Olympia 1936 Skandal um Dora

Olympia 1936: Skandal um Dora Fotos

War es eine Nazi-Intrige? Oder eine Tragödie? Die jüdische Hochspringerin Gretel Bergmann wurde 1936 von den Olympischen Spielen ausgeschlossen - und durch einen Mann in Frauenkleidern ersetzt. Der Film "Berlin '36" erzählt die Geschichte jetzt als Politdrama, doch die Wahrheit war wohl anders. Von Stefan Berg

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Ihre letzte Reise als Frau tritt Dora Ratjen in einem grauen Jackenkleid an, in fleischfarbenen Strümpfen und hellen Damenschuhen. Am 21. September 1938 sitzt sie im D-Zug von Wien nach Köln. Bei den Leichtathletik-Europameisterschaften hat sie wenige Tage zuvor für das Deutsche Reich Gold geholt. 1,70 Meter hoch war sie gesprungen, neuen Weltrekord.

Gegen zwölf Uhr hält der Zug auf dem Bahnhof von Magdeburg. Die Sportlerin vertritt sich auf dem Bahnsteig die Beine, als sich ihr ein Polizist nähert und nach den Papieren fragt. Kriminalsekretär Sömmering ist von einem Schaffner darauf aufmerksam gemacht worden, dass im Zug eine Dame sitze, die in Wahrheit ein Mann sei. Sömmering sieht sich Ratjen genau an und bemerkt ihre stark behaarten Hände. Ratjen zeigt ihren Ausweis von der Leichtathletik-EM, aber das reicht dem Beamten nicht. Er bittet, den Koffer aus dem Zug zu holen und ihm auf die Wache zu folgen.

Ob sie ein Weib oder ein Mann sei, will der Polizist wissen. Sömmering droht eine Untersuchung an. "Und wenn ich mich dagegen widersetze?", fragt Ratjen zurück. Dann mache sie sich des Widerstands schuldig, erklärt der Kripo-Mann.

Die Sportlerin ringt mit sich, dann erklärt sie, ja, sie sei ein Mann.

Um 12 Uhr 15 wird Dora Ratjen festgenommen. Polizeifotos werden gefertigt, der ganze Vorgang protokolliert, ein Ermittlungsverfahren eingeleitet, Verdacht des Betrugs, lautet der Vorwurf. Tatzeit: 1934 bis 1938. Geschädigter: "Das Reich", so steht es in der Einlieferungsanzeige. Ratjens Goldmedaille wird sofort eingezogen.

An diesem 21. September 1938 endet die Geschichte der Sportlerin Dora Ratjen, 19 Jahre alt ist sie zu diesem Zeitpunkt, und es beginnt das Leben von Heinrich Ratjen, das bis zum 22. April 2008 währen wird. Ratjen liegt auf einem Friedhof in Bremen, aber in Frieden ruht er bis heute nicht.

Der Fall Ratjen ist einer der großen Sportskandale, bei denen ein Mann in Frauenkleidung seine Konkurrenz täuschte. Auch Sexualmediziner beschäftigten sich mit dem Fall: War Ratjen ein Zwitterwesen, ein Transvestit oder ein Junge, dessen Geschlecht bei der Geburt falsch bestimmt worden war? Ohne Namensnennung, aber mit Polizeifotos findet Ratjen seinen Platz im "Atlas der gerichtlichen Medizin", Rubrik: Transvestitismus.

Seit wenigen Tagen ist Dora Ratjen als Filmfigur zu sehen - in einem Spielfilm, der mit dem Anspruch auftritt, eine "wahre Geschichte" mit "nur geringfügigen Abweichungen" zu erzählen. "Berlin '36" ist die Geschichte einer großen "Nazi-Intrige", Ratjen darin ein Instrument des Rassenwahns.

Der Film, der am Donnerstag bundesweit anlief, erzählt die Geschichte der jüdischen Hochspringerin Gretel Bergmann, die zum Schein an den Vorbereitungen zu den Olympischen Spielen 1936 zugelassen, aber kurz vor Beginn aus dem deutschen Kader gedrängt wurde. Das ist in der Tat eine wahre Geschichte, eine dramatische, aber offenbar nicht dramatisch genug.

