Olympia-Ruinen in Sarajewo Schanze im Minenfeld

Olympia-Ruinen in Sarajewo: Schanze im Minenfeld Fotos
Dietmar Eckell

Nach Olympia kamen die Bomben: 1984 jubelte die Welt über die Spiele in Sarajewo. Nicht einmal zehn Jahre später wurde die Stadt zum Schauplatz unerbittlicher Kämpfe. Heute gehören die Spielstätten von einst zu den letzten Relikten des Krieges - und zu den gefährlichsten Gebieten der Welt. Von

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Gebannt blickt der Mann mit der "50" auf der Brust die Schanze hinunter. Dicke Schneeflocken haben das jugoslawische Sarajewo an diesen Tagen mit einem glitzernden, weißen Teppich überzogen und die Stadt in ein idyllisches Winterparadies verwandelt. Alles ist perfekt an der Kulisse, die an diesem 12. Februar 1984 über Millionen Fernsehgeräte in aller Welt flackert. Nur oben auf der Skisprungschanze, wo der Mann mit der Startnummer "50" noch immer gespannt auf seinen Einsatz wartet, erahnt vielleicht mancher Zuschauer die eisigen Böen, die dort durch die Luft pfeifen.

20 Sekunden vergehen, dann gibt der Offizielle sein Okay und senkt die Flagge zum Start. Nummer "50" schlittert über die Absprungrampe. Es ist Jens Weißflog, der für die DDR antritt - und er fliiiieeeeeeeeegt: 87 Meter und 215,2 Punkte zeigt die Ergebnistafel im Tal an, Platz eins für "Jens Weißflog, GDR". Es ist das erste Olympiagold in der Karriere des DDR-Springers. Der Igman-Berg in Sarajewo ist an diesem Tag sein Siegerpodest.

Heute ragen auf Weißflogs Erfolgsberg von einst zwei nackte Betonrampen ins Nichts. Aus den Platten im Landebereich wuchert Gras, von einem dicken Drahtseil baumeln Sessellifte. Seit 30 Jahren ist hier niemand mehr hochgefahren. Große Teile des Igman-Bergs sind Sperrgebiet. Die Gegend zählt zu den gefährlichsten Minenfeldern Europas.

Vom 8. bis zum 19. Februar 1984 fanden in Sarajewo die 14. Olympischen Winterspiele statt. Juan Antonio Samaranch, seinerzeit Chef des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), nannte die Spiele damals die "bestorganisierten in der Geschichte". Es waren die ersten olympischen Spiele auf dem Balkan. Und die ersten Winterspiele in einem sozialistischen Land.

Unvergessen bleiben die Erfolge von Jens Weißflog, Kati Witt und Wolfgang Hoppe, die in Sarajewo alle zum ersten Mal bei Olympia antraten - und Gold holten. Doch nur wenige Jahre, nachdem die letzte Mannschaft aus dem olympischen Dorf abgereist war, sollten sich die Spielstätten in einen Kriegsschauplatz verwandeln.

Der Verfall der Sport-Heiligtümer begann 1992. Im März hatte sich die Republik Bosnien und Herzegowina per Volksentscheid von der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien losgelöst und für unabhängig erklärt. Nach Slowenien, Kroatien und Mazedonien war Bosnien damit die vierte Teilrepublik, die sich von dem Mutterstaat abzuspalten versuchte.

1425 Tage in einer Stadt mit einer Scharfschützen-Allee

Doch wie schon bei den anderen Staaten boykottierten damals auch im Fall Bosniens weite Teile der serbischen Bevölkerung die Unabhängigkeitsbestrebungen. Und wie auch schon im Fall Sloweniens und Kroatiens versuchte die jugoslawische Führung in Belgrad, die Unabhängigkeit Bosniens mit Waffengewalt zu verhindern.

Im April 1992 begann auf dem Balkan der Bosnien-Krieg. Während dieser Zeit wurde Sarajewo zur belagerten Stadt. Kaum ein Dach, auf dem kein Scharfschütze lauerte. Kaum ein Ziel, auf das die Schützen nicht von ihren Posten aus schossen. Im Volksmund bekam die "Ulica Zmaja od Bosne", die Hauptverbindungsstraße zwischen den östlichen und westlichen Teilen der Stadt, einen neuen Namen: "Snajperska aleja" - Scharfschützen-Allee.

Jeder Einkauf, jedes Wasserholen, jedes Vor-die-Tür-Gehen bedeutete Lebensgefahr. 1425 Tage dauerte die Belagerung der bosnischen Hauptstadt insgesamt, mindestens 10.000 Menschen wurden laut Uno in dieser Zeit getötet, darunter 1500 Kinder.

