Partyleben auf Onassis-Jacht Feiern, fremdgehen, volle Fahrt voraus!

In den Fünfzigerjahren nahm der Reeder Onassis die Kriegsfregatte "Christina" als schwimmenden Partypalast in seinen Dienst. Bislang unveröffentlichte Fotos zeigen das Leben auf der Luxusjacht.

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Am Ende seines Lebens hatte Winston Churchill es gründlich satt, sich ständig vor der britischen Krone zu verneigen. Nein, er bleibe lieber daheim, wenn der Herzog von Windsor mitfahre, ließ er seinem griechischen Freund Aristoteles Onassis ausrichten, als dieser im September 1958 zur Kreuzfahrt auf seine Luxusjacht "Christina" lud.

Und was tat der dem Ex-Premier Churchill treu ergebene Reeder Onassis? Er komplimentierte die Windsors wieder vom Schiff herunter. Schon fuhr der bullige Elder Statesman mit. Insgesamt acht Mal war Churchill zu Gast auf der "Christina". Der Mann hatte Geschmack: Denn die "Christina", benannt nach der Tochter des Tankerkönigs, war nicht irgendein Jetset-Schiff, sie war die Luxusjacht par excellence.

Und der Lebenstraum seines Besitzers Onassis. Keine Jacht zuvor war je extravaganter, verschwenderischer, protziger. "Die 'Christina' war einfach unfassbar schön", schwärmt Peter Tamm, Ex-Springer-Alleinvorstand und Begründer des Internationalen Maritimen Museums Hamburg.

Als junger Schifffahrtsredakteur beim "Hamburger Abendblatt" begleitete Tamm die feierliche Indienstnahme der Luxusjacht am 8. Juli 1954. Für einestages hat der 86-Jährige sein umfangreiches Fotoarchiv geöffnet - und erinnert sich an seine Begegnungen mit der "Christina" und ihrem stolzen Besitzer Onassis: einem Selfmademan, dem die deutsche Wirtschaft nach dem Krieg viel zu verdanken hatte.

"Geschenk des Himmels"

Aristoteles Sokrates Homer - kurz "Ari" - Onassis kam aus dem Nichts, binnen kürzester Zeit häufte der einstige Nachttelefonist und Kurier einen ungeheuren Reichtum an. "Onassis erkannte, dass Öl die Zukunft bedeuten würde", erklärt Tamm das Erfolgsrezept des Reeders. Zu Spottpreisen kaufte Onassis den Amerikanern nach 1945 ihre Tanker ab und nutzte sie für seine Öltransporte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, zu einer Zeit, als Deutschland am Boden lag und die meisten Reeder nur kleine Reparaturen vornehmen ließen, versorgte der Grieche die norddeutschen Werften mit sagenhaften Großaufträgen. "Onassis war ein Geschenk des Himmels für die Arbeitsplätze. Wir haben ihn heiß geliebt", sagt Tamm.

Der Stapellauf des 45.000-Tonnen-Tankers "Tina Onassis" (benannt nach der ersten Frau des Reeders) im Juli 1953 geriet zum Volksfest, die Menschen verehrten den steinreichen Reeder, so der SPIEGEL damals, als "liebenswürdiges Fabelwesen" und "wundersamen Wohltäter". Genau ein Jahr nach dem Tanker "Tina" war die "Christina" fertig - die Königin in der gigantischen Flotte des Griechen.

Umgerüstete D-Day-Fregatte

1943 im kanadischen Montreal als Fregatte gefertigt, hatte das Schiff im Jahr darauf unter dem Namen "Stormont" an der Landung der Alliierten in der Normandie teilgenommen. 1948 erwarb Onassis die verrostete "Stormont" für den Schrottwert von 34.000 Dollar.

Bei den Kieler Howaldtswerken ließ der Großreeder das Schiff auf 99 Meter verlängern und für die damals gigantische Summe von vier Millionen Dollar (entspricht heute rund 40 Millionen) zur eleganten Luxusjacht aufmotzen. "Von der Fregatte blieb nicht mehr viel übrig", resümiert Tamm.