In "Berlin '36" gehen die Nazis früh auf die Suche nach Ersatz für die Goldhoffnung Bergmann und finden Ratjen, dessen wahres Geschlecht sie kennen und im ungleichen Kampf bewusst einsetzen. Im Kino trägt Ratjen den Namen Marie Ketteler, aber es ist immer klar, wer gemeint ist. Der Film beginnt mit Originalaufnahmen der Zeit, die beide Springerinnen zeigen. In einem an den Schluss gesetzten Interview redet die um ihre Siegchance betrogene Bergmann, die heute in den USA lebt, über den Fall. "Sie wurde gezwungen", sagt sie über ihre einstige Konkurrentin. Das bewegende Statement wirkt wie ein Gütesiegel für die Authentizität. "Dieses Interview gibt allem, was vorausging, den Anstrich einer Dokumentation", bemerkt der SPIEGEL 35/2009 kritisch.

Das wahre Leben der Frau nachzuzeichnen, die ein Mann war, ist kompliziert. Anfragen von Wissenschaftlern und früheren Sportkameraden, die nach dem Krieg Auskunft erbaten, ließ Ratjen unbeantwortet. Die Sektion für Sexualmedizin des Universitätsklinikums Kiel stellte dem SPIEGEL nun Ermittlungsunterlagen aus den Jahren 1938/39 zur Verfügung. Deren Chef, Professor Hartmut Bosinski, hat sich mit dem Fall beschäftigt, weil er zeige, dass man einen Jungen nicht zum Mädchen erziehen könne.

Die bislang unbekannte Polizeiakte enthält Selbstzeugnisse von Ratjen; dazu die Aussagen des Vaters und umfangreiches Ermittlungsmaterial der Behörden, inklusive mehrerer Schreiben an den Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten. In diesem Material findet sich für die Intrige kein Indiz - vielmehr deuten die Unterlagen darauf hin, dass die Nazis selbst erst nachträglich vom wahren Geschlecht ihrer Vorzeigesportlerin erfuhren.

Das eigentliche Drama von Dora Ratjen beginnt mit der Geburt, am 20. November 1918, in einem Haus in Erichshof bei Bremen. Die Ratjens sind einfache Leute, sie übernehmen später eine Schankwirtschaft, das Einkommen reicht knapp zum Leben. Das Ehepaar hat bereits drei Töchter, als Mutter Ratjen abermals niederkommt. Am 22. September 1938 gibt Vater Heinrich Ratjen der Polizei zu Protokoll: "Bei der Niederkunft meiner Frau habe ich nicht direkt an deren Bett gestanden, vielmehr hielt ich mich in diesem Augenblick in der Küche auf. Nachdem das Kind geboren war, rief mir die Hebamme zu: 'Heini, es ist ein Junge!' Nach fünf Minuten sagte sie aber wieder zu mir: 'Es ist doch ein Mädchen!'"

Vater und Mutter Ratjen sehen sich das Kind an. Sie haben Zweifel, aber die Eltern verlassen sich auf das Wort der Hebamme. Außerdem leben sie in einer Zeit, in der alles, was mit Sex und Geschlecht zu tun hat, nicht genauer besprochen wird. Die Hebamme meldet das Neugeborene beim Gemeindevorsteher und beim Pastor an, es wird auf den Namen Dora getauft.

Nach einem Dreivierteljahr erkrankt Dora schwer an einer Rippen- und Lungenentzündung. Vater Ratjen ruft einen Arzt und bittet ihn bei der Gelegenheit darum, auch die Geschlechtsteile des Kindes zu untersuchen. Da sei etwas nicht ganz in Ordnung, sagt er dem Arzt. In seiner Aussage heißt es dazu: "Er erwiderte mir: 'Dot lass man sinn; daran is nichts zu maken!'"

