Olympia-Legende "Ich wollte einfach nicht aufgeben"

Olympia-Legende: "Ich wollte einfach nicht aufgeben" Fotos

Über die Brücke zum Sieg: Ein Kraftakt der Extraklasse machte den Ringer Pasquale Passarelli 1984 zur Sportlegende. Bei den Spielen von Los Angeles hielt er anderthalb Minuten in unglaublicher Position aus - und gewann olympisches Gold. Im Interview erinnert sich Passarelli an den historischen Finalkampf. Von

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Pasquale Passarelli, 1957 in Italien geboren, kam als Fünfjähriger mit seinen Eltern nach Deutschland und begann schon als Kind mit dem Ringen. 1981 wurde er Europa- und Weltmeister im griechisch-römischen Stil. Seinen größten Triumph feierte der Bantamgewichtler am 3. August 1984 bei den Olympischen Spielen in Los Angeles, als er sich im Finale gegen den Japaner Masaki Eto volle 84 Sekunden in der Brücke hielt und so seinen Punktvorsprung über die Zeit rettete. Passarelli arbeitet heute als Immobilienmakler in Süddeutschland.

einestages: Herr Passarelli, welche Erinnerungen haben Sie an die wahrscheinlich längsten anderthalb Minuten Ihres Lebens?

Passarelli (lacht): Nur gute. Es war schon anstrengend. Aber im Nachhinein war es das natürlich wert.

einestages: Was haben Sie gedacht, als Sie der Japaner Masaki Eto kurz vor Ende des Kampfes doch noch auf den Rücken legte?

Passarelli: Ich wusste ja schon vorher, dass da etwas kommen kann. Das hatte ich mit meinem Bundestrainer Heinz Ostermann besprochen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Kampf aber gut über die Runde gebracht und seine Griffe oft gekontert. Kurz vor Schluss habe ich nicht mehr aufgepasst. Da bin ich dann in seinen Griff reingeflogen.

einestages: Und dann begann das große Zittern...

Passarelli: Am Anfang war das gar nicht so schlimm. Ich habe da immer noch gedacht, es kann dir nichts mehr passieren. Erst als er noch einmal umgegriffen hat und aus der nicht so guten Haltung in eine bessere wechselte - er hat meinen Kopf und Arm mit eingeschlossen - wurde es brenzlig. Da habe ich im ersten Augenblick einen Schreck bekommen. Ich habe dann nur noch versucht, die Schultern so weit wie möglich von der Matte wegzuhalten. Plötzlich gehen einem Tausende von Dingen durch den Kopf. Aber nur weil man Zeit hat. Es tut sich ja nichts. Im Kampf geht das nicht, weil viel zu viel passiert.


Schauen Sie sich den legendären Kampf von Pasquale Passarelli hier auf YouTube an!

einestages: Und was haben Sie gedacht?

Passarelli: In der Situation da unten habe ich als Erstes gedacht: Oh, wie kommst du jetzt hier raus? Von außen habe ich dann gehört, wie unser Masseur und auch der Bundestrainer mir zugerufen haben: Noch vierzig Sekunden, noch dreißig Sekunden.

einestages: Sie wussten also immer, wie lange Sie noch durchhalten müssen?

Passarelli: Ja. Und als es dann noch zwanzig Sekunden waren, habe ich gewusst, das will ich nicht mehr hergeben. Es ist halt doch ein Unterschied, ob man Zweiter oder Erster wird. Ich wollte Erster werden.

einestages: Das Ganze sah sehr schmerzhaft aus, war es das auch?

Passarelli: Das war es. Aber im Kampf empfindet man das nicht. Erst hinterher. Der linke Arm war noch nach einer Woche taub. Er war so abgedrückt, dass er eine zeitlang kein Blut mehr bekommen hat. Vielleicht war auch der Nerv ein wenig in Mitleidenschaft gezogen. Aber ein Ringer hat ja ständig Schmerzen. Man kennt das. Die Nase war noch lädiert von den Vorkämpfen. Als Ringer muss man mit Schmerzen auskommen.

einestages: Merken Sie heute noch etwas davon?

Passarelli: Von diesem Kampf speziell nicht. Aber natürlich von der ganzen Sportlerzeit. Die Schulter zwickt manchmal. Und ab und zu kracht es beim Einrenken an der Wirbelsäule. Aber sonst geht es. Ich hatte Glück im Vergleich zu anderen Sportlern. Ein paar Bänderrisse und einmal den Arm gebrochen. Aber die Bänderrisse habe ich mir in anderen Sportarten geholt.

einestages: Zum Beispiel beim Fußball.

Passarelli: Genau. Wir haben auch Fußball gespielt. Da habe ich mir mal einen Adduktorenanriss geholt. Beim Volleyball einen Bänderriss am Fuß. Beim Ringen gab es eigentlich gar nicht so viele Verletzungen. Das erste, was man dort lernt, ist das Hinfallen. Das kann man in seiner eigenen Sportart gut. In anderen eben nicht so gut.

einestages: Wie haben Sie sich denn damals nach dem Kampf gefühlt? Wie ein Goldmedaillengewinner?

Passarelli: Am Anfang kann man das nicht realisieren. Das dauert ein oder zwei Tage. Und dann sagt man sich: Hey, du bist jetzt Olympiasieger, und kannst es immer noch nicht glauben. Das Ziel war eine Medaille. Die wollte ich schon 1980. Damals durfte ich nicht zu den Spielen in Moskau, wegen des Boykotts. Dabei war das eigentlich meine beste Zeit als Ringer. Ich bin 1981 Europa- und Weltmeister geworden. 1980, beim Boykott, dachte ich, jetzt musst du noch einmal vier Jahre trainieren, um dein Ziel zu erreichen. Aber es hat 1984 dann ja geklappt.

einestages: Und als es erreicht war, konnten Sie sich nicht einmal richtig freuen, weil Ihnen die Kraft dazu fehlte.

Passarelli: Da war ich fix und foxi. Ich konnte kaum noch gehen, weil ich einfach kaputt war. Ich war froh, dass die Betreuer kamen und mich getragen haben. Am liebsten wäre ich liegengeblieben. Aber das konnte ich ja nicht machen. Da bin ich dann eben aufgestanden. Aber es hat schon ein paar Stunden gedauert, bis ich mich wirklich freuen konnte. Realisiert habe ich das erst einige Tage später.

einestages: Was war ausschlaggebend für ihren Sieg: Ihr unglaublicher Wille oder das optimale Training?

Passarelli: Da gibt es nicht nur einen Punkt, den man herausnehmen kann. Es sind die Trainingspartner. Ohne die geht es nicht. Die Trainer, natürlich Heinz Ostermann als Bundestrainer, die Ärzte und Physiotherapeuten. Und zum Schluss kommt der Wille. Er ist der Punkt auf dem i. Wenn man in so einer Situation liegt, hat man zwei Möglichkeiten: Entweder man gibt auf und wird Zweiter. Oder man macht weiter und wird Erster. Ich wollte einfach nicht aufgeben. Es sind viele Kleinigkeiten, die da zusammenkommen. Im Grunde bin ich dem Eto auch noch dankbar. Wenn er mich aus dem Griff herausgelassen hätte, hätte er vielleicht noch einmal ein paar Durchdreher machen können und vielleicht sogar gewonnen - so kaputt wie ich war.

einestages: Glauben Sie, dass es einen ähnlichen Kampf noch einmal geben könnte?

Passarelli: Das glaube ich eher nicht. Das Ringen hat sich ja geändert. Die Brückenlage wird nicht mehr so viel trainiert. Man kommt auch nicht mehr so oft in diese Lage.

einestages: Sie haben das noch trainiert?

Passarelli: Natürlich. Unsere Ringer damals, die konnten alle die Brückenlage.

einestages: Und Ihnen hat sie zu einer gewissen Berühmtheit verholfen...

Passarelli: Stimmt. Ringen ist ja nicht so populär. Wenn diese Brücke nicht gewesen wäre, würde ich heute auch nicht mit Ihnen über diesen Kampf sprechen.

Interview: Jürgen Bröker


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Bernd Hohlen, 26.07.2008
Es war eine atemberaubende Leistung von Pasquale Passareli, an die ich mir lebhaft erinnere. Eine weitere, schier unglaubliche Ringkampfleistung vollbrachte 12 Jahre vorher Wilfried Dietrich bei den olympischen Spielen in München. Der "Kran von Schifferstadt" genannte Schwergewichtler Wilfried Dietrich, zeigte 1972 in München eine Aktion, die als "Griff des Jahrhunderts" in die Ringkampfgeschichte einging. Mit einem spektakulärem Überwurf hebelte er den 200 Kilogramm (!) schweren amerikanischen Ringer Chris Taylor rückwärts über sich und besiegte ihn mit einem Schultersieg. Für mich eine der erstaunlichsten, live erlebten Sportmomente. Hier bei Youtube: http://de.youtube.com/watch?v=Ezx74WoS0AI
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