Juden in Österreich "Ich gehe hier nicht weg"

Dank eines Helfers überlebte der jüdische Junge Hans die NS-Zeit in einem Versteck in Wien. Seine Enkelin hat die Geschichte nun recherchiert und aufgeschrieben - und entdeckte Parallelen zur eigenen Gegenwart.

privat

Von , Wien


Aus seiner Familie hat Hans, Hansi genannt, als Einziger überlebt. Er hatte Glück, weil er sich als 16-Jähriger beim Wiener Kinderarzt Josef Feldner, Spitzname: Pepi, verstecken durfte. Hansis Familie sollte 1942 nach Theresienstadt "umgesiedelt" werden. Die Eltern wussten nicht, dass sie das KZ erwartete. Weil sie aber ahnten, dass es gefährlich werden konnte, trafen sie eine folgenschwere Entscheidung: Den drei Jahre jüngeren Sohn nahmen sie mit, Hansi kam zu Pepi.

Im Moment des Abtransports der Familie ging alles ganz schnell. "Es blieb plötzlich nur noch Zeit für eine kurze Umarmung, ein kurzes Viel-Glück-Wünschen, und schon war ich auf der Straße", schrieb Hansi in ein Tagebuch. Fortan lebte er bei Pepi, mitten in Wien. Seine Eltern und seinen Bruder sah er nie wieder.

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Versteckte Jahre: Hansi und sein Retter Josef

Anna Goldenberg, 1989 in Wien geboren, hat die Geschichte von Hansi aufgeschrieben. Hansi, der den Krieg in der Wohnung von Feldner überlebte, dessen Familiennamen annahm und später selbst Arzt wurde, war ihr Großvater. "Versteckte Jahre" heißt das Buch, das an diesem Montag erscheint. Drei Jahre lang hat Goldenberg mit Familienangehörigen gesprochen, Dokumente gelesen, darunter Tagebücher von Hansi, in denen er sich Jahre später an sein Versteck und die Kriegszeit erinnerte, Archive aufgesucht und Zeitzeugen befragt.

"Meine Familiengeschichte kannte ich im Großen und Ganzen natürlich", sagt Goldenberg, die als Redakteurin für die Wiener Wochenzeitung "Falter" arbeitet. "Als ich drei Jahre in New York lebte, musste ich sie immer wieder erzählen." Im Studium dort habe sie ein Radiostück darüber verfasst. So sei die Idee entstanden, die Geschichte in Buchform zu bringen.

Bei ihrer Recherche habe sie aber doch immer wieder Überraschendes herausgefunden. Zum Beispiel, dass ein Teil der Familie ursprünglich nach Shanghai auswandern wollte und sich für die teure Flucht die Rente ausbezahlen ließ. Die Behörden behielten jedoch beinahe die Hälfte ein, am Ende reichte das Geld nicht, und so blieb die Familie in Wien.

Es sind beklemmende Beschreibungen aus dem Alltag während der Nazi-Herrschaft, die ein wenig an Anne Frank und ihre Tagebucheintragungen aus dem Versteck erinnern. Tage, Monate, Jahre voller Angst, das Schweigen über die Identität. Einmal entkam Hansi nur knapp einer Kontrolle, er griff sogar zur Pistole, um sich zu wehren. Und doch verbrachte er seine Zeit vergleichsweise unbeschwert. Er nahm den gelben Stern ab und bewegte sich relativ frei in der Stadt. Oft besuchte er die Wiener Staatsoper, besorgte sich preiswerte Stehplatzkarten und genoss die Musik. "Die Oper war eine Insel des Friedens, eine intakte Welt in der Heimat", schrieb er in sein Tagebuch.

Spannend ist aber auch der Bezug zur Gegenwart. In New York, sagt Anna Goldenberg, sei sie oft von Juden gefragt worden, weshalb ihre jüdische Familie in Österreich geblieben sei. "Meine Großeltern blieben nach dem Krieg halt in ihrem Geburtsort Wien", antwortete sie. Später zogen sie - Hansi und Helga, Goldenbergs Großmutter - für ein paar Jahre in die USA und arbeiteten dort als Ärzte.

