Geheimprojekt der US-Navy 50.000 Kilometer unter dem Meer

Auf der Route des portugiesischen Seefahrers Magellan wollte 1960 ein Atom-U-Boot der US-Navy die Erde umrunden, ohne aufzutauchen. Die "Operation Sandblast" war so geheim, dass die Mannschaft erst an Bord von der wahren Mission erfuhr. Nach zwei Monaten war die "Triton" am Ziel - und doch gescheitert.

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Auch Monate später hatte Rufino Baring sein unheimliches Erlebnis noch nicht überwunden. Als Reporter des "National Geographic" den 19-jährigen Fischer im Inselgewirr des philippinischen Archipels aufspürten, berichtete Baring ihnen aufgewühlt von jenem 1. April 1960: Als er mit seinem Einbaum durch die Magellan-Bucht fuhr und neben ihm für einen kurzen Moment etwas aus dem Wasser auftauchte. Etwas, das er zuvor noch nie im Meer gesehen hatte. Zunächst habe Baring geglaubt, die tropische Mittagshitze hätte ihm einen Streich gespielt. Dann habe er eine gigantische dunkle Silhouette in den Wellen entdeckt – und sei um sein Leben gepaddelt.

Wenige Meter unter der Wasseroberfläche konnten sich die Offiziere der USS "Triton", dem größten und modernsten Atom-U-Boot der US-Navy, ihr Lachen nicht verkneifen. Dicht gedrängt standen sie um das Periskop. Jeder wollte den in Panik geratenen Strohhutträger in der Nussschale sehen. Durch das Okular wurden Fotos geschossen, bis es Kommandant Edward L. Beach reichte. "Mit diesem Gentleman haben wir jetzt lang genug gespielt." Er ließ das Sehrohr einfahren, dann setzte sich der mächtige Rumpf der "Triton" langsam wieder in Bewegung. Im Logbuch notierte Beach: "11.46 Uhr: Beim Ausfahren des Sehrohrs blicke ich einem jungen Menschen in einem kleinen Einbaum dicht neben uns gerade in die Augen."

Die bizarre Begegnung zwischen hölzernem Kanu und atomaren U-Boot amüsierte Ende 1960 ganz Amerika. Und machte es stolz zugleich. Schließlich handelte die Geschichte von Baring, dem "scared Filipino", wie US-Zeitungen schrieben, auch von einer der spektakulärsten Aktionen der US-Navy während des Kalten Krieges: der ersten Weltumrundung unter Wasser. Zwischen dem 24. Februar und 25. April 1960 – in exakt 60 Tagen und 21 Stunden – war die "Triton" einmal um den Globus getaucht. Dabei hatte sie etwa 49.500 Kilometer zurückgelegt und viermal den Äquator passiert.

Eine Fahrt in die Geschichtsbücher und eine weitere maritime Machtdemonstration der Regierung Eisenhower im Wettrüsten der Supermächte. Hatte zwei Jahre zuvor die "Nautilus" mit der ersten Nordpol-Unterquerung bewiesen, dass die USA Atomwaffen im Vorgarten der Sowjetunion in Stellung bringen konnte, lautete die Botschaft der "Triton"-Expedition: Amerikanische U-Boote sind in der Lage, vom Gegner unbemerkt und autark überall in den Weltmeeren zu operieren – und das für einen sehr langen Zeitraum.

"Projekt Magellan" contra "Sputnikschock"

Die Vorstellung von fast unendlicher Einsatzzeit unter Wasser trieb die US-Militärs seit Beginn der Atom-U-Boot-Ära Mitte der fünfziger Jahre um. Unter der Bezeichnung "Projekt Magellan" existierten bereits erste Pläne für einen globalen Tauch-Marathon. Sie verschwanden jedoch zugunsten der Polarfahrt der "Nautilus" wieder in der Schublade - bis sie Anfang 1960 von der US-Admiralität plötzlich mit Hochdruck verfolgt wurden: Mit einer erfolgreichen Welt-Umtauchung im Gepäck, so ihr Kalkül, würde Präsident Eisenhower beim Pariser Gipfeltreffen der alliierten Siegermächte im Mai eine ungleich stärkere Verhandlungsposition einnehmen. Er könnte Kreml-Chef Chruschtschow die technische Überlegenheit des Westens vor Augen führen - und gleichzeitig die amerikanische Gesellschaft vom "Sputnikschock" kurieren, den der erste ins All geschossene Satellit der Sowjetunion drei Jahre zuvor ausgelöst hatte.

Edward L. Beach ahnte nichts von der bedeutungsvollen Unterwassermission, als er sich am 4. Februar 1960 in der Operationsabteilung der atlantischen U-Boot-Flotte in Washington meldete. Er würde in Kürze mit der neuen "Triton" vom Heimathafen New London in Connecticut zur Testfahrt in den Atlantik aufbrechen. Für den weltkriegserprobten Kommandanten und ehemaligen Marine-Adjutanten Eisenhowers reine Routine. Doch dann stellte Admiral Beakley die überraschende Frage: Könnte die "Triton", anstatt vor heimischen Küste zu testen, um die Erde tauchen? "Der Raum schien zu schwanken", erinnerte sich Beach in seinem Buch "Around the World Submerged" an diesen Moment. Er antwortete knapp: "Yes, Sir!"

35 Tonnen Proviant für den Gott der Meere

"Operation Sandblast", so der Codename für den prestigeträchtigen Tauchgang, sollte sich weitgehend an derselben Route orientieren, die Ferdinand Magellan während seiner Weltumseglung im 16. Jahrhundert gewählt hatte. Doch im Vergleich zu dem drei Jahre dauernden Segeltörn der Portugiesen würde die "Triton" wie ein Torpedo durchs Wasser schießen. Schon während der ersten Übungen hatte das 110 Millionen-Dollar-Schiff gehalten, was seine Wappeninschrift "nulli secundus" (in etwa: "unübertroffen") versprach: Als einziges jemals gebautes US-U-Boot wurde die "Triton", benannt nach dem griechischen Gott der Meere, von zwei Reaktoren angetrieben – selbst getaucht erreichte sie noch eine Geschwindigkeit von über 27 Knoten, also unglaubliche 50 Kilometer pro Stunde.

Ein pfeilschneller Koloss, dessen gewaltige Ausmaße von 136 Metern Länge, 11 Metern Breite und einem Tiefgang von sieben Metern während der Bauzeit für einige Probleme sorgten. So musste ein Teil des riesigen, ungewöhnlich scharf geformten Bugs vorübergehend wie eine Holzplatte abgeschnitten werden, damit die mit Baumaterial beladenen Züge ungehindert auf dem Gelände der General Dynamics-Werft rangieren konnten. Und um die Laufkrane über der Helling beim Stapellauf der "Triton" am 19. August 1958 nicht einzureißen, montierten die Schiffsbauer das Oberteil des wuchtigen Turms erst auf dem Wasser.

Damit "Operation Sandblast" so lange wie möglich geheim blieb, hatte Beach seiner 183-köpfigen Besatzung eine Legende aufgetischt: Unfähige Marine-Bürokraten hätten einen derart engen Zeitplan für die Probefahrt aufgestellt, dass die "Triton" für vorgeschriebene Spezialtests direkt vom Nordatlantik in die Karibik verlegt werden müsste. Post könne während dieser Zeit weder versendet noch empfangen werden. Doch schon beim Auslaufen des U-Boots am 16. Februar machten Gerüchte über das eigentliche Fahrtziel innerhalb der Mannschaft die Runde. Schließlich war das Boot vollgestopft mit Proviant für 120 Tage – rund 35 Tonnen Gefrierfleisch, Gemüsekonserven, Kaffee und Kartoffeln verteilten sich über alle drei Decks.

Zudem befanden sich merkwürdigerweise zwei Fotografen und ein Psychologe an Bord sowie eine Handvoll Wissenschaftler: Meereskundler, Hydrographie-Experten und Geophysiker. Sie sollten während der Reise durch alle Weltmeere verschiedene Tests für die Navy durchführen: Etwa dazu, wie sich das Tauchverhalten des Bootes bei unterschiedlichem Salzgehalt im Wasser veränderte. Oder welchen Einfluss Strömung und Wasserdichte auf die Balance des U-Boots hatten. Auch über die psychologische Belastung bei langen Tauchfahrten wollten die Marine-Strategen mehr herausfinden.

Nierenstein vor Montevideo

Von ihrem tatsächlichen Auftrag erfuhr die "Triton"-Besatzung am 24. Februar. Ihr Boot hatte soeben das winzige Eiland Sankt-Peter-und-Sankt-Pauls-Felsen etwa tausend Kilometer nordöstlich von Brasilien passiert, als Beach zum Bordmikrofon griff. "Jetzt endlich darf ich Ihnen sagen, dass wir die Reise angetreten haben, von der alle U-Boot-Leute geträumt haben." In einer pathetischen Ansprache schwor er seine Männer auf die kommenden zwei Monate ein, in denen sie kein Sonnenlicht mehr sehen und ihre Uhren 23-mal um eine Stunde zurückstellen müssen würden. Als Beach das Mikrofon aus der Hand legte, herrschte an Bord minutenlanges Schweigen.

Nur wenige Tage später drohte "Operation Sandblast" bereits zu scheitern: Auf dem Weg nach Kap Horn fielen Tiefenmesser und ein Reaktor aus. Doch während die Bordingenieure die Störungen schnell behoben, stellte der Nierenstein von John Poole ein kaum lösbares Problem dar. Wie sollte der erkrankte Funker von Bord kommen, ohne mit der "Triton" aufzutauchen? Beach griff zu einem alten Trick, indem er das Schiff "anbohrte": So ließ er lediglich die Spitze des Turms aus dem Wellen ragen, während der luftdicht abgetrennte Rumpf unter Wasser blieb. Vor Montevideo wurde Poole nachts von dem herbeigerufenen US-Kreuzer "Macon" übernommen. Die "Triton" setze ihre Rekordjagd mit Kurs auf die Osterinseln im Pazifik fort.

Gutes Essen, Schachspiel und Filmvorführungen hielten die Besatzung auf der nicht enden wollenden Reise durch die dunklen Tiefen der Ozeane bei Laune. Außerdem erlaubte Beach während der klammheimlichen Fotostopps an markanten Wegmarken - etwa der Pazifikinsel Guam, Kap Horn oder Borneo – jedem Mannschaftsmitglied einen Blick durchs Periskop. Wie auch in der Magellan-Bucht vor Mactan, wo die U-Boot-Männer nicht nur auf den Einbaum trafen, sondern auch das Denkmal betrachteten, das dort an ihr vor 400 Jahren getötetes segelndes Vorbild erinnert. Ein mehrtägiges Nichtraucher-Experiment ließ die Stimmung hingegen vorübergehend kippen. Beach beobachtete "offenkundig feindselige Gefühle" und "gesteigerte Reizbarkeit" unter seinen Leuten.

"15.00: Erste Umschiffung der Erde ist vollzogen"

Ohne größere Zwischenfälle durchquerte das U-Boot Anfang April den Indischen Ozean und passierte das Kap der Guten Hoffnung zurück in den Atlantik. Die "Triton" war kurz vorm Ziel. Am 25. April tauchte endlich wieder die felsige Silhouette des Sankt-Peter-und-Sankt-Paul-Riffs am Horizont auf. Im Logbuch hieß es schlicht: "15.00: Erste umtauchte Umschiffung der Erde ist vollzogen."

Glänzen konnte Präsident Eisenhower mit dem U-Boot-Erfolg aber nicht - Chruschtschow ließ den Pariser Gipfel platzen. Grund dafür war eine handfeste politische Krise: Am 1. Mai 1960 war der US-Pilot Gary Powers während eines Spionagefluges über der Sowjetunion abgeschossen worden. Eisenhower weigerte sich, den Flug als aggressiven Akt anzuerkennen, Chruschtschow sagte daraufhin Paris ab. Die gigantische "Operation Sandblast" blieb damit ohne jeden politischen Erfolg.

Auch von der "Triton" selbst blieb trotz ihrer Jahrhundertfahrt nicht viel übrig. Bereits 1969 außer Dienst gestellt und in den Folgejahren abgewrackt, existiert heute lediglich noch ihr schwarzer Turm.



insgesamt 6 Beiträge
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Reinhard Kupke, 29.10.2012
1.
Die Triton ist mit ihrer Mision keineswgs gescheitert. Eventuell waren dies die Politiker die die Fahrt ausschlachten wollten.
Thomas Berscheid, 29.10.2012
2.
Das ist also aus der Triton geworden! Ich habe in meiner Kindheit einen Artikel über den Bau der Triton gelesen. In einer Ausgabe der Zeitschrift "Hobby" aus dem Jahr 1958. Darin wurde vor allem darauf Bezug genommen, dass die Triton zwei Kernreaktoren hatte. In dem Heft ist übrigens Werbung für eine Kamera mit einer jungen Schauspielerin aus Italien: Sophie Loren.
Bernhard Aufleger, 29.10.2012
3.
Der Satz "...selbst getaucht erreichte sie noch eine Geschwindigkeit von über 27 Knoten" zeigt wieder mal deutlich, dass dem Autor das grundlegende Wissen zu Materie fehlt. 27 Knoten getaucht ist für ein Atom-U-Boot eine eher moderate Höchstgeschwindigkeit. Auch damals schon waren unter anderem die Boote der "Skipjack"-Klasse - zu der zum Beispiel auch die 1968 gesunkene USS Scorpion gehörte - deutlich schneller. So 33 bis 35 Knoten wird geschätzt - genaue Werte sind nach wie vor geheim. Mit "..selbst getaucht..." geht 's dann weiter: Atom-U-Boote sind, wie alle modernen U-Boote generell unter Wasser schneller als über Wasser. Ihre Form ist darauf ausgelegt und da unter Wasser der sogenannte Wellenwiderstand weitgehend wegfällt, ist das kein schlechter Betriebszustand (was die Höchstgeschwindigkeit angeht). Die USS Triton war übrigens im Großen und Ganzen eine Fehlkonstruktion - rausgeschmissenes Geld. Daher blieb sie auch das einzige Schiff ihrer Klasse und wurde - wie im Artikel richtig bemerkt - schon relativ früh verschrottet.
Volker Jünke, 30.10.2012
4.
50.000 Kilometer unter dem Meer ??? Bei einem Erdumfang von ca 42.000 KM, wäre ein U-Boot, 50.000 Kilometer unter dem Meer, weit im Weltraum. Selbst 50 KM geht nicht wirklich, da die tiefste Stelle nur 11KM tief ist. Bitte ein wenig realistischer, es kann sich hier doch lediglich um 5.000 Meter handeln.
Michael Behrendt, 30.10.2012
5.
Hallo Herr Jünke, doch 50.000km unter dem Meer geht sehr wohl - offensichtlich ist Ihnen nur die Doppeldeutigkeit der Überschrift nicht aufgefallen. Die Triton hat nämlich die Strecke von 50.000 km unter Wasser zurückgelegt...
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