Am meisten beeindruckt war der einstige Schifffahrtsredakteur damals vom bordeigenen Schwimmbad auf dem Achterdeck, das daherkommt, als sei es aus einem James-Bond-Film geklaut: Per Knopfdruck glitt der Boden des bronzeumrandeten Beckens nach oben - und der Pool, dekoriert mit einem minoischen Mosaik aus Knossos, verwandelte sich in eine Tanzfläche.

Wasserflugzeug, Schnellboot, OP-Raum

Doch auch die übrige Technik an Bord, ob auf der Brücke, in der Küche oder in den Bädern, war erlesen und, für damalige Verhältnisse, topmodern. An Bord der Jacht gab es nicht nur ein Wasserflugzeug, sondern auch ein eigens für Onassis konstruiertes ultraschnelles Tragflächenboot - betrieben mit dem Motor eines 300er-Mercedes.

Zudem ließ Onassis einen Operationsraum inklusive Röntgenanlage einbauen. Die Front des opulenten Rauchsalons war mit Lapislazuli ausgekleidet, die Türgriffe waren aus Rosenquarz gefertigt, und die Räume zierten Originalgemälde bekannter Künstler. Die Badezimmer waren mit Marmor ausgekleidet, die Wasserhähne vergoldet.

"So viel schlechten Geschmack auf engstem Raum hatten selbst die Reichen noch nicht gesehen", ätzte der SPIEGEL 1986 über die überbordende Ausstattung der "Christina". Museumsgründer Tamm hingegen schwärmt noch heute - vor allem von den im Treppenhaus ausgestellten handgefertigten Schiffen aus Tierknochen sowie dem Schwert aus purem Gold: einer kleinen Gabe des saudischen Königs Saud I. an Onassis.

"Sie sitzen auf dem größten Penis der Welt!"

Die Krönung war jedoch "Ari's Bar": Die Theke der Edelkneipe an Bord war gefertigt aus dem Holz einer gesunkenen spanischen Galeone, als Griffe fungierten polierte Killerwalzähne - und die Barhocker waren bezogen mit der Vorhaut von Walpenissen. "Sie sitzen auf dem größten Penis der Welt", soll der nur 1,58 Meter große Onassis Greta Garbo einst zugeraunt haben.

Wie pubertär, wie geltungssüchtig muss man sein, um sich ein solches schwimmendes Denkmal zu setzen? Tamm teilt diese Kritik nicht. Onassis sei ein normaler Mensch gewesen. "Ein prima Kerl" und "netter, trinkfreudiger Kumpel", wie er sagt. Aber auch: "Ein Mann der Macht."

Wie viele Menschen, die schnell zu einem großen Vermögen gelangten, sei auch der griechische Tanker-Tycoon "mit einem gewissen Minderwertigkeitskomplex" behaftet gewesen. Eine "Rivalität mit Reeder Stavros Niarchos sowie Spaß und Angeberei" hätten den Multimillionär angetrieben, eine derart aufwendige Jacht wie die "Christina" bauen zu lassen, so Tamm.

Hotspots des internationalen Jetsets

Davon abgesehen sei Onassis vor allem ein Ästhet gewesen. Ein Mann, der edle Kristallleuchter genauso zu schätzen wusste, wie er schöne Frauen liebte. Und die zog es zu Dutzenden auf die "Christina". In den Fünfzigern, Sechzigern und Siebzigern war die Jacht einer der beliebtesten Hotspots des internationalen Jetsets.

Liz Taylor, Grace Kelly, Greta Garbo, Marilyn Monroe, Frank Sinatra und Richard Burton: Die Hollywood-Stars feierten genauso gern an Bord der "Christina" wie Tito, König Faruk von Ägypten und John F. Kennedy. Die schampusseligen Partys auf der Jacht waren legendär - das Benehmen der Gäste indes ließ bisweilen zu wünschen übrig: "Da waren oft ganz schöne Brühwürstchen an Deck", erinnert sich Sven Thienemann, der erste Kapitän der "Christina", in einem Interview.

