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Österreichs größter Pflegeskandal "Wer mich ärgert, bekommt ein Gratisbett beim lieben Gott"

Krankenschwester-Skandal in Österreich: Die "Todesengel von Lainz" Fotos
AP

Hilfsschwestern, die nicht halfen, sondern mordeten: Vor 25 Jahren schockierte der Fall der "Todesengel von Lainz" die Weltöffentlichkeit. In einem Wiener Krankenhaus waren Dutzende Patienten auf grausame Weise ums Leben gekommen. Von

Als der Tod vorbeikommt, neigt sich die Nachtschicht gerade dem Ende zu. Es ist fünf Uhr morgens am 18. Dezember 1988, und Juliane P. liegt seit zehn Tagen im Krankenhaus Lainz in Wien, 1. Medizinische Abteilung, Station D, Pavillon V. Früher war P. einmal Primaballerina des Staatsopernballetts. Seit eine Thrombose ihre Halsschlagader verstopft hat, ist sie halbseitig gelähmt.

Auf ihrem Rundgang hält die Nachtschwester Irene Leidolf an P.s Bett an. Sie stoppt die Infusion an P.s Vene, zieht eine Spritze auf und injiziert der Patientin den Inhalt per Katheter. Um sieben Uhr verlässt die Hilfsschwester das Krankenhaus. Um 0.15 Uhr des nächsten Tages ist P. tot.

Drei Tage später, 18 Uhr, Hauptdienst. Wieder hat Irene Leidolf Schicht, wieder greift sie zu einer Spritze, gibt sie diesmal Stefan F., 83. Am nächsten Mittag ist auch er tot. Ein paar Monate später stirbt auch die Krebspatientin Thekla G., 80, in Pavillon V. Nicht ihre schwere Krankheit, sondern Wasser in ihren Lungen war letztendlich die Todesursache. Ermittler werden später herausfinden: G. ist qualvoll erstickt. Sie ist eines von insgesamt 42 Opfern in einer Mordserie, die bis heute als Österreichs größter Pflegeskandal gilt.

Am 7. April 1989 gestehen Irene Leidolf, Stefanija Meyer, Maria Gruber und Waltraud Wagner gegenüber der Wiener Polizei, alleine oder zusammen mehrere alte Menschen im Krankenhaus Lainz mit Schlafmitteln getötet, ihnen Wasser in die Atemwege geleitet und Nicht-Diabetikern das Anti-Zucker-Hormon Insulin in tödlichen Dosen verabreicht zu haben. Der damalige Kanzler Franz Vranitzky nannte die Tat "das brutalste und grausamste Verbrechen der österreichischen Geschichte". Doch nicht nur in Österreich, auch in der Welt war man erschüttert über die "Todesengel von Lainz": Was waren das für Krankenschwestern, die zu solchen Gräueltaten fähig waren? Und vor allem: Warum konnten sie so lange unbemerkt töten?

Berufserfahrung aus der Dosenfabrik

Der Tatort, die Klinik in Lainz, galt im Wiener Volksmund lange als Endstation für alte Leute. Wer auf die "Innere" im Pavillon V eingeliefert wurde, kam dort meist nicht lebend heraus. Hier lagen die Hoffnungslosen, die Aufgegebenen; die, bei denen eigentlich nichts mehr zu machen war. Auch die Schwestern wussten das.

Drei von ihnen hatten schon als junge Frauen mit 17 oder 18 Jahren in Lainz zu arbeiten begonnen. Am längsten aus dem Quartett war Stefanija Meyer in dem Krankenhaus. In ihrer Heimat Slowenien hatte Meyer, Jahrgang 1939, einst in einer Fischdosenfabrik gearbeitet. Nach einem Kurs zur Stationsgehilfin fing sie 1973 in Lainz an. Erst in der Chirurgie, fünf Jahre später wechselte sie in den Pavillon V.

Weil dort das Personal immer knapper wurde, sollte Meyer bald auch Hauptdienste verrichten, wozu auch Spritzen geben und Medikamente verteilen gehörte. Es waren Arbeiten, für die Meyer nie ausgebildet worden war. Auch die anderen Gehilfinnen wurden weit über ihre Kompetenzen hinaus eingespannt. Teilweise, so wird es später ein hoher städtischer Beamter vor Gericht aussagen, hätten die Pflegekräfte schlichtweg die Jobs der Ärzte gemacht. Die Geschichte der "Todesengel", sie ist auch die Geschichte eines kaputten Krankenhaus- und Pflegesystems.

