Sardisches Banditendorf Orgosolo Killer und Künstler

Die Bewohner von Orgosolo legen sich mit jedem an - auch mit Staat und Militär. Die kriminelle Geschichte des Städtchens auf Sardinien ist so eindrucksvoll wie die politische Wandkunst.

Solveig Grothe

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Nachdem Unbekannte eine "Todesliste" mit 36 Namen an die Kathedrale von Orgosolo geheftet hatten, fanden binnen zwei Jahren 20 Bürger auf geheimnisvolle Weise den Tod. So entdeckte man den Schäfer Antonio Francesco Manca mit einem Kopfschuss am Rande der Stadt. Warum und durch wessen Hand er starb - niemand wisse es zu sagen, schrieb im Oktober 1952 die Nachrichtenagentur United Press.

Orgosolo auf Sardinien zählt nur rund 4000 Einwohner. Dennoch brachte das Städtchen es mit durchschnittlich sechs Morden pro Jahr zu einem düsteren Rekord in der Kriminalitätsstatistik. So war es in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts - und ähnlich ging es weiter.

1962: Beim Picknick nahe Orgosolo wird ein britisches Ehepaar erschossen. 1992: Ein achtjähriger Hotelierssohn bleibt 177 Tage in der Gewalt von Entführern. 1995: Ein Unternehmer wird entführt, zehn Monate lang. 1998: An Heiligabend tötet ein Killer den Priester von Orgosolo kurz vor der Christmette. Im Mai 2000 feuert jemand auf zwei skandinavische Reisebusse; Ende Dezember 2007 stirbt der Volksdichter und Tenor Peppino Marotto, als der 82-Jährige wie jeden Morgen Zeitungen am Kiosk kaufen will und mehrere Kugeln ihn in den Rücken treffen.

Solveig Grothe

Die Geschichte dieser Gemeinde ist eine Chronik des Schreckens. Zugleich gilt das Städtchen als Widerstandsnest, als Zentrum der Aufsässigkeit gegen die italienische Regierung. Obendrein handelt es sich um ein wegen auffälliger politischer Wandgemälde beliebtes Touristenziel, das den Beinamen "Banditendorf" in Reiseführern so selbstverständlich trägt wie andere die Bezeichnung Luftkurort.

Was ist bloß los mit Orgosolo? Kokettiert dieser Ort mit seiner finsteren Vergangenheit?

An den Wänden das Unrecht der Welt

Orgosolo steht auch für gemalte Politik, wie es sie sonst nirgends gibt. Hier haben ein paar Männer überlebt: Marx, Engels, auch Lenin. Als Porträts an Häuserwänden. Die schmale, steile Via Lenin wirkt in der Mittagshitze ein wenig verblichen; dafür ist die Piazza Carlo Marx frisch renoviert. Als hätte die kommunistische Idee keinerlei Kratzer erlitten, leuchtet auch der Marxist und Sarde Antonio Gramsci von der Fassade.

Fast verschlafen schmiegen sich die Häuser und Gassen auf 600 Metern Höhe an die Felsen des Supramonte-Gebirges. Doch der Ort strahlt eine irritierende Aggressivität aus: Etliche Malereien an Hauswänden zeigen Ereignisse wie das brennende Word-Trade-Center, das Massaker auf dem Tiananmen-Platz, den Krieg im Irak, Schüsse auf einen Jungen im Gazastreifen. Texte an den Fassaden berichten von den Toten und Verstümmelten des Ersten Weltkriegs, von Buchenwald, von der RAF. Das ganze Unrecht der Welt scheint hier versammelt (siehe Fotostrecke).

Fotostrecke

31  Bilder
Banditendorf Orgosolo: Wo Blut und Farbe fließen

Der Wandbilder wegen strömen die Besucher tagsüber in das Städtchen. Die blutige Geschichte Orgosolos und das, was seine Attraktivität ausmacht - sie haben viel miteinander zu tun. Manchmal steht das eine dem anderen auch im Weg.

Was er von der Bezeichnung Banditendorf hält? "Orgosolo, musst du wissen", Roberto holt aus, "ist der gastfreundlichste Ort, den man sich vorstellen kann!" Der 31-Jährige beschreibt überschwänglich und detailreich, dass hier zwar "die Männer etwas grimmig gucken", es aber quasi unmöglich sei, allein in eine Bar zu gehen, ohne gleich eingeladen zu werden.

Roberto ist in Orgosolo geboren, in Deutschland aufgewachsen und vermietet jetzt Boote in Sardiniens Osten. Er plaudert und scherzt mit seinen Kunden auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch. Er weiß: Das Bergdorf, gut 50 Kilometer von der Küste mit ihren Badebuchten und bunten Touri-Kähnen entfernt, ist so ganz anders. Orgosolo, das muss man erklären - und Roberto kann das.

"Es ist schwieriges Gelände, schwierig zum Überleben", sagt Roberto und meint in erster Linie die Weidewirtschaft. Orgosolo sei ursprünglich ein Hirtendorf, mit weiten Wegen, weil die Winter so kalt sind wie die Sommer heiß. Darum mussten die Viehhirten sich in der zerklüfteten Felslandschaft gut auskennen. Diese Ortskenntnis erwies sich auch als Vorteil, wann immer sich fremde Herrscher der Insel bemächtigten - für sie blieb das Bergland meist unzugänglich.

Die Hirten wehrten sich gegen jede Fremdbestimmung, etwa gegen die Privatisierung von Weideflächen. Die Orgolesen wehrten sich auch dann noch, als ihr Gegner längst der italienische Staat des 20. Jahrhunderts war. Ein modernes Rechtssystem und eine von Familienclans über Jahrhunderte ausgeübte Privatjustiz - das ging kaum zusammen.

"Immer soll's einer aus Orgosolo gewesen sein"

"Erst hatten sie kein Geld und brauchten auch keins. Dann wurde Geld wichtig - und sie beschafften es sich", so erklärt es Roberto, "und wenn du nichts zu essen hast, dann holst du dir dein Essen." Beim Diebstahl von Schafen und Ziegen blieb es nicht. Es gab Entführungen, anfangs nur für wenige Tage und aus der näheren Umgebung.

Das Hirtenleben war gefährlich, die meisten hatten stets eine Schrotflinte dabei. Das zerklüftete Bergland galt und gilt als ideales Versteck - auch vor der Polizei. So kam es, dass ein Viehhirte gelegentlich einem flüchtigen Verbrecher gegenüberstand.

Den Untergetauchten half die Distanz vieler Orgolesen zu staatlichen Institutionen: "Wir können die Polizei nicht riechen und lassen uns ungern was sagen", so beschreibt es Roberto. Bis heute gelte: "Man steckt seine Nase nicht in anderer Leute Sachen. Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen."

Das prägt den Ruf des Ortes - und bringt die Bewohner oft unter Generalverdacht. "Immer, wenn irgendwas passiert ist, auch richtig dumme Sachen, soll's einer aus Orgosolo gewesen sein", sagt Roberto. Gut für den Tourismus sind solche Nachrichten nicht.

Showdown auf der schönen Wiese

Der Verdruss über die Orgolesen gipfelte Mitte der Fünfzigerjahre in der Forderung einer katholischen Regionalzeitung: "Wir müssen Orgosolo von der Landkarte tilgen. Dieser Ort sollte ganz verschwinden!"

Die Bürger nahmen das durchaus ernst. Sie sahen ihre Gemeinde in Gefahr, als im Mai 1969 eine Bekanntmachung des Militärs plakatiert wurde: Hirten und Landarbeiter sollten sich und ihre Tiere in den kommenden zwei Monaten vom Weideland fernhalten. Sogleich machte die Kunde die Runde, das Gemeindeland - der Pratobello (zu Deutsch: schöne Wiese) - werde zum Schießübungsplatz der Armee umgewidmet.


Die Pratobello-Revolte 1969

Es folgte die "Revolte von Pratobello". Sie sollte Orgosolo endgültig zum Mythos des sardischen Widerstands gegen den als Kolonialmacht beargwöhnten italienischen Staat machen.

Die Siedlung Pratobello, 1955 errichtet, war nie bezogen worden. Als dort im Frühjahr 1969 trotzdem Instandsetzungsarbeiten begannen, offenbar für Soldatenunterkünfte, waren die Orgolesen verblüfft: Eben noch sollte ihr Weideland Teil eines Nationalparks werden - und nun wollte man es bombardieren?

"Die größte Niederlage der italienischen Armee"

Die Dorfbewohner befürchteten, dass ihre Weiden auf Dauer Schießplatz sein sollten. Die Militärübungen sollten am 19. Juni 1969 beginnen. Schon frühmorgens versammelten sich Hunderte Männer, Frauen und Kinder an Orgosolos Hauptstraße. Eine endlose Schlange aus Lastwagen, Lastendreirädern und Pkw fuhr die rund sieben Kilometer bis aufs Plateau.

Auf dem Pratobello trafen gut 3000 Orgolesen auf die Militärkolonne. Es wurde viel geredet, die Übung begann nicht. In den folgenden Tagen schloss ein massives Polizeiaufgebot Demonstranten zu Hunderten ein und hielt sie stundenlang in der prallen Sonne fest; 80 Personen wurden verhaftet.


Pratobello heute - was an einem ganz normalen Tag los ist

Solveig Grothe

Nach einer Woche erreichte Orgosolo die Zusicherung des Verteidigungsministeriums, dass der "Schießplatz von Pratobello …zeitlich begrenzt" sei, bis Mitte August. Tatsächlich sollten die Truppen nicht wiederkommen. Von der "größten Niederlage der italienischen Armee" sprach sarkastisch ein Teilnehmer des zivilen Aufstands, der für Orgoleser Verhältnisse ganz unblutig verlaufen war.

Im Geisterort Pratobello stehen heute fünf verlassene Häuser und eine Kirche. "Demilitarisierte Zone" besagt ein Schild am Eingangstor. Außer Schafen, Ziegen und Hunden kam in den vergangenen Jahren kaum jemand vorbei. Aber die Erinnerung an den Showdown auf den Viehweiden ist in Orgosolo noch sehr lebendig: Künstler hielten Szenen der friedlichen, zugleich erfolgreichen Revolte an den Hausfassaden fest. Dazu kamen mit den Jahren weitere Bilder des Widerstands und Protestes.

Und was ist mit Marx, Engels und Lenin heute? Roberto lacht. Das sei wohl etwas, an das nur noch alte Leute glauben.



insgesamt 3 Beiträge
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Lorenz Weyer, 12.09.2016
1. Alte Leute?
Die Autorin sollte sich vlt. auch mal mit Marx/Engels beschäftigen, um zu verstehen, weshalb ein solcher Ort ständig im Überlebenskampf ist. Die jüngere Avantgarde befasst sich gerade heute mit solchen Ideen. Hat auch eher was mit Wissen und Verstehen zu tun, nicht mit Glauben.
Thomas Beyrer, 14.09.2016
2. Touristen...
Muss man zum Glück selbst zur Hochsaison im August in orgosolo suchen. Und der Autorin scheint auch entgangen zu sein, dass die RAF-Malereien eine Hommage an Bäder, Ensslin & Meinhof sind und eine Kritik an Helmut Schmitt, der in das Motiv ebenfalls eingebunden ist.
S. P., 10.09.2017
3. Ich war als Frau auf Sardinien alleine mit dem Fahrrad unterwegs
...und dachte, dass wäre kein Problem...Sardinien ist schließlich Europa. Da erzählte mir ein Deutscher, der dort schon seit 30 Jahren Urlaub macht, dass es sehr wohl ein Problem ist, weil die Sarden Frauen nur als Mütter mit Familie akzeptieren und nicht alleine. An der Küste ginge es wohl, aber ins Innland sollte ich nicht fahren. Ich sollte auch keinesfalls nach Nuoro fahren, das sei ein Banditennest. Ich war dann trotzdem dort, habe die Stadt aber schleunigst wieder verlassen, weil dort NUR Männer im öffentlichen Raum zu sehen waren und das ganze wirklich bedrohlich wirkte. Ich hatte noch ein paar andere Begegnungen der dritten Art und muss sagen, dass mir die Sarden nicht in bester Erinnerung geblieben sind.
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