Olympiamaskottchen Freakshow der Fabelwesen

Ulkige Uhus, schräge Schwarzbären und ein wandelndes Kondom: Olympiamaskottchen sind die Witzfiguren jeder Olympischen Spiele. Mit "Waldi" in München fing alles an. Designer Rolf Müller verrät, wie das Tierchen 1972 auf die Welt kam und warum es ausgerechnet ein unsportlicher Dackel sein musste.

Deutsches Sport & Olympia Museum

Es war ein unerwarteter Besuch, den der junge Designer Rolf Müller im Mai 1966 erhielt: Vor der Tür stand sein Freund und Ex-Dozent Otl Aicher. Damals schon ein berühmter Designer, hatte Aicher den Auftrag erhalten, das grafische Erscheinungsbild der Olympischen Spiele 1972 in München zu gestalten. Und er wollte Müller, gerade 25 Jahre alt, als seine rechte Hand mit an die Isar nehmen. Müller zögerte keine Minute und er sollte es nicht bereuen. Ihre Entwürfe für Plakate, Logos, Eintrittskarten und Wegweiser samt funktional-minimalistischer Piktogramme schrieben Designgeschichte. Aber Aicher, Müller und die anderen Designer im Team hatten noch eine ganz andere Aufgabe: das erste offizielle Olympiamaskottchen zu erschaffen. In einem Interview erinnert sich Müller an die ungewollte Geburt des weltberühmten Dackels "Waldi". Und verrät, was er wirklich über Maskottchen denkt.

einestages: Herr Müller, wozu brauchte Olympia damals ein Maskottchen?

Müller: Der Wunsch kam aus der Münchner Lokalpolitik. Wir arbeiteten gerade an dem grafischen Gesamtentwurf für die Olympischen Spiele. Das Maskottchen gehörte eigentlich gar nicht zu unseren Aufgaben. Die Idee schwelte ein paar Monate vor sich hin. Wir dachten die ganze Zeit: "Ach, muss das sein?"

einestages: Warum?

Müller: Ich hatte keine Lust auf Maskottchen! Die sind nicht gerade das, was man einen kulturellen Beitrag nennt. Wenn ein Fußballverein einen Ziegenbock auf das Spielfeld zerrt, dann ist das für mich ein kultureller Irrtum. Das man so was unbedingt will, ist komisch. Das ist unser Maskottchen, hurra, hurra, hurra!

einestages: Sollte der Vorschlag mit dem Dackel ein gemeiner Scherz sein?

Müller: Nein. Die Idee entstand bei einem Gespräch mit Willi Daume, dem damaligen Präsidenten des Nationalen Olympischen Komitees. Der hatte gerade einen kleinen Dackel geschenkt bekommen. Der Dackel war damals auch ein Symboltier für die Münchner Grantigkeit. Irgendwer aus unserem Team hat dann entschieden: Wir nehmen jetzt den Dackel - der ja nun wirklich ein unolympisches Tier ist.

einestages: Unolympisch?

Müller: Gucken sie sich doch mal einen Dackel an! Der kann ja kaum laufen!

einestages: Warum blieb es trotzdem bei der Idee?

Müller: Der Dackel war ein wunderbar ambivalentes Symbol. Er ist ein treues Tier, ein sehr deutscher, fleißiger Hund, er wedelt oft mit dem Schwanz, und gleichzeitig ist er eine witzige Figur. Die Idee war deshalb genau richtig - ein Lieblingstier, über das alle lachen konnten. Naja, wir haben manchmal über den Dackel geschimpft. Aber wir haben den gesamten Auftrag für Olympia sehr genossen und deshalb auch so kleine Sachen auf die lockere Art behandelt. Das war ein ernster, aber toller Spaß.

einestages: Wie kam denn Waldi zu seinem Aussehen?

Müller: Nachdem die Idee klar war, hat Otl Aicher mit Kugelschreiber diese zweidimensionale, aufrechte Silhouette auf ein weißes Blatt Papier gezeichnet und damit waren wir zufrieden. Der Aicher konnte wunderbar zeichnen. Danach kamen die Details: Die bunten Streifen in den olympischen Farben und die dreidimensionale Umsetzung. Wie viele andere Olympiaideen ist auch dieser Entwurf spielerisch entstanden. Wir saßen nicht verbissen da und haben gesagt: Maskottchen! Bis heute Abend 18 Uhr! Jetzt machen wir Brainstorming und dann gibt es 27 Skizzen und daraus wird dann die eine optimiert. So ging das nicht, nee! Otl Aicher und ich setzten uns oft in den Biergarten oder in ein Restaurant und haben Sachen ausgebrütet. Manchmal sind wir auch an den Ammersee gefahren. Die Ideen haben wir dann skizziert und im Team umgesetzt.

einestages: Waldi gab es als Stofftier, als Holzspielzeug, zum Aufblasen, zum Zusammenbauen und zum Draufsetzen, als Lutscher, als Spardose, er war Fernsehstar und am Ende ein internationales Lieblingstier. Haben Aicher und Sie diese Begeisterung vorher erahnt?

Müller: Nein, wir waren überrascht und haben uns sehr gefreut. Aber wir schwebten nicht alle auf Wolke sieben. Die Stimmung war ja auch getrübt durch das Attentat während der Spiele.

einestages: Gab es eine richtige Dackelpräsentation für die Öffentlichkeit?

Müller: Klar, für das Olympische Komitee und für die bundesweite Presse. Eine klassische Konferenz mit Fotografen, Reportern, dem olympischen Komiteepräsidenten Willi Daume und Otl Aicher. Wir hatten einen Prototypen entwickelt, der schaute wirklich gut aus! Aus unserer Kindheit kannten wir ein Holzkrokodil. Wenn man das hinter sich herzog, hat es Schlangenbewegungen gemacht. Nach diesem Vorbild haben wir den Holzdackel entwickelt. Auf der Konferenz hat erst jemand den Dackel für alle hochgehalten, dann hat man ihn auf dem Boden hin- und hergezogen, er hat gewackelt und alle haben Fotos gemacht und ihre Mikrofone hochgehalten.

einestages: Kein Spott?

Müller: Ich glaube, der Dackel hat eher ein Augenzwinkern verursacht, als ein hämisches Lachen. Das Tierchen war einfach zu nett.

einestages: Kennen sie eigentlich Izzy?

Müller: Nein, was soll das sein?

einestages: Vielleicht Neve und Gliz?

Müller: Nein.

einestages: Oder Beibei, Jingjing, Huanhuan und Nini?

Müller: Auch nicht.

einestages: Dass sind alles Olympiamaskottchen der vergangenen Jahre.

Müller: Damit habe ich mich nie wirklich beschäftigt. Ich finde die neuen Maskottchen in der Regel auch nicht adäquat. Das Spielerische fehlt. Die sind immer so brutal ernst. Oder sie sind so oberflächlich geblödelt, dass es auch nichts taugt - wie bei Leo, dem Maskottchen zur Fußball-Weltmeisterschaft. Der war ja im Grunde einfach nur plump und wegen der fehlenden Hose auch ein bisschen lächerlich. Gut, der Dackel war auch ein bisschen lächerlich. Aber wir haben diese Lächerlichkeit weggenommen durch die Farbstreifen und den spielerischen Umgang, der zu dem Olympiagedanken passte.

einestages: Haben Sie eigentlich damals überlegt, sich einen Dackel zuzulegen?

Müller: Nein, nie. Ich liebe Katzen.



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Tobias Neumayer, 07.08.2008
1.
Peinlich: Die "Olympiade" bezeichnet die Zeit ZWISCHEN den Olympischen Spielen, nicht die Olympischen Spiele selbst. Gut, dieser Fehler ist weit verbreitet und wird gerne gemacht - ein Medium mit halbwegs journalistischem Anspruch sollte allerdings zu ausreichender Recherchearbeit in der Lage sein derartig offenkundige Fehler zu vermeiden. Auf EinesTages sind derartige Irrtümer - wie hier direkt im ersten Satz des Teasers - aber offenbar leider die Regel.
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