Olympia-Proteste Wenn die Flamme nicht lang fackelt

Olympia-Proteste: Wenn die Flamme nicht lang fackelt Fotos
Getty Images

Vom Volksspektakel zum Politikum: Der Olympische Fackellauf steht im Brennpunkt von Protesten gegen die Politik Chinas - aber nicht zum ersten Mal. Schon seit die Nazis die Propaganda-Veranstaltung 1936 einführten, wird dagegen demonstriert. Auch mal mit brennenden Unterhosen. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 2 Kommentare
    2.9 (641 Bewertungen)

So eine Olympische Fackel muss einiges mitmachen. Sie muss weiter brennen, wenn es Bindfäden regnet und darf auch bei Windstärken von bis zu 65 Kilometern pro Stunde nicht erlöschen. 1992 flog sie Concorde, 1994 wurde sie während eines Fallschirmsprunges weitergereicht, 2000 musste sie vor der Küste Australiens unter Wasser brennen und einmal, 1976, wurde ihr Feuer sogar virtuell per Satellit übertragen.

Auch Demonstranten musste sie schon lange vor den aktuellen Ereignissen in London, wo die Flamme von Sicherheitskräften gelöscht wurde, bereits einige Male trotzen - und ging dabei so manches Mal aus.

Schon das Debüt des Fackellaufs stand unter keinem guten Stern. Vom deutschen Sportfunktionär Carl Diem, dem Organisator der olympischen Spiele 1936 in Berlin, erdacht und von Joseph Goebbels abgesegnet, wurde der zweiwöchige Lauf von Griechenland in den Berliner Sportpalast gnadenlos als Propaganda für die Nazis ausgeschlachtet. Der Fackelgriff aus echtem Kruppstahl, die Olympische Flamme entzündet durch die Bündelung des Sonnenlichts mit einem Zeiss-Spiegel und regelmäßige Radiosendungen, die das Ereignis dramatisch begleiteten, machten die Veranstaltung zur gnadenlosen PR für NS-Deutschland. Die konservative griechische Tageszeitung "Estia" etwa freute sich geradezu kindlich über die "wunderbare Idee von Dr. Goebbles".

Ein Stuhlbein und eine kerosingetränkte Unterhose

Doch es gab auch andere Stimmen in der Heimat der Spiele. Die Kommunistische Partei Griechenlands etwa forderte einen Boykott der "Hitleriade" durch die Athleten aus Hellas. Und der kommunistische Jugendverband OKNE beschloss gar, den Fackellauf nach Deutschland zu verhindern. Aktionsgruppen wollten versuchen, die Flamme an verschiedenen Punkten in Griechenland zu löschen. Doch die Polizei bekam Wind von den Planungen, drei Tage vor dem Beginn des Fackel-Spektakels wurden rund 70 Beteiligte festgenommen - damit waren die Pläne durchkreuzt.

Doch auch auf dem Weg durch Jugoslawien und die Tschechoslowakei gab es damals Demonstrationen gegen die Nationalsozialisten, bei denen die Polizei hart durchgriff, um die Fackel zu schützen. In Prag gelang es den Berlin-Gegnern, das Feuer trotz aller Sicherheitsvorkehrungen zu löschen - die große Olympia-Show ging selbstverständlich trotzdem weiter. Zum zweiten Mal ging das olympische Licht auf dem Weg zu den Spielen von Barcelona 1994 aus. Als die Flamme zu Ehren ihres umstrittenen Erfinders Carl Diem in Köln Station machte, schütteten zwei Studenten kurzerhand einen Eimer Wasser über das umstrittene Symbol.

Den originellsten Zwischenfall provozierten 1956 neun australische Studenten, die sich ebenfalls an der Übernahme der Nazi-Idee stießen. Als der Fackellauf kurz vor Sydney angekommen war, joggte einer von ihnen, Barry Larkin, im Sportdress als Olympionike aufgemacht, an den jubelnden Schaulustigen vorbei. In seiner Hand: eine Fackel, die der Student aus einem silbern gestrichenen Stuhlbein und einer kerosingetränkten Unterhose gefertigt hatte. Eigentlich sollte es nur ein kurzer Auftritt werden - doch dann begleitete den Witzbold plötzlich eine Ehreneskorte der Polizei - am Ende musste Larkin seine selbstgebastelte Fackel dem Bürgermeister von Sydney übergeben, der seine Ansprache dann mit dem Stuhlbein in der Hand hielt. Als der echte Fackelläufer kam, waren die meisten Zuschauer schon nach Hause gegangen.

Das Olympische Feuerzeug

Heutzutage ist die Fackel sicherer denn je. Längst brennt nicht mehr Pech oder Petroleum, eine Gaspatrone speist das moderne Olympische Feuer. Es übernachtet in einem eigenen Hotelzimmer, rund um die Uhr bewacht von drei Sicherheitskräften - und wenn doch mal eine Fackel ausgeht, gibt es immer noch original-olympisches Feuer in drei Laternen, die in ebenfalls in Griechenland entzündet wurden und den Fackelläufern in einem Konvoi folgen.

Das ist auch bitter nötig. Denn es braucht nicht unbedingt Demonstranten mit bösen Absichten, um dem angeblich ewigen Feuer den Garaus zu machen: Als der amerikanische Rennradfahrer Harley Sheffield 1996 auf der Tacoma-Narrows-Brücke im US-Bundesstaat Washington wegen einer Reifenpanne von Rad steigen musste, schlug ein natürlicher Gegner zu: der Wind blies die Fackel aus. Auch die Griechen selbst traf diese Peinlichkeit 2004, als die Olympische Flamme direkt nach dem Start in Athen durch einen schlichten Luftzug erlosch.

Das im Wortsinn erhellendste Ereignis der Olympischen Fackellauf-Geschichte begab sich allerdings 1976 im kanadischen Montreal: Nachdem ein schwerer Regensturm das Olympische Feuer ertränkt hatte, zog ein unbekannter Offizieller kurzerhand sein Feuerzeug aus der Tasche und zündete es wieder an. Selbstverständlich wurde die Fackel sofort wieder gelöscht - und mit original Olympischem Feuer erneut entzündet.

Besser sah es danach nicht aus.

Artikel bewerten
2.9 (641 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 2 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Michael Kobienia 08.04.2008
... zum zweiten Mal ging das olympische Licht auf dem Weg zu den Spielen von Barcelona 1994 aus ... Die Sommerolympiade in Barcelona war 1992 Die Winterolympiade in Lillehammer war 1994 Scheinbar ist eine Jahreszahl in dem Artikel falsch zugeordnet.
2.
Sherlock Hemlock 08.04.2008
Der Begriff "Olympiade" bezeichnet den vierjährigen Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen. Barcelona 1992 sind daher die Spiele der XXV. Olympiade. Winter Spiele werden "einfach" nummeriert. Lillehamer 1994 waren die XVII Olympischen Winter Spiele. >... zum zweiten Mal ging das olympische Licht auf dem Weg zu den Spielen von Barcelona 1994 aus ... > >Die Sommerolympiade in Barcelona war 1992 >Die Winterolympiade in Lillehammer war 1994 > >Scheinbar ist eine Jahreszahl in dem Artikel falsch zugeordnet.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH