Ortstermin "Alle haben es gewollt"

Ortstermin: "Alle haben es gewollt" Fotos

Die einen haben gelitten, die anderen wollen nichts davon bemerkt haben. Das Beispiel der niedersächsischen Kleinstadt Northeim zeigt, wie es war, als die Nationalsozialisten die deutsche Provinz eroberten. Von Andrea Brandt

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An den 2. April 1933 erinnert sich Gertrude Schulze-Ballin, 93, noch genau. An jenen Tag, der wie viele andere begann. Mit einem Familienfrühstück in der ersten Etage des roten Backsteinhauses, bevor Vater und Mutter eine Treppe tiefer zur Arbeit in die Praxis gehen wollten. Und der mit einer schrecklichen Erkenntnis endete.

Eine zweispaltige Anzeige, erschienen in der "Göttingen-Grubenhagenschen Zeitung" war es, die diesen Tag für sie zu einem traumatischen Erlebnis werden ließ. Ein Erlebnis, wie es sich die damals 19-Jährige nie hätte träumen lassen. Gerade hier, in Northeim nicht, dieser niedersächsischen Kleinstadt zwischen den Wäldern und Hügeln des Leineberglandes. Wo sich die Fachwerkhäuser aneinanderschmiegen. Und viele der damals knapp 10.000 Einwohner sich persönlich kannten.

"Northeimer! Meidet diese Juden!", stand da. Darüber, wie ein Befehl: "Ausschneiden! Aufbewahren!" Dann eine Liste mit 34 Namen. An sechster Stelle, hinter dem Viehhändler Blumenbaum, vor dem Bankier Müller und dem Schneidermeister Spanier: Marta Ballin - ihre Mutter.

Die war zwar Christin, aber verheiratet mit dem jüdischen Kaufmann Leopold Ballin, Gertrudes Vater. Mit ihm betrieb die Heilpraktikerin eine gutgehende Praxis samt Labor in der Northeimer Altstadt. An diesem Tag, erinnert sich Schulze-Ballin, harrte die Familie zu Hause aus, "schockiert, geradezu erstarrt". Sie wartete. Wartete darauf, dass sich Freunde meldeten, Stammkunden, irgendjemand, der ihnen sagte, dass er weiter zu ihnen hielt. Niemand meldete sich, den ganzen Tag lang nicht. "Da wusste ich, dass wir nicht mehr dazugehörten", sagt Gertrude Schulze-Ballin.

Deutschland, die Jahre zwischen 1930 und 1935. Wie war das damals, in einer ganz normalen Kleinstadt? Wie kamen in der Provinz die Nationalsozialisten an die Macht? Wer waren sie? Wie sicherten sie ihre Herrschaft, wie veränderte sich der Alltag? Es gibt wenige regionale Studien dazu. Der Amerikaner William Sheridan Allen befragte Anfang der sechziger Jahre Bürger von Northeim - und stieß auf eine Menge Menschen, die angeblich nichts gesehen, nichts gewusst hatten und die für nichts verantwortlich gewesen sein mochten: "Das haben wir nicht gewollt!", so Titel und Fazit seines Buchs, das von wenigen bösen Nazis und einer verführten Mehrheit erzählt.

Zeitzeugin Schulze-Ballin erlebte anderes, womöglich Typisches über die Grenzen ihrer Kleinstadt hinaus. Die meisten Northeimer seien zumindest anfangs begeisterte Nationalsozialisten gewesen, hätten es selbstverständlich gefunden, dass plötzlich Juden und Sozialdemokraten ausgegrenzt wurden: "Eigentlich haben es alle gewollt", sagt sie.

Schon in den sechziger Jahren entwickelten Historiker um Hans Mommsen die Theorie, der NS-Staat sei eine "Herrschaft der vielen" gewesen - errichtet und aufrechterhalten von zahlreichen gesellschaftlichen Gruppen. Götz Aly ("Hitlers Volksstaat") sprach später sogar von einer "Zustimmungsdiktatur" - ein umstrittener Begriff, auch weil er suggeriert, dass Terror und Angst nicht zu den Machtinstrumenten der NSDAP gehört hätten. Doch man muss die Schreckensmethoden der Nazis nicht kleinreden, um die NS-Diktatur heute wie Harald Welzer als "Gesellschaftsverbrechen" zu beschreiben: "Die Nazis waren das Volk - vom kleinen Arbeiter bis zum hochangesehenen Bürger", sagt der Sozialpsychologe und Erinnerungsforscher. Jeder habe zu Beginn auf seine Weise mitgeholfen, dass sich der NS-Staat etablieren konnte - "der eine engagierter, der andere skeptischer und gleichgültiger".

In Northeim wurde besonders eifrig mitgemacht. Bei der Reichstagswahl 1930 schnellte der Stimmenanteil der NSDAP von 2,3 Prozent (1928) hoch auf 28,2 Prozent - das waren im Ergebnis fast 10 Prozentpunkte mehr als im Reichsdurchschnitt. Stadtarchivar Ekkehard Just sieht die Gründe vor allem in Northeims Strukturen: eine Zuckerfabrik, eine Brauerei, sonst wenig Industrie. Die Menschen waren Anfang der dreißiger Jahre vor allem beschäftigt im Öffentlichen Dienst (19 Prozent), im Handel (14 Prozent) und im Dienstleistungsgewerbe (10 Prozent). Wenig Arbeiter, wenig Katholiken. Die wichtigsten Vertei- diger der Weimarer Republik - Sozialdemokraten und das Zentrum mit traditionell katholischer Wählerschaft -, in Northeim seien sie, sagt Just, strukturell schwächer gewesen als anderswo.

Die wenigen erhaltenen Dokumente aus dem Stadtarchiv zeugen davon, wie vollkommen Northeim schon bald im Bann der Nazis stand. Der Leiter der katholischen Volksschule schrieb Mitte der dreißiger Jahre in einem Bericht über die Entwicklung seiner Schule: "Ab 1933: Fahnen wurden beschafft, jede Klasse schaffte ein Führerbild an, Handgranaten gekauft. Die Schulwandbilder wurden vermehrt durch Rassebilder, Hakenkreuz. Die Bücherei wurde von marxistischen Schriften gesäubert." Dann der Satz: "Die Schule erhielt am 4.2. 1936 als einzigste (sic) und erste Volksschule in der Stadt Northeim die Genehmigung zum Hissen der HJ-Fahne." War es echte Begeisterung? War es Anpassung? Für Stadtarchivar Just machen solche Dokumente jedenfalls deutlich, dass in Northeim "das Hakenkreuz vielfach und gerne stolz vorangetragen wurde".

In Marta Ballins Praxis, erinnert sich die Tochter, blieben die Patienten nach und nach weg. Gute Freunde wie die Betreiber des traditionsreichen "Café am Markt" besuchten die Eltern plötzlich nicht mehr. Der Vater blieb dem Männergesangverein fern, die Tochter dem Turnclub, wo sie bis dahin allwöchentlich Kinder in Geräteturnen und Gymnastik unterrichtet hatte: "Die Menschen schwiegen plötzlich, wenn wir den Raum betraten, sahen weg - da haben wir uns dann ebenso zurückgezogen", schildert Gertrude Schulze-Ballin.

Es spielte keine Rolle, dass die Eltern sie noch hatten taufen und konfirmieren lassen, "wegen der Verhältnisse". Von nun an war sie trotzdem die "Halbjüdin".

Es sind kleine Szenen, die die alltägliche Diskriminierung beschreiben. Da ist der Wirt im Ausflugslokal, der die Ballins Kaffee und Kuchen bezahlen lässt - sie dann aber hinauswirft, bevor sie zugreifen können. Da ist die Schneidermeisterin, die ihren Lehrling Gertrude plötzlich nicht mehr beschäftigen mag. Da ist der Kino-Pächter, der das junge Mädchen aus dem Saal holt, als "unerwünschte Person".

An ähnliche Schmach erinnern sich die jüdischen Zwillinge Lotte und Liese Oppenheim, die noch bis 1937 das städtische Mädchengymnasium Richenzaschule besuchten. In den dreißiger Jahren liefen die Kinder immer über einen Schleichweg an der Stadtmauer entlang nach Hause. In der Innenstadt "wurden wir als Juden beschimpft und angepöbelt", berichtet eine der Schwestern, die heute unter dem Namen Lotte Seidel in einem israelischen Altenheim lebt. 1935 zeigten Nationalsozialisten das Mädchen bei der Polizei an - weil sie, die "Nicht-Arierin", bei einem Waldspaziergang deutsche Wanderlieder geträllert hatte.

In Northeim habe es weniger antisemitische Ausschreitungen gegeben als anderswo, betonen Allen und andere Forscher. Vielleicht, weil man sich doch genierte in einer Kleinstadt, in der sich viele seit Generationen kannten. Von den rund 120 Juden gehörte etwa der angesehene Privatbankier oder der Leiter des Festausschusses des Männergesangvereins von 1850 längst zu den Honoratioren der Stadt. Spätestens ab Mitte der dreißiger Jahre jedoch hatte die neue "Volksgemeinschaft" die von Hitler Verfemten fast völlig aus dem gesellschaftlichen Leben verdrängt. "Sie haben uns in Northeim nicht gleich umgebracht", sagt Gertrude Schulze-Ballin, "aber der Alltag war die Hölle." Treue Parteigänger dagegen konnten hoffen, für ihren Eifer mit einem der 46 staatlich geförderten Eigenheime in einer Neubausiedlung der Stadt belohnt zu werden. Diese Siedlung, nunmehr das Aushängeschild der NSDAP, war schon in der Weimarer Republik geplant, damals aber ausgerechnet von den Nazis im Stadtrat blockiert worden.

Nicht alle Deutschen wurden bis 1939 fanatische Parteigänger Hitlers, resümiert der Historiker Richard Evans, der auch die Northeimer Verhältnisse untersucht hat. Aber der "tiefe Wunsch der großen Mehrheit nach Ordnung, Sicherheit, einem Arbeitsplatz", nach sozialem Aufstieg und beruflichem Fortkommen habe dazu geführt, dass sie zumindest anfangs das NS-System unterstützten. Die Familie von Irmgard Holst hat die NS-Herrschaft gewollt, "weil es uns mit dem Nationalsozialismus endlich besserging". Für die 86-Jährige mit dem grauen Kurzhaarschnitt und den wachen blauen Augen waren die letzten Jahre der Weimarer Republik eine "traurige Zeit": Der Vater, ein Architekt, war nach dem Konkurs einer örtlichen Baufirma seit Jahren arbeitslos. Die Mutter nähte am Küchentisch unermüdlich Kleider, die sie bei Nachbarn gegen ein paar Möhren oder Kartoffeln eintauschte. Sie selbst, die Zwölfjährige, musste in geflickten Blusen zur Schule. "Du hast ja schiefe Absätze", sagte eine Klassenkameradin. Sie hat den abschätzigen Blick des Mädchens bis heute nicht vergessen.

Irmgard Holst weiß noch, wie die Familie am 30. Januar 1933 abends am Radio saß. Wie der Vater sagte, dass nun "eine gute Zeit anfängt". Im gleichen Jahr machte er sich selbständig mit einem kleinen Baugeschäft. Er bekam Aufträge, weil die Branche, angekurbelt durch Zuschüsse, plötzlich boomte. Er trat in die Partei ein und bekam noch mehr Aufträge. Vom ersten Geld kaufte er Irmgard ein Fahrrad. Später konnte die Familie sich kleine Reisen leisten. Man fuhr ins Theater nach Göttingen. Mutter und Tochter bekamen lange Taft- und Seidenkleider, für die Winterbälle des Gesangvereins im Hotel "Sonne".

Begeistert habe sie bei den Jungmädeln der NSDAP mitgemacht, sagt Irmgard Holst: "Endlich waren mal alle gleich." Dass einige nicht mehr gleich waren, dass ihre jüdische Freundin Ruth aus der Nachbarwohnung bald nicht mehr zum Spielen kam, dass sie selbst nicht mehr mit Ruths Vater, einem Kaufmann, in der Küche Walzer tanzen übte - das "war dann einfach so, da haben wir nicht viel drüber nachgedacht".

Trotz der Weltwirtschaftskrise - die Mehrheit lebte in Northeim recht gut, als sie die Republik abwählte. 7259 Sparkonten mit einem durchschnittlichen Guthaben von rund 300 Reichsmark verzeichnet die Northeimer Sparkasse 1933 - nur rund 175 Reichsmark pro Kunde weniger als 1929. Auch in den Krisenjahren hatten die Northeimer insgesamt im Schnitt 2,2 bis 2,3 Millionen Reichsmark allein bei der Sparkasse auf der hohen Kante. Es waren offenbar eher gutsituierte Bürger als Verzweifelte von der Straße, die in Northeim die Nationalsozialisten an die Macht beförderten.

