Olympia 1936 Der vergessene Vater des Fackellaufs

Bis heute gilt der Olympische Fackellauf in der Öffentlichkeit als Erfindung der Nazis und deren Olympia-Organisator Carl Diem. Tatsächlich war die Fackelstafette die Idee eines jüdischen Archäologen aus Berlin.


In der Öffentlichkeit wird oft behauptet, der Olympische Fackellauf sei eine Erfindung der nationalsozialistischen Propaganda anlässlich der Olympischen Spiele von 1936 in Berlin. Genauer soll die Idee von Adolf Hitlers Sportfunktionär Carl Diem (1882-1962) stammen, der sie dann auch umsetzte.

Der geniale Organisator Diem war in der Weimarer Republik Begründer und Leiter der Deutschen Hochschule für Leibeserziehung in Berlin (1920) und gründete nach dem Krieg die Deutsche Sporthochschule in Köln (1947). Sicherlich verhielt sich Carl Diem im "Dritten Reich" als Opportunist, dennoch wurde er von den Nazis nach der Machtergreifung 1933 als Rektor der Berliner Hochschule entfernt.

Überhaupt hätte die neue Reichsführung ihn am liebsten ausgeschaltet, was allerdings nicht gelang, da das Internationale Olympische Komitee (IOK) Diem schon vor 1933 als Generalsekretär des Organisationskomitees für die Spiele von Berlin 1936 berufen hatte. Daher war er weitgehend unabhängig und konnte so seinen langjährigen Freund, Vertrauten und Ideengeber, den jüdischen Archäologen Alfred Schiff (1863-1939), unterstützen.

Von der Vase auf die Straße

Alfred Schiff war ebenfalls an der Hochschule für Leibesübungen in Berlin als Verwaltungsdirektor tätig und wurde zusammen mit Diem entlassen. Für die Vorbereitung der Spiele in Berlin verschaffte Diem seinem Freund bezahlte Aufträge für das Organisationskomitee und konnte ihn so finanziell unterstützen. Seit vielen Jahren war Schiff der persönliche Berater seines Beschützers, er beriet Diem in allen Fragen der antiken Sportgeschichte und Kultur. Unter anderem überarbeitete er Diems Tagebücher, die auch für einen ausgewählten Kreis von Kollegen bestimmt waren, zu Fragen des antiken Sports.

Und es war Schiff, der der Ideengeber für die Durchführung des Fackellaufes gewesen ist. Darauf weist eine eigenhändig verfasste Denkschrift zum antiken Fackellauf hin, in der er für Diem seine Forschungsergebnisse zusammengefasst hat. Auch Einträge in Diems Tagebuch drücken dies aus.

Erstmals brannte das Olympische Feuer im Jahre 1928 im Stadion von Amsterdam. Diese Feuersymbolik hat Schiff dann für die Spiele in Berlin weiterentwickelt. Die Unterlagen und Akten, die im Kölner Carl-Diem-Archiv aufbewahrt werden, belegen weiter, dass Schiff gezielt antike Gemmen-, Vasen- und Reliefbilder nach Darstellungen von Fackelläufern durchsah, sammelte und auswertete sowie einschlägige antike Quellen zusammenstellte. Als Idee bestand bereits am Anfang der dreißiger Jahre sein Konzept des Olympischen Fackellaufes. Doch die Wurzeln liegen noch tiefer.

Staffellauf zum Stadtschloss

Bereits 1908 organisierte Diem einen Staffellauf vom Potsdamer Schloss zum Berliner Stadtschloss, der mit Hilfe des Kavalleriegenerals Egbert Hoyer Graf von der Asseburg (1847-1909) dem Kaiser erfolgreich nahegebracht werden konnte. Aus diesem Staffellauf Potsdam-Berlin entwickelte sich ein bedeutender Laufwettkampf, der zum Vorbild ähnlicher Sportveranstaltungen wurde. Schiff stiftete für diesen Stafettenlauf 1909 den Graf-Asseburg-Gedächnispokal. Diem und Schiff wussten also um die hohe symbolische Bedeutung derartiger Mannschaftsläufe aus eigenen Erfahrungen.