Wie aus Stadien Massengräber wurden

Auch die Olympiaanlagen, auf die die Bevölkerung und die Welt jahrelang so stolz waren, wurden in den zerstörerischen Sog des Krieges hineingezogen. Aus der einst modernsten Bobbahn der Welt, in der DDR-Athlet Wolfgang Hoppe zweimal Gold holte, wurde ein Artillerieposten für serbische Freischärler. Das Kosevo-Stadion, in dem 1984 die pompöse Eröffnungsfeier stattfand, wurde von den Kämpfen schwer zerstört, seine Überbleibsel wurden zur Begräbnisstätte umfunktioniert. Und in der Zetra-Olympiahalle, wo Kati Witt ihre erste Goldmedaille gewann, lagerten neben Essensrationen der Luftbrücke bald auch Leichen. Es war einer der wenigen Orte in der Stadt, an dem es konstant kühl war.

Nach einem Bombenangriff im Sommer 1992 brannte die Zetra-Halle komplett aus und lag in Schutt und Asche. Die Holzsitze des Stadions wurden laut "New York Times" als Material zum Zimmern von Särgen verwendet. Auch andere Sportanlagen in der Stadt wurden so stark zerstört, dass sie erst über die Jahre mühsam wieder aufgebaut werden konnten.

Heute sind die meisten Spuren der Kriegsschrecken in Sarajewo getilgt, auf einer Olympia-Piste am Jahorina-Gipfel wurde vor wenigen Jahren eine neue Liftanlage eröffnet, auch die Zetra-Halle wurde wieder aufgebaut. Sie heißt heute "Olympia-Halle Juan Antonio Samaranch", benannt nach dem IOC-Präsidenten von einst.

Nur die Bobbahn und die Sprungschanze liegen bis heute verwahrlost und vergessen in einem Sperrgebiet - wegen der Minen. Die Einschusslöcher im Beton lassen nur ahnen, wie heftig die Gefechte zwischen der jugoslawischen Armee, serbischen und bosnischen Truppen gewesen sein müssen. Bis 2019 soll die Gegend von Sprengkörpern geräumt sein. Dann können vielleicht wieder Wintersportler auf Jens Weißflogs Siegerpodest steigen.

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1.
Peter Knittel 07.02.2014
Die Bilder zeigen die Nachhaltigkeit der olympischen Investitionen überdeutlich. In Kürze das neue Spielfeld von Terroristen. Hier das alte Spielfeld von Terroristen. Wäre es vielleicht besser, die olympischen Spiele wieder in Länder zu verlegen, die über diese Sportstätten bereits verfügen? In denen sich nicht das Thema der Nachhaltigkeit stellt? In denen nicht die wirtschaftliche Überforderung durch die Narren vom olympischen Komitee ganze Völkerscharen ausblutet? Letzte Frage: Wäre es nicht sinnvoller - wegen der unverantwortlichen leitenden Narren der Veranstaltung - die Spiel gänzlich zu canceln? Mit freundlichem Gruß Peter Knittel
2.
Florian Seidel 07.02.2014
Olympische Winterspielruinen, ganz ohne Krieg, gibt es auch in Japan: http://abandonedkansai.com/2012/12/11/the-olympic-ruins-of-sapporo-1972/
3.
Lennart Lammers 07.02.2014
Sehr geehrter Herr Knittel, bei der allgemeinen Kritik an Gigantomanie und fehlender Nachhaltigkeit Olympischer Spile (oder auch Fußball WM & EM) bin ich ganz bei Ihnen. Das fehlende Konzepte desaströs sind, zeigt ja auch Herr Seidel mit seinem Verweis auf Sapporp- Meiner Meinung nach handelt es sich beim Fall Sarajevo & Jugoslawien allerdings um einen Sonderfall. Schließlich ist dieses Land in einem blutigen Bürgerkrieg in seine Einzelstaaten zerfallen (worden). Dass dann nach Kriegsende die Prioritäten nicht im Aufbau von Sportstätten lagen, sollte auf der Hand liegen. Bei Vergabe und Ausrichtung der Spiele von 1984 hätte sich niemand träumen lassen, dass das Land einen solchen Weg gehen würde. Ähnlich wäre man '84 wohl auf den Geisteszustand hin überprüft worden, hätte man gesagt, '89 fällt die Mauer und '90 ist Deutschland wieder vereinigt.
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