Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

"Organisationseinheit 85" Wie der BND seine eigenen Nazis jagte

"Organisationseinheit 85": Wie der BND seine eigenen Nazis jagte Fotos
ddp

Fast ein halbes Jahrhundert lagen sie im Archiv - jetzt werden BND-Akten bekannt, die an ein dunkles Geheimnis der jungen Bundesrepublik rühren. Geheimdienstchef Gehlen ließ in den Sechzigern nach Ex-SS-Leuten fahnden. 71 mussten gehen. Dabei hatte er die meisten ganz bewusst eingestellt. Von

Es sind nur vier Aktenbände, die unter dem Kürzel III-43 in schlichten Regalen in einem ehemaligen Gefängnisbau im baden-württembergischen Ludwigsburg liegen. Niemand durfte die Dokumente, die hier seit bald einem halben Jahrhundert von der "Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen" aufbewahrt werden, einsehen - sie bergen ein dunkles Geheimnis aus der Frühgeschichte der Bundesrepublik: die Beteiligung von Mitarbeitern des bundesdeutschen Auslandsgeheimdienstes an Massenmord und Holocaust während der Nazi-Zeit.

Jetzt ist ihr Geheimnis gelüftet. Um die brisanten Schriftstücke lesen zu dürfen, hat der Journalist Peter Carstens, Redakteur bei der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", über vierzehn Monate einen zähen Kampf mit deutschen Behörden geführt - mit dem Apparat des BND, mit der zuständigen Justizverwaltung, gar mit dem Bundeskanzleramt. Dann wurden die Ludwigsburger Akten doch aus dem Archiv geholt.

Die Vermerke und Schriftwechsel dokumentieren, dass ausgerechnet Reinhard Gehlen, unter den Nazis Chef der legendären Abteilung "Fremde Heere Ost" bei der Abwehr und nach dem Krieg Gründungschef des Bundesnachrichtendienstes, Anfang der sechziger Jahre nach NS-Verbrechern in den eigenen Reihen fahnden ließ - obwohl er selbst die meisten der alten Kameraden ohne große Bedenken in seinen neuen Spionagedienst geholt hatte.

Der "Tiger vom Como"

Den Anlass für Gehlens Aktivismus lieferte der schwerste Skandal seit Gründung des BND, der den Dienst Anfang der sechziger Jahre erschütterte: Der BND-Mann Heinz Felfe, seit 1951 in der Spionageabwehr, dem Herz des Pullacher Geheimapparates, war 1960 als KGB-Agent enttarnt und verhaftet worden, ebenso ein zweiter BND-Mitarbeiter, Johannes Clemens.

Im Zuge des Prozesses wurde ruchbar, dass Felfe vor 1945 als SS-Obersturmführer für Himmlers Sicherheitsdienst (SD) in den besetzten Niederlanden tätig gewesen war. Auch Doppelagent Clemens hatte eine SS-Vita: Als SD-Mann in Italien hatte er im blutigen Kleinkrieg gegen den italienischen Resistenza den Beinamen "Tiger von Como" erhalten. Als die Öffentlichkeit erstmals vernehmlich Fragen nach Alt-Nazis im BND stellte, erklärte die Bundesregierung, ihr Anteil betrage weniger als ein Prozent - die glatte Unwahrheit.

Wie viele BND-Leute tatsächlich in den NS-Terror verstrickt waren, ermittelte zur gleichen Zeit in Gehlens Auftrag eine kleine, streng geheime Spezialtruppe mit dem nichtssagenden Namen "Organisationseinheit 85". Die "Org. 85" bestand aus gerade einmal vier Personen und einer Verbindungsfrau zur Justiz. Geleitet wurde die Truppe, die sich unter dem Dach der Pullacher Präsidentenvilla einquartierte, vom damals 32-jährigen Hans-Henning Crome. Von den Details der Untersuchung habe Gehlen nichts wissen wollen, erzählte Crome jetzt der "FAZ", "weil diese Leute ja in seiner Verantwortung eingestellt worden waren". Aber der BND-Chef ließ den jungen Beamten, dessen Vater er aus dem Krieg kannte und ebenfalls zum BND geholt hatte, machen.

