Olympia-Attentat Die blutigen Spiele

Olympia-Attentat: Die blutigen Spiele Fotos
Detlev Mahnert

Stadionsprecher Detlev Mahnert musste bei den Olympischen Spielen 1972 die Entscheidung des IOC zum Weitermachen verkünden. In der Aufregung fiel ihm das englische Wort für Geiseln nicht mehr ein - jener 5. September beschäftigt ihn bis heute. Von

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München 1972. Nach der großen Propaganda-Schau von 1936 ist Deutschland zum zweiten Mal Ausrichter der Olympischen Sommerspiele. In München sollte alles ganz anders sein als in Berlin: "Die heiteren Spiele" sollten es werden - so wünschte es sich Willi Daume, damals Präsident des NOK und des Organisationskomitees. Heitere Spiele, die der Welt ein neues Deutschland zeigen sollten, ein unbeschwertes, fröhliches Land, weltoffen und gastfreundlich. Popklänge von der Kurt-Edelhagen-Band statt Marschmusik, bunte Kleidung statt grauer (oder gar brauner) Uniformen, geplantes Durcheinander statt sturer deutscher Disziplin - ohne aber die für ein solches Ereignis notwendigen "deutschen Tugenden" wie Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit und Effizienz zu vergessen. Die Eröffnungsfeier wurde diesem Konzept voll gerecht: Sie war heiter, gelöst, frei von allem Bombastischen - und verlief trotzdem reibungslos.

Es waren ja auch alle Voraussetzungen für ein großes Völkerfest da: Das aufregende Stadiongelände mit dem damals sensationellen Zeltdach, das herrliche Wetter, die glänzenden sportlichen Leistungen, ein Megastar wie Mark Spitz, der die Menschen elektrisierte, ein Publikum, das die deutschen Athleten begeistert unterstützte, wie es sich gehört, zugleich aber in seiner Fachkunde, seiner Begeisterungsfähigkeit und seiner absoluten Fairness seinesgleichen suchte (ich erinnere mich mit einem leichten Schauer an die Jubelwoge, in der der Ugander John Akii-Bua nach seinem Triumph über 400 Meter Hürden badete) - alle Voraussetzungen also dafür, dass "München 1972" die schönsten Olympischen Spiele aller Zeiten beherbergen würde, ein Sportfest, das das Zeug hatte, schon damals zum deutschen "Sommermärchen" zu werden - bis... ja, bis das Unbegreifliche geschah, der jähe Einbruch brutaler Weltpolitik in die scheinbar heile Welt des Sports.

Mit München 1972 hat der Sport endgültig seine Unschuld verloren. Danach war nichts mehr wie vorher. Im Vorfeld hatte es schon politischen Ärger gegeben: Weil das IOC Rhodesien, das heutige Zimbabwe, teilnehmen ließ, drohten 40 schwarzafrikanische Staaten wegen der Rassenpolitik in Rhodesien mit der Abreise. Das IOC schloss, zum Ärger seines Präsidenten, Rhodesien (36:31 Stimmen) wieder aus. Gerüchte machen die Runde. Ärger also, das war zu erwarten. Das Attentat auf die israelische Mannschaft aber traf alle ziemlich unvorbereitet. Sicher, man hatte terroristische Anschläge durchgespielt, eine Entführung von Sportlern, das Kidnapping eines arabischen Prinzen - die Spannungen zwischen Israel und den Palästinensern waren ja kein Geheimnis, in Deutschland mordete die RAF, man musste mit Terroraktionen rechnen. Aber es gab kein Handlungskonzept, und die Beendigung der Geiselnahme wurde ein Waterloo deutscher Polizeiarbeit.

Das Blutbad von Fürstenfeldbruck ist mit München 1972 unlösbar verbunden. Im kollektiven Bewusstsein der Menschen, die in irgendeiner Weise mit Sport zu tun haben, sind diese Olympischen Spiele nicht als die "heiteren", sondern als die blutigen gespeichert. Und trotzdem war da noch anderes, sind da persönliche Erinnerungen, bleiben Bilder - auf Dias, in Zeitschriften, in Büchern und vor allem in meinem Kopf, auch wenn manches Bild im Laufe der Jahre diffus geworden ist oder sich gar heimlich davon geschlichen hat.

