Firma. "Mich darauf einzulassen, war mein größter Fehler", sagt Günther heute. "Ich hätte in diesem Punkt härter verhandeln müssen."

1996 ging Foron pleite, wurde von einer holländischen Unternehmensgruppe übernommen, ging wieder pleite. 2002 erwarb eine türkische Firma die letzten im Erzgebirge gelagerten Kühlgeräte für einen Spottpreis. Die Werkhallen, in denen vor 20 Jahren eine Technik entwickelt wurde, die ein wenig die Welt verbesserte, sind heute verlassen.

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1.
Deter Roosu 13.03.2013
Ich habe bis heute noch nicht im SPIEGEL gelesen, dass die beiden US-Forscher, die die Ozon-Hypothese (!) seinerzeit aufgestellt hatten (nach durchaus gründlichen Forschungen und Messungen) sich von der aktuellen Hysterie seit Jahren distanziert haben. Aber das wäre ja auch nicht politisch korrekt ..... Vernünftig wäre es, weiterhin Frigen 12 zu verwenden statt Autoklimaanlagen (wozu braucht man die eigentlich mit Mitetleuropa??), die gern brennen ..... Und außerdem den Spritverbrauch der Autos in die Höhe treiben .....
2.
Georg Schukat 13.03.2013
Die Ozonschicht wird schon seit ca 100 Jahren erforscht. Ihre Stärke, ihre UV-Filterwirkung ist physikalisch messbar und nicht Bestandteil irgendeiner Diskussion. Die Schwächung im Laufe der letzten ca. 50 Jahre ist auch direkt nachgewiesen worden. Das sind die Fakten. Dass die Schwächung mit dem menschenverursachten Ausstoß von Stoffen welche in der Atmosphäre zu Chloriden und Bromiden zerfallen korreliert ist bekannt. Sowohl beim Anstieg der Stoffmengen wie beim Rückgang ist diese Korrelation vorhanden. @D. Roosu - Welche anderen Stoffe sollen ihrer Meinung nach wichtiger für Zerstörung und Regeneration der Ozonschicht sein?
3.
Hartmut Braun 13.03.2013
Ich kann mich noch gut in den 90ern an eine Werbung in den (West-)Berliner UBahnhöfen erinnern, wo ein anderer Hersteller (keiner hier aus dem Beitrag) frech für seine angeblich weltersten FCKW-freien Kühlschränke warb. Das hat mich damals sehr geärgert. Schade, dass die Plakate hinter Glas waren....
4.
Bernhard Wilde 14.03.2013
Ein ausgezeichneter Artikel, der exemplarisch das Zusammentreffen der beiden Gesellschaftssysteme 1990 ff. aufzeigt und manche Fragen erhellt! So zeigt er, dass es in der DDR, sogar noch zu Wendezeiten, helle Köpfe und Tüftler gab, und die Wirtschaft wohl aus anderen Gründen siechte. Exemplarisch erhellt werden auch Gründe, weshalb trotz vieler Millionen Hilfsgelder die Wirtschaft der Neuen Länder nach der Wende so gar nicht in Schwung kommen wollte. Erinnere lebhaft einen Gastvortrag eines westdt. Meteorologie-professors zum Thema Treibhauseffekt an der Uni München, es war wohl Herbst 93. Im interessiert-gebildeten, ökologisch bewegten Publikum kam die Frage auf, wie er denn den neuen FCKW-freien Kühlschrank einschätze. Der Professor äußerte sich, das sei eine unbedeutende Erfindung und man müsse ihn nicht haben. (Selbst verstehe ich auch ein wenig von der Materie.) Mein Bild des redlichen Wissenschaftlers geriet in dieser Stunde ins Wanken. Seither weiß ich,wie kritisch Aussagen mancher Professoren zu bewerten sind (wes Brot ich ess ...) und wie selbst naturwissenschaftliche Einschätzungen auch von der Persönlichkeit abhängen.
5.
Jürgen Hubert 14.03.2013
>Ich habe bis heute noch nicht im SPIEGEL gelesen, dass die beiden US-Forscher, die die Ozon-Hypothese (!) seinerzeit aufgestellt hatten (nach durchaus gründlichen Forschungen und Messungen) sich von der aktuellen Hysterie seit Jahren distanziert haben. Aber das wäre ja auch nicht politisch korrekt ..... Nicht "politisch korrekt"... oder einfach nicht ernst zu nehmen? Bitte geben Sie Quellenangaben für diese Behauptung. _Ernstzunehmende_ Quellenangaben, nicht die Webseiten irgendwelcher Verschwörungstheoretiker!
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