Doras Schicksal ist damit besiegelt - vorläufig zumindest. Das Kind wird nun als Mädchen groß. Dora besucht eine Mädchenschule, wird 1932 als Mädchen konfirmiert, spielt gerne Ball und Verkaufen. "Von meinen Eltern bin ich als Mädchen großgezogen", berichtet Dora 1938 der Polizei. "Ich habe also von meiner Kindheit an Mädchenkleider getragen. Von meinem elften oder zwölften Lebensjahr an kam mir schon das Bewusstsein, dass ich kein Mädchen, sondern ein Mann war. An meine Eltern habe ich aber niemals die Frage gestellt, warum ich als Mann Frauenkleider tragen muss."

Ernsthafte Gedanken macht sich Dora, als ihr keine Brüste wachsen wie den anderen Mädchen. Vom 18. Lebensjahr an rasiert sie sich jeden zweiten Tag die Beine, irgendwann kommt es auch zum ersten Samenerguss. Aber aus Schamgefühl wagt Dora es nicht, darüber zu reden, was mit ihr vorgeht. Als "Neutrum" müsse sich Ratjen gefühlt haben, schlussfolgert ein Beamter, der mit dem Festgenommenen ausführlich spricht, als Zwitter, der dieses Schicksal hinnehmen müsse. "Da sich aber bisher sein Leben fast ausschließlich in weiblichen Kreisen abgespielt hat, glaubt er, das Leben auch nur vom weiblichen Standpunkt aus angreifen zu können."

Ratjens Leben wird zum großen Versteckspiel, ein Leben unter Mädchen, erst mit drei größeren Schwestern, dann mit den Freundinnen. Dora entdeckt die Liebe zum Sport, tritt im Jahr 1934 beim Sportverein Komet Bremen ein und wird nach der Schule Packerin in einer Tabakfabrik. Aber sie bleibt auch in der Gemeinschaft einsam. Schwimmen geht sie selten, weil die Gefahr der Entdeckung offenbar zu groß ist, auch Feierlichkeiten meidet sie. "Am Tanzen hat sie wenig Freude", berichtet der Vater.

Schon im Alter von 15 Jahren gehört Ratjen zu den Besten im Hochsprung, sie wird 1934 als niedersächsische "Gaumeisterin" zu den leistungsstärksten deutschen Kandidatinnen für die Olympischen Spiele. Dora wirkt drahtig, knabenhaft, aber so sind auch andere Sportlerinnen der Zeit. Gelegentlich sei sie "angeulkt worden", erklärt Dora, aber alle echten Sportmädchen hätten doch eine raue und tiefe Stimme gehabt. Noch 1938 notiert der Kripo-Mann: Der Oberkörper Ratjens sei "mädchenhaft zart".

Deutschland bereitet sich seit Anfang der dreißiger Jahre auf die Olympischen Spiele vor, und die Nazi-Ideologen haben ihre anfänglichen Vorbehalte gegen den Frauensport über Bord geworfen. Hitler und sein Reichssportführer haben die Nationenwertung im Visier, die Überlegenheit der deutschen Nation soll demonstriert werden. In dieser Zeit begegnen sich die drei besten deutschen Hochspringerinnen. Bergmann, Ratjen und Elfriede Kaun. Fotos zeigen die Mädchen fröhlich und ausgelassen.

Für die Jüdin Bergmann jedoch endet diese Zeit bitter. Während Kaun und Ratjen zu den "Auserwählten" zählen, wie die Nazi-Presse meldet, wird Bergmann kurz vor Beginn der Spiele von den Nazis einfach ausgeladen. Kaun belegt in Berlin schließlich Platz drei, Ratjen, erst 17 Jahre jung, wird Vierte. Leni Riefenstahls Film über die Spiele von Berlin zeigt auch die Sportlerin aus Bremen - im typischen Scherensprung ihrer Zeit.

"Ich habe nie einen Verdacht gehabt, nicht ein einziges Mal", erzählt Gretel Bergmann noch heute. "In der Dusche haben wir uns gewundert, dass sie sich nie nackt zeigte, mit 17 noch so schüchtern, es war grotesk. Wir dachten nur: Die ist seltsam, die ist schräg." Die Sportler waren Amateure - Trainingslager dauerten meist nur wenige Tage. Kaun hielt Ratjen für sehr männlich, aber auch sie ahnte offenbar nicht, dass die Kameradin ein Kerl war. "Ich hatte zu ihr ein besonders gutes Verhältnis, in den Trainingslagern, auf Reisen, bei Wettkämpfen", erinnert sich die Sportlerin, die 2008 verstarb. "Aber niemand hat etwas gewusst oder gemerkt von ihrer geschlechtlichen Sonderrolle."

Dora jedoch muss sich in eigener Sache immer klarer geworden sein. Sie führt ein Leben im Zwiespalt, ein öffentliches als erfolgreiche, bejubelte Sportlerin und ein privates voller Versteckspiel. Die Enttarnung im September 1938 empfindet sie offenbar auch als Befreiung. "Ratjen gibt unumwunden zu, froh zu sein, dass nun 'alles zum Klappen kommt'", notiert die Polizei nach der Festnahme: "Er hat diesen Zeitpunkt schon seit längerer Zeit erwartet, denn er war sich darüber klar, dass eines Tages die sportliche Betätigung als Frau nicht mehr tragbar sein wird." Bei Wettkämpfen habe sie in den Räumen der Damen geschlafen, gibt Ratjen der Polizei zu Protokoll. "Irgendeine strafbare Handlung habe ich hier nicht begangen."

Am 22. September kommt der untersuchende Polizeivertragsarzt aus Magdeburg, der zur Bestimmung des Geschlechts hinzugezogen wird, zu einem eindeutigen Befund: "Sekundäre Geschlechtsmerkmale durchaus männlich. Genannte Person ist einwandfrei als Mann anzusprechen." Als Auffälligkeit notiert der Arzt allerdings: "Ein derber Narbenstrang, der sich von der Unterseite des Penis ziemlich breitflächig nach hinten erstreckt. Es erscheint fraglich, ob aufgrund dieses Narbenstranges ein einwandfreier Geschlechtsverkehr ausgeübt werden kann." In dieser anatomischen Abweichung liegt wahrscheinlich die Erklärung für die Geschlechtsverwechslung beim Säugling.

Aber der Fall Ratjen ist nun keine Sache mehr allein für Ärzte und Polizisten. Noch am selben Tag geht ein Funkspruch nach Berlin: "Die Europameisterin im Hochsprung Ratjen, Vorname Dora, ist kein Mädchen, sondern ein Mann. Bitte Reichssportbehörde sofort in Kenntnis setzen. Funkantwort, was geschehen soll."

Reichssportführer von Tschammer und Osten reagiert umgehend. Der SA-Obergruppenführer meldet sich persönlich bei der Kripo in Magdeburg und fordert eine weitere Untersuchung des Beschuldigten im Sportsanatorium Hohenlychen. Das Ergebnis ist wieder dasselbe: Ratjen ist ein Mann.

Die Untersuchungen sind damit abgeschlossen. Doch erst am 10. März 1939 wird das Ermittlungsverfahren eingestellt. "Der Tatbestand des Betruges entfällt, weil die Absicht, sich einen Vermögensvorteil zu verschaffen, nicht festgestellt werden kann", notiert der zuständige Oberstaatsanwalt, Dora sei niemals darauf hingewiesen worden, dass er ein Mann sei: "Seine Beschäftigung und sein Umgang waren immer weiblich."

Aber was aus Ratjen werden soll, ist lange unklar. Dora gibt bei den Behörden das Versprechen ab, "mit sofortiger Wirkung keinerlei Sport mehr zu treiben". Die Familie hat Angst vor der Blamage und dem Zusammenbruch der Gastwirtschaft, in der Siegesurkunden hängen. Vater Ratjen erklärt bei einem Gespräch im Bremer Gesundheitsamt, "dass Dora unter keinen Umständen Männerkleidung tragen dürfe, weil sie im Stehen kein Wasser lassen könne. Er dulde auf keinen Fall, dass Dora einen männlichen Beruf ergreife". Auch die Mutter hat sich, vermerkt die Polizei, zu diesem Zeitpunkt noch immer nicht mit der "Wandlung vom Mädchen zum Mann" abgefunden.