US-Präsident Kennedy hinterließ dem Reeder ein besonderes Vermächtnis - seine Ehefrau. 1968 fand an Bord der "Christina" der Hochzeitsempfang von Onassis und Präsidentenwitwe Jackie statt. Die bisherige Geliebte des Reeders, Operndiva Maria Callas, soll von der Liaison aus der Zeitung erfahren haben. "Umgib dich mit geschätzten Gästen, dann wirst du selbst geschätzt", sagte Onassis einmal - seinen Dauergast Churchill titulierte er triumphierend als den "dicksten Fisch in meinem Netz".

Zum Schluss nutzten dem Tanker-Tycoon weder seine Promi-Freunde noch seine legendäre Superjacht: 1975 starb Aristoteles Onassis an den Folgen einer Lungenentzündung. "Ein reicher Mann ist ein armer Mann mit viel Geld", lautete das bittere Fazit des Tankerkönigs. Die "Christina" selbst, die Liebe seines Lebens, wurde von einem Freund der Familie Onassis zur Charterjacht umgebaut. Wer über das nötige Kleingeld verfügt, kann sie mieten - für 450.000 Dollar die Woche.



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Seite 1
Jens Jacob, 08.07.2014
1. Luxus...
war das damals allemal, doch im Vergleich zu den heutigen recht vulgären Ausuferungen von Luxus wirkt dieses verhältnismäßig kleine Schiff wirklich sehr bescheiden. Wenn man bedenkt das dies einst einer der reichsten Männer der Welt war. Ich wäre gern mal Gast gewesen.
Peter Veit, 08.07.2014
2. Das waren noch Zeiten!
Keine blöden Neiddebatten, nahezu unbegrenzte Möglichkeiten gutes Geld zu verdienen und Feiern, wie man sie heutzutage nur noch mit anschließender Bashinggarantie durchziehen kann. Da wäre ich gern auch mal dabei gewesen!
Maike Kollenrott, 08.07.2014
3. äh …
„von Kindheit an ein notorischer Playboy“? Mit Lego, oder wie? :-D
Heinz Bartenschlager, 08.07.2014
4. Luxus muss man sich leisten können und dieser Onassis war darin Primus inter Pares
Wie viel Steuern dieser Reeder-König Onassis wohl an den griechischen Staat dank seiner großartigen Geschäfte entrichten musste? Die magische Anziehungskraft, die extremer Luxus auf die Reichen und teilweise weniger Schönen auszuüben vermag, ist für die staunende und bedauerlicherweise weniger reiche Bevölkerung sicher sehr schwer nachvollziehbar. In dieser Serie von Ablichtungen ist die Crew des Schiffes gemäß ihrem Auftrag, sich um Unsichtbarkeit zu bemühen, zweifellos gründlich nachgekommen. Reichtum und Schönheit verlangen nach Distanz zu den Handlangern von Pracht und Herrlichkeit und wollen ihr fotogenes Auftreten durch Randfiguren nicht gern verunstaltet sehen. Sich dem Luxus unreflektiert hingeben zu können, ist eine Art Vorgriff auf paradiesische Zustände und die Reichen und Schönen sind zweifellos prädestiniert sich zu den Auserwählten zählen zu dürfen, die sich auf der Erde der Vorsehung gemäß schon eine gute Portion Vorschuss dazu nehmen können.
Dirk Ahlbrecht, 08.07.2014
5.
Kleine Korrektur zu diesem ansonsten interessanten und informativen Artikel. Lt. Spiegel 9/1976 litt Onassis an der seltenen Autoimmunerkrankung Myasthenie, die damals noch nicht therapierbar war - und an der er letztlich auch verstarb.
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