Bürger wie der allseits beliebte Buchhändler Wilhelm Spannaus. Sein Vater habe den Nationalsozialismus gewollt, weil er gehofft habe, dass die NSDAP "den Staat wieder in Ordnung bringt", sagt Günther Spannaus, 80. Den Vater beschreibt er als nationaldeutschen Intellektuellen. Einer, der Brahms liebte, der mit dem evangelischen Pastor vierhändig Klavier spielte. Die Jahre des Ersten Weltkriegs hatte er als Lehrer in Peru verbracht. Als er zurückkehrte, Anfang 1920, sah er im Rheinland durchs zerbrochene Zugfenster heruntergekommene Straßenzüge und war "entsetzt, was aus dem alten Kaiserreich geworden war", so der Sohn.

Bildungsbürger Spannaus trat als einer der ersten Northeimer in die NSDAP ein. Bald Kreiskulturwart mit Amtswalter-Uniform und goldenem Parteiabzeichen, soll er daheim am Mittagstisch über allzu rohe Praktiken des NSDAP-Ortsgruppenleiters gelästert haben, dem er nach dem römischen Despoten den Spottnamen "Caligula" verpasste. Auch fand Spannaus junior in der Holzkommode im Biedermeier-Zimmer allerlei Beschwerdebriefe des Vaters über Günstlingswirtschaft im Rathaus, adressiert an eine Schlichtungskommission der Partei. Doch der Buchhändler blieb in der NSDAP, stützte weiter das System - wenn auch am Ende eher halbherzig.

Weite Teile des Northeimer Bürgertums liefen zur NSDAP über, weil sie die als linke Revoluzzer verschrienen Sozialdemokraten loswerden wollten. Die "Bürgerliche Vereinigung", ein Zusammenschluss konservativer Parteien auf kommunaler Ebene, wurde zum Wegbereiter der Nazis, indem sie die Angst vor den Linken schürte. Bei der Kommunalwahl 1933 hatte die NSDAP die Bürgerlichen dann im Griff. Statt der "Bürgerlichen Vereinigung" trat eine "Nationale Einheitsliste" unter Führung der NSDAP an, die nicht einmal die Namen ihrer Kandidaten bekanntgab. Fast 73 Prozent wählten die NSDAP-Liste, gut ein Viertel die SPD. Zur ersten Ratssitzung erschienen alle 15 Einheitslisten-Abgeordneten in Braunhemden.

Schikaniert durch Pöbeleien, Verhöre und willkürliche Verhaftungen zogen sich die SPD-Abgeordneten nach und nach aus der Politik zurück. Nur in Kirchenfragen regte sich in Northeim noch so etwas wie passiver Widerstand. Als der NSDAP-Ortsgruppenleiter Northeim zur ersten Stadt im Deutschen Reich ohne Kirchenmitglieder machen wollte, gingen viele Bürger demonstrativ noch öfter zum Gottesdienst - auch wenn Polizisten ihre Namen notierten und Hitlerjungen das Kruzifix der Stadtkirche mit Schneebällen bewarfen.

In der Stadtverwaltung arbeiteten schon vor der Machtübernahme etliche NSDAP-Mitglieder. Heinz Gleitz, 94, damals Sachbearbeiter im Hauptamt, trat 1931 mit 17 in die Partei ein. Er habe den Nationalsozialismus gewollt, weil er von "Sportsgeist und Kraft der jungen Bewegung begeistert war", sagt der adrett gekleidete Senior mit Golduhr, Siegelring und straff zurückgekämmtem weißen Haar. Und vielleicht auch, aber das verneint er, weil das Parteibuch ihm Karrierechancen eröffnete.

Es nicht zu haben war jedenfalls schädlich. Das bekam auch Gleitz' damaliger Chef, der oberste Stadtbedienstete Adolf Galland, zu spüren. Er wurde 1933 unter einem Vorwand entlassen, weil ein Nazi seinen Posten haben wollte. Gleitz, ein fähiger Verwaltungsmann, brachte es unter dem NSDAP-Regime zum Leiter des Hauptamtes. Er würde heute alles genauso machen wie früher, sagt der alte Herr offenherzig, denn in Northeim sei "ja nicht viel Schlimmes passiert unter der NSDAP".

Das dürften die Opfer der NS-Herrschaft gänzlich anders sehen. Rund 45 Arbeiter, Angestellte und Beamte der Stadt wurden 1933 aus politischen Gründen entlassen. Zuerst SPD-Mitglieder: ein Angestellter der Gaswerke, ein Buchhalter, ein Bademeister des städtischen Freibads. Später 15 Arbeiter des Bauhofs. Die Letzten, die hinausgeworfen wurden, weil die neuen Machthaber sie als Feinde ansahen, waren ein Sparkassenbote und ein Nachtwächter.

Gesäubert und gleichgeschaltet wurden auch die Ver- eine und Institutionen der Stadt. Die als "rot" verrufene Ortskrankenkasse bekam eine neue Führung. Die Gewerkschaften, die Sportvereine wurden aufgelöst oder in Unterorganisationen der Partei umgewandelt. Viele Handwerkerinnungen nahmen den Wandel pragmatisch: Sie luden ihre Mitglieder zu großen Sausen ein - um wenigstens ihre Kassen schnell noch leerzufeiern.

Im März 1933 bekam die Polizei Verstärkung von 30 SA- und SS-Männern, befördert zu Hilfspolizisten. Gemeinsam mit NSDAP-Ortsgruppenleiter Ernst Girmann, der den alten Bürgermeister entließ und sich selbst zum Stadtoberhaupt ernannte, etablierten sie ein subtiles Terror-System. Mit nächtlichen Hausdurchsuchungen, SA-Posten vor Geschäften politischer Gegner, stundenlangen Verhören. Im November 1933 wurden zwei Frauen festgenommen. Laut Lokalzeitung wegen "albernen Geschwätzes über Nationalsozialisten".

Gleichzeitig schwoll die NSDAP-Ortsgruppe an, von weniger als 100 Mitgliedern im Januar 1933 auf fast 400 im März und 1200 im Mai. Menschen, die sich schützen wollten, die sich Vorteile versprachen oder die dabei sein wollten. Einige Ehefrauen gingen in die Stadt, kauften ein Braunhemd und zogen es ihren Männern einfach an.

Nur sechs Monate nach der "Machtergreifung", resümiert Allen, hatte die NSDAP die Stadt fest im Griff. Das Volk feierte die neuen Verhältnisse: Die Schützengemeinschaft freute sich über einen 300-Meter-Schießstand, den die neuen Machthaber genehmigten. Auf der Breiten Straße brachte ein Schlachter in seinem Schaufenster ein Abbild von Hitler aus Schmalz, Petersilie und Wurstenden zustande.

Dass die Nazis in Northeim offenbar schneller Fuß fassten als anderswo, lag auch an NSDAP-Ortsgruppenleiter Ernst Girmann. Der Mann, der schon Anfang der zwanziger Jahre mit seinem Bruder Karl über den nationalen Verband "Jungdeutscher Orden" zur NSDAP gekommen war, erwies sich als effektiver Organisator, ehrgeiziger Strippenzieher und mitreißender Versammlungsredner - genau der Richtige also, um der Partei eine Massenbasis zu verschaffen. So waren diejenigen, die in Northeim die Nationalsozialisten nicht wollten, bald gesellschaftlich isoliert und politisch mundtot. Zwar hatten bei der Reichstagswahl 1930 noch über ein Drittel der Northeimer für die Sozialdemokraten gestimmt. Und SPD-Chef Carl Querfurt, unehelicher Sohn einer Arbeiterin und Inhaber eines Zigarrenladens, galt als scharfzüngiger Anwalt der kleinen Leute. Doch Querfurt und seine Partei kämpften bis zum Schluss auf der Straße gegen einen Gegner, der längst erfolgreich den Weg über die Institutionen eingeschlagen hatte. Ernst Fahlbusch, 96, SPD-Mann und Mitglied der paramilitärischen Kampftruppe Reichsbanner, war dabei, als NSDAP-Gegner am 19. Februar 1933 auf dem Marktplatz zur Kundgebung aufmarschierten. 400 Menschen, Musiker, Spielleute. Mittendrin Fahlbusch, ein arbeitsloser Maurer, mit der schwarz-rot-goldenen Fahne in der Hand.

Doch die Polizei hatte den Umzug angehalten und ihn umgeleitet in ein Gartenlokal am Stadtrand, angeblich, um Krawalle zu vermeiden. Dort, abgeschirmt von der Öffentlichkeit durch hohe Mauern und Uniformierte, durften die Demonstranten reden - während SA-Leute ungehindert in der Stadt marschierten. "Da wusste ich, dass wir verloren hatten", sagt Fahlbusch.

Es war die letzte politische Versammlung der Northeimer Sozialdemokraten für die nächsten zwölf Jahre.

