Messfehler bei Olympia Schneller als der Sieger
Erster? Oder doch Zweiter? Die Stoppuhr lügt nicht, es sei denn, jemand bedient sie falsch, was bei Olympia oft genug geschah. einestages erinnert an groteske Pannen und Fehlleistungen.
Ein Mann mit weißem Hemd und weißer Hose schaut vom Wasser auf. Er hebt die Arme als wolle er sagen: keine Ahnung. Die Kollegen um ihn herum wirken ähnlich ratlos. Und genau das ist in diesem Fall die Katastrophe.
Denn die Herren in Weiß entscheiden über Sieg und Niederlage. Über Gold und Silber.
Es ist der 27. August 1960, Olympische Spiele in Rom, 21.10 Uhr im Stadio Olimpico del Nuoto, dem olympischen Schwimmstadion. Das Finale über 100 Meter Freistil gilt als Höhepunkt des Tages und das Rennen unter freiem Himmel vor mehr als 10.000 Zuschauern erfüllt die großen Erwartungen.
Im packenden Schlusssprint ziehen der Australier John Devitt, Weltrekordhalter und Top-Favorit, und Lance Larson aus den USA dem Feld davon. Gleichauf schlagen sie kurz vor dem Ziel Seite an Seite die müden Arme ins Wasser, es spritzt gewaltig an den Beckenrand.
Larson ist auf den schwarz-weißen TV-Bildern nicht wirklich zu sehen, er ist abgetaucht. Devitts Kopf ist zu erahnen. Die Uhren stoppen. Über den beiden Schwimmern stehen die Männer in Weiß und schauen sich an. Dann sehen die Zuschauer jene berühmte Szene, in der einer der Männer fragend die Arme hebt.

Olympisches Finale im 100-Meter-Freistil, 1960, Rom.
Unten, im Wasser, scheint dagegen alles klar zu sein. Der Australier Devitt gratuliert schon einmal dem US-Schwimmer Larson zur Goldmedaille. Verfrüht, wie sich herausstellen sollte.
Sechs Schiedsrichter, zwei Meinungen
Dabei hatte auch die elektronische Zeitnahme eigentlich Klarheit in das Chaos gebracht. Sie stoppt Larson bei 55,10 Sekunden, Devitt bei 55,16 Sekunden - zehn Zentimeter Unterschied, mit dem bloßen Auge kaum zu erkennen.
Das Problem: Die Maschine ist nur als Back-up vorgesehen. Das Vertrauen in die Technik war 1960 deutlich unterentwickelter als die Technik selbst. Auch die drei offiziellen Zeitnehmer pro Bahn, deren Stoppuhren alle den US-Schwimmer vorne sehen - zwei mit 55,10, einer sogar mit 55,00 - haben zunächst keinen Einfluss auf die Entscheidung. Für die sind allein die Männer in Weiß verantwortlich: drei Offizielle für den ersten Platz, drei für den zweiten. Diese Richter messen nicht mit der Stoppuhr, sondern begutachten mit dem Auge am Ende der Bahnen, wer das Finish für sich entscheiden konnte.
Erst durch sie sollte das Finale in einem Skandal münden: Denn zwei der Richter, die den ersten Platz begutachten sollen, sehen Devitt als Sieger, der dritte Richter seinen Kontrahenten. Zwei der Richter, die den zweiten Platz beurteilen, sehen hingegen Devitt auf dem zweiten Platz. Von den sechs Richtern favorisieren demnach jeweils drei Devitt und drei Larson. Am Ende steht ein Patt, 3:3.
Den Schnellsten langsamer machen
Die olympischen Regeln verlangen im Falle des Gleichstands die Zuhilfenahme der elektronischen Zeitnahme. Doch Oberschiedsrichter Henry Runströmer entscheidet stattdessen lieber selbst, so wie er das aus seiner Heimat Schweden kennt: Gold für Devitt. Die Siegerzeit: 55,2 Sekunden. Larson? Plötzlich ebenfalls 55,2 Sekunden, eine Zehntelsekunde langsamer, als zunächst gemessen. Schließlich konnte der Zweitplatzierte ja nicht schneller sein als der Sieger - und so musste die Zeit der seltsamen Logik der Entscheidung eben angepasst werden.
