Olympische Momente Sieg über Hitlers Rassenwahn

Sein Bild auf dem Siegerpodest wurde zur Ikone: Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gewann ein schwarzer Athlet Gold und verärgerte Hitler. Zur Einstimmung auf London 2012 zeigt einestages zehn unvergessliche Olympia-Momente. Im ersten Teil: Jesse Owens und sein Triumph in Nazi-Deutschland.

Weit, weiter, Owens: Goldmedaillen-Gewinner Jesse Owens, Mitte, salutiert am 11. August 1936 in Berlin ganz oben auf dem Siegertreppchen. Der Leipziger Luz Long, hier beim Hitler-Gruß, belegte im Weitsprung den zweiten Platz, der Japaner Naoto Tajima den dritten.
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Weit, weiter, Owens: Goldmedaillen-Gewinner Jesse Owens, Mitte, salutiert am 11. August 1936 in Berlin ganz oben auf dem Siegertreppchen. Der Leipziger Luz Long, hier beim Hitler-Gruß, belegte im Weitsprung den zweiten Platz, der Japaner Naoto Tajima den dritten.

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Der Star der Olympischen Spiele trägt einen dunklen Trainingsanzug, auf dem USA steht, seinen Kopf schmückt der Lorbeerkranz. Jesse Owens, 22, ein schwarzer Student aus Columbus, Ohio, steht ganz oben auf dem Siegerpodest und schaut in Richtung der US-Flagge, die gerade in die Wolken von Berlin gezogen wird. Er salutiert.

Es ist der 4. August 1936, Owens hat an diesem Tag den olympischen Weitsprung gewonnen und seine zweite Goldmedaille geholt. Owens, den die Deutschen "Oh-wänz" aussprechen, war von 100.000 Zuschauern im Olympiastadion erneut frenetisch bejubelt worden, wie schon bei seinem überlegenen Sieg über 100 Meter am Tag zuvor - und wie bei den zwei weiteren Triumphen, die noch folgen sollen.

Hinter Owens auf der zweiten Stufe des Siegertreppchens steht ein Mann in weißem Trainingsanzug, der den Hitlergruß zeigt. Luz Long ist Deutscher, er ist hinter dem US-Amerikaner Zweiter im Weitsprung geworden. Die beiden haben sich ein atemberaubendes Duell geliefert, das Owens erst im vorletzten Sprung entschied. Long soll Owens zuvor sogar vor dem Ausscheiden bewahrt haben, als er dem Rivalen empfahl, seine Anlauflänge zu verändern. Verbrieft ist: Long gratuliert Owens noch an der Weitsprunggrube zum Sieg. Beide umarmen sich und gehen lachend ein paar Meter nebeneinander.

Die Geschichte der Kontrahenten Owens und Long, die bei den Spielen 1936 in Berlin so respektvoll miteinander umgehen, ist eine der berührendsten Szenen der Olympia-Historie. Eingebrannt hat sich jedoch das Bild der Athleten auf dem Siegerpodest, weil es ein Symbol von unheimlicher Strahlkraft ist: Der Sport, von Hitlers Propagandaminister Joseph Goebbels nur vorgesehen als Mittel zum Zweck einer gigantischen Inszenierung vermeintlicher arischer Überlegenheit, triumphiert in Person eines angeblich wertlosen Schwarzen.

Doch so war es schon immer bei den Olympischen Spielen: Siege waren nie einfach nur Siege. Sie waren stets aufgeladen durch die schiere Größe und die lange Historie des Sportereignisses. Olympiasieger zu werden, ist der eine universelle Traum jedes Athleten, weil kein Titel schwerer zu gewinnen und deshalb wertvoller ist. Er wird nur alle vier Jahre vergeben. Vie Jahre sind eine lange Zeit in einer vergleichsweise kurzen Sportlerkarriere. Niederlagen bei Olympia schmerzen genau deshalb umso mehr.