Aber wer war dieser Alfred Schiff, der auch unter Archäologen und Sporthistorikern weitgehend unbekannt ist? Schiff ist ein bemerkenswerter "Kleinmeister" der Klassischen Archäologie, dessen intellektuelle Spannkraft und persönliches Charisma ihn zum Kollegen und Freund vieler berühmter und einflussreicher Gelehrten der Altertumswissenschaften seiner Zeit werden ließ. Als Archäologe war er in Rom und Athen tätig.

Er nahm an Grabungen in Athen und auf den griechischen Inseln teil und wurde 1896 - wohl, weil er gerade in Athen war und die neugriechische Sprache beherrschte - Schiedsrichter und Betreuer der deutschen Mannschaft bei den ersten modernen Olympischen Spielen in Athen. 1904 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern des "Deutschen Reichsausschusses für Olympische Spiele", einem der Vorläufer des Nationalen Olympischen Komitees, und arbeitete von 1920 bis zu seiner Entlassung im April 1933 aus rassischen Gründen in verschiedenen Funktionen an der Hochschule für Leibesübungen in Berlin.

Schiffs Idee - von Diem durchgesetzt

Alfred Schiff konnte auf zahlreiche antike Quellen und Darstellungen für seine Erfindung zurückgreifen. Aus dem Altertum sind kultische Fackelläufe bekannt, die mit Götter- und Heroenaltären verbunden waren. So wurde der Stafettenlauf im antiken Athen bei unterschiedlichen Gelegenheiten durchgeführt, bekannt waren aber vor allem die Mannschaftsläufe bei den Panathenäen, die zu Ehren der Göttin Athena stattfanden. Die Erneuerung des Feuers der jeweiligen Kulte war der religiöse Ursprung dieser Wettkämpfe. Besonders berühmt waren jedoch die kultischen Stafettenwettkämpfe, die nach den beiden siegreichen Schlachten gegen die Perser bei Marathon (490v. Chr.) und Plataiai (479 v. Chr.) anlässlich der identitätsstiftenden Siegesfeiern eingeführt wurden.

Die Quellen zeichnen ein Bild, nach dem Diem die Idee Schiffs zu seiner eigenen machte und begeistert durchsetzte. Bereits 1930 hatte er mit dem von ihm 1908 begründeten Stafettenlauf von Potsdam nach Berlin die Delegierten des Berliner IOK-Kongresses beeindruckt. Dennoch ist bemerkenswert, wie Diem es schaffte, den Beschluss des IOK für den Fackellauf von Olympia nach Berlin zu erreichen und bei den deutschen Gremien und Behörden durchzusetzen.

Diem gewann auch das griechische Nationale Olympische Komitee für den Plan, indem er ihnen die Organisation der Entzündung der Flamme in den Ruinen des Zeus-Heiligtums antrug. Bereits 1934 wurden Details der Feuerentzündung, der Weihestunde in Olympia und des Zeremoniells diskutiert. Die Vorbereitungen zur Entfachung des Feuers in den Ruinen von Olympia liegen bis heute in den Händen des griechischen NOK.

Beinahe in Vergessenheit geraten

Diem gelang es, seinem jüdischen Freund die Planung und Vorbereitung einer als Begleitprogramm der Berliner Spiele gedachten Ausstellung zur Geschichte der Leibesübungen im Altertum zu übertragen. Unter dem Titel "Sport der Hellenen" wurde die Sonderausstellung von Juli bis August 1936 im Pergamonmuseum gezeigt, die sowohl vom historisch-kritischen Konzept als auch von der didaktischen Gestaltung her wegweisend wurde. Da allerdings alle Hinweise auf den geistigen Urheber und Organisator, hier ebenso wie beim Olympischen Fackellauf getilgt wurden, blieb dies lange unbekannt.

Alfred Schiff starb am 7. Februar 1939 als einsamer und verzweifelter Mann in Berlin. Seine Frau und die beiden Töchter waren bereits nach England emigriert. Durch die Judenverfolgungen der Nationalsozialisten wäre sein Lebenswerk beinahe in Vergessenheit geraten.

Dr. Stefan Lehmann ist Leiter des Archäologischen Museums der Universität Halle-Wittenberg.



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.