Ortswechsel Vom Staudamm zur Nobelmeile

Industriehallen werden zu Szene-Lofts, Bibliotheken zum Schnellimbiss, Kirchen zu Kneipen: einestages will zeigen, wie sich Gebäude, Straßen und Plätze verändern. Erstes Beispiel der Reihe