Amerikas Rache für Pearl Harbor Hagelsturm aus Feuer und Stahl

Der Schiffsfriedhof von Chuuk ist heute ein Taucherparadies. Doch der Schrott in der Lagune erzählt die Geschichte einer grausamen Revanche im Zweiten Weltkrieg. Die U.S. Navy überzog das von den Japanern kontrollierte Pazifik-Atoll mit Tausenden Bomben - und ließ die Bewohner hungernd zurück.

Adam Horwood

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Der Geländewagen holpert im Schritttempo vorbei an Holzhütten und Wellblechzäunen, Kokospalmen und überwucherten Autowracks. Neben der Straße läuft Jacob. Das Basecap hat er tief ins Gesicht gezogen, das Shirt hängt locker über der Jeans mit den hochgekrempelten Hosenbeinen. Er schlendert in Richtung Fähranleger. Schon als Kind hatte er sich dort mit seinen Freunden getroffen. Nichtstun. Rumhängen. Das war ihm immer die liebste Beschäftigung.

Jacob Namaiki
Solveig Grothe

Jacob Namaiki

Als er die Fremden mit der Kamera sieht, bleibt er stehen. Seine Augen blitzen, er grinst schelmisch. Lässig hebt er die rechte Hand und spreizt zwei Finger ab: "Peace!" Die spontane Geste wirkt ein bisschen skurril. Das Grinsen geht in ein Lachen über, und Jacobs Mund gibt den Blick auf den letzten verbliebenen Schneidezahn frei.

Jacob ist 92. Seit seiner Geburt lebt er auf der Insel Weno, einem heute rund 14.000 Einwohner zählenden Eiland im Pazifik. Es ist der Hauptort des Chuuk-Atolls, auf dem Globus ein kaum erkennbarer winziger Punkt mitten im Blau - irgendwo zwischen Guam und Papua-Neuguinea. "Frieden", wünscht der alte Mann, als könnte es daran in der lethargisch machenden Mittagshitze dieses tropischen Inselparadieses irgendeinen Zweifel geben. Aber Jacob Namaiki hat schon viele Fremde nach Weno kommen sehen.

Die meisten wegen des Krieges.

Friedhof für Japans Flotte

70 Jahre ist es her, dass Flugzeuge der U.S. Navy in einem zweitägigen Dauerbombardement mehr als 50 Kriegs- und Transportschiffe der Japanischen Flotte in der Lagune versenkten. Chuuk hieß damals noch Truk. Während des Zweiten Weltkriegs war es eine der wichtigsten Luftwaffen- und Marine-Basen des Kaiserreiches. Das rund hundert Inseln umfassende Atoll auf der Spitze eines unterseeischen Vulkans hatte den großen Schlacht- und Versorgungsschiffen als Ankerplatz gedient - heute ruhen viele von ihnen auf seinem Grund. So elegant und aufrecht, wie sie einst im Wasser lagen, stecken sie nun im Sand, nah beieinander, auf dem spektakulärsten Schiffsfriedhof der Welt.

In Tiefen von bis zu 60 Metern stoßen Taucher auf Kreuzer und Zerstörer, Passagierdampfer und Frachter, Panzer und Geschütze. Wie ein mystischer Märchenwald umwuchern bizarr geformte und gefärbte Korallen und Schwämme die verrosteten Decksaufbauten. Treppen und Leitern führen hinunter in Frachträume, die gefüllt sind mit Flugzeugteilen, Fässern, Lastwagen und Munition. Dazwischen verstreut liegen Gasmasken, Kochgeschirr, Schuhe. An den Wänden der stockfinsteren Maschinenräume hängt noch immer das Werkzeug, die Lämpchen der Schaltzentralen sind erloschen, die Zeiger der Instrumente erstarrt. Gelegentlich trifft der Schein der Tauchlampe auf einen Schädelknochen.

Tauchgang zum Schiffsfriedhof

Doch das, was da draußen in der Lagune liegt, dieser gigantische Abenteuerspielplatz für Taucher aus aller Welt, erzählt nur die halbe Geschichte von Truk. Die andere Hälfte spielte an Land. Die Geschichte, wie Jacob sie erlebt hat.

Angriff auf Pearl Habor

Als Jacob noch ein Kind war, bestimmte Kaiser Hirohito den Alltag auf Truk. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs hatte Japan die auf halbem Weg zwischen Hawaii und den Philippinen strategisch günstig gelegene deutsche Kolonie besetzt. 1922, in dem Jahr, in dem Jacob geboren worden war, war das Ringen Japans und der USA um die territoriale Vormacht in Asien vorübergehend zum Stillstand gekommen. Jacob besuchte für drei Jahre eine japanische Schule auf Weno, danach half er mit seinen Geschwistern den Eltern in der Landwirtschaft.

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Wenn es die Zeit erlaubte, lief er mit seinen Freunden zum Wasser. Dort beobachteten sie die großen Schlachtschiffe und Flugzeugträger, Kreuzer, Zerstörer, Tanker, Schlepper, Kanonen- und U-Boote, die in die Lagune kamen. An Land wurde damals viel gebaut: Mit den Korallen aus dem Meer und dem Gestein der Berge schütteten die Japaner Riffe auf, um Platz für Straßen, Flugplätze und Hafenanlagen zu gewinnen. Immer mehr Japaner ließen sich auf Weno nieder.

Auf der Nachbarinsel Tonoas, dem wirtschaftlichen Zentrum Truks, in dem die Frauen Kimonos und Sonnenschirme trugen, gab es an einem Morgen im Dezember 1941 eine große Parade: Es war der Tag nach dem Angriff der Kaiserlich Japanischen Streitkräfte auf den US-Flottenstützpunkt Pearl Habor. Auf den Inseln des Truk-Atolls wurde gefeiert.

Während sich die USA zum Kriegseintritt entschlossen, verlief das Leben auf Truk vorerst friedlich. Doch die kaiserliche Armee ahnte wohl, dass da etwas auf sie zukam: Die Japaner beschlagnahmten Häuser und Land. Sie ließen die Inselbewohner Bunker bauen und Tunnel graben. Mit Artillerie, Maschinengewehren und unzähligen Minen bereitete sich die japanische Militärbasis auf eine Invasion der Amerikaner vor - die nie kam. Verschont blieben die Inseln dennoch nicht.

Flugzeuge am Himmel

Anfang Februar beobachteten Jacob und seine Landsleute amerikanische Flugzeuge über Truk. Die japanische Propaganda würde danach behaupten, die Aufklärer seien abgeschossen worden. Doch wenige Tage später kam Bewegung in die Lagune - die Kaiserliche Marine verlegte ihre Schlachtschiffe in Richtung Palau, nur Handelsschiffe blieben im Hafen.

Nach englischer Zeit war es 20 Uhr am Abend des 16. Februar 1944, als in Truk bereits der nächste Tag anbrach. Jacob war mit seinen Brüdern an diesem Morgen schon kurz nach Sonnenaufgang auf dem Feld. Etwa zur gleichen Zeit machten sich die Besatzungen auf den Schiffen in der Lagune bereit für den Tag. Es würde ein sonniger Tag mit klarer Sicht, an dem nur eine leichte Brise wehte. Für die Inseln würde genau das ein Unglück sein. Um 7:14 Uhr ertönte Luftalarm - und sowohl die japanischen Seeleute als auch die Trukesen wussten, dass es ein ungewöhnlicher Zeitpunkt für eine Übung war.

Jacob und seine Brüder flüchteten in eine Höhle. Von dort hörten sie das Dröhnen der Bomber und die dumpfen Explosionen. Als es eine Weile still war, kroch Jacob heraus. Genau in diesem Moment schlug ganz in seiner Nähe eine Bombe ein. Während der alte Mann davon erzählt, greift seine Hand an die Hüfte und reibt über eine Stelle unter dem Shirt. Etwas hätte ihn getroffen und ihm die Seite aufgeschlitzt. Er sei zu Boden gestürzt, so erinnert er sich, und seine Brüder hätten ihn dann zurück in die Höhle getragen. Er habe lange ausharren müssen mit den Schmerzen, irgendwann sei ein Arzt gekommen und hätte die Wunde versorgt.

Hagelsturm aus Feuer und Stahl

"Operation Hailstone" hatten die Amerikaner ihre Aktion genannt, sie wurde ein Hagelsturm aus Feuer und Stahl: In 30 Angriffswellen bombardierten und beschossen Geschwader von Sturzkampfbombern und Torpedoflugzeuge zwei Tage lang Schiffe und Land. Am zweiten Tag war die japanische Verteidigung erschöpft. Auf den Inseln bot sich ein grausiger Anblick: Überall lagen in Stücke gerissene Leichen. Für eine Bestattung blieb keine Zeit. Unter der heißen Sonne setzte die Verwesung ein und verbreitete einen widerlichen Geruch des menschlichen Verfalls.

Mit der etwa fünfzehnfachen Stärke des japanischen Angriffs auf die vor Hawaii liegende US-Pazifikflotte hatten sich die Amerikaner für den Überfall von 1941 revanchiert. "Die Pazifikflotte hat in Truk den Gegenbesuch für den japanischen Angriff auf Pearl Harbor gemacht", kommentierte der Oberbefehlshaber der alliierten Marine, Chester Nimitz, das Ereignis. Der kommandierende Offizier des beteiligten Flugzeugträgers U.S.S. "Enterprise", Matthias Gardner, würde später in seinem Operationsbericht schreiben: "Obwohl der zweitägige Angriffsplan anstrengend war, handelten alle Mann in dem Wissen, dass die Japaner ein 'Pearl Harbor' schlimmer als jenes am 7. Dezember durchlitten."

Ende April erfolgte ein weiterer Angriff, bei dem noch einmal mehr als 700 Tonnen Bomben auf Truk abgeworfen wurden. Sie zerstörten die restlichen der ursprünglich mehr als 400 Flugzeuge auf der Basis, die notdürftig geflickten Landebahnen und mehr als 200 Gebäude. Rund 80 Schiffe waren verbrannt, beschädigt oder lagen auf dem Grund der Lagune.

Ausgehungert

Auf Truk zurück blieben rund 30.000 japanische Soldaten, Marineangehörige und Zivilisten sowie 9000 Trukesen und etwa tausend Gefangene anderer Nationen - 40.000 Menschen, die nun von jeglicher Versorgung durch das Mutterland Japan abgeschnitten waren. Mit den Schiffen waren auch sämtliche Lebensmittelvorräte untergegangen; die Lagune selbst bot nicht genug Fisch, um alle zu ernähren. Monat um Monat zählten Japaner und Trukesen hunderte Tote infolge von Vitaminmangel und Unterernährung.

Die Trukesen litten dabei am meisten: Die Japaner ließen sie das Land bewirtschaften - doch sie gestatteten ihnen nicht, von den Früchten ihrer Arbeit zu essen. "Stehlen war die einzige Chance zu überleben", sagt Jacob, der aus dieser Zeit den Spitznamen Sona hat. Sona bedeutet Dieb - und Jacob war ein Meister im Stehlen.

Während der Krieg in Europa im Mai 1945 endete, verweigerte sich Japan noch bis Anfang September einer bedingungslosen Kapitulation. Es sollte noch bis zum 25. November 1945 dauern, bis auf Weno die US-Flagge wehte. "Ein sehr glücklicher Moment", sagt Jakob. Als die Amerikaner landeten, wurde auf der Insel gefeiert. Und noch mehr hätten sie gefeiert, als 1947 die letzten Japaner Truk verließen, nachdem man sie zunächst zur Demontage ihrer ehemaligen Garnison verpflichtet hatte.

Cousteaus Souvenirjäger

Truk blieb danach vorerst unter US-Verwaltung, Ende der sechziger Jahre kamen aus den USA die ersten Taucher. Ein Film des französischen Meeresforschers Jacques Cousteau machte den Schiffsfriedhof bekannt - allerdings erwiesen sich dessen Crewmitglieder als hemmungslose Souvenirjäger, weshalb die Inselverwaltung die Lagune bald darauf zum Nationaldenkmal erklärte. Es war ein Trukese, der Fischer Kimiuo Aisek, der sich schließlich systematisch an die Erforschung der Wracks machte und den Tauchsport auf Truk begründete.

In den achtziger Jahren erlangte das Atoll als Mitglied der Föderierten Staaten von Mikronesien seine Unabhängigkeit. Doch Jacobs Heimat Weno und die vielen anderen Inseln bleiben im strategischen Interesse großer Mächte. Wenn 2023 der Vertrag endet, mit dem die USA Mikronesien finanzielle Unterstützung garantieren, stehen andere Interessenten bereit: Japan und auch China. Es werden noch viele Fremde kommen.

Auf seinen Stock gestützt schlendert Jacob die Straße entlang. Doch er geht nicht mehr bis zur Küste. Von seinen Freunden ist niemand mehr da. Jacob Namaiki ist einer der beiden letzten Überlebenden des Krieges. Er teilt sein Zuhause mittlerweile mit der vierten und fünften Generation. An diesem Nachmittag lungern die Urenkel vor der Hütte herum. Jacob setzt sich dazu. Rumhängen sei noch immer seine liebste Beschäftigung.

Zum Weiterlesen:

Dianne M. Strong: "Witness to War. Truk Lagoon's Master Diver Kimiuo Aisek". Jellyfish Solutions, Großbritannien 2013, 304 Seiten.

Eine Leseprobe des Buches finden Sie hier, zum Bestellen klicken Sie bitte hier.

William H. Stewart: "Ghost Fleet of The Truk Lagoon - Japanese Mandated Islands. An Account of 'Operation Hailstone', February, 1944". Pictorial Histories Publishing, Missoula/USA 1985, 132 Seiten.



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Seite 1
Georg Scheffczyk, 17.02.2014
1.
Hiroshima und Negasaki waren auch nicht nötig, die Städte waren nur das Symbol der USA an die Sowjets, zu zeigen, wo der Hammer hängt. Zu dieser Zeit war Japan schon am Ende. Es hätte auch gereicht, den Kaiser oder seinen Stellvertreter in die USA zur Demonstration einer solchen Bombe einzuladen. Stattdessen entschieden sie sich für ein gewaltiges Verbrechen, das leider nicht debattiert wird.
Frank von Schirach, 17.02.2014
2.
trotz aller berechtigten kritik an der politik der USA ist aber zu beachten, daß die "Japaner dieser Zeit" überwiegend ein sehr militaristisches und gewälttätiges 'völkchen' waren. die US-Amerikaner haben, wie es nun mal ihre art ist, pragmatisch, also "effizient" gehandelt und jeden vermeintlichen oder tatsächlichen widerstand in grund und boden gebombt.
Joachim Eller, 17.02.2014
3.
Schön Herr Scheffczyk wie Sie das mit solch absoluter Sicherheit sagen können. Aus damaliger Sicht stellt sich die Lage natürlich etwas anders dar. Die Amerikaner planten im Oktober 1945 die Operation Downfall zu starten, die Invasion der japanischen Inseln. Sie rechneten Im günstigsten Fall mit 1.2 Millionen Verlusten, davon 276000 Toten bis hin zu 4 Millionen Verlusten davon 800000 Toten. Dies basierte auf den Erfahrungen die Sie bei anderen Landungsoperationen gemacht hatten. Weiterhin gingen Sie von bis zu 10 Millionen Toten Zivilisten und Soldaten auf japanischer Seite aus. Diese Annahmen sind nicht unrealistisch wenn man sich die Planungen der Japaner die unter dem Codenamen ketsugō sakusen liefen betrachtet. Truman wusste das solche Verluste nicht tragbar waren und entschloss sich daraufhin zum Abwurf der Bombe. Nebenbei, nach damaligem Kriegsrecht war der Abwurf der Bomben kein Verbrechen, weder ein gewaltiges noch ein kleines.
Thomas Marx, 18.02.2014
4.
Man sollte deutlich darauf hinweisen, daß die Japaner laut dem hiesigen Bericht alle Schiffe ihrer Kriegs-Flotte vorsichtshalber in Sicherheit gebracht hatten und der Angriff der Amerikaner ausschliesslich zivilen Zielen galt. Anders beim Angriff auf Pearl Harbor. Laut den 3 Sonderausgaben der Tageszeitung Honolulu Star Bulletin vom 7. Dezember 1941 hatten die Japaner beim Angriff auf Pearl Harbor ausschliesslich militärische Ziele bombardiert. Genau 4 Japanische Bomben fielen in zivile Bereiche der Umgebung von Honolulu, 11 Zivilpersonen kamen ums Leben, die meisten davon durch am Boden detonierte amerikanische Flak-Geschosse. Daß sich amerikanische "Rache" oft nicht-militärische Opfer zum Ziel nimmt, ist ein möglicherweise typisches Verhaltensmuster, das auf eine eingehendere Betrachtung wartet. http://archives.starbulletin.com/2001/12/07/news/story2.html#jump2
Katharina Jomund, 18.02.2014
5.
Georg Scheffczyk, behaupten Sie als nächstes, dass auch das Deutsche Reich Opfer wurde eines "gewaltiges Verbrechens, das leider nicht debattiert wird"? Dass die Kriegserklärungen "nicht nötig" waren, lediglich gezeigt werden sollte "wo der Hammer hängt" und Appeasement-Politik ebenso wirksam gewesen wäre? Das Problem mit derart dumpfer Geschichtsklitterung ist, dass sich nie das Gegenteil beweisen lassen wird. Die vorhandenen Daten lassen das Szenario jedoch mehr als unplausibel erscheinen.
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