Olympia-Attentat Die schwierige Erinnerung

Dilettantismus, Überforderung, Unfähigkeit: Der Umgang mit der Geiselnahme bei den Olympischen Spielen 1972 gilt als eines der größten Desaster der deutschen Sicherheitsbehörden. Doch als das Debakel vorüber war, zählte nur eins: die Wiederherstellung von Normalität.

AP

Am 5. September 2007 jährte sich zum 35. Mal der Tag des Münchener Olympia-Massakers. Mit Ausnahme von SPIEGEL ONLINE hat kein anderes Massenmedium, keine überregionale Zeitung an das Attentat auf die israelische Olympiamannschaft erinnert, das mit einem Blutbad endete. Auch der "tagesschau" der ARD und dem "heute-Journal" des ZDF war das Ereignis keine Meldung wert. Dafür mag es eine organische Erklärung geben: Platz- und Zeitmangel angesichts aktueller Nachrichten von der Terrorfront; außerdem jährte sich zum 30. Mal die Entführung von Hanns Martin Schleyer am 5. September 1977, über die in allen Printmedien und auf allen Kanälen ausführlich berichtet wurde.

Möglich ist aber auch, dass "München" absichtlich ignoriert wurde; nicht im Sinne eines Komplotts, sondern um der Begegnung mit einer Peinlichkeit aus dem Weg zu gehen. Denn bei dem Anschlag von München, bei dem insgesamt 17 Menschen (einschließlich fünf der acht Terroristen) ums Leben kamen, handelte es sich nicht nur um eine Tat, die sich bis dahin niemand vorstellen konnte und auf die niemand vorbereitet war, es kam auch zu einem Versagen aller deutschen Sicherheitsorgane. Vor dem Anschlag, währenddessen und danach. An eine solche Serie von Pleiten, Pech und Pannen will niemand gern erinnert werden.

Die Terroristen konnten ohne große Mühe in das völlig unzureichend geschützte Olympiagelände eindringen. Danach vergaß man, ihnen den Strom abzustellen, weswegen sie aus Radio und Fernsehen von der geplanten Befreiungsaktion erfahren und sich entsprechend verhalten konnten. Am Flugplatz von Fürstenfeldbruck befanden sich nur fünf Scharfschützen, da man mit vier bis fünf Geiselnehmern rechnete, während es tatsächlich acht waren. Die fünf Scharfschützen waren nicht nur überfordert, sondern auch schlecht bewaffnet: mit Sturm- statt mit Präzisionsgewehren. Sie hatten keinen Funkkontakt zueinander und keine Nachtsichtgeräte. Es gab nicht einmal Zielabsprachen.

Als es so weit war, schossen sie drauflos. Die Schießerei zog sich über 45 Minuten hin, bis die aus München angeforderten Panzerfahrzeuge der Polizei eintrafen, an die vorher niemand gedacht hatte. In der Maschine, mit der die Terroristen "ausgeflogen" werden sollten, befand sich eine "Crew" aus Polizeibeamten. Sie brachen den Einsatz ab, nachdem sie feststellten, dass sie für einen solchen Job unzureichend ausgebildet waren. Es konnte nicht geklärt werden, wie die Geiseln starben, ob im Kugelhagel der Polizei oder durch die Geiselnehmer. Die verbrannten Körper ließen eine genaue Feststellung der Todesursache nicht zu.

Nichts war wichtiger als die Wiederherstellung von Normalität

Die drei überlebenden Terroristen kamen unter bis heute ungeklärten Umständen frei. Sie wurden wenige Wochen nach dem Anschlag, am 29. Oktober, gegen die Passagiere und die Besatzung einer entführten Lufthansa-Maschine ausgetauscht. Die Aktion war mehr als obskur, unter anderem weil nur zwölf Passagiere an Bord der "Kiel" waren, von denen man hinterher nie mehr etwas hörte; das Ganze sah aus, als bräuchte die Bundesregierung einen guten Grund für eine Freilassung der Terroristen, um weiteren Ärger mit deren Auftraggebern zu vermeiden.

Auf der israelischen Seite dagegen setzte sich die Erkenntnis durch, dass man sich nur auf die eigene Kraft verlassen kann. Der für Operationen im Ausland zuständige Geheimdienst Mossad bekam den Auftrag, die für das Münchner Attentat Verantwortlichen zu finden und zu töten. Chef der Sondereinheit "Caesarea" wurde der spätere Ministerpräsident Ehud Barak. Seine Agenten liquidierten zwei der drei Palästinenser, die München überlebt hatten, dazu zwölf weitere mutmaßliche Helfer, die im Verdacht standen, den Anschlag mit vorbereitet zu haben.

Leider kam dabei zumindest ein Unschuldiger ums Leben: Der im norwegischen Lillehammer lebende Marokkaner Ahmed Bouchiki. Er hatte mit dem Attentat nichts zu tun und wurde aufgrund eines falschen Tipps mit dem Chef der Spezialtruppe "Force 17" verwechselt. Sechs Mossad-Agenten wurden gefasst, vor Gericht gestellt, verurteilt und zwei Jahre später nach Israel abgeschoben.

Mehr als nur das Ende der "heiteren Spiele"

Für Israel bedeutete das Olympia-Massaker mehr als nur das Ende der "heiteren Spiele". Es war zwar nicht das erste Mal, dass Israelis Opfer von Terroranschlägen im Ausland wurden, aber einen solchen Anschlag vor den Augen der gesamten Welt hatte es noch nicht gegeben. Nicht nur die Umstände der Tat und das dilettantische Handling der deutschen Sicherheitsorgane waren einmalig, auch die Reaktionen waren es. Die "heiteren Spiele" wurden nach einer kurzen Unterbrechung fortgesetzt, wenn auch nicht mehr ganz so heiter, vor allem die Funktionäre wollten sich die gute Laune nicht vermiesen lassen, entsprechend der Order des damaligen IOC-Präsidenten Avery Brundage: "The games must go on!" Alles andere, so hieß es damals, wäre ein Sieg des Terrorismus gewesen.

Aber der war schon passiert. Alle, bis auf die Israelis, wollten so schnell wie möglich das Geschehen hinter sich lassen und zum Alltag zurückkehren. Die Wiederherstellung der Normalität war wichtiger als die Verfolgung und die Bestrafung der Terroristen. Immerhin: Der Anschlag von München war die Geburtsstunde der Anti-Terror-Truppe GSG 9, die für solche Fälle gebildet wurde.

München war ein Symbol für Alles oder Nichts

Wenn man die israelische Reaktion verstehen will, reicht es nicht, an die "alttestamentarische" Regel "Auge um Auge, Zahn um Zahn" zu erinnern, wie das in solchen Fällen in Unkenntnis des Originals immer wieder geschieht. Man muss sich in das Jahr 1972 versetzen. Der Sechs-Tage-Krieg, der mit der Eroberung der Westbank und des Gaza-Streifens endete, lag gerade sechs Jahre zurück. In "Judäa, Samaria und Gaza" lebten erst 2000 israelische "Siedler". Was mit den besetzten Gebieten passieren soll, war eine Frage, die nur im Zusammenhang mit der Infrastruktur diskutiert wurde. Die Israelis waren froh, dass sie die Altstadt von Jerusalem besuchen konnten, und die Palästinenser konnten endlich ihre Verwandten in Israel wiedersehen.

Der Anschlag von München war kein Protest gegen die "Besatzung", er richtete sich gegen die Existenz Israels in Palästina, völlig unabhängig von der territorialen Ausdehnung des "zionistischen Gebildes". Während die Europäer diese Tatsache nicht einmal ahnten, musste sie den Israelis nicht erklärt werden. Jeder Israeli wusste: München war nur ein Symbol für Sein oder Nichtsein, Alles oder Nichts.

Die Lehren, die in Israel aus dem Anschlag von München gezogen wurden, waren auch eine Konsequenz der jüdischen Geschichte: Als gepeinigtes Opfer hat man das Mitgefühl der Welt, aber eine schlechte Lebensprognose. Als Täter ist man wenigstens in der Lage, sich zu verteidigen und zurückzuschlagen. Das garantiert zwar nicht das Überleben, macht es aber wahrscheinlicher.

"Flagrante Verletzung der Souveränität Ugandas"

Als vier Jahre später, im Juli 1976, eine Air-France-Maschine auf dem Flug von Athen nach Paris entführt und zur Landung in Entebbe/Uganda gezwungen wurde, kam es zur ersten "Selektion" jüdischer Passagiere seit 1945, wobei zwei deutsche Terroristen den acht Angehörigen der "Volksfront zur Befreiung Palästinas" halfen, die Juden beziehungsweise Israelis zu identifizieren. Als klar wurde, dass die ugandischen Autoritäten nichts unternehmen würden, schickte Israel ein hundert Mann starkes Kommando nach Entebbe, das die "Gäste" von Idi Amin mit Gewalt befreite. Bei der Aktion starben drei Geiseln, auch der kommandierende Oberst wurde getötet. Eine vierte Geisel, die 75-jährige Dora Bloch, die sich zu diesem Zeitpunkt in einem ugandischen Krankenhaus befand, wurde am folgenden Tag aus Rache ermordet. 99 der 103 Geiseln überlebten.

Und als alles vorbei war, schickten antiimperialistische und revolutionäre Gruppen aus der Bundesrepublik Beileids- und Solidaritätsbotschaften an den damaligen Präsidenten von Uganda, Idi Amin, in denen sie die "flagrante Verletzung der Souveränität Ugandas" verurteilten - womit sie nicht die Entführung der Air-France-Maschine nach Entebbe, sondern die Kommando-Aktion zur Rettung der Geiseln meinten.

Henryk M. Broder

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 06.09.2007

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