Olympia-Protest Zwei Fäuste, ein Skandal

Olympia-Protest: Zwei Fäuste, ein Skandal Fotos
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Sie wollten Gerechtigkeit und ernteten Hass: Bei Olympia 1968 reckten die US-Sprinter Tommie Smith und John Carlos auf dem Siegerpodest ihre behandschuhten Fäuste, um gegen Rassismus in ihrer Heimat zu demonstrieren. Die Folgen spüren sie bis heute. Von

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Ihr Protest machte sie weltberühmt. Am 16. Oktober 1968 standen Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen in Mexiko mit gesenktem Kopf auf dem Siegertreppchen. Die beiden US-Studenten hatten soeben beim 200-Meter-Finale Gold und Bronze geholt. Dann entstand das vielleicht berühmteste Foto der Sportgeschichte: Während die amerikanische Hymne läuft, strecken Olympiasieger Smith und der drittplazierte Carlos ihre Fäuste in den Himmel. Sie stecken in schwarzen Handschuhen.

Mit ihrer Geste bekannten die beiden Athleten offen zur afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung - ein Skandal. Carlos streckte den linken Arm in die Höhe, Smith den rechten. "Der rechte und der linke Handschuh repräsentieren die schwarze Einheit", interpretierte am nächsten Tag die "New York Times". Tommie Smith hat eine weniger aufgeladene Erklärung parat: "Meine Frau hatte die Handschuhe gekauft, aber nur ein Paar. Als ich dann gewonnen hatte, nahm ich den rechten und John den linken. Wir teilten uns die Handschuhe."

Die anderen Gesten der Athleten waren genauer ausgeklügelt: Beide erschienen ohne Schuhe, nur mit schwarzen Strümpfen zur Siegerehrung. "Wir wollten der Welt zeigen, dass in Mississippi, Alabama, Tennessee, South Central Los Angeles und in Chicago Menschen in Armut leben. Dass da Kinder sind, die sich keine Schuhe leisten können", sagt John Carlos heute. Um ihren Hals trugen Smith und Carlos Perlenketten. "Diese Perlen standen für die Menschen, die gelyncht oder einfach so ermordet worden waren, für die keiner ein Gebet sprach."

Kein Handschlag für "Slavery Avery"

Carlos hatte außerdem seine Trainingsjacke offen gelassen, den Reißverschluss nicht zugezogen. "Damit wollte ich die Schichtarbeiter repräsentieren, die 'blue-collar people' und die Underdogs." An ihren Trainingsjacken hing ein Button mit der Aufschrift OPHR: "Olympic Project for Human Rights". So nannte sich die Bewegung der schwarzen US-Athleten, die lange vor den Spielen in Mexiko einen Boykott der Spiele diskutiert hatte.

Was zunächst kaum jemandem auffiel: Der dritte Mann auf dem Siegerpodest trug ebenfalls einen OPHR-Button. Peter Norman, der australische Silbermedaillengewinner, hatte kurz vor der Siegerehrung mitbekommen, was Smith und Carlos planten. "Kann ich euch helfen?", hatte er gefragt - und sich spontan an der Aktion beteiligt. "Carlos und Smith hatten aber keinen weiteren Button dabei", berichtet Matt Norman, Neffe des weißen Läufers aus Down under. In seinem Film "Salute", der im Juli 2008 in Australien Premiere feierte, erzählt der Regisseur die kaum bekannte Geschichte seines 2006 verstorbenen Onkels. "Carlos sagte meinem Onkel, dass er noch Zeit habe, um rauszugehen und sich einen zu holen." Paul Hoffman, ein Ruderer, schenkte Norman seinen Button. Hoffman war einer der wenigen weißen Amerikaner, die die Forderungen des OPHR unterstützten.

Eine davon lautete, dem Schwergewichtsboxer Muhammad Ali seinen Weltmeistertitel zurückzugeben, den man ihm wegen Kriegsdienstverweigerung aberkannt hatte. Auch sollten die rassistischen Regime Südafrika und Rhodesien von den Olympischen Spielen ausgeschlossen werden, der amerikanische Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Avery Brundage - ein bekennender Rassist und Antisemit - zurücktreten. Brundage war der Hauptgrund dafür, dass Smith und Carlos bei der Siegerehrung Handschuhe trugen: Auf keinen Fall wollten sie die Haut von "Slavery Avery" Brundage berühren, falls sie gezwungen sein sollten, ihm die Hand zu geben.

"Schwarzhäutige Sturmtruppen"

Dass geringste Problem bei der ganzen Protestaktion sahen die beiden selbstbewussten "Black-Power"-Aktivisten darin, das 200-Meter-Finale tatsächlich zu gewinnen - die Voraussetzung für ihren Coup. "Für das Finale war ich sehr zuversichtlich. Ich fühlte mich sehr gut", erinnert sich Tommie Smith. Nach einem Fehlstart ging das Finale erst im zweiten Versuch auf die Bahn. Tommie Smith führte bald und lief souverän seinem Sieg entgegen. Schon etwa 15 Meter vor dem Ziel jubelte er mit hochgerissenen Armen. Weltrekordhalter John Carlos dagegen war das Finale zu schnell angegangen. Als er aus der Kurve kam, war er fast gleichauf mit Smith, drehte sogar den Kopf zu ihm. Dann aber brach er ein, und Peter Norman flog an ihm vorbei. "Meine Waden waren völlig verhärtet", erklärte Carlos später. "Ich wollte schauen, wo Tommie war und ob er es gewinnen kann. Wenn ich den Eindruck gehabt hätte, dass er vielleicht nicht gewinnt, hätte ich mich noch mehr angestrengt." So aber wurde Carlos Dritter und Smith Erster, etwa so, wie sie es sich vorgenommen hatten.

