Olympia 1968, DDR gegen BRD "Er darf mich nicht einholen!"

Es war ein Showdown auf Skiern. Vor 50 Jahren kämpften in Grenoble erstmals die DDR und BRD getrennt um olympisches Gold. Seitdem verbindet ein Drama aus Freundschaft und Verrat drei Deutsche zwischen Ost und West.

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Der beste Mann fehlte beim Frühstück. "Andreas, geh mal nach oben und weck den Ralph!" Andreas Kunz stapfte in den Schlafraum des Hotels "Zu den drei Schweizern" im Örtchen Les Bioux. Sein Freund Ralph Pöhland, die große DDR-Olympiahoffnung in der Nordischen Kombination, war nicht zu finden.

Dann sah Kunz draußen Fußspuren im Schnee. Pöhland war geflohen! Und zwar, wie sich später herausstellte, mit einem nächtlichen Sprung vom Hotelbalkon und dann im grünen Porsche eines prominenten Fluchthelfers, des westdeutschen Skistars Georg Thoma. Und das während der vorolympischen Wettkämpfe in der Schweiz, nur Wochen vor den Olympischen Winterspielen 1968 in Grenoble.

Auf diese Demütigung reagierten die SED-Sportfunktionäre am Morgen dieses 19. Januar mit einer strengen Weisung: "Wenn jemand fragt", erinnert sich Kunz, "dann sagt ihr: Ralph ist krank. Der kann nicht teilnehmen." Die Nachricht aber ließ sich nicht vertuschen. Sie erreichte schnell auch Franz Keller im Trainingslager der Nordischen Kombinierer der Bundesrepublik.

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Olympische Winterspiele 1968: BRD gegen DDR - manipulierte Kufen, echte Tränen

"Von Freude und Jubel keine Spur", erzählt Keller im einestages-Gespräch von der Reaktion im BRD-Team. Keller war die große Medaillenhoffnung, sein größter Konkurrent nun zwar weg - aber startete womöglich für die BRD. Wen würde er dann verdrängen? "Jeder wollte bei Olympia starten, wir wollten zusammenbleiben."

So begann vor 50 Jahren ein deutsch-deutsches Drama mit Keller, Kunz und Pöhland in den Hauptrollen. In den Nebenrollen: ein Betrunkener und eine Wildlederjacke, die ein Leben zerstört. Es ist eine Geschichte über Helden und Verräter, über Lügen, Ruhm und eine gefährliche Freundschaft.

Der Sport war damals Teil des Kalten Krieges. Zu Olympia vor 50 Jahren traten, wie jetzt mit Süd- und Nordkorea in Pyeongchang, zwei Mannschaften eines geteilten Landes gegeneinander an - und damit zwei Gesellschaftsmodelle: Deutsche gegen Deutsche, Ost gegen West, Sozialismus gegen Kapitalismus.

Bloß keine DDR-Hymne

Erstaunlich lange hatte bis dahin das Internationale Olympische Komitee (IOC) die beiden Staaten in eine gesamtdeutsche Mannschaft gezwungen. Die Deutschen liefen gemeinsam unter einer schwarz-rot-goldenen Fahne mit olympischen Ringen auf und wurden geehrt zu Beethovens Ode an die Freude, nicht zu ihren Nationalhymnen.

Dabei war die Trennung längst zementiert: Es gab ein westdeutsches Nationales Olympisches Komitee (NOK), vom IOC seit 1951 anerkannt, und ein ostdeutsches Pendant, das der IOC trotz Drucks der Sowjetunion lange nicht akzeptierte. Das NOK verfolgte den hoch politischen Anspruch, alle Deutschen zu vertreten; nichts durfte so wirken, als erkenne man die DDR an. Was spätestens nach dem Mauerbau 1961 allen Realitäten widersprach.

Das IOC schwenkte um, doch 1968 wehrten die westdeutschen Sportdiplomaten noch einmal ihr Horrorszenario ab: DDR-Athleten, die mit gehisster Hammer-und-Zirkel-Fahne zu den Klängen von "Auferstanden aus Ruinen" geehrt würden. So traten die Deutschen in Grenoble und ein letztes Mal auch noch bei den Sommerspielen in Mexiko 1968 mit gemeinsamer Fahne und Hymne auf - aber mit bereits getrennten, rivalisierenden Teams.

Die neue sportliche Konkurrenz wurde befeuert durch die Flucht von Ralph Pöhland. Die DDR strich danach ihren Kader rigoros von 95 auf 57 Wintersportler zusammen und siebte vermeintlich unzuverlässige Kandidaten lieber aus, als ihnen die Möglichkeit zum Überlaufen zu geben.

Der "Republikflüchtling" durfte nicht starten

"Früher haben wir bei internationalen Wettkämpfen auch mal ein paar Bier mit den DDR-Sportlern getrunken", erzählt Franz Keller. "Offen reden konnte man mit ihnen aber nur ohne Aufpasser." Das kam selten vor. Nun war es damit vorbei. Persönliche Kontakte zu Westdeutschen seien die ersten Schritte zu "Verrat und Menschenraub", hetzte die SED-Zeitung "Neues Deutschland".

