Olympia 1908 Skurrile Spiele

Olympia vor 100 Jahren: Skurrile Spiele Fotos
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Randsportarten wie Softball und Trampolin werden bei Olympia oft belächelt - doch bei den Spielen 1908 in London kämpften die Athleten in viel skurrileren Disziplinen: Tauziehen, Hallentennis und Standweitsprung standen auf dem Programm - und der älteste Sieger war 60. Von

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Ein paar hundert Meter fehlten Dorando Pietri noch zum Sieg. Der kleine Italiener mit der Startnummer 19 bog als erster Marathonläufer ins voll besetzte White City Stadion ein, doch die vorherigen 42 Kilometer an diesem schwülen Sommertag im Jahr 1908 in London hatten ihn zuviel Kraft gekostet. Zunächst lief Pietri in die falsche Richtung. Kampfrichter wiesen ihm den Weg, doch dann kippte er vor Erschöpfung einfach um. Rappelte sich auf, taumelte ein paar Meter weiter, fiel wieder hin. Fünfmal brach er vor den Augen von Königin Alexandra und 75.000 entsetzten Zuschauern zusammen, bis ihm ein paar Kampfrichter und Ärzte auf den letzten Metern unter die Arme griffen und ins Ziel halfen. Insgesamt brauchte er für die letzten 350 Meter fast zehn Minuten, Helfer brachten ihn danach auf einer Trage in die Umkleiden.

Der Traum vom Olympiasieg zerplatzte für den zähen Zuckerbäcker aus Carpi bei Modena schnell. Die amerikanische Delegation legte Protest wegen unerlaubter Hilfeleistung ein, Pietri wurde nachträglich disqualifiziert. Gold ging an den zunächst zweitplazierten US-Amerikaner Johnny Hayes, der eine halbe Minute nach Pietri ins Ziel gekommen war. Es sollte nicht die einzige Goldmedaille sein, die erst im Nachhinein vergeben wurde. Aber nur selten standen die Amerikaner danach ganz oben auf dem Treppchen.

Eklat im Endlauf

Zum Eklat kam es im 400-Meter-Finale. Der Schotte Wyndham Halswelle lief im Vor- und Zwischenlauf die besten Zeiten und ging für Großbritannien als Favorit in den Endlauf. Dort traf er auf die drei US-Läufer John Carpenter, William Robbins und John Taylor. Gegen die Taktik des Trios zog Halswelle den Kürzeren und musste Carpenter den Vortritt lassen. Doch die Briten disqualifizierten den Amerikaner wegen angeblicher Behinderung (damals gab es noch keine Bahneinteilung) und setzten zwei Tage später das Finale neu an. Ergebnis: Robbins und Taylor traten aus Protest nicht an, Halswelle holte sich als einziger Starter in einer "Ehrenrunde" den Olympiasieg.

Die Fehde zwischen Großbritannien und den USA zog sich durch die ganzen Olympischen Spiele, konzentrierte sich jedoch vor allem auf die Leichtathletik-Entscheidungen im Juli. Die Wettbewerbe gingen nach den Regeln der britischen Amateur Athletic Association über die Bühne, die Gastgeber stellten auch sämtliche Kampfrichter - die nicht immer mit Neutralität glänzten. "Die Offiziellen waren unfair zu allen Athleten außer den britischen, aber ihr wahres Ziel war es, die Amerikaner zu schlagen", beschrieb US-Delegationsleiter James Sullivan seine Sicht der Dinge. Fahnenträger Ralph Rose weigerte sich bei der Eröffnungsfeier sogar, die Flagge vor der königlichen Loge zu senken. Er hatte vorher entdeckt, dass unter den gehissten Fahnen im Stadion die amerikanische fehlte - nach Aussagen der Organisatoren war sie schlichtweg "vergessen" worden.

Dabei sollten die Spiele nach dem Willen von Pierre de Coubertin, Gründer und Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), in Rom ausgetragen werden. Doch den Italienern fehlten nach dem Ausbruch des Vesuvs im Jahr 1906 die finanziellen Mittel, so sprang Großbritannien mit London als Austragungsort ein. Und auch wenn der politische Stern des Empires zu sinken begann, so wollten die Briten wenigstens im Sport die aufstrebende Weltmacht USA hinter sich lassen. Am Ende holten sie 56 Gold-, 51 Silber- und 38 Bronzemedaillen. Die Amerikaner fuhren mit einer Bilanz von 23/12/12 über den Atlantik zurück in die Heimat.

Standhochsprung und Weitsprung rückwärts

Trotz eigener Regeln und Kampfrichter hatten die Briten zumindest in der Leichtathletik gegen die Amerikaner im Medaillenspiegel das Nachsehen. Gleich 16-mal holten die US-Athleten die erstmals bei Olympia vergebenen Goldmedaillen. Erfolgreichster Teilnehmer war Melvin Sheppard, der über 800 Meter, 1500 Meter und in der olympischen Staffel (200/200/400/800 Meter) gewann. In den Sprintdisziplinen glänzten jedoch andere Nationen. Die 100 Meter entschied der Südafrikaner Reginald Walker für sich, über 200 Meter triumphierte Robert Kerr aus Kanada.