Ein zähes Ringen beginnt. Der Vater wehrt sich anfangs auch gegen eine Änderung des Namens - und die Behörden streiten darüber, wie eine Umbenennung erfolgen soll. Eine Korrektur von Geschlecht und Namen stellt die Beamten vor Probleme. Erst am 11. Januar 1939 wird in den Akten des Amtsgerichts Verden aus dem Mädchen Dora Ratjen "ein Knabe". Am 29. März 1939 schreibt Vater Ratjen an den Polizeipräsidenten von Bremen: "Nachdem die Eintragung im Standesamtsregister bezüglich des Geschlechts des Kindes geändert worden ist, bitte ich, den Vornamen des Kindes in Heinrich abzuändern." Er grüßt: "Heil Hitler!"

Über das neue Leben des Heinrich Ratjen ist wenig überliefert. Die letzte erhaltene Notiz der Polizei-Akte stammt vom 22. August 1939. Heinrich Ratjen, der sich selbst später Heinz nennt, erhält ein Arbeitsbuch, eine Invalidenkarte und ein Mitgliedsbuch der Deutschen Arbeitsfront. Ratjen wird zum 1. Oktober durch Vermittlung des Arbeitsamts mit neuen Personal- und Arbeitspapieren nach Hannover "als Mann in Arbeit gebracht", heißt es in dem Dokument. Dieser Vermerk wird breit gestreut - an die Reichssportführung, an mehrere Polizeistellen und an zuständige Gerichte. Es gibt keinen Hinweis, dass leitende Behörden den Versuch unternommen hätten, den Fall geheim zu halten oder den Kreis der Mitwisser einzuschränken.

Wie wichtig die Nationalsozialisten den Vorgang offenbar nahmen, zeigt ein fünfseitiger Bericht, der die Unterschrift vom Chef der Sicherheitspolizei, Reinhard Heydrich, trägt und an den Chef der Reichskanzlei Hans Heinrich Lammers adressiert ist. Auch in diesem Schreiben (Betrifft: "Leichtathletin Dora Ratjen, Bremen - durch ärztliche Untersuchungen als Mann festgestellt") finden sich keine Anhaltspunkte auf eine zuvor erfolgte Manipulation. Tatsächlich liefert der Bericht eine erstaunlich sachliche Kurzdarstellung des Vorgangs, versehen mit dem Kommentar, dass der Fall "nicht zu unerwünschten Erörterungen in der Öffentlichkeit oder gar zu Konflikten im internationalen Sport geführt hat".

Die Schadensbegrenzung erfolgt diskret, so wie es sich die Ratjens erbeten haben. Deutschland gibt offenbar die Goldmedaille von der Europameisterschaft zurück, die Zweitplatzierte von Wien wird zur Siegerin erklärt. Ratjens Rekorde werden getilgt. Im Fachblatt "Der Leichtathlet" wird knapp vermeldet, Ratjen sei nach ärztlicher Untersuchung zu Frauenwettkämpfen nicht mehr zugelassen, das ist alles. Nach dem Krieg betreibt Heinrich Ratjen die Schankwirtschaft der Eltern weiter. Viele Versuche, mit ihm über sein Leben zu reden, scheitern.

Gretel Bergmann emigriert 1937 nach Amerika. Dort erfährt sie von dem angeblich gezielten, ganz großen Betrug der Nazis, 1966 aus der Presse, beim Arztbesuch. "Ich musste kreischen und lachen, und alle hielten mich für irre", erinnert sie sich. Das amerikanische "Time"-Magazin berichtet am 16. September über mehrere Sportskandale, über Männer, die als Frauen an Wettkämpfen teilgenommen hatten. In dem Text wird auch Dora Ratjen erwähnt, ein "dunkelhaariger Deutscher", der 1938 Frauen-Weltrekord sprang. "Time" berichtet in wenigen Sätzen von einer Selbstbezichtigung Ratjens, der von den Nazis gezwungen worden sei, als Frau anzutreten, "zum Ruhm und zur Ehre Deutschlands". Drei Jahre, so wird Ratjen zitiert, habe er als Mädchen leben müssen. Ob "Time" mit Ratjen gesprochen hat, ist unklar. Die Angaben zu seiner Person in dem Beitrag sind spärlich und unpräzise. Von "Hermann" Ratjen ist die Rede und davon, dass er 19 Jahre nach seinem Weltrekord als Kellner in Bremen gearbeitet habe. Diese Darstellung wird von da an weiter kolportiert und von anderen Zeitungen übernommen.