Verhör in der "Rechnungsprüfungsstelle"

BND-Mitarbeiter mit verdächtigen Lebensläufen wurden von Cromes Team in ein als "Rechnungsprüfungsstelle" getarntes Büro in der Bayerstraße 8 direkt am Münchner Hauptbahnhof bestellt und dort verhört. Über einen Zeitraum von zwei Jahren mussten insgesamt 146 BND-Beamte antreten, fast alle leugneten. Cromes Abschlussbericht (Aktenzeichen 815/65) vom 1. Februar 1965 beklagte offen die "geradezu ins Auge springende Unaufrichtigkeit" der befragten Alt-Nazis.

So hatte ein Gestapo-Mann der "Einsatzgruppe Kroatien" laut den nun von der FAZ zitierten Akten behauptet, "Passkontrolldienst auf dem Flughafen" in Sajmiste (Semlin) getan zu haben - dass sich ebendort ein Konzentrationslager befand, in dem Tausende Juden den Tod fanden, verschwieg er tunlichst. Sogar Mitglieder von SS-Tötungseinheiten logen, sie seien nie an Liquidierungen beteiligt gewesen, von NS-Verbrechen hätten sie gar erst nach dem Krieg erfahren - Einlassungen, die "ein realistisch denkender und urteilender Nachrichtendienst nicht als Wahrheit akzeptieren" könne, wie Crome für seine Chefs festhielt.

Von den 2650 BND-Mitarbeitern im Jahr 1960, so hat Reporter Carstens errechnet, waren mindestens 200 vor 1945 Untergebene des "Reichsführers-SS" Heinrich Himmler gewesen. Aber Cromes Bericht, der an etwa 20 leitende BND-Mitarbeiter verteilt, aber sogleich wieder eingesammelt wurde, hatte nur eingeschränkte Wirkung. Heimlich, still und leise wurden in den Folgejahren 71 BND-Agenten wegen "nachweisbarer Teilnahme an NS-Gewaltdelikten" aus dem Dienst gedrängt - die anderen SS-Leute konnten bleiben. Auch wurden die NS-Täter nicht etwa gefeuert. Das Problem wurde mit Aufhebungsverträgen geregelt, viele der Betroffenen standen praktischerweise ohnehin an der Altergrenze.

Namenslisten aus dem CIA-Archiv

Was nach ihrem Ausscheiden passierte, kümmerte den BND nicht weiter; dass er gezielt eine strafrechtliche Verfolgung von Leuten aus den eigenen Reihen angestrengt hätte, ist nicht bekannt - obwohl es sich zum Teil um Mörder handelte. Der jetzige BND-Präsident Ernst Uhrlau ist seit Jahren offensiv um die Aufarbeitung der braunen Vergangenheit seiner Behörde bemüht, aber die Bürokratie bremst, wo sie kann. Als die "FAZ" für ihren Artikel den Ex-BND-Mann Crome jetzt vor dem Eingangstor des BND-Areals in Pullach fotografieren wollte, wurde dies vom Dienst verboten - das Portal sei "militärisches Sperrgebiet".

Und auch die Nachnamen der betroffenen BND-Mitarbeiter musste Autor Carstens auf Geheiß der Schlapphüte bis auf das Initial schwärzen. Eine seltsame Maßnahme, denn die amerikanische CIA hat schon vor Jahren ihre Akten zu den Nazis im frühen BND freigegeben. Anhand der Namenslisten der "Record Group 263" im US-Nationalarchiv lässt sich mit wenig Aufwand die Identität von Personen ermitteln, die Cromes "Org. 85" als BND-Mitarbeiter mit NS-Belastung ins Visier genommen hatte.

