Operation "Gomorrha" Gerettet durch den Feuersturm

Operation "Gomorrha": Gerettet durch den Feuersturm Fotos
Marione Ingram

Die Alpträume verfolgen sie bis heute: Als Hamburg vor 70 Jahren von Bombern angegriffen wurde, irrte Marione Ingram tagelang mit ihrer Mutter durch die Hölle. Die Siebenjährige sah brennende Menschen und Leichen im Kanal. Trotzdem war der Feuersturm die Rettung für die jüdische Familie. Von Karin Assmann

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Der Traum kehrt immer wieder: Sie schaut in einen Himmel voller Flugzeuge. Sie will sie abschießen. Irgendwie. Doch ihr Griff zur Waffe geht unweigerlich ins Leere. Sie ist wehrlos und kann nur zusehen wie immer mehr Bomber den Himmel verdunkeln.

Marione Ingram lebt heute mit ihrem Mann Daniel in einer Seniorenresidenz in der US-Hauptstadt Washington. Ihr Apartment mit Blick auf den Watergate-Komplex ist klein; der Tisch vor dem Fenster lässt sich aufklappen. Auf ihm breitet sie die Fotos aus, die ihre Geschichte erzählen.

"Diese Fotos habe ich von der arischen Seite der Familie. Die hatte die Kameras." Es sind Fotos von Leichen, von den zerbombten und ausgebrannten Straßen ihrer einstigen Heimat Hamburg. Ihr Vater, Erhard Ernst Emil Oestreicher, genannt Emil, hat sie aufgenommen, als er sich auf die Suche machte nach seiner jüdischen Frau und den gemeinsamen Kindern.

Es sind aber auch die Fotos eines Paares, das nach ihrem ersten Platz im Tango-Wettbewerb am Alster-Pavillon beschließt, zu heiraten und eine Familie zu gründen. Einen Monat nach der Eheschließung marschiert Adolf Hitler triumphierend durch die Straßen Hamburgs, und ein Jahr darauf, im September 1935, treten die Nürnberger Gesetze in Kraft: Verbindungen zwischen Juden und Nichtjuden sind fortan verboten.

Um dem Druck der Nationalsozialisten zu entkommen und um seine Familie zu schützen, geht der Vater von nunmehr drei Kindern zur Luftwaffe. Aus dem Kommunisten und "Rassenschänder" wird der Obergefreite Oestreicher. Und dennoch ist im November 1941 seine Frau Margarete die einzige Überlebende ihrer jüdischen Familie: Der Bruder, die Tante und die Großmutter werden nach Minsk deportiert. Sie bleibt allein mit der ältesten Tochter Marione und den Kleinen, Rena und Helga, in Hamburg zurück.

Selbstmordversuch ohne Erklärung

Im Sommer 1943 ist in das Familienleben der vier Oestreicher-Frauen so etwas wie Alltag eingekehrt. Ein Alltag in dem täglich mit dem Schlimmsten gerechnet wird. Als die Mutter Marione mit der kleinen Helga im Kinderwagen zu einer Verwandten schickt, wundert sich die Siebenjährige. Ihre Schwester Rena ist bei Freunden untergebracht, und normalerweise lässt die Mutter ihre Töchter nicht allein losziehen.

Auf halber Strecke kehrt Marione um und findet die Mutter in der Küche ihrer Wohnung in der Hasselbrookstraße. Sie liegt am Boden, den Kopf im Gasherd, alle Ventile geöffnet. Mit aller Kraft befreit sie die Mutter, reißt die schwarzen Verdunkelungvorhänge von den Wänden und die Fenster auf. Das Mädchen fühlt einen Herzschlag. Als die Mutter wieder zu sich kommt, spürt sie, dass sie von ihr nie eine Erklärung für den Selbstmordversuch bekommen wird.

Am Tag darauf kommt die Cousine zu Besuch, bei der Marione und ihre Schwester eigentlich hätten übernachten sollen. Sie bringt eine schlechte Nachricht: Eine jüdische Bekannte hatte gerade den Deportationsbefehl erhalten und sich daraufhin das Leben genommen. Marione ist klar, dass auch sie und ihre Familie auf der Liste stehen und dass ihre Mutter versucht hatte, die Töchter zu retten und ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. "Unsere Wohnung", so Marione, "fühlte sich jetzt an wie eine Gefängniszelle der Verdammten."

Eine heiße Druckwelle bläst durch die Wohnung

Es beginnt in einer besonders warmen Sommernacht. Gerade zwei Tage sind vergangen seit dem Selbstmordversuch von Margarete Oestreicher. Der Rauch der letzten Bombenangriffe hängt noch in der Luft. Eigentlich ist die erste Sirene das Signal, dass die Flieger in etwa 30 Minuten ihr Ziel erreichen werden. Doch diesmal folgt dem ersten Alarm sofort das Flakfeuer, das der kleinen Marione vorkommt wie ein Weihnachtsbaum am Hamburger Himmel. Wie immer tränkt die Mutter Wolldecken mit Wasser aus der stets vollen Badewanne und stopft dem Mädchen Watte in die Ohren. Sie legen sich in ihre Betten, doch Sekunden später bricht die Explosion mit voller Wucht auf sie nieder.

Als der zweite Schlag kommt, sind Decke, Wände und Fenster bereits zerstört. Mit Orkanstärke bläst eine heiße Druckwelle durch die Wohnung. Die Bücherregale kippen um, das gesamte Mobiliar fliegt durch den Raum. Als der dritte Schlag kommt, denkt Marione, eine Bombe sei direkt in ihrem Schädel explodiert. Durch ein riesiges Loch in der Wand, in der noch vor Sekunden ein Fenster war, sieht sie, wie ein Feuerregen auf die Balkone des gegenüberliegenden Hauses fällt: die Brandbomben der Alliierten. "Jede Geranie auf jedem Balkon, war im Licht der Flammen klar zu erkennen", erinnert sie sich. Mutter und Tochter wickeln sich in ihre nassen Decken und fliehen auf die Straße.

Als die beiden die große Metalltür, den Schutz verheißenden Eingang zum Luftschutzkeller, erreichen, ist sie verschlossen. Mit einem Feuerlöscher hämmert Margarete gegen die Tür, bis ihr Nachbar und Blockwart Wiedermann widerwillig öffnet. "Was wollt ihr hier?", fährt er sie an und schlägt ihr die Tür ins Gesicht. Doch Margarete lässt nicht locker. Als er die Tür noch einmal öffnet, zwängen sich die beiden durch die Öffnung.

"Es sind die Juden", hören sie sofort von Frau Wiederman. Ihre Tochter Monika wimmert. Die frühere Spielkameradin Mariones hat ihr vor kurzem eröffnet, sie sei ein "schmutziges Stück Vieh".

"Denk an uns, Vati", fleht Monika.

"Ja, die werden doch sowieso deportiert", erwidert Vater Wiedermann. "Ich habe den Befehl selbst gesehen."

"Ein Grund mehr, sie rauszuwerfen", kommt es von einem anderen Nachbarn.

"Die Juden haben uns verkauft. Sie haben den Engländern gesagt, wo sie die Bomben abwerfen sollen", meint der nächste.

Auch der Einwand der Mutter, ihr Mann sei schließlich bei der Luftwaffe, tut keine Wirkung. Entschlossen dringt sie noch ein Stück weiter in den voll besetzten Raum. Doch als eine weitere Explosion das Haus samt Keller erschüttert, packt Margarete ihre Tochter und marschiert zurück auf die Straße.

Geschmolzener Asphalt

Was folgt, ist der Stoff ihrer Albträume. Es sind die Bilder von Menschen, die zu brennenden Fackeln werden, von verkohlten, gekrümmten Körpern, von Leichen, die im Eilbekkanal schwimmen, mit Köpfen "rot und aufgedunsen wie chinesische Laternen".

Als einen Tag später wieder Bomben fallen, verstecken sich die beiden in einem Krater. Marione wagt einen Blick über den Rand und sieht einen Jungen in HJ-Uniform. "Er sah so frisch und aufgeräumt aus", erinnert sie sich. "Aber er lief wie in Zeitlupe, es kam mir sehr merkwürdig vor. Neben ihm war eine Frau mit einem Baby im Arm. Auch sie hatte einen schleppenden Gang." Als Marione näher hinsieht, entdeckt sie den Grund: Vom anhaltenden Feuer ist der Asphalt geschmolzen, die beiden kleben fast auf der Straße. Mehrmals rutscht die Frau aus und stürzt schließlich mit dem Kopf zuerst zu Boden. In letzter Sekunde dreht sie sich und landet auf dem Rücken, das Baby scheinbar gerettet auf ihrem Bauch. Als der Junge sich nach ihr umdreht, fällt auch er. "Es war so laut um uns herum und trotzdem konnte ich ihre Schreie hören. Ich tauchte wieder ab in den Krater und hielt mir die Ohren zu." Als ihre Mutter Anstalten macht, den beiden zu helfen, hält Marione sie zurück.

"Natürlich hatte ich Mitleid, aber ich wusste, dass ich nur mit meiner Mutter überleben kann. Ich brauchte sie. Und mein Mitleid war in diesen Tagen stark gedämpft. Denn niemand hat uns geholfen. Es war eine Zeit, in der wir alle im selben Boot saßen, und trotz allem war es ihnen immer noch wichtiger, Juden zu vernichten."

Marione fällt in jenen Tagen immer wieder in Ohnmacht. Sie blutet aus der Nase, aus dem Mund, und noch heute hat sie Atembeschwerden. Eines Tages wacht sie auf aus ihrer Ohnmacht und ist nicht mehr in Hamburg. Ihre Mutter hat es irgendwie geschafft, auf einem Laster nach Hof in Bayern zu gelangen. Für Margarete und Marione ist Operation "Gomorrha" vorbei. Den Termin an der Sammelstelle Moorweide haben sie längst verpasst. Erst Wochen später, in einem sicheren Versteck bei Hamburg angekommen, wird der Familie klar, dass sie es dem zerstörerischen Luftangriff der Briten zu verdanken hatten, dass der Zug ins Konzentrationslager ohne sie abgefahren war.

Zum Weiterlesen:

Marione Ingram: "The Hands of War: A Tale of Endurance and Hope, from a Survivor of the Holocaust". Skyhorse Publishing, New York 2013, 200 Seiten.

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insgesamt 11 Beiträge
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1.
Stefan G. 29.07.2013
Mein Vater hat das mit 6 Jahren auch alles mitbekommen und konnte sich noch Jahrzehnte später detailliert an brennende Menschen und Häuser erinnern.
2.
Jann Kreutz 29.07.2013
Ebenso wie Emil zum Kommunisten und Rassenschänder wurde, wurden hilfsbereite Nachbarn und Freunde zu Vaterlandsverrätern. Und ebenso wie die Nachbarn die Familie nicht im Luftschutzbunker haben wollte, wollte Marione ihre Mutter nicht auf die Straße lassen: Angst und Selbstschutz haben Mitleid und Empathie dahinschmelzen lassen wie jenen Aphalt, der im Bombenfeuer zerfloss.
3.
Juergen Frey 29.07.2013
Auch ich war mittendrin mit 4,5 Jahren, jede Nacht Alarm, dann runter in den Luftschutzkeller, der sich unter einer Bank befand. Meine Mutter und ich sind dann wie viele andere Tausend aus HH geflohen, erst mit dem LKW des Gemuesehaendlers, dann in offenen Viehwaggons. In Wuerzburg wurden wir beschimpft als dreckige Menschen, wir wollen Euch nicht. Nein,ich bin kein Jude und niemand aus meiner Familie. Aber das, was ich mitgemacht und gesehen habe. Die Schreie der, die im Strassenbelag hingen und lebendig verbrannten, hoere ich manchmal noch. Aber das scheint niemanden zu interessieren so lange es kein Jude war oder ist!! Ehrlich ich habe es satt, immer wieder nur diese Volksgruppe als Leidende hinzustellen.
4.
winston voltaire 29.07.2013
Gerettet durch den Feuersturm? Wenn für die Rettung von 1 Person 1000 Unschuldige sterben müssen, finde ich das schon etwas merkwürdig. Die Operation "Gomorrha" wurde überigens nicht zur Rettung von Verfolgten initiiert, sondern zur Vernichtung von Zivilisten.Der amerikanische Kolumnist Wiliamson M. Evers: "Bomber-Harris hatte die Angewohnheit, Frauen und Kinder vorsätzlich zu verbrennen. Die Glücklichen unter ihnen zerfetzte er, bevor sie wussten, was geschah (...) Harris feuerte vorsätzlich und gezielt auf deutsche Zivilisten und versuchte, so viele wie er nur konnte umzubringen."
5.
Siegfried Wittenburg 29.07.2013
@ Jürgen Frey "Ehrlich ich habe es satt, immer wieder nur diese Volksgruppe als Leidende hinzustellen." Und welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus?
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