Dennoch kehrten sie nach Wien zurück. Warum? Ausgerechnet zurück in jene Stadt, in der die Nazis ihnen das Leben so schwer gemacht hatten? Goldenberg überlegt. "Sie haben gesehen, dass es auch gute Menschen gab, solche wie Pepi, die geholfen haben." Ihre Oma erinnere sich gern an die guten Dinge. Vielleicht war es auch so etwas wie ein Heimatgefühl, das sie nach Wien gezogen habe.

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Anna Goldenberg:
Versteckte Jahre

Der Mann, der meinen Großvater rettete

Paul Zsolnay Verlag; 192 Seiten; 20 Euro

Goldenberg hat selbst so empfunden während ihrer Jahre in New York. Sie habe sich einsam gefühlt. "Ich habe meine Familie und die geselligen Abende vermisst." Auch sie kehrte nach Wien zurück. Den heute wieder zunehmenden Antisemitismus in Österreich nehme sie wahr. "Man sieht mir ja nicht an, dass ich Jüdin bin, vielleicht bleibe ich deshalb davon verschont", sagt Goldenberg. Wien aber liebe sie. "Ich gehe hier nicht weg, ich lasse mir das nicht nehmen. Österreich ist doch unser aller Land! Wenn das jemandem nicht gefällt, soll er halt gehen."

Weshalb Pepi den jungen Hansi aufnahm, was genau ihn bewog, das große Risiko einzugehen, als Helfer eines Juden entdeckt und bestraft zu werden, diese Frage bleibt unbeantwortet. "Sie beschäftigte meinen Großvater sein Leben lang", sagt Goldenberg. Fragen kann sie die beiden nicht mehr. Pepi starb 1973. An ihren Opa hat sie noch Erinnerungen, er starb 1996.

insgesamt 3 Beiträge
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Diana Simon, 25.07.2018
1. Wahre Helden
Ich bewundere die Menschen, die einen Juden unter Lebensgefahr versteckt haben. Ich bin ziemlich sicher, daß ich diesen Mut nicht gehabt hätte. Es ist gut, daß dieses Buch geschrieben wurde, die jungen Menschen brauchen Menschen, mit denen sie sich identifizieren können. Es geht nicht, daß die Nazi-Zeit ein schwarzes Loch in der Geschichte ist, weil man sich von den herrschenden Kreisen der Zeit nur mit Grausen abwenden kann. So sind sowohl der Retter Pepi als auch der Gerettete Hansi Personen, mit denen man mitfiebern kann und sich über die Rettung freuen. Ich werde mir das Buch kaufen und es wohl auch an Enkelkinder verschenken.
Hartmut Goder, 25.07.2018
2. Eine rührende Geschichte
Solche Erzählungen berühren mich persönlich immer zutiefst, was wohl daran liegen mag, dass mir meine Mutter oftmals von den Leiden vieler jüdischer Mitmenschen berichtet hat, was sie nicht selten zu Tränen rührte. Umso mehr bewundere ich all die Menschen die ihnen meist noch unter eigener Lebensgefahr Schutz und Hilfe gewährt haben. Für mich sind dies alles herzensgute Menschen für die einfach der Mitmensch zählt und denen man einfach Hochachtung und Anerkennung entgegen bringen muss!
Nik Lok, 26.07.2018
3.
Ein interessanter Artikel. Das mit dem Antisemitismus dürfte in Österreich aber nicht ansatzweise vergleichbar sein mit den 1930ern, das ist Verharmlosung der Geschichte. Österreich hat zudem eine sehr pro-israelische Regierung. Als Jude hätte ich weniger Bedenken. Als Muslim sähe es da schon anders aus. Wenn wir immer nur auf antijüdische Strukturen schauen, verschließen wir die Augen vor den weit stärker verbreiteten Ressentiments gegen Muslime, Dunkelhäutige und Flüchtlinge. Auch wenn das alles natürlich aus dem gleichen hirn- und empathielosen Sumpf stammt.
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