Und Gretel Bergmann, die ja tatsächlich von den Nazis hinterhältig getäuscht und um ihre Olympiateilnahme gebracht worden war, gibt nun selbst Interviews. Sie erzählt nicht nur, dass die Nazis sie gezielt von den Spielen 1936 abhielten, sie erzählt auch, dass Ratjen Teil des Plans war. So beschreibt sie den Vorgang immer wieder. Bis heute glaubt sie an diese Variante; noch vergangene Woche beteuerte sie gegenüber dem New Yorker SPIEGEL-Reporter Klaus Brinkbäumer: "Ich bin sicher. Es gab den Plan."

Für Forscher und Journalisten, die dem Fall Bergmann und damit auch dem Fall Ratjen nachgegangen sind, ist die Geschichte, wie sie der Kinofilm jetzt aufbereitet hat, von den Fakten nicht gedeckt. Experten, die für die Filmleute recherchierten, haben große Zweifel. Der Sportjournalist Volker Kluge hat die Macher von "Berlin '36" fachlich beraten. Sein Urteil ist eindeutig. "Nach Kenntnis der überlieferten Dokumente schließe ich es in der Tat aus, dass Dora Ratjen von den Nazis bewusst als "Geheimwaffe" für die Olympischen Spiele aufgebaut wurde." Vorstellbar sei allenfalls, dass man sich in der Reichssportführung durchaus darüber bewusst war, dass Dora einen "Grenzfall" darstelle. Aber die meisten Akten der Reichssportführung sind vernichtet.

Der Potsdamer Historiker Berno Bahro, der für das Buch zum Film verantwortlich ist, spricht von "deutlichen Abweichungen zwischen Realität und Darstellung". Im Buch hat er den Fall Ratjen so präzise wie möglich beschrieben, er kannte den Heydrich-Bericht und hat deshalb die gesamte Geschichte mit vielen Fragezeichen versehen. Er warnte eindringlich davor, den Film als "wahre Geschichte" zu verkaufen.

Er habe einen Kinofilm gemacht, erklärt Regisseur Kaspar Heidelbach auf Nachfrage. Er glaube an seine Story - und verweist auf seine Zeugin in Amerika.


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Klaus Nicodem 20.09.2009
Ich finde es moralisch höchst bedenklich, daß in diesem Artikel das polizeiliche Nacktphoto von Dora Ratjen verwendet wird. Sicherlich ist es der 100% Beweis dafür, daß Dora in wirklichkeit ein Mann war, allerdings muss man sich fragen ob diese Veröffentlichung nicht doch mit reinen Fakten ausgekommen wäre. Das Photo wurde anscheinend direkt nach der Verhaftung angefertigt. Bestimmt nicht freiwillig, sondern als polizeiliche Maßnahme. Diese Aufnahme stammt aus der Zeit des dritten Reiches und das scheint der alleinige Grund zu sein warum die Presse überhaupt an diese Aufnahmen gekommen ist. Man stelle sich vor eine bekannte Tennisspielerin der 80er Jahre wäre als Mann enttarnt worden. Wären die polizeilichen Aufnahmen so ohne weiteres durch die Presse veröffentlicht worden? Nun gut - vielleicht durch die Springer Presse. Viel wichtiger - wäre die Presse überhaupt an diese Aufnahmen gelangt? Nein! denn dies wiederspricht schon alleine dem Artikel 1 des Grundgesetzes. Erlischen die Menschenrechte von Dora Ratjen dadurch, das diese Aufnahme im dritten Reich angefertigt wurde und somit der Presse verfügbar sind? Heutzutage wird selbst ein verurteilter Straftäter in den Publikationen durch "verpixelung" unkenntlich gemacht, selbst die Herkunft eines Täters wird in den meisten Fällen verschwiegen. In diesem tragischen Fall aber wird ohne weiteren Kommentar einfach ein sehr entwürdigende polizeiliches Photo verwendet an das mit rechtstaatlichen Methoden heute keine Zeitung der Welt gekommen wäre!
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