Geblieben sind freilich die Bilder von jenem Tag, an dem ein Gerücht das andere ablöste, von dem Abend, an dem wir noch hofften, so wie fast alle anderen auch: Denn wir waren zwar Stadionsprecher, aber wir wussten nicht mehr und nicht weniger als die anderen, die sich aus den Medien, Radio und Fernsehen, informieren mussten. Hatten wir Schüsse gehört? Wohl nicht, wir wohnten zu weit entfernt. Elmar Krause - später ist er in Celle Leiter eines Gymnasiums geworden - hatte irgendwelche obskuren Info-Quellen - die waren aber alle falsch, wie wir am nächsten Morgen erfahren mussten, als die niederschmetternde Wahrheit durchsickerte. Wir waren schlafen gegangen mit der Nachricht, die Geiseln seien befreit, es habe nicht noch mehr Tote gegeben, aber die Wahrheit war doch ganz anders. Krause tippte sich an die Stirn und sagte lakonisch. "Alle tot."

Falsche Autogramme

Am Tag zuvor, am 5. September 1972, hatte ich in der Sprecherkabine gesessen, hoch oben unter dem Dach des Olympiastadions. Unter mir mühten sich die Fußballmannschaften von Deutschland und Ungarn in einem Spiel der 2. Finalrunde. Das deutsche Team war ja "nur" das Olympiateam, also angeblich keine Vollprofis, und die Ungarn waren wie alle Ostblockmannschaften "Staatsamateure" - sie bekamen offiziell kein Geld, hatten aber eine Menge Privilegien und waren zumeist mit der Mannschaft identisch, die auch bei Welt- und Europameisterschaften antrat.

Nicht so die Deutschen - deren Stars saßen höchstens auf der Tribüne, und in der Mannschaft standen junge unbekannte Leute wie Ulrich Hoeneß und Otmar Hitzfeld oder Manfred Kaltz und Ruuuuuudi Seliger aus Duisburg und sein Mannschaftskamerad Ronny Worm, und auch Kollege Klaus Wunder vom MSV war dabei - und der Name gefiel mir so gut, dass ich immer, wenn irgendwelche Deppen ein Autogramm von mir wollten, weil sie mich wegen des Olympia-Anzugs für einen Spitzensportler hielten, mit "Klaus Wunder, Fußball, Deutschland" unterschrieb. Nun ja, und so haben nun eine Menge Leute ein unechtes Autogramm von Klaus Wunder, Fußball, Deutschland.

Ich weiß nicht mehr, wie das Spiel lief, vielleicht ist es auch gar nicht erst angepfiffen worden - eigentlich interessierte es keinen mehr so recht, die Stimmung im Stadion war gedrückt. Man wusste nichts Genaues, aber man hatte natürlich gehört, dass etwas passiert war. Um 11 Uhr hatte Polizeipräsident Schreiber eine Presseerklärung abgegeben:

"Mehrere Personen sind mit Waffengewalt in das Haus eingedrungen. Die am nächsten stehenden Personen sind in einen Fight verwickelt worden, dabei ist der Israeli Weinberg Moshe getötet worden. Ein verletzter Israeli befindet sich noch im Haus. Ich habe mit dem Anführer der Revolutionäre mehrmals persönlich verhandelt, er sagt, der Mann wird versorgt und nicht freigegeben, er bleibt Geisel. Zwischenzeitlich sind Geiseln im Hause, auch hier schwanken die Zahlen, wobei man davon ausgehen muss, dass manche Zahlen auch von der Täterseite her nicht richtig angeben werden könnten. Wahrscheinlich aber sind es 9 Geiseln.

200 Personen, Ägypter, müssten freigelassen werden, sie sind in israelischer Hand. Wenn diese 2 Personen freigegeben würden - äh, 200 Personen freigegeben würden, dann würde man freien Abzug wünschen und damit sei für sie die Aktion beendet. Einem Versuch meinerseits, Geldmittel, und zwar im Einvernehmen mit der Bundesregierung, mit der bayrischen Landesregierung, Geldmittel in einer ungenannten und auch nicht begrenzten Höhe im Austausch dafür anzubieten, wurde abgelehnt. Ebenso wurde ein Vorschlag abgelehnt, Ersatzgeiseln zu stellen, weil wir der Meinung waren, dass eine bestimmte Gastgeberverpflichtung, sei es in finanzieller, aber auch in der Austauschform, für uns bestehen könnte.

Es geht weder um Geiseln noch um Geld, sondern es ginge um die 200 Gefangenen."

"The Games must go on!"

Im IOC hatte man sich wohl darauf verständigt, dass die gerade stattfindenden Wettkämpfe beendet, neue an diesem Tag aber nicht mehr begonnen werden sollten. Die Spiele würden unterbrochen, müssten aber weitergehen. Olympia-Pressesprecher Hans Klein erklärte: "Es wird sich erweisen, dass die olympische Idee stärker ist als Terror und Gewalt - The Games must go on!"

Das wurde jetzt an die Stadionsprecher weitergeleitet, und die mussten die Entscheidung verkünden - in drei Sprachen natürlich.

Und so saß ich nun also im Olympiastadion, hoch unter dem Dach. Unter mir mühten sich vermutlich die Olympiamannschaften Deutschlands und Ungarns in der 2. Finalrunde. Vor mir lag ein IOC-Text, und ich sollte den Zuschauern im Stadion mitteilen, dass im Anschluss an das Spiel oder vielleicht auch ab sofort keine weiteren Veranstaltungen stattfinden würden und dass wir alle voller Hoffnung seien, dass die Geiseln bald befreit würden. Gewöhnlich hatten wir ja vorbereitete Texte, jetzt aber galt es den Text spontan ins Englische und Französische zu übertragen. Französisch war kein Problem, aber in der Aufregung fiel mir das englische Wort für Geiseln einfach nicht ein - ich sagte dann "the arrested", und wahrscheinlich wusste keiner so recht, wer damit gemeint war, aber es war ohnehin egal: Die Leute hatten erst einmal gehört, dass die Spiele unterbrochen waren, und das war im Moment das, was zählte.

Gleich nach dem Spiel fuhr ich ins Quartier zurück, und nach und nach kamen die Kollegen von den anderen Schauplätzen, aus Ingolstadt, Passau und Augsburg, und wir saßen zusammen und hörten Radio und spekulierten und hofften und gingen schließlich schlafen, weil jemand meinte gehört zu haben, es habe zwar die zwei Toten gegeben, ganz am Anfang des Dramas, aber die anderen Geiseln seien alle befreit, die Täter verhaftet. Ein Hubschrauber, der im Tiefflug eine Schleife über das Dorf gezogen hatte, habe Scharfschützen an Bord gehabt, aus dem hermetisch abgeriegelten Dorf sei ein Bus gefahren, begleitet von einer Polizeieskorte, und in dem Bus hätten die festgenommenen Terroristen gesessen.

"Alle tot"

Und dann stieg dieser hellblaue Morgen auf mit der bitteren Wahrheit. Krause tippte an die Stirn, um anzudeuten, wie blöd, wie naiv wir alle gewesen waren, und sagte nur lakonisch: "Alle tot." Was wirklich in der Nacht geschehen war, haben wir erst nach und nach erfahren. Der mörderische Dilettantismus von Fürstenfeldbruck hat lange nachgewirkt, die Gründung der GSG9 war eine der Konsequenzen jener dramatischen Ereignisse.

Vor einiger Zeit hat mir eine junge Frau geschrieben, die wissen wollte, was wirklich damals in Fürstenfeldbruck passiert ist. Ihr Vater, schrieb sie, sei damals beim Bundesgrenzschutz gewesen und "deshalb leider auch beim Anschlag dabei. Ich wusste das schon lange, aber erst letztens hat er mir erzählt, wie schlimm es für ihn war. Er war damals erst 22 Jahre alt, und noch Jahre später ist er schreiend aus dem Schlaf aufgewacht und musste nachts den Arzt holen lassen, um Beruhigungsmittel zu bekommen. Ich bin natürlich interessiert und würde gerne wissen, wie die Situation wirklich war. Aber mein Vater blockiert ab einem bestimmten Punkt. Könnten Sie mir erzählen, was genau passiert ist? Ich habe zwar schon mehrere Zeitungsartikel gelesen, aber mir fehlt die menschliche Seite, so wie sich vermutlich mein Vater gefühlt hat."

Er sei, fährt sie fort, nicht in der Lage, sich von der Seele zu reden, was ihn bedrücke - und sie würde ihn doch so gerne verstehen. Er habe damals in Fürstenfeldbruck zu den Bewachern gehört, die orientierungslos ins Dunkel liefen, die die Schüsse hörten und spürten, wie Kugeln neben und unter ihnen einschlugen, die ausgebildet waren, um Schmuggler zu stellen oder wild gewordene Fußballanhänger in Schach zu halten und nun auf einmal den Atem des Todes spürten.

"Ich weiß eigentlich nur", resümiert sie schließlich, "dass er direkt dort war und dass auf ihn geschossen wurde. Und er sagt zu der Angelegenheit nur, dass er stolz ist, nicht zuerst geschossen zu haben und dass er und seine Kameraden dafür eine Auszeichnung erhalten haben. Aber ich habe rausgehört, dass ihm diese Auszeichnung ziemlich egal ist. Ich meine, wer freut sich über eine Auszeichnung für so eine Sache, die einen noch jahrelang verfolgt."

Ich habe ihr ein bisschen helfen können.

Wie weit sie ihrem Vater helfen konnte, weiß ich nicht.

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 5.09.2007

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