Zum Glück für die DDR war das olympische Gelände in Grenoble durch einsame Täler so zerrissen wie die deutschen Beziehungen. Die Nordischen Kombinierer aus der DDR wohnten in einer modernen mehrgeschossigen Unterkunft , die Bundesdeutschen um Franz Keller weit weg in einer alten Schule. "Der Schlafraum war ein großes Klassenzimmer ohne Bänke und Stühle", sagt der 73-Jährige. "Es gab Metallbetten und Kleiderständer, mehr nicht."

Den DDR-Sportler Andreas Kunz traf Keller erst beim Wettkampf. Auch Flüchtling Ralph Pöhland war dabei - als Zuschauer. Ihm hatte das IOC kurzfristig und fadenscheinig den Start wegen seines abrupten Wechsels in den westdeutschen Skiverband verboten. Keller war nun der alleinige große Favorit. Pöhland feuerte ihn trotzdem an. Seinem einstigen Freund Kunz drückte er höchstens heimlich die Daumen.

"Eine Dauerbelastung" sei dieser "riesige Erwartungsdruck" gewesen, erinnert sich Keller. Und stöhnt, wie auch Kunz, noch heute über die "extrem schwere Streckenführung" im Langlauf: 15 Kilometer, davon die ersten zwölf fast permanent bergauf.

Mit letzter Kraft

Zunächst wurde in der Nordischen Kombination gesprungen. Kellers Stärke, er gewann die erste Disziplin des Zweikampfs und startete daher mit 3:29 Minuten Vorsprung in die zweite Disziplin, den Langlauf. Hinter ihm lauerten der Schweizer Alois Kälin und Andreas Kunz. Der Langlauf war ihre Stärke, sie waren Kellers Jäger. Und holten Minute um Minute auf.

Doch Kunz hatte Pech. Oder die DDR schlechtes Material. Zweimal sprang seine Skibindung auf, einmal stürzte er deshalb. "Wie viele Sekunden ich da verloren habe!", ärgert er sich noch heute. "Vielleicht hätte ich sonst Silber oder Gold geholt." So blieb ihm Bronze.

Der Schweizer Kälin aber rauschte bis auf wenige Meter an Keller heran. "Ich hatte nur einen Gedanken: Er darf mich nicht einholen." Völlig ausgepumpt rettete Keller sich mit fünf Sekunden Vorsprung ins Ziel. Fair gratulierten sich hier auch Kunz und Keller. Von der innerdeutschen Konkurrenz sei nichts zu spüren gewesen, beteuern heute beide.

Der neue Volksheld

Sonst wurde bei Olympia 1968 aber mit harten Bandagen gekämpft: Drei DDR-Rodlerinnen, nach den ersten Läufen an Position eins, zwei und vier, wurden disqualifiziert, weil sie die Kufen ihres Schlittens regelwidrig erwärmt haben sollen. Zwei BRD-Rodlerinnen rückten in die Medaillenränge auf. Die DDR witterte eine westdeutsche Verschwörung und drohte mit dem Abzug ihrer Sportler.

Kombinationssieger Keller und DDR-Rivale Kunz hingegen plauderten gleich zweimal freundlich auf dem Podest, denn Kälin verschwitzte die erste Siegerehrung, sodass eine zweite angesetzt werden musste. Die DDR-Hymne hätte Kunz dennoch gern gehört: "Ein wenig eitel war man ja schon."

Auch so stieg er schlagartig zum Star auf, denn Kunz hatte die erste Olympiamedaille für ein eigenes Team der DDR geholt. Walter Ulbricht gratulierte sofort per Telegramm. Nach den Spielen gab es zur Belohnung eine dreitägige Paris-Reise, wenn auch mit so "wenig Handgeld", dass es für einen Besuch im Louvre und Moulin Rouge nicht reichte.

Autogrammkarte von Andreas Kunz
privat

Autogrammkarte von Andreas Kunz

Die DDR schlachtete Kunz' Erfolg propagandistisch nun voll aus: Seht her, hieß es, den miesen Überläufer Pöhland brauchen wir gar nicht. Wir haben Kunz!

Ähnlich bejubelt wurde Franz Keller, erst der zweite deutsche Olympiasieger in der Nordischen Kombination. Er war bei der Abschlussfeier in Grenoble der Fahnenträger - ein triumphaler Abend für die BRD, die im Medaillenspiegel die DDR zwei Plätze hinter sich gelassen hatte. Später wurde Keller noch westdeutscher "Sportler des Jahres" und sagt: "Ich kam aus der Feierei gar nicht mehr raus."

Pöhlands Rache

Und doch lastete ein Schatten auf seinem Sieg, der Keller bis heute verfolgt. Denn Ralph Pöhland besiegte ihn kurz nach Olympia bei den Deutschen Meisterschaften und jubelte, es sei ihm egal, ob dies jemandem passe oder nicht. Nun spekulierten viele: Der Star aus der DDR hätte auch in Grenoble triumphiert.

