Oktober 1989 Der Herbst der DDR

Oktober 1989: Der Herbst der DDR Fotos
Marko Schubert

Eigentlich wollte er nur ein paar Freunde treffen, dann erlebte er den Zusammenbruch der DDR hautnah mit: Als Marko Schubert sich im Herbst 1989 auf dem Alexanderplatz einer kleinen Demonstrantengruppe anschloss, ahnte er nicht, dass er bald in Lebensgefahr schweben würde. Von Marko Schubert

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Es war ein herrlicher Tag im Herbst 2008. Bei strahlendem Sonnenschein fuhr ich auf der Karl-Marx-Allee mit dem Fahrrad zur Arbeit und freute mich schon auf meine Mittagspause, wo ich mich zusammen mit meiner lieben Kollegin Henna für eine Stunde in den kleinen Park gegenüber von meinem Arbeitsplatz legen und die vielleicht letzten wärmenden Strahlen des Jahres genießen würde.

Als ich an den zehngeschossigen Hochhäusern kurz hinterm Kino International vorüberkam, fiel mir etwas auf: An einem Fenster im fünften Stock eines der riesigen Betonblocks wehte eine einsame Fahne im Wind: eine DDR-Fahne. Ich grübelte beim Weiterfahren, warum ausgerechnet heute jemand trotzig diesen alten Stofffetzen gehisst hatte. Kurz hinter dem Fernsehturm fiel der Groschen endlich: Heute war ein Tag, den ich eigentlich nicht so schnell hätte vergessen dürfen - der 7. Oktober, der Gründungstag der Republik. Er war der vielleicht wichtigste gesetzliche Feiertag der DDR gewesen.

Damals, zu Zeiten der DDR, freuten wir uns immer riesig auf freie Tage: Frei haben, das hieß lange ausschlafen, gemütlich frühstücken und gemeinsam an den Müggelsee fahren. Dort gab es dann für alle ein "Steak au four" in dem großen Gartenlokal am Wasser - und nach einem kurzen Spaziergang in den Wäldern der Müggelberge noch ein Stück Kuchen. Am 7. Oktober jedoch war an solchen Müßiggang nicht zu denken. Dann hieß es für fast alle: früh aufstehen, am Genossen Erich Honecker vorbei über die Karl-Marx-Allee marschieren oder vor der Parade Spalier stehen. Das war schließlich unsere erste Bürgerpflicht.

"Die DDR wackelte - und unsere Familie gleich mit"

Beim letzten 7. Oktober 1989 vor dem Mauerfall war alles anders. Es lagen größere Welten zwischen mir und meinem Vater als je zuvor. Ich war mittlerweile Abiturient der 12. Klasse mit heiß diskutierenden Mitschülern, die sich in Kirchen trafen, um neue Ideen auszutauschen, kritische Artikel verfassten und zum Teil in geheimnisvolle neue Foren eintraten. Einige waren über Ungarn abgehauen. Mein alter Herr war nach wie vor Sportfunktionär beim SC Dynamo, wo man die Geschehnisse in Ungarn ungern sah. Die DDR wackelte und unsere Familie gleich mit.

Es war spät am Nachmittag. Ich hatte endlich wirklich einmal am 7. Oktober ausgeschlafen und traf mich mit Matze, Otmar und Bernd in den letzten Sonnenstrahlen am Alexanderplatz. Die Jungs hatten Gerüchte gehört, dass hier heute etwas los wäre. Was genau, wusste niemand. Bei der Weltzeituhr in der Mitte des Platzes versammelten sich allmählich etwa 500 Leute. Es kam mir vor, als hätte sich eine Truppe von Rowdys und Krawalltouristen getroffen, die endlich einmal zeigen wollten, dass nicht nur in Leipzig und Dresden die Post abging.

Obwohl es damals ein Samstag war: Dies wurde genau genommen Berlins erste Montagsdemo! Die kleine Meute brüllte ununterbrochen: "Schließt Euch an!" Trotzdem waren sie eigentlich nur ein erbärmliches Häuflein - weit entfernt von den Menschenmassen, die angeblich in Sachsen auf die Straße gingen. In Berlin war in dieser Hinsicht am wenigsten los. Ein paar Leute riefen fast schüchtern: "Freiheit, Freiheit". Einige rollten Transparente aus und begannen, neue Parolen anzustimmen. "Gorbi, Gorbi!", "Gorbi hilf uns!" und "Wir sind das Volk!", brüllten sie in der Hoffnung, dass die anderen mit einstimmten. Doch nicht alle folgten der Aufforderung. Viele beobachteten die Szenerie nur aufmerksam.

Heute denke ich, dass zu diesem Zeitpunkt wahrscheinlich die Hälfte der Anwesenden die Veranstaltung unterwandert hatte. Genossen vom Innenministerium in Zivil waren auf den Dächern der angrenzenden Häuser stationiert. Ich konnte sehen, dass dort oben mehrere Beobachter mit großen Kameras standen.