Todesurteil in der Zigarettenpause

Doch nicht nur fachlich, auch moralisch waren die vier Frauen ihrer Aufgabe nicht gewachsen. Niemand klärte die Hilfsschwestern ausreichend über den Umgang mit Sterbenden auf. Keiner erläuterte ihnen, dass es Krankheiten gibt, die das Wesen und die Laune eines Menschen dauerhaft verändern. Mit ihren Taten, so sagten sie fast alle übereinstimmend später bei der Polizei aus, wollten sie anfangs vor allem die Schmerzen der Patienten lindern. Über die fatalen Folgen ihrer Eingriffe seien sie sich dabei nicht immer bewusst gewesen.

Dagegen sprach die Willkür und Skrupellosigkeit, mit der die "Todesengel" vorgingen. Manchmal bestimmten sie in der Zigarettenpause, wer leben durfte und wer nicht. Bei ihren barbarischen Todesurteilen unterschieden sie zwischen "guten" und "schlechten" Patienten. "Gut" bedeutete Leben, "schlecht" bedeutete Tod. Getötet wurde, wer unbequem oder unruhig war, wer den Frauen viel Arbeit bereitete oder "mich ärgerte", so sagte es Waltraud Wagner später einmal. "Der bekam ein Gratisbett beim lieben Gott."

Wagner galt auch als Kopf der umstrittenen Truppe. Sie arbeitete seit 1982 im Pavillon V, wurde von den anderen Hilfsschwestern respektiert - und war gefürchtet: Auf der Station wurde Wagner nur "Hexe" genannt. 1983 hatte sie mit dem Töten begonnen, zuerst allein und im Abstand von mehreren Monaten. Irgendwann erklärte sie ihrer Freundin und Kollegin Irene Leidolf, wie sie sich bei den Ärzten abgeschaut habe, dass eine Überdosis des Beruhigungsmittels Rohypnol alten, unruhigen Menschen den raschen Tod bringe. So lernte Wagner ihre Komplizinnen in den perfiden Mordtechniken an.

Besonders qualvoll war eine Prozedur, die Wagner "Mundpflege" nannte. Dazu mussten die Schwestern in der Regel zusammenarbeiten: Eine der Schwestern schüttete dann ihrem bettlägerigen Opfer Wasser in den Mund, die andere Schwester drückte währenddessen mit einem Holzspatel die Zunge nach unten und die Nase des Patienten zu - so lange, bis das Opfer nach ein paar Minuten keine Reaktion mehr zeigte. Allein in Wagners Dienstzeit starben bis zu sechsmal mehr Patienten als in den Dienstzeiten anderer Schwestern.

Zusammenbruch nach Urteilsverkündung

Aufgeflogen war das Schwesternquartett schließlich, weil eines ihrer Opfer überlebte - und redete. Im April 1989 verabreichten Wagner und Meyer dem schwindelanfälligen Franz K. eine hohe Dosis Insulin - obwohl er gar kein Diabetiker war.

Als eine Oberärztin K. zufällig auf dem Flur entdeckte, lag der Mann schon im Koma. Die Ärztin behandelte die Unterzuckerung. Am nächsten Morgen war K. wieder ansprechbar. Es verging noch ein weiterer Tag, bis die Polizei eingeschaltet wurde, am 7. April wurden die Schwestern festgenommen.

In den Verhören belasteten sich die Frauen gegenseitig. In ihrem Geständnis erklärte Irene Leidolf, sie glaube, dass allein Wagner mehr als hundert Menschen getötet habe. Später relativierten die Schwestern ihre Angaben. Die Anklageschrift führte schließlich insgesamt 49 Opfer auf, 42 Morde und fahrlässige Tötungen konnten vor Gericht nachgewiesen werden.

Bei der Urteilsverkündung im Frühjahr 1991 brach Waltraud Wagner zusammen und musste vom Notarzt behandelt werden. Der Richter hatte sie wegen 15-fachen Mordes und 17-fachen Mordversuchs zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. Auch Leidolf erhielt Lebenslang. Trotz Revision bleib es bei den Urteilen. Stefanija Meyer musste für 20, Maria Gruber für zwölf Jahre ins Gefängnis.