Franz Keller, stets bescheiden, Spitzname "Schweiger aus dem Allgäu", wird bei diesem Thema ungewöhnlich emotional: "Später hieß es ja, ich wäre gegen ihn völlig chancenlos gewesen. Das stimmt nicht." Dann zählt er auf, dass er in den Wettkämpfen vor Olympia stets besser abgeschnitten habe als Pöhland, etwa bei der WM 1966 und am Holmenkollen 1967. "Wir waren damals beide Favoriten und dicht beieinander."

Keller (links) und Pöhland 1970
imago/WEREK

Keller (links) und Pöhland 1970

Noch radikaler veränderte die Flucht-Episode das Leben von Andreas Kunz. Denn die DDR hatte ihren neuen Helden Kunz genötigt, Pöhland öffentlich als "Verräter" zu geißeln. In Wahrheit aber schätzte Kunz ihn weiter als Freund. Bei einem Wettkampf 1970 in Finnland sprach er Pöhland an. Man scherzte miteinander, trank ein Bier. Kunz staunte über Pöhlands Wildlederjacke. Ob er die wohl haben könne?

Kunz erzählt, dass Pöhland einwilligte, aber im Gegenzug für seinen in der DDR lebenden Vater 350 Ostmark wollte; Pöhlands Vater hatte durch die Flucht des Sohnes den Job verloren. Ein Handschlag - und schon war Kunz' DDR-Karriere versehentlich vernichtet.

Der gestürzte Held

Denn Pöhlands Vater plauderte betrunken alles in einer Kneipe aus. Die Stasi hörte mit. Und nahm Kunz in die Zange. Er habe sich geweigert, nun selbst für die Stasi zu spitzeln, sagt Kunz. Das bedeutete das sofortige Ende seiner großen Sportkarriere, offiziell aus "gesundheitlichen Gründen".

Er musste nun aus der Skihochburg Klingenthal im Vogtland nach Zwickau ziehen. Nicht einmal seine Trainingskameraden erfuhren den wahren Grund. Später wurde er Sportoffizier, fortan intensiv bespitzelt. Der Olympiaheld war aus DDR-Sicht nur noch ein "Verräter".

Andreas Kunz sah erst nach der Wende Ralph Pöhland, der 2011 starb, und Franz Keller wieder: bei einem Ehemaligentreffen der einstigen Ski-Konkurrenten. Seine verfluchte Jacke hatte er da schon längst aussortiert.

Das teure Wildleder aus dem Westen sei sowieso kaum zu säubern gewesen.

insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
Bernhard Richert, 15.02.2018
1. Verräter wurden in der DDR nicht Offizier
Der Artikel hat Ausstrahlung. Die der Ablehnung der DDR.
Tobias Hübscher, 15.02.2018
2. @Nr1: Genosse Richert
Genosse Richert, der Stachel sitzt immer noch tief, oder? Das sie einen erfolgreichen Sportler, der nur wegen einer lumpigen Lederjacke seine Karriere aufgeben mussten, hier noch als "Verraeter" bezeichnen, laesst tief blicken....
Egon Olsen, 15.02.2018
3. Das hätte man nicht gedacht,
dass es überhaupt einmal olympische Spiele gab, bei denen die BRD mehr Medaillien hatte als die DDR. Die Spiegel-Leute mussten bestimmt ziemlich lange suchen. Und dann wurde noch eine hübsch diffamierende Geschichte gestrickt. Wie wäre es denn mal über das DDR/BRD-Medaillienverhältnis von Lake Placid oder von Sarajevo zu schreiben? Klar, da bekommt man als Westbürger sicher ein paar Minderwertigkeitsgefühle, die man sonst nicht kennt... Übrigens wird "aufwendig" heute "aufwändig" geschrieben (im Bildtext). Vielleicht sollte sich auch der Spiegel mal die neuen Rechtschreibregeln angewöhnen.
Ingo Schiege, 15.02.2018
4.
Ach Egon, wenn man im Glashaus sitzt, sollte man nicht mit Steinen werfen. Schauen sie doch mal bitte im Duden nach der Mehrzahl von Medaille. Abgesehen davon, eine Republikflucht hatte für die Dagebliebenen eigentlich immer gravierende Folgen. Sippenhaft wie im Dritten Reich. Die erfolgreich geflohenen traf der Bann des Vergessens, deswegen lief auch kaum noch ein älterer Film aus DDR-Produktion im Staatsfernsehen der 80er Jahre. Wer die Olympischen Spiele braucht, um sich besser zu fühlen, ist eigentlich nur ein armer Tropf.
Dieter Wöckel, 15.02.2018
5. Zusammengeschusterter Wessiartickel
Wenn die Story dieses Beitrages einen solchen Wahrheitsgehalt hat wie die geographische Aussage zum Ort Klingenthal, dann ist dieser nicht sehr hoch. Die "Erzgebirger Skihochburg Klingenthal" lag 1968 im Vogtland - und dort liegt sie auch noch heute - trotz Wende ! Skiheil
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