Olympische Momente Schicksalssturz auf der Innenbahn

Auf Kollisionskurs: Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles wollte eine legendäre US-Läuferin endlich ihr erstes Gold holen - und beging einen schlimmen Fehler. Zur Einstimmung auf London 2012 zeigt einestages zehn unvergessliche Olympia-Momente. In Teil sechs: Mary Deckers verheerender Fall.

Tragischer Sturz: Während des 3000-Meter-Laufs kollidieren die Südafrikanerin Zola Budd (Nummer 151) und die US-Amerikanerin Mary Decker. Decker, die als Favoritin gehandelt wird, stürzt schwer und scheidet aus.
Corbis

Tragischer Sturz: Während des 3000-Meter-Laufs kollidieren die Südafrikanerin Zola Budd (Nummer 151) und die US-Amerikanerin Mary Decker. Decker, die als Favoritin gehandelt wird, stürzt schwer und scheidet aus.

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Mary Decker läuft ihr Rennen. Nicht zu schnell. 3000 Meter sind lang, und die größte Stärke der Weltrekordlerin aus den USA ist der Schlussspurt. Es sind noch 1500 Meter bis ins Ziel. Auch die junge Zola Budd läuft ihr Rennen. Sie hat bemerkt, dass das Feld etwas langsamer geworden ist, sich auf den Schlusssprint vorbereitet. Das kann Budd nicht gefallen. Die Südafrikanerin, die für Großbritannien startet, lebt von ihrem konstant hohen Tempo. Sie geht deshalb außen an Decker vorbei und setzt sich an die Spitze. Es sind noch 1400 Meter bis ins Ziel.

Das Rennen an diesem 10. August 1984 ist das am meisten herbeigesehnte der Olympischen Spiele von Los Angeles. Ein ganzes Land hofft auf eine Goldmedaille von Mary Decker, über Monate ist die 26-Jährige zum alles überstrahlenden US-Superstar aufgebaut worden. Es ist ein gigantischer Druck, der auf ihr lastet - denn Decker selbst erwartet den Triumph ebenfalls. 1972, mit 14 Jahren, war sie zu jung gewesen für die Spiele in München. 1976 in Montreal war sie verletzt. 1980 in Moskau durfte sie wegen des Boykotts nicht antreten. Jetzt will sie liefern, sie muss. Es sind noch 1300 Meter bis ins Ziel.

Was dann passiert, gilt bis heute als das US-Leichtathletiktrauma schlechthin.

Zola Budd läuft gefährlich nahe vor Mary Decker auf der Innenbahn. Decker, Weltmeisterin über diese Strecke und viel erfahrener als die gerade 18-jährige Gegnerin, könnte Budd mit dem Arm antippen und sie so warnen - aber Decker tut nichts. Dann geht alles ganz schnell. Decker stößt mit Budd zusammen, stolpert, stürzt und reißt der Kontrahentin im Fall noch die Rückennummer ab. Dann knallt die große Favoritin mit der Hüfte auf die Bahnabgrenzung. Die Bilder ihrer Schreie und Tränen gehen um die Welt. Zola Budd wird von den Zehntausenden US-Zuschauern ausgepfiffen und beendet das Rennen entnervt als Siebte.

Das Drama wird zum Sturz der Königin Mary Decker - und zu ihrem tiefen Fall. Nach dem Rennen reicht ihr Zola Budd die Hand, Decker schlägt sie aus. In der Pressekonferenz gibt sie Budd die alleinige Schuld an ihrem Sturz. Dabei zeigen die Fernsehbilder, dass Decker unvorsichtig gewesen war und selbst nach einer ersten kleinen Kollision mit der vor ihr laufenden Budd den Abstand nicht vergrößert hatte.

Obwohl Decker noch 15 Jahre bis zu ihrem Rücktritt 1999 lief, sollte sie keinen Titel mehr gewinnen. Zola Budd stellte in Jahr später einen Weltrekord über 5000 Meter auf, doch auch die gebürtige Südafrikanerin litt noch lange nach dem Drama von Los Angeles. Zeitungen in den USA machten sie zum Sündenbock, in Großbritannien wurde sie wegen ihrer Herkunft (Südafrika war damals noch ein Apartheid-Staat) Opfer von Anfeindungen.

Dabei war Zola Budd selbst untröstlich über den Sturz. Noch ein halbes Jahr vor dem verhängnisvollen Rennen hing über ihrem Bett ein Poster ihres großen Vorbilds: Mary Decker.

Zur Einstimmung auf die Olympischen Spiele hat einestages zehn unvergessliche Momente der vergangenen Jahrzehnte gesammelt. Morgen: der legendäre Turmspringer Greg Louganis und sein gefährlichster Sprung.



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