Jahrhundertorkan "Quimburga" "Wie die Druckwelle einer Atombombenexplosion"

Jahrhundertorkan "Quimburga": "Wie die Druckwelle einer Atombombenexplosion" Fotos
Christophoruskirche Friedrichshagen

Er ließ Kirchtürme abknicken, pustete Laster von den Straßen und rodete ganze Wälder: Vor 40 Jahren walzte der Orkan "Quimburga" durch Europa. Das Jahrhundert-Unwetter wütete mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 245 Kilometern pro Stunde - und traf Deutschland völlig unvorbereitet. Von

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9.09 Uhr. Organist Bernhard Scheve wird diese Uhrzeit nie mehr vergessen. "Aufhören, hören Sie auf!", brüllte er dem Pfarrer von der Empore aus zu. Doch der predigte einfach weiter. Überhörte die Luken, die immer wilder klapperten. Überhörte es auch, als ein Fenster ins Kircheninnere fiel und mit lautem Klirren zerschellte. Die Schulkinder kreischten auf und rannten voller Panik aus dem roten Backsteinbau. Der Pfarrer predigte noch immer.

Er verließ das Gotteshaus erst wenige Sekunden vor der Tragödie: Um genau 9.09 Uhr, Organist Scheve hatte sich gerade auf die Wendeltreppe gerettet, krachte der 70 Meter hohe Turm der Oldenburger St.-Peter-Kirche mit einem ohrenbetäubenden Lärm auf das Kirchenschiff und riss ein riesiges Loch ins Dach. "Der ganze Bau wackelte, die Glocken läuteten wie verrückt. Geröllmassen stürzten herab und begruben die Kirchenbänke und Seitenaltäre unter sich", erinnert sich der heute 73-Jährige.

Nur knapp war Organist Scheve an jenem Morgen des 13. November 1972 dem Orkan "Quimburga" entronnen: einem der schlimmsten Unwetter des 20. Jahrhunderts. Mit einzigartiger Geschwindigkeit fegte "Quimburga" vor 40 Jahren über Europa hinweg und hinterließ eine Schneise der Verwüstung, die von Südirland im Westen bis nach Posen im Osten reichte. Mehr als 70 Menschen starben - 21 davon allein in Niedersachsen und Bremen, wo Sturmböen die Bäume umknickten wie Streichhölzer.

"Die nordwestdeutschen Wälder sehen aus, als wenn die Luftdruckwelle einer Atombombenexplosion durch sie hinweggegangen wäre", schrieb die Oldenburger "Nordwest-Zeitung" am Tag nach der Katastrophe. Doch "Quimburga" übertraf mit seinen Spitzengeschwindigkeiten von rund 160 Stundenkilometern nicht nur Naturkatastrophen wie "Sandy". Das Unwetter traf Deutschland auch völlig unvorbereitet. Erst in den frühen Morgenstunden wurde deutlich, was für ein verheerender Orkan auf das norddeutsche Flachland zurast - doch da waren die Kinder längst in der Schule und die Erwachsenen auf dem Weg zur Arbeit.

Schuhmacher Egon Taute etwa, aus Ostrhauderfehn, einem kleinen Ort bei Leer, im äußersten Nordwesten Deutschlands. Er wollte gerade aus dem Haus gehen, als ein schwarzer Zylinder an seinem Wohnzimmerfenster vorbeiflog - dicht gefolgt von dem Schornsteinfeger, der seinen Hut zu erhaschen versuchte. Taute, seit 1954 bei der Feuerwehr, kämpfte sich durch die Böen bis zum Rathaus, wo die gesamte Belegschaft an einer Wellblechgarage hing, die vom Orkan immer wieder meterhoch in die Luft gehoben wurde.

Kaum hatte er die Garage mit einem Abschleppseil an einen Baum gebunden, ging um 9.30 Uhr ein Notruf im Rathaus ein: Die Windmühle, weithin sichtbares Wahrzeichen des Ortes, stand in Flammen. "Durch die Orkanböen hatten sich die Mühlenflügel immer schneller gedreht, alle Versuche, die rasenden Flügel zu stoppen, waren gescheitert", so der heute 77-Jährige. Schließlich lief die Bremse heiß und geriet in Brand. Taute, der mitten im Sturm kaum atmen konnte, versuchte mit seinen Kollegen, das Feuer zu löschen - doch der Sturm blies die Wassersäule einfach auseinander.

Gewiss, am Vorabend habe es eine Sturmwarnung im Radio gegeben, erinnert sich Egon Taute, doch die habe niemand sonderlich ernst genommen: "Ein Orkan? Wir dachten: So etwas passiert nur in Amerika, aber doch nicht vor unserer Haustür." Während der Schuhmacher noch verzweifelt mit den Flammen kämpfte, fraß die Orkanwalze sich weiter von West nach Ost.

Böen von 245 Stundenkilometern

"Quimburga" pustete Laster wie Staubflocken von den Autobahnen und kappte Kräne wie Schilfgras, deckte Dächer ab und drückte Giebel ebenso mühelos ein wie Schaufensterscheiben. Der Druck der Luftmassen zwang selbst starke Männer in die Knie und warf Frauen gegen Häuserwände. In den Häfen rissen Böen die vertäuten Schiffe los, im Zentrum des Orkans (rund um die Achse Emden-Cloppenburg-Vechta-Celle-Gartow) brachen Stromversorgung und Nachrichtenverbindung zusammen.

In Hamburg, wo die Feuerwehr um 11.18 Uhr den Ausnahmezustand auslöste, wurden laut "Hamburger Abendblatt" 30 Schulkinder aus Wilhelmsburg von den Böen durch die Luft geschleudert und 150 Menschen mit zum Teil schweren Verletzungen in die Krankenhäuser gebracht. Auf dem "Brocken" im Oberharz wurden Spitzengeschwindigkeiten von 245 Stundenkilometern gemessen. Und selbst in Berlin tobte der Sturm mit bis dato unerreichter Heftigkeit.

Allein im Osten der Stadt starben fünf Menschen, darunter eine 64-jährige Frau: Sie war vom Giebel der Christophoruskirche in Berlin-Friedrichshagen erschlagen worden. "Die Marktfrau warnte sie noch, nicht an der Kirche entlangzugehen, deren Turm bedrohlich schwankte. Mit dem Ausspruch 'Unkraut vergeht nicht!' machte die Rentnerin sich dennoch auf", erinnert sich Erhardt Hansche, damals Pfarrer an der Christophoruskirche.

"Als sei eine Bombe vom Himmel gestürzt"

Er war sofort ins Gotteshaus geeilt, als ihn um 13.30 Uhr an jenem Tag die Schreckensnachricht ereilte. "Im Innern der Kirche sah es aus, als sei eine Bombe vom Himmel gestürzt", erinnert sich der heute 89-Jährige. Anderntags musste die schwer beschädigte Turmspitze mit Seilwinden vom Kirchendach gezerrt werden. Die Reparatur dauerte volle fünf Jahre, eine Sammelaktion der Bürger für ihre Kirche wurde im Roten Rathaus abgeschmettert: Sie passte laut Hansche weder zur Planwirtschaft noch zur damals vorherrschenden Ideologie. "Das war die DDR", sagt der Pfarrer.


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Erst am 14. November löste sich das Orkantief östlich von St. Petersburg auf. Über die Republik waren, so die "Welt", die "schwersten Unwetter" gezogen, "die seit hundert Jahren in Deutschland registriert wurden." Als ganz "dicken Hund" schilderte auch der SPIEGEL den Orkan "Quimburga" - dessen Intensität selbst erfahrene Wetterexperten überraschte. Denn während den Tiefdruckgebieten über Land normalerweise die Luft ausgeht, raste das sogenannte Sausetief "Quimburga" mit unverminderter Wucht weiter Richtung Osten.

In einer ungeheuren Geschwindigkeit wirbelte der Orkan von Holland bis nach Bornholm. "Er legte fast 1000 Kilometer in nur zwölf Stunden zurück, das ist bislang einzigartig", sagt Wolfgang Seifert, Meteorologe beim Deutschen Wetterdienst. Da die damaligen Methoden es nicht erlaubten, die Heftigkeit des Unwetters abzuschätzen, erfolgte eine offizielle Orkanwarnung recht kurzfristig: Bei Radio Bremen etwa wurde sie erst am Montagmorgen ab 6.10 Uhr viertelstündlich verlesen - doch traute laut SPIEGEL kaum einer den Prognosen.

Eiserne Hausfrauen, hartgesottener Wahlkämpfer

"Tatsächlich gingen die mündigen Bürger unter Sturmgebraus selbst dann blindlings ihren Geschäften nach, wenn ihnen schon die schweren, holzgerahmten Wahlparolen ihrer Politiker um die Ohren flogen", so das Nachrichtenmagazin. Hausfrauen führten ungerührt ihren Einkaufsbummel fort, und Wahlkämpfer Walter Scheel habe seine Ansprache am Hamburger Mönckebergbrunnen erst dann abgebrochen, als herabstürzende Dachziegel ihm auf den Kopf zu prasseln drohten.

Die Bilanz des Unwetters war verheerend: Innerhalb weniger Stunden hatte "Quimburga" Schäden von damals 1,34 Milliarden D-Mark angerichtet. Noch Wochen später besaßen Landkreise wie Oldenburg, Cloppenburg und Vechta den Status von Katastrophengebieten, mühsam versuchten Einheiten der Bundeswehr, des Chaos Herr zu werden.

Was bleibt vom Orkan "Quimburga" bei Menschen aus der Generation von Schuhmacher Taute, Pfarrer Hansche und Organist Scheve, ist die Angst. Jedes Mal, wenn er nach dem 13. November 1972 auf die Empore zur Orgel ging, zitterten ihm die Knie, bekennt Organist Scheve. Bald nach dem Einsturz des Turms zog er aus seiner direkt neben der Kirche gelegenen Dienstwohnung aus, weit weg von St. Peter. "Ich habe eine lebenslange Furcht, wenn richtig Sturm ist", sagt er.

Erst jetzt, als Rentner, sind die Scheves wieder zurück in die Innenstadt gezogen, von ihrem neuen Wohnzimmerfenster aus können sie den restaurierten Turm der St.-Peter-Kirche sehen: Aus Kostengründen ist er heute 14 Meter niedriger als der alte.

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1.
Martin Bitdinger 11.11.2012
Gab es schon damals die Klimaerwärmung ? Oder war die beginnende Eiszeit schuld ? (Habe jüngst eine Illustrierte von Anfang der 70er Jahre in den Fingern gehabt. Darin wurde eine neue Eiszeit prophezeit...)
2.
Markus Eisenstöck 11.11.2012
Das waren die erste Vorboten der globalen Erwärmung.
3.
Peter sassnitz 11.11.2012
Ich habe an dem Tag in der Schule am Luessumer Ring in Bremen gesessen und wir sahen durch die Aluminiumfenster dem Sturm zu. Bis unsere Eltern uns aus der Schule abholten. Ich glaube der Tag danach war sogar schulfrei. Von den verheerenden Auswirkungen auf Bremen und Niedersachsen habe ich wenig mitbekommen. Vielleicht achtet man als Kind der 5 Klasse auch auf anderes.
4.
Rolf Radicke 11.11.2012
"Quimburga" muss was ganz Besonderes gewesen sein: < Denn während den Tiefdruckgebieten über Land normalerweise die Luft ausgeht, raste das sogenannte Sausetief "Quimburga" mit unverminderter Wucht weiter Richtung Westen. >
5.
Ingo Meyer 11.11.2012
Esb hat zwar mit dem Sturm nur mittelbar zu tun - aber Bild 16 macht deutlich, wie hoch der Anteil von Opel-Autos damals war. Das Bild enstand ja nicht in Rüsselsheim sondern in Berlin Charlottenburg. Die einen fegt der Sturm hinweg die anderen das US-Management von Opel. Für die Betroffenen gleich schlimm!
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