Öltanker-Katastrophe "Bis zu den Schienbeinen im giftigen Schlamm"

Öltanker-Katastrophe: "Bis zu den Schienbeinen im giftigen Schlamm" Fotos
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Im Golf von Mexiko droht eine gigantische Umweltkatastrophe. Hunderttausende Liter Öl treiben auf die Strände zu. Was das für Mensch und Tier in den Küstenregionen bedeutet, weiß Rupert Kolb genau: Er half nach dem Untergang des Tankers "Prestige" 2002 als Freiwilliger, Spaniens Strände wieder zu säubern. Von

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Am 13. November 2002 kommt es vor der Küste Nordspaniens zu einer der weltweit größten Umweltkatastrophen: Der Tanker "Prestige", 77.000 Tonnen Schweröl an Bord, meldet über Funk ein Leck im Rumpf, wird auf die offene See geschleppt und bricht dort auseinander. Tausende Tonnen des hochgiftigen Schweröls ergießen sich ins Meer - und schwappen kurze Zeit später an die Strände. Rupert Kolb, 1988 nach Nordspanien ausgewandert, stand damals als freiwilliger Helfer ein halbes Jahr lang jedes Wochenende bis zu den Knien im Ölschlamm, um die Strände seiner neuen Heimat zu säubern.

Mit einer solchen Katastrophe hatte niemand gerechnet. Zumindest anfangs nicht. Mitte November 2002 sprach sich in den Kneipen von Galicien herum, dass ein großer Tanker vor unserer Küste in Schwierigkeiten geraten sei. Wir haben uns nicht viel dabei gedacht, das passierte damals öfter. Die Hauptschifffahrtslinien ins Mittelmeer und nach Afrika führten nur wenige Seemeilen vor der Costa da Morta - der Todesküste - entlang und vor Galicien ist der Ozean sehr wild, besonders im Herbst.

Meist lösten sich Probleme mit aufgelaufenen Schiffen ohne großes Aufsehen: Irgendwann tauchten Schlepper auf, um sie zu bergen. Doch als klar war, dass die "Prestige" ein Leck hatte, ging das große Theater los. Die verschiedenen Küstenregionen stritten darum, wohin das Schiff geschleppt werden sollte. Sie hatten Angst, dass das Öl ihre Häfen verseuchen könnte. Also wurde die havarierte "Prestige" hin- und hergeschleppt. Mal ging es Richtung Portugal, dann Richtung Norden und schließlich aufs offene Meer, wo der Tanker dann auseinanderbrach.

Es roch nach Verwesung, faulen Eiern und Benzin

Nach ein paar Tagen erreichte das Öl die Strände - und es war viel schlimmer, als wir uns vorgestellt hatten. Am härtesten traf es Muxía. Der Ort liegt direkt am Wasser, und es gab zu der Zeit einige starke Springfluten. Das Öl klatschte bis an die Häuser und hing sogar von den Straßenlaternen herunter. Und auf den Stränden lag die stinkende, klebrige Masse fast einen Meter hoch. Ein zäher schwarzer Teppich, unter dem die Felsen, die sonst den Strand bedeckten, nur noch als kleine Dellen zu sehen waren. Auf dem Wasser schwamm ein gelbbrauner Schaum, und die heftige Brandung trieb immer mehr von dem giftigen Schweröl an die Küste.

Vor allem der Gestank war unerträglich. Es war ein unbeschreiblicher Geruch. Eine Mischung aus Verwesung, faulen Eiern und Benzin, die weit bis ins Landesinnere wehte.

Wir haben uns sofort mit ein paar Freunden organisiert, und wir waren nicht die einzigen. Vor allem Jugendliche reisten aus ganz Spanien an, um mitanzupacken. Später folgten Helfer aus der ganzen Welt. Ich habe sogar eine Frau kennengelernt, die aus Florida gekommen war, um die verseuchten Strände zu säubern. Es war ein steter Strom von Menschen, so viele, dass sie in Zeltstätten und Turnhallen untergebracht werden mussten. Ich fand es überwältigend, wie viele Leute kamen und ihre Freizeit opferten, um zu helfen.

Nur die Fischer, deren Existenz von der Ölpest am meisten bedroht war, rührten keinen Finger - zumindest viele von ihnen. Die standen grinsend in den Bars und sagten: "Da kommen wieder die Spinner, und machen den Strand sauber." Der Grund dafür: Die spanische Regierung hatte allen von der Ölpest betroffenen Fischern Subventionen versprochen. Das hatte teilweise groteske Folgen, angeblich gab es sogar einen Fall, bei dem Einheimische Ölbarrieren vor der Küste entfernt haben, damit das Zeug auch bei ihnen an den Strand schwappt und sie abkassieren konnten.

Mit bloßen Händen ins Schweröl

Doch all das nahmen wir nur am Rande wahr, weil wir vollauf mit den Reinigungsarbeiten beschäftigt waren - auch wenn es in den ersten Tagen kaum Werkzeug und Schutzkleidung für die Freiwilligen gab. Zum Teil setzten sich die Helfer, nur von einer Staubmaske geschützt, den giftigen Dämpfen aus und hievten das Schweröl mit bloßen Händen in die Eimer. Einige sollen später krank geworden sein. In meinem Bekanntenkreis hat es zum Glück keinen getroffen. Nur einem Freund wurde bei der Arbeit am Strand richtig schlecht, und er musste aufhören. Wie giftig diese zähe Masse war, ahnte damals niemand. Die spanische Regierung hat die Menschen, die in den verseuchten Dörfern wohnten, auch nicht gewarnt, dass sie besser für einige Zeit zu Verwandten ins Inland ziehen sollten.

Meine Bekannten und ich hatten uns einen ganz bestimmten Strandabschnitt ausgesucht, den wir säubern wollten. Er liegt in unwegsamem Gelände, deshalb marschierten wir zu Fuß hin. Die Wannen, die wir mit Ölschlamm füllten, wurden mit Hubschraubern abgeholt. Wir waren eine Kerngruppe von etwa acht Leuten und trafen uns jedes Wochenende dort. Denn auch wenn wir in einem Katastrophengebiet lebten, mussten wir natürlich trotzdem unter der Woche arbeiten. Aber jeden Samstag und Sonntag versammelten wir uns an unserem Strand und schaufelten, bis zu den Schienbeinen in der stinkenden Soße, Eimer für Eimer den schwarzen Schlamm weg.

Am Anfang war das eine Sisyphosarbeit. Es war Sturmzeit in Galicien. Die raue See spülte immer neues Öl an Land und grub die schwarze Masse teilweise sogar unter den Sand. Es war frustrierend. Doch wir machten trotzdem immer weiter. Die Schutzanzüge, -masken und -handschuhe waren am Ende dieser Tage immer so stark mit Öl verschmiert, dass wir sie nur noch wegwerfen konnten. Etwa ab Februar konnte man dann zum ersten Mal sehen, dass das, was wir in der letzten Woche gereinigt hatte, auch wirklich so blieb - und am Ende war der Strand sauber. Dafür hatten wir von Dezember bis zum Mai, ein halbes Jahr lang, jedes Wochenende dort verbracht, geschaufelt und geschrubbt.

Nun hatten wir "Prestige"

Kurz vor der Katastrophe hatten meine Frau und ich ein Gästehaus renoviert. An Touristen war nach der Katastrophe natürlich nicht mehr zu denken. So quartierten wir dort eben Helfer von der Deutschen Ölvogelhilfe ein. Sie sammelten die verschmutzten Vögel am Strand auf und säuberten sie in einer speziellen Station. Manchmal halfen meine Frau und ich dort. Es war ein bedrückender Anblick. Da hockten diese Tiere, denen man unter normalen Umständen kaum Nahe kommen kann, lethargisch vor einem, schutzlos und geschwächt.

Das Furchtbarste waren aber die Tintenfische. Wir ahnten schon, dass durch das Öl vor allem Meeresfrüchte und Fische stark in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Doch wie stark das Ökosystem des Meeres zerstört worden war, sah man an den Tintenfischen. Es gab Tage, da lagen ganze Strände voll mit Tintenfischkadavern. Ein apokalyptisches Bild. Die waren einfach zu Tausenden im Meer verreckt, weil sie das Öl zu sich genommen hatten.

Die Aufräumarbeiten dauerten insgesamt zwei Jahre. Unser privates Projekt, Ferienhäuser an Urlauber zu vermieten, hatten wir abgehakt. Wer wollte schon in einem ölverseuchten Katastrophengebiet Urlaub machen? Doch dann passierte etwas vollkommen Irres: Im ersten Sommer nach dem "Prestige"-Unfall begann der Katastrophentourismus. Da kamen Spanier, die wissen wollten, wie es bei uns aussah.

Auch in den Sommern danach blühte Galicien als Urlaubsregion auf. Zuvor war dieser Teil Spaniens selbst für Landsleute eine unbekannte Region. Doch während der Ölpest war unglaublich viel über Galicien berichtet worden, und in diesen Artikeln wurde auch immer die Schönheit der Küste beschrieben. So ist das Geschäft mit dem Tourismus erst nach der Havarie des Tankers richtig losgegangen. Und es lief sogar besser, als man es je erwartet hätte. Es klingt bizarr: Aber im Grunde genommen war die Ölpest für Galicien eine große Werbeveranstaltung. Vorher kannte fast niemand das Gebiet, nun hatten wir "Prestige".

Dennoch werden diese Wochen und Monate den Menschen als schlimme Katastrophe im Gedächtnis bleiben, die man zwar bekämpfen, aber niemals verschwinden lassen kann. Noch heute finden sich an schwererreichbaren Küstenabschnitten die Spuren des Öls.

Rupert Kolb lebt bereits seit mehr als 20 Jahren mit seiner Familie in Spanien. Vorher wohnte er in Berlin und betrieb dort eine Tischlerei. 1988 wanderte Kolb zusammen mit seiner Frau nach Galicien aus und erwarb ein Haus am Rande einer kleinen Ortschaft namens Calo, etwa vier Kilometer von der Küste entfernt.

Aufgezeichnet von Benjamin Maack

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