Mit Schlagstöcken gegen Sprechchöre

Wir hatten damals zwar noch keine Handys, um uns zu organisieren - aber auch durch den bloßen "Buschfunk" strömten nach und nach immer mehr Menschen auf den Alex. Angesteckt von meinen Jungs brüllte auch ich mittlerweile: "Schließt Euch an!" Einige zeigten den Stinke- oder die gespreizten Victory-Finger in Richtung der Aufseher auf den Dächern. Ohne erkennbares Zeichen setzte sich der Tross in Bewegung. Es ging zum Palast der Republik. Aus dem Restaurant "Schwalbennest" beobachteten uns komische Vögel, und gleichzeitig tagten und feierten in "Erichs Lampenladen", dem Palast der Republik, die obersten Genossen und die geladenen Staatsgäste den 40. Jahrestag der Gründung unserer DDR bei voller Beleuchtung.

Auf Höhe der Spree, die wie eine künstliche Mauer vor dem "Palazzo Prozzo" floss, kamen wir zum Stehen. Vor der Brücke am Nikolaiviertel standen Hunderte von Volkspolizisten und riegelten den Zugang ab. Derweil wurden die Gesänge und Rufe der Menge immer lauter. Den Polizisten stand die Angst ins Gesicht geschrieben - inzwischen mochten wir schließlich schon 3000 Leute sein. Es war das erste Mal, dass in Berlin Staatsmacht und Volk so geballt aufeinander trafen. Keiner wusste, was geschehen würde.

Matze war unser Mann in vorderster Front: Er provozierte und beschimpfte die Arm in Arm eingehakten Polizisten aufs Übelste. Plötzlich begannen er und ein paar andere Kerle, mit voller Kraft gegen diesen menschlichen Wall, der die wenigen Oberen vor ihren vielen Untergebenen schützen sollte, anzurennen. Die ersten Angriffe wurden mit Schlagstöcken abgewehrt. Da ertönte aus dem Pulk der Demonstranten eine Parole in Richtung der Palastwächter, die wie eine doppeldeutige Drohung klang. Aus tausenden Kehlen erklang: "Wir bleiben hier! Wir bleiben hier!" Mir liefen kalte Schauer über den Rücken.

"Ich dachte, dass sie gleich in die Massen ballern"

In den Augen der Polizisten sah ich eine bedrohliche Mischung aus Angst und Hass, hinter der ersten Reihe sprang jetzt eine zweite Garde von einem LKW. Diese Jungs hatten große Kalaschnikows in den Händen. Alle Protestierer wichen augenblicklich zurück, und der Kommandeur auf der anderen Seite war plötzlich mit seinen gebrüllten Befehlen wesentlich lauter als die 3.000 Leute des Volkes. Ich spürte, dass sich in diesen Augenblicken die Geschichte unseres Landes entscheiden würde. Und mein Gefühl sagte mir, dass sie gleich in die Massen ballern würden.

Mit schlotternden Knien ging ich zu den anderen und sagte, dass ich nicht hier bleiben würde. Wir sahen uns verängstigt an und keiner nahm es mir übel. Zusammen mit Otmar war ich innerhalb von dreißig Sekunden aus der Gefahrenzone.

Mein Vater war zu gleicher Zeit von seiner Behörde in ständige Alarmbereitschaft versetzt worden, mit Ausgabe von Uniform und scharfer Pistole. So kitschig es klingt: Wenn es zu einer ernsthaften Eskalation gekommen wäre, hätte ich unter Umständen wirklich meinem Vater gegenübergestanden - oder er hätte Matze und Bernd erschießen können, nur, weil sie mutiger gewesen waren als ich.

Hat er aber nicht! Und das war die wirklich sensationell gute Nachricht an diesem 7. Oktober 1989. Die Leute, die vor Honeckers Regierungspalast standhaft geblieben waren, hatten den Sieg davon getragen. Die Bilder der wütenden Demonstranten gingen um die Welt und trotz späterer Prügelorgien der Stasi und Volkspolizei und allerlei Festnahmen gab es keinen Schießbefehl und keinen einzigen Toten.

Ein Himmel für verlorene Feiertage

Das alles aber lag nun, als ich neben meiner Kollegin Henna im Gras lag, schon 19 Jahre zurück. Mein Arbeitstag am 7. Oktober 2008 ging friedlich vorüber und nichts erinnerte mehr an damals. Mit Henna diskutierte ich lange auf der Wiese, ob man verschwundene Feiertage eigentlich ein Leben lang vermissen würde. So wie eine innere Uhr einen schon immer Wochen vorher spüren lässt, dass bald Weihnachten ist, sticht es bei jedem Ossi am 7. Oktober im Herzen.

Henna kannte dieses Gefühl scheinbar nicht. Sie lag auf dem Rücken, schaute grübelnd in den strahlend blauen Himmel und fragte mich: "Meinst du denn nicht, dass es auch einen Himmel für verlorengegangene Feiertage gibt und gerade jetzt vor einer rostigen Ehrentribüne zigtausende untote Genossen an einem Honeckerzombie in dickem grauen Mantel vorbeimarschieren?" Ich rollte mich zu ihr hinüber und rief grinsend: "Henna, Schubert! Sofort in Zweierreihen aufstellen. Es geht los!"

Als ich abends dann wieder an den Häusern der Karl-Marx-Allee vorbeiradelte, war die einsame DDR-Fahne, die hier am Morgen noch gebaumelt hatte, verschwunden. Ich steckte mein Fotohandy wieder ein und dachte: "Dann gibt es das Bild eben nächstes Jahr." Am 7. Oktober 2009, zum imaginären 60. Geburtstag der Deutschen Demokratischen Republik.

Zum Weiterlesen:

Mark Scheppert: "Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens. 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." Books on Demand GmbH, Norderstedt 2009, 228 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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