Doch statt Beifall für ihre sportliche Leistung ernteten sie Hass für ihren Protest. Nachdem die Hymne gespielt war, pfiffen die Menschen im Stadion von Mexiko-Stadt. Doug Roby, der Präsident des amerikanischen Olympischen Komitees, schloss die Sprinter mit sofortiger Wirkung vom Team aus und verwies sie des Olympischen Dorfes. Ihre Akkreditierung nahm er ihnen ab, innerhalb von 48 Stunden mussten sie aus Mexiko ausreisen. Auch die heimische Presse schlug sich nicht auf die Seite der beiden Sprinter: "Wie bei den Nazis", beschrieb "Associated Press" die Geste der beiden. Der amerikanische TV-Sportjournalist Brent Musburger sprach von "schwarzhäutigen Sturmtruppen".

Smith und Carlos blieben trotzdem nicht allein. "Auch 400-Meter-Läufer, die ebenfalls protestiert hatten, wurden nach Hause geschickt", erzählt Tommie Smith. Dabei hatten die drei Medaillengewinner, Lee Evans, Larry James und Ron Freeman, ihre Medaillen ohne Protest entgegengenommen. Sie trugen lediglich schwarze Baretts, um ihre Solidarität zu bekunden und zeigten erst beim Verlassen des Stadions die geballte Faust. "US-Frauen widmen ihren Sieg Smith und Carlos", schrieb die "New York Times" ein paar Tage später über die 4 x 100-Meter-Staffel der Frauen, doch die Sprinterinnen wurden nicht belangt.

Nicht jeder hatte Mumm genug

Einer der nicht protestierte, war George Foreman. Der Boxer schwang nach seinem Olympiasieg im Superschwergewicht eine Stars-and-Stripes-Flagge und wurde von den US-Offiziellen als Gegenbild zu Smith und Carlos gefeiert. Foreman erinnert sich an den Tag des Rauswurfs von Smith und Carlos: "Als ich mich John näherte, sah ich, dass er traurig aussah, trauriger als traurig, so als hätte er seine Mutter verloren."

Foreman berichtet, er habe das Turnier für sich beenden wollen. Doch dann habe man auf ihn eingeredet; ein Funktionär habe ihm gesagt, er habe mit John Carlos gesprochen: "John lässt dir ausrichten, du sollst rausgehen und dein Ding machen." Foreman glaubte dem Offiziellen und trat an - heute hat er seine Zweifel: "Ein bisschen älter und klüger, wie ich jetzt bin, glaube ich, dass es höchst zweifelhaft ist, dass mir John Carlos diese Botschaft hat zukommen lassen."

Tommie Smith und John Carlos leben bis heute mit diesem wichtigsten Moment ihres Lebens. Auf einen Schlag waren sie berühmt - reich wurden sie dadurch jedoch nicht, im Gegenteil. Unmittelbar nach ihrer Rückkehr in die USA waren die Olympiasieger zunächst mittellos. "Ich habe jeden Job genommen, den ich kriegen konnte", berichtet Carlos, "Botendienste, Security-Jobs, Gärtner, Parkplatzwächter, alles, was ich finden konnte." Und überall wurde er angefeindet. Seine Frau, behauptet er, sei an den Folgen des Protests zerbrochen. "Sie nahm sich das Leben, weil sie mit dem Druck nicht umgehen konnte."

Tommie Smith arbeitet heute als Leichtathletiktrainer des Santa Monica College in Los Angeles. John Carlos ist an der Palm Springs High School in Kalifornien beschäftigt. Politisch aktiv sind beide noch. Smith unterstützt die Demokraten im US-Präsidentschaftswahlkampf. "Obama ist einer jener Leute, die dem System guttun würden", sagte er jüngst in einem Interview. Carlos, mittlerweile Dr. John Carlos, ist noch aktiver. Ende Juni trat er in Chicago bei der Konferenz "Socialism 2008" auf. Sein Thema bei dem "Wochenende voller revolutionärer Politik, Diskussionen und Unterhaltung": Der 16. Oktober 1968, der Tag, an dem er mit der erhobenen Faust im schwarzen Handschuh in Mexiko-Stadt auf dem Siegertreppchen stand.

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Muri Eren 13.09.2008
"Einer der nicht protestierte, war George Foreman. Der Boxer schwang nach seinem Olympiasieg im Superschwergewicht eine Stars-and-Stripes-Flagge und wurde von den US-Offiziellen als Gegenbild zu Smith und Carlos gefeiert". George Foreman war zu jener Zeit bei sehr vielen Afroamerikanern und Afrikanern unbeliebt, da er als verleugner seiner afrikanischen Wurzeln galt. Sein stetes Auftreten mit einem Deutschen Schaeferhund bei den Vorbereitungen zum "Rumble in the jungle" gegen Muhammad Ali in Kinshasa im Jahre 1974 führte denn auch zum Schlachtruf:"Ali boma yé!" ("Ali bring ihn um!"). Deutsche Schaeferhunde wurden naemlich stets von den belgischen Kolonialherren gegen das kongolesische Volk eingesetzt.
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