Olympische Spiele 1936 Schnappschüsse hinter den Kulissen

Frei von jeder Zensur durften Fotoamateure bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin fast alles knipsen, was ihnen vor die Linse kam. Denn die Nazis versuchten, das beliebte Hobby für ihre Ziele auszuschlachten.

Archiv Hübner/ morisel Verlag

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Die mit Hakenkreuz- und Olympiafahnen geschmückte Berliner Innenstadt ist brechend voll. Gemeinsam mit Tausenden ungeduldigen Schaulustigen wartet auch Jetta Goebel an diesem 31. Juli 1936 aufgeregt am Straßenrand. Jeder will ganz vorn stehen, wenn der Fackelträger mit dem olympischen Feuer auf dem Weg zum Stadion vorbeiläuft. Plötzlich kommt Unruhe auf, ein wildes Schieben und Drängen beginnt.

"Nun kann die Heilige Flamme vielleicht im nächsten Augenblick schon hier eintreffen," wird die Hausfrau aus Hermannstadt im rumänischen Siebenbürgen das Erlebnis später in ihrem Reisebericht beschreiben."Viel beneidet sind die Ersten, und für die Letzten bleibt als einzige Rettung und Hilfe ein Spiegel-Teleskop, Marke 'Kiebitz'", zitiert sie der Historiker Emanuel Hübner in seinem Buch "Olympia in Berlin".

Ein sportliches Großereignis, wie es Deutschland bis dahin nicht erlebt hatte, katapultierte die Hauptstadt für zwei Wochen in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Mannschaften von allen Kontinenten und mehr als Hunderttausend ausländische Schlachtenbummler gaben der durch das Naziregime ins Zwielicht geratenen Nation ein internationales Flair. Am 1. August wurden die Spiele mit einer aufwendig choreografierten Feier im gigantischen Stadion eröffnet. Bis zum 16. August lag die Stadt im Olympiafieber.

Viele Besucher der Wettkämpfe begnügten sich nicht damit, mittels eines an einer Holzstange befestigten Spiegels über alle Köpfe hinweg einen flüchtigen Blick auf das Geschehen zu erhaschen. Ausgestattet mit preislich erschwinglichen Amateurkameras knipsten sie für das Erinnerungsalbum.

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Olympische Spiele 1936: Schnappschüsse hinter den Kulissen

In Deutschland war Fotografieren zu dem Zeitpunkt bereits ein weit verbreitetes Hobby, das Hitlers Vertraute aus Machtkalkül förderten: Gerade während der Spiele sollten neben offiziellen Aufnahmen von glanzvoll inszenierten Wettkämpfen auch einfache Schnappschüsse das Bild eines perfekt organisierten und weltoffenen Landes transportieren.

Mit 250 bisher nicht veröffentlichten Amateurfotos präsentiert Sporthistoriker Hübner die Spiele von 1936 aus einer neuen Perspektive: etwa von voll besetzten Stadionrängen aus auf Tausende Arme, die sich zum obligatorischen Hitlergruß in die Höhe recken. Nicht allein die Wettkämpfe, sondern Zuschauer und Stadtansichten sind oftmals die Hauptmotive.

Viele Knipser brachten dem Regime dabei offenkundig Bewunderung entgegen. "Alle wollen den Führer sehen!", steht in akkurater weißer Tintenschrift im Fotoalbum eines Ehepaares, von dessen Berlin-Aufenthalt 180 Aufnahmen erhalten sind. Dass diese von bescheidener Qualität waren, tat der Begeisterung offenbar selbst im Nachhinein keinen Abbruch. Auch wenn Hitler nur auf einem der Fotos schemenhaft hinter einer Menschenmenge in einem Auto zu erkennen ist, wurden alle Bilder fein säuberlich eingeklebt. Bei seinen häufigen Besuchen im Stadion hatten etliche Gäste den "Führer" aber sogar aus der Nähe erwischt.