Heute sind alle vier wieder auf freiem Fuß und leben - unter einer neuen Identität - an unbekannten Orten. Auch das Krankenhaus Lainz hat im Jahr 2000 aufgrund des Skandals einen Namenswechsel vorgenommen: Es heißt seitdem Krankenhaus Hietzing. Den Wienern ist das egal. Sie nennen ihr Spital weiter das "Lainz".

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1. Es ist nur eine Frage der Zeit
Rudolf Hafner, 12.04.2014
bis es wieder zu solchen Fällen kommt. Der Pflegenotstand (es mangelt in den Krankenhäuser auch mehr und mehr an Ärzten. Eh klar, es muß überall gespart werden..) steigt. Das Personal überlastet und überfordert. In der Not wird dann auch mal unqualifiziertes Personal genommen. Unqualifiziert auch in psychischer und moralischer Hinsicht. Das ist die Basis für solche schrecklichen Taten! Ich denke, den Artikel sollte sich jeder Altersheim-Krankenhausbetreiber gut durchlesen! Wir alle werden einmal älter und pflegebedürftig. Und auf Pflegeroboter zu "hoffen" wird wohl auch nicht die Lösung sein...
2. Auch die Ärzte?
genevieve meyer, 12.04.2014
"Irgendwann erklärte sie ihrer Freundin und Kollegin Irene Leidolf, wie sie sich bei den Ärzten abgeschaut habe, dass eine Überdosis des Beruhigungsmittels Rohypnol alten, unruhigen Menschen den raschen Tod bringe." Scheint mir reichlich grenzwertig, dass Ärzte vor dem Pflegepersonal Patienten mit Rohypnol das Sterben erleichtern.
3. Der Kranke ist ein Gott, sonst wird man zum Richter
Monika Gohl, 12.04.2014
der Kranke muss als Antlitz Gottes betrachtet werden, sonst fällt der Umgang schwer. Der Pfleger kann die Gründe für das mürrische Verhalten ja nicht nachvollziehen. Schwingt er sich zum Richter auf, wird er schuldig und gnadenlos. Der Job ist frustrierend, seh ich ja ein, aber der Kranke muss wie das Kind einen Sonderstatus haben, sonst leiden Pfleger und Kranke. Der Staat hat aber die größte Schuld, weil viele zu dem Job genötigt werden. Er ist so unattraktiv positioniert, dass er eben nur als Gelderwerb betrachtet wird. Da muss man umdenken. Die Gesellschaft sollte eh in allen Fällen umdenken. Die Pfleger stehen auch unter Leistungsdruck. Täglich den Tod vor Augen macht auch krank, wenn man das nicht einordnen kann. Es ist generell unmöglich Leute zu verurteilen. Unfähigkeit ist einer Krankheit gleich und wir haben alle unsere Unfähigkeiten. Man kann nur helfen. Strafen ist eine Anmaßung.
4. Liebe Frau Gohl, liebe weitere Vorposter
Mark Oliver Ehrentheit, 12.04.2014
der Dienstleister sollte nett zu Patienten/Gästen/Kunden sein, nur im Sonderfall Unmut entwickeln oder gar äußern, Schutzbefohlene auf jeden Fall als gleichwertig mit dem Pfleger etc. ansehen. Für eine wahnhafte religiöse Überhöhung sehe ich aber keinen Grund. Und im Pflegesystem keinen Grund für die Taten. Beides ist blöd, in einer perfekten Welt passiert so was nicht, aber als Grund/Argument, um Wehrlose umzubringen scheinen mir Arbeit, Druck und Tarif recht weit hergeholt und bedenklich.
5. Lebenslänglich
Gerry Weirich, 12.04.2014
Verständnisfrage: Worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen einer lebenslangen und einer 20-jährigen Haftstrafe? Offenbar waren ja 20 Jahre nach dem Urteil alle wieder frei. (Das will ich auch nicht kritisieren, aber ich frage mich einfach: Wieso macht man überhaupt eine Unterscheidung zwischen diesen beiden Strafen?)
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