Bilder von gestürzten Exoten, strauchelnden Favoriten und jubelnden Siegern wird es auch in London wieder geben, wo am 27. Juli die nächsten Sommerspiele stattfinden. Und vielleicht wird auch einer dieser ganz besonderen, berührenden, außergewöhnlichen Momente dabei sein, bei dem wir auch in zwanzig Jahren noch eine Gänsehaut bekommen oder über den noch unsere Kinder den Kopf schütteln.

Zur Einstimmung auf die Olympischen Spiele hat einestages zehn unvergessliche Momente der vergangenen Jahrzehnte gesammelt. Morgen: die "Lokomotive", die den Weltrekordler abhängte.

Alle "Olympischen Momente" finden Sie hier.



insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Erwin Tegtmeier, 17.07.2012
1.
Von einem "Sieg über Hitlers Rassenwahn" kann nur mit viel Ironie die Rede sein, weil die Afrikaner auch in Owens Heimatland damals noch als minderwertig galten. Owens sportliche Karriere könnt man als "Sieg über den US-Rassismus" bezeichnen. Dieser Rassismus erzeugte vielleicht seine Motivation. Nun, immerhin konnten US-Bürger afrikanischer Herkunft damals Karriere machen, wenn auch nur im Sport und der Unterhaltungsbranche.
Michael Lepartz, 17.07.2012
2.
Soweit mir bekannt ist hat der Spiegel selber einmal die Geschichte etwas anders berichtet. Und zwar hat Hitler Jesse Owens (nach seinen Worten) sehr wohl zu seinem Sieg gratuliert und die Hand gegeben, allerdings der damalige Präsident der Vereinigten Staaten Franklin D. Roosevelt nicht. Und das hat Jesse wohl sehr schwer getroffen und den Rassenhass der weißen Amerikaner gezeigt. (nicht das ich was Hitler und die Nazis getan haben gutheißen möchte aber man sollte doch bei der Wahrheit bleiben).
Martin G. Schultz, 17.07.2012
3.
Vor der Wiedervereinigung bezeichnete man in der deutschen Presse die Zeit zwischen 1933 bis 1945 noch als Drittes Reich. Nach der Wiedervereinigung schlich sich die Bezeichnung Nazi-Deutschland und wie hier im Zeitzeugenartikel Hitler-Deutschland ein. Nun wissen wir ja alle, die nach 1945 in Deutschland geboren worden sind, dass Hitler nicht Deutschland gehörte als auch Deutschland weder Hitler noch den Nazis gehörte. Weshalb kann man nicht besser von "Deutschland unter Hitler, Goebbels und Co." sprechen. Wir sprechen ja auch nicht von Adenauer-Deutschland oder Heuss-Deutschland. Man spricht auch nicht von Mussolini-Italien. Wer vor 1933 in Deutschland geboren worden ist, wollte sich auch nicht als Nazi- oder Hitler-Deutscher bezeichnen lassen, erst recht nicht, wenn er kein aktives Mitglied in der NSDAP, HJ oder BDM gewesen ist. Wenn ich als junger Mann vor 1989 im Ausland (USA, Mexico, Brasilien oder Japan) gefragt worden bin ob ich aus dem guten oder schlechten Deutschland käme, musste ich zuerst zurückfragen, was sie über Deutschland überhaupt wüssten. Mit Brandt-Deutschland (BRD) oder Honecker-Deutschland (DDR) wäre ich in meiner "Zuordnung" nicht weitergekommen. Manche konnten mit West-Germany oder Federal Republic of Germany bzw. East-Germany oder German Democratic Republic wenig anfangen.
Peter Schmidt, 18.07.2012
4.
Wir können jetzt auch mit Erbsenzählen anfangen hier.
Victor Knox, 18.07.2012
5.
Mich würden zeitgenössische Presseartikel zu Owens Olympiasiegen interessieren: Wie interpretierte die NSDAP-Propaganda öffentlich den sportlichen Erfolg eines schwarzen Athleten? Gab es Reaktionen Hitlers, Goebbels und anderen Verfechtern der Rassenideologie zu verzeichnen? Die vorgebliche Überlegenheit der "arischen Rasse" wurde doch mit jedem Sieg Owens widerlegt...
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