Die Zeit war damit ein neuer olympischer Rekord für beide, vergeben von Runströmer, der tatsächlich etwa 20 Meter weit weg am Rand der achten Bahn stand. "Ich fühlte mich, als hätte mir jemand gesagt, meine Familie wäre bei einem Unfall ums Leben gekommen", verriet Larson später. "Ein trauriges Chaos", klagte Max Ritter, Mitglied des US-amerikanischen Olympischen Komitees.
Der Kampf gegen eben dieses Chaos, gegen den menschlichen Makel, hat seit jeher die Geschichte der olympischen Zeitnahme geprägt. Kontroversen führten zu Innovationen, Skandale zu Reformen. Das Ergebnis des 100-Meter-Finales im Freistil 1960 gehört bis heute zu den größten Skandalen der Sportgeschichte und blieb nicht folgenlos: Seit den Spielen 1968 schlagen Schwimmer gegen Zeitnahmeplatten am Beckenrand.
Das Aus für die Startpistole
Dies war schon ein großer Schritt in einer Entwicklung, die mit Schiedsrichtern begonnen hatte, die ursprünglich noch ihre eigenen Stoppuhren zum Wettbewerb mitbringen mussten. Ab 1932, dem Jahr der Einführung eines offiziellen Zeitnehmers, professionalisierte sich die Arbeit immer mehr: Damals schickte man einen Techniker mit 30 Chronografen zu den Spielen nach Los Angeles. Heute sind bei den Spielen in Rio 480 Spezialisten vor Ort, die insgesamt 450 Tonnen Equipment mitgebracht haben, um menschliches Versagen möglichst zu eliminieren.
Die Wörter für das Werkzeug der Schiedsrichter überlebten, die Geräte aber wandelten sich rasant. 2010 etwa wurde endgültig eine Startpistole eingeführt, die keine Pistole mehr ist, sondern ein unförmiger roter Plastikring mit speziellen Platzpatronen. Das half auf mehrfache Weise: Das Signal erreichte die Athleten nun - sportlich fair - zeitgleich über Lautsprecher. Und die Offiziellen kamen mit ihrem Gerät schneller durch den Zoll; 1978 und 1993 hatte es noch Flugzeugentführungen mithilfe von Startpistolen gegeben.
Auch in anderen Sportarten änderte sich Grundlegendes: Schaufelten sich die Sprinter einst noch mit der Hand Löcher in die Aschebahn, gibt es für sie heute einen Startblock mit Lautsprecher und Sensor zur Messung der Reaktionszeit und der Anzeige eines Fehlstarts. Die individuelle Kontrolle per Auge ist längst durch eine Fotofinish-Kamera ersetzt geworden, die 2000 Bilder in der Sekunde schießt. Und zeigten die ersten handgestoppten Chronografen 1932 das Ergebnis nur bis auf eine Fünftelsekunde präzise an, misst seit 1996 die Technik mithilfe von GPS die Weiten und die Laufgeschwindigkeit während des Rennens.
Lieber nicht zu genau messen
Doch nicht jede Neuerung war willkommen, so hilfreich sie vielleicht auch gewesen wäre. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München konnten Stoppuhren dank der Quarztechnik erstmals auf die Tausendstelsekunde genau messen. Über 400 Meter Lagen gewann der Schwede Gunnar Larsson mit 4:31,981 Minuten vor dem US-Schwimmer Tim McKee mit 4:31,983 Minuten. Eine Genauigkeit, von der der Zweitplatzierte von 1960, Lance Larson, wohl geträumt hätte.
Dennoch war diese Genauigkeit dem den Schwimm-Weltverband Fina dann doch irgendwie unheimlich. Er änderte die Regeln nach den Münchner Spielen und beließ es fortan lieber bei der Hundertstelsekunde. So wiederholte sich das Drama von 1960 im Jahr 1984 in Los Angeles - wenn auch unter etwas anderen Umständen: Wieder war es ein Rennen über 100 Meter Freistil, doch diesmal zeigte die Uhr nun wirklich dieselbe Zeit für die US-Amerikanerinnen Carrie Steinseifer und Nancy Hogshead an: 55,92 Sekunden. Die Schiedsrichter in Weiß gab es inzwischen nicht mehr, dafür die klare Regel: dieselbe Zeit, also zwei Goldmedaillen.
Lance Larson half das nichts mehr. Nach dem Skandalfinale von 1960 hatte er vier Jahre lang versucht, sich seine Goldmedaille vor verschiedenen Gerichten und Kommissionen zu erstreiten. Er blieb ohne Erfolg und damit der erste und letzte Olympionike, der Schnellster war - und doch nur Silber gewann.
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