"Wie eine Bronzefigur!"

Mitte der Dreißigerjahre gab es in Deutschland bereits fünf bis sechs Millionen Freizeitfotografen. Allein 20.000 Leica-Kameras gingen jedes Jahr über den Ladentisch. Größtenteils kamen Rollfilme zum Einsatz. Sie kosteten weniger als die vorher üblichen Glasplatten, die zudem zerbrechlich waren. Der Preis für einen einfachen Apparat wie die "Agfa-Box" entsprach im Jahr 1936 in etwa dem Lohn, den ein männlicher Facharbeiter in fünf Stunden verdiente.

Pünktlich zu den Olympischen Spielen kamen Foto-Ratgeber heraus. "Stürze, Siegerfreude, Begrüßungskuß, Triumphzug des Siegers auf den Schultern seiner Kameraden, Begeisterung beim Publikum, die von Autogrammjägern umringten Sportkanonen" - in "Das Sportfoto" beschrieb Gerhard Riebicke solche "unvorhergesehenen Situationen", die auch ein einigermaßen geschickter Amateurfotograf in den Griff bekommen könne. Ambitionierte Laien ermunterte er, sich für "Fangschüsse" hinter die Kulissen zu begeben. Etwa auf Übungsplätze, wo sich Sportgrößen ungezwungen bewegten.

Anders als Tausende akkreditierte Medienvertreter hatten Amateurfotografen keinen unmittelbaren Zutritt zu den Sportfeldern - dafür wurden sie in den Zuschauerbereichen nicht durch Zensurmaßnahmen eingeschränkt. Insbesondere der amerikanische Leichtathletikstar Jesse Owens, der in Berlin vier Goldmedaillen errang, wurde bald von vielen Bewunderern umlagert. "Und da sehen wir zum ersten Mal den Jesse Owens! Das ist ein Kerl! - Um einen ganzen Kopf überragt er seine Kollegen", schwärmte Gertrud Theil, die wie Jetta Goebel aus Siebenbürgen angereist war: "Der Körper ist fabelhaft! Wie eine Bronzefigur!"

Exotisch wirkten auf viele Deutsche auch die Sportler aus Japan, das 1936 mit Hitler einen Pakt zur Bekämpfung der Kommunistischen Internationale (Komintern) geschlossen hatte. Auf Bildern in Hübners Buch sieht man Angehörige des japanischen Olympiateams, darunter den Marathonsieger Son Kitei, der alle Konkurrenten weit hinter sich ließ.

Die Fotografen, die etwa seinen hastigen Schluck aus einem Wasserbecher an einer Versorgungsstation im Grunewald festhielten, ahnten vermutlich nichts von seiner tragischen Geschichte: Im japanisch besetzten Korea geboren, musste der Athlet, der eigentlich Sohn Kee-chung hieß, für die Unterdrücker seines Volkes an den Start gehen.

Überall kleine, lächelnde Japaner

Dass Gäste aus dem Fernen Osten selbst ständig den Finger am Auslöser hatten, beobachtete ein Reporter des Fußballmagazins "Der Kicker" im Olympischen Dorf in Elstal bei Berlin. "Überall sieht man die kleinen, immer lächelnden Japaner. Sie sammeln entweder Unterschriften oder photographieren und filmen. Selbst des Abends ist man nicht vor ihnen sicher." Auch Sportler machten Aufnahmen. Für zwei Boxer aus den USA endete der Olympiaaufenthalt allerdings, noch bevor sie Medaillen sammeln oder zumindest erste Bilder fürs Erinnerungsalbum schießen konnten. Sie mussten nach wenigen Tagen die Heimreise antreten, weil sie versucht hatten, in einem Berliner Geschäft eine Kamera zu klauen.

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Emanuel Hübner:
Olympia in Berlin

Amateurfotografen sehen die Olympischen Spiele 1936

morisel; 200 Seiten; 24,90 Euro.

Dauerknipser brauchten während der Olympischen Spiele zu keiner Zeit befürchten, plötzlich ohne Filmmaterial dazustehen. Fotogeschäfte durften ausnahmsweise auch sonntags öffnen. Und vor den Läden gab es Rollfilm-Automaten, an denen man sich rund um die Uhr Nachschub besorgen konnte.

Dennoch fanden die Amateurbilder in der Öffentlichkeit letztlich nicht die Verbreitung, die sich Reichspropaganda-Minister Joseph Goebbels erhofft hatte. Bereits kurz nach der Machtergreifung der Nazis 1933 hatte er versucht, die Hobbyfotografie politisch auszuschlachten. "Nicht nur für unsere eigenen Volksgenossen hat die Kamera diese Bilddokumente eines unbeirrbaren, neuen deutschen Werdens geschaffen", sagte er bei einer Ausstellungseröffnung im November 1933. "Ebenso unvergleichlich ist die Wirkung auf das skeptische Ausland. Man hat es draußen nicht wahrhaben wollen, dass sich unser Volk wie ein Mann hinter seinen Führer stellte. Heute werden auch dem misstrauischsten Ausländer, sofern er nicht bösen Willens ist, durch die Kamera die Augen geöffnet."

Im Gegensatz zu Goebbels zeigten Zeitungs- und Buchverlage jedoch wenig Interesse an Amateuraufnahmen. Vor der Veröffentlichung von Hübners Buch war nicht ein einziges der darin abgedruckten Fotos publiziert worden, weder vor noch nach 1945.

insgesamt 4 Beiträge
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Ingo Meyer, 31.07.2017
1. Natürlich war die Olympiade für die Nazis eine willkommene Gelegeheit
... zur Propaganda. Damit unterschieden sich diese Herrscher nicht von ihren Nachfolgern. Für das Publikum waren die Spiele ein großes, in dieser Art noch nie dagewesene Spektakel. Ich versuche gegen alle politische Korrektness die Spiele und die Freude der Besucher vom Regime zu trennen. Die Deutschen konnten stolz sein. Berlin, eine anerkannte Metropole. Der Flughafen Tempelhof ein Schaufenster der modernen Indusrtiearchitektur. Die deutschen Flugzeueg waren führend in der Welt. Die Franzosen liefen mit erhobenen Armen ins Stadion. Die Deutschen jubelten Jesse Owens zu. Ich möchte unsere "oberen Zehntausend" bei einer vergleichbaren Schau heute sehen... Menschen ändern sich nicht. Regime vielleicht. Die heutigen Eventmanager wirken nicht besser, als die im Jahr 1936.
Katharina Sager, 31.07.2017
2. Gruselig...
... diese Bilder! Die Männer mit ihren martialischen Undercut-Frisuren, mit strengem Blick und heroischer Haltung unterwegs. Die Frauen in ihren lächerlichen Tüdelü-Kleidchen, bereit zum "Sieg heil" Schrei. Auf den Gesichtern zeigen sich die Begeisterung und der Stolz, die später tödlich Folgen haben. Das Grauen liegt in der Luft, doch keiner scheint es zu bemerken. Da freut man sich wieder, heute zu leben!
John Joseph Preston, 01.08.2017
3. Täuscht es ...
... oder sieht die Frau (?) rechts auf Bild 11 im groß gepunkteten Kleid und dem Schirmmützchen aus wie Mrs. Doubtfire (man achte auf die Unterarmmuskulatur)? o.O
Ute Antje Seemann, 01.08.2017
4. ich habe die offiziellen Olympia Filme von
Leni Riefenstahl auf DVD. Selbst ich (Jahrgang 1945) war gespannt und aufgeregt, aufgewuehlt und voller Bewunderung fuer diese Filme, und keiner kann mir sagen, dass sie nicht die besten sind, die es je gegeben hat ... Spannend, aufregend und voll des Zeitgeistes ....
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