Von den Northeimer Juden lebten Anfang der vierziger Jahre nur noch drei in der Stadt: der 70-jährige Jonas Blumenbaum, seine 64-jährige Frau Jenny und die 77-jährige Lina Rosenthal. Sie wurden ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. "Keiner kehrte von dort zurück", heißt es in einer Dokumentation.

Gertrude Schulze-Ballin und ihre Familie überlebten die Nazi-Diktatur nur mit Glück. Gertrude kam bei den Eltern ihres christlichen Verlobten unter, Juniorchef einer kleinen Versicherungsagentur. Heiraten durfte sie Kurt Schulze wegen der Rassengesetze erst nach 1945.

Schulze-Ballins Vater wurde 1945 von den Besatzungstruppen aus Theresienstadt befreit. Den leitenden Polizeibeamten, der ihn in der Reichspogromnacht morgens früh um 7 Uhr aus der Wohnung in Northeim abgeholt hatte, kannte Gertrude Schulze-Ballin gut: Es war der Ehemann einer Stammkundin der Mutter - "beide waren früher oft sonntags zu uns zum Kaffee eingeladen".

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insgesamt 5 Beiträge
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1.
Paul Hansen, 30.01.2008
Also mir reichts jetzt wirklich mit den absolut ewigen spiegel artikeln zum 3ten reich. dieses thema ist schon seit 30 jahren absolut ausgelutscht! zeit diese morbide zwangsneurose abzustellen.
2.
Michael Buchholz, 30.01.2008
Der Titel "Alle haben es gewollt" ist genauso unsinnig wie der Titel von Michael Degens Film "Nicht alle waren Mörder". Zur Erinnerung: Die NSDAP hat bei der Reichstagswahl 43,9% der Stimmen bekommen. Folglich sind 56,1%, also die Mehrheit GEGEN Hitler gewesen. Warum wird das immer unter den Tisch gekehrt?
3.
Helmut Ladwig, 30.01.2008
Die erste Auflage des Buches von William Sherida Allen wurde ins Deutsche übersetzt und von der Bundeszentrale für Politische Bildung mit veröffentlicht. Es ist beschämend, dass die zweite, überarbeitete Ausgabe von 1984 "The Nazi Seizure of Power" bisher nicht übersetzt wurde. Durch dieses Buch wird auch heutige Bürger der Weg und die Entwicklung der Nazi in einer kleinen Stadt nachvollziehbar. Es zeigt damit, worauf jetzt und künftig bei der Entwicklung der rechten Szene zu achten ist. Gut das dieser Artikel erschien, um auf das Buch und seine Bedeutung hinzuweisen. H. Ladwig
4.
Walter Prof.Dr.Fröscher, 30.01.2008
In dem Artikel über Northeim kommt zu wenig zur Sprache,warum die Northeimer sich wie die Mehrzahl der Deutschen für Hitler und die NSDAP entschieden haben. Die Lebensbedingungen in Deutschland in der Zeit von 1918 bis 1933 ( oder auch von ca. 1900 bis 1933) sollten in einem weiteren Beitrag beleuchtet werden.
5.
Klaus Moll, 30.01.2008
Es ist erschuetternd dass so viele Menschen es sich leicht machen mit den Verbrechen, die aus Systemen und falschen Einstellungen gleichsam wie Pilze herauswachsen - ueberall in der Welt. Dennoch gibt es immer und ueberall - stets einsame -, so auch meine eigenen Eltern, die wir nie ein Wort fuer Hitler oder die Nazis oder den Krieg, wohl aber gegen die Kristallnacht sagen hoerten, was ich dann als Fuenfjaehriger auf der Koenigsallee auf die SA Leute zeigend mit der Frage vertiefte: Sind das die boesen Maenner, die das Haus vom lieben Gott (die Synagogen) verbrannt haben. Da die anderen vier Brueder noch kleiner waren als ich, waren so deutliche Bemerkungen in der Familie danach tabu. Ich habe die Diskrimination in der anderen Richtung erlebt und erlitten. Allerdings nur wiederum bei einigen wenigen Ungebildeten meist sehr jungen Leuten. Die anderen wirklich betroffenen Juden, die zum Teil eigene Familienangehoerige verloren hatten wurden vielleicht auch deswegen meine guten Freunde, weil wir miteinander gegen jede Pauschalierung, Diskriminierung und Vorurteile stehen, jetzt doch Gott sei Dank in einer freieren Welt. Deswegen koennen wir uns auch gemeinsam gegen das Unrecht wehren, das heute geschieht und auch deswegen ist die freie Meinungsaeusserung wichtig.
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