In London setzte der bis heute erfolgreichste Olympionike einen Schlussstrich unter seine einmalige Karriere: Raw Ewry aus den USA holte sich seine Olympiasiege Nummer 9 und 10. Er gewann im Standhochsprung mit 1,575 Meter und im Standweitsprung mit 3,335 Metern. Dieses Kunststück hatte er schon 1900 in Paris, 1904 in St. Louis und 1906 bei den Zwischenspielen in Athen vollbracht, in Paris und St. Louis siegte er zudem im Standdreisprung. Dabei hatte der "Gummimensch", wie er in seiner Heimat wegen seiner Beweglichkeit genannt wurde, lange im Rollstuhl gesessen, weil er an Kinderlähmung erkrankt war. Er erreichte sogar im "Weitsprung rückwärts" 2,82 Meter.

Sprünge aus dem Stand strich das IOC nach dem Ersten Weltkrieg aus dem Programm, andere Sportarten von 1908 gehörten ebenfalls schnell der Vergangenheit an - wie das Tauziehen. In London jedoch gehörte der Sport der starken Männer noch zu den Höhepunkten, und die Amerikaner schickten ihre stärksten Werfer mit den Olympiasiegern Ralph Rose (Kugelstoßen) und John Flanagan (Hammerwurf) ans Seil.

Im Viertelfinale jedoch unterlagen die US-Athleten einem der drei britischen Teams - und legten prompt Protest ein, weil die britische Truppe Schuhe mit Nägeln unter den Sohlen trug und dadurch besseren Halt hatte. Die - natürlich britischen - Offiziellen lehnten den Protest ab, weil es sich bei den Teams um Polizeibeamte handelte und die Schuhe angeblich zur Arbeitskleidung gehörten. Die Amerikaner traten zum nächsten Durchgang nicht mehr an und mussten zusehen, wie die drei britischen Mannschaften die Medaillen unter sich aufteilten.

Briten unter sich

In anderen Sportarten waren die Briten völlig unter sich und häuften dabei eine Vielzahl von Medaillen an. Die Spiele 1908 begannen am 27. April mit Rackets, einem Vorläufer des Squash. Zweimal Gold, zweimal Silber und dreimal Bronze heimsten die Gastgeber ein, in Einzel wie Doppel fehlte ausländische Konkurrenz völlig. Das Endspiel wurde sogar kampflos entschieden, weil sich Henry Leaf zuvor im Doppel verletzte und so Evan Noel den Sieg überlassen musste. Zu den sogenannten "Frühjahrsspielen" zählten noch Hallentennis, Jeu de Paume (ein Mix aus Tennis und Squash) und Polo. Fast hätte es noch Luftschifffahren ins Programm geschafft, wurde aber kurzfristig gestrichen.

Neben Rackets feierten auch Motorbootrennen zugleich Premiere und Finale bei Olympia. Lacrosse verabschiedete sich ebenfalls aus dem Programm. Dafür gaben andere Sportarten ihr Debüt, die zum festen Bestandteil von Olympia werden sollten. Das Boxturnier fand mangels Beteiligung an einem einzigen Tag statt und bescherte den Gastgebern fünf Siege in fünf Gewichtsklassen, auch im Feldhockey dominierte Großbritannien mit England, Irland, Schottland und Wales auf den ersten vier Plätzen.

Immerhin dürfen sich die Deutschen rühmen, das erste Hockeyspiel der olympischen Geschichte bestritten zu haben. Es ging 0:4 gegen Schottland verloren. Am Ende der Spiele am 31. Oktober standen dreimal Gold, fünfmal Silber und sechsmal Bronze für das deutsche Team zu Buche. Arno Bieberstein gewann im Schwimmen über 100 Meter Rücken, im Kunstspringen feierten Albert Zürner, Kurt Behrens und Gottlob Walz einen Dreifacherfolg, und im Paarlauf auf dem Eis des Prince's Skating Club in Knightsbridge holten Annie Hübler und Heinrich Burger Gold. Denn auch der Wintersport hielt in London Einzug, wenn auch nur im Eiskunstlauf und als kleiner Teil der Spiele und nicht etwa als eigenständige Veranstaltung. Im Paarlauf stellte dabei der Brite Edgar Syers an der Seite seiner Frau Madge gleich einen Rekord auf: Er ist mit 45 Jahren bis heute der älteste Einkunstlauf-Medaillengewinner und bewies, dass Alter damals bei Olympia noch nicht vor Erfolgen schützte.

Olympiasieger mit 64

Syers war aber noch ein Jüngling gegen den Schweden Oscar Swahn. Der holte sich im Schießen zwei Goldmedaillen in der Disziplin "Laufender Hirsch" Einzelschuss, eine davon im Teamwettbewerb mit seinem Sohn Alfred. Swahn war damals 60 Jahre alt und gewann vier Jahre später in Stockholm noch einmal Gold im Team. Mit 64 Jahren ist er bis heute der älteste Olympiasieger. Auch die bisher älteste Olympiasiegerin wurde in London mit Gold bedacht: Bogenschützin Sybil Newall war bei ihrem Sieg 53 Jahre alt. Hinter ihr landete Charlotte "Lottie" Dod auf Rang zwei, die zuvor fünfmal das Tennisturnier in Wimbledon gewann. Dod war eine von nur 36 Frauen unter den 2035 Teilnehmern der Spiele.

Einer der berühmtesten männlichen Teilnehmer kam schnell über seine verlorene Goldmedaille hinweg: Dorando Pietri war nach seinem Marathon-Drama eine Berühmtheit. Sherlock-Holmes-Erfinder Arthur Conan Doyle schrieb Artikel über ihn, Königin Alexandra überreichte ihm für seine Leistung einen Pokal. Der Bäcker aus Carpi vergoldete seinen dramatischen Auftritt auf seine Weise: Er wurde Profi und verdiente in den folgenden Jahren als Läufer gutes Geld.

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