Darunter sind interessante Namen: Jürgen von Hehn etwa, Jahrgang 1912, baltendeutscher Historiker und SS-Untersturmführer. Als Anführer eines SS-Sonderkommandos war er aktiv am systematischen Raub von Kunst- und Kulturschätzen im besetzten Osteuropa beteiligt. Hehn betrieb unter anderem in Posen (Poznan) eine "Buchsammelstelle" in mehreren Kirchen, von der aus polnischsprachige Bücher als Makulatur in eine nahe Papierfabrik verfrachtet wurden - während wertvolle Sammlerstücke an die von den Nazis gegründete "Reichsuniversität" Posen gingen. Dass Hehn, der auch nach dem Krieg munter zur Geschichte Osteuropas publizierte, auf der Gehaltsliste des BND stand, ist neu.

Experte für den Alltag unter Hitler

Ein anderer Fall ist der von Ulrich Kayser-Eichberg, geboren 1903, der in der "FAZ"-Liste auf Wunsch des BND nur als "Dr. K.-E." auftaucht. SS-Sturmbannführer Kayser-Eichberg wirkte 1944/45 beim "Höheren SS- und Polizeiführer" im "Reichsprotektorat Böhmen und Mähren", dem besetzten Teil der Tschechoslowakei, und leitete dort die "Landesstelle Sudetengau für das Rasse und Siedlungswesen". Nach dem Krieg mutierte der schneidige Intellektuelle zum Autor von Populärliteratur ("Geist und Ungeist des Militärs", 1958) und übersetzte 1972 gar die bekannte Studie des britischen Sozialhistorikers Richard Grunberger über den Alltag der Deutschen unter Hitler ("Das zwölfjährige Reich"). Auch von Kayser-Eichberg war nicht bekannt, dass er BND-Mann war.

Die Veröffentlichung der Funde von Hans-Henning Cromes Nazi-Jägern 45 Jahre nach Abschluss der Recherchen lüftet ein weiteres Stück das Mäntelchen des Schweigens und Vergessens, das manche im BND immer noch über die NS-Vergangenheit allzu vieler Ex-Kollegen breiten möchten. Doch es bleibt noch reichlich Stoff für künftige Historikergenerationen: "Org. 85" durfte ausdrücklich nur SS-Leute ins Visier nehmen. An Verbrechen beteiligte Ex-NSDAP-Funktionäre, Wehrmachtssoldaten oder "reine Angehörige der Waffen-SS", die im BND unterschlüpften, kennt nach wie vor niemand.

Artikel bewerten
3.3 (27 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 3 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Kristian Grau, 19.03.2010
Einmal mehr wird ersichtlich, wie sehr die Aufarbeitung der bundesdeutschen NS-Vergangenheit einer forsch und mit Elan betriebenen Aufarbeitung von DDR-Unrecht nachsteht. Unsere Republik stand und steht auf einem braunen Fundament.
2.
Norbert Theodor Bertel, 22.03.2010
>Einmal mehr wird ersichtlich, wie sehr die Aufarbeitung der bundesdeutschen NS-Vergangenheit einer forsch und mit Elan betriebenen Aufarbeitung von DDR-Unrecht nachsteht. Unsere Republik stand und steht auf einem braunen Fundament.
3.
Günter Dr. Wolf, 23.03.2010
Der dort genannte BND-Agent und frühere Gestapo- und SS-Sturmbannführer Johannes Clemens spielt auch in den berühmten Tagebüchern von Victor Klemperer:" Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten" eine berüchtigte Rolle als Gestapo-Schläger der Dresdner Gestapo, der grundlos bei "Hausbesuchen" alle Juden brutal schlug, z.T. auch deren "arische" Ehefrauen. In einem Buch des Aufbau-Verlages: "Im Herzen der Finsternis" - Victor Klemperer als Chronist der NS-Zeit , S. 152, schildert Wolfgang Kraushaar die Karriere des Johannes Clemens: Vom Dresdner Gestapo-Schläger zum Doppelagenten des KGB im BND. 2. In einem anderen Artikel zu dieser Thematik bin ich auf Markus Wolf gestoßen und sinngemäß wurde dort behauptet, daß das Buch "Die Troika" von ihm, seinen Bruder Konrad und Vater Friedrich W. handelt. Das stimmt nicht, er hat es zwar geschrieben, es geht aber um Georg Fischer, Lothar Wloch und Konrad Wolf. Mit freundlichen Grüßen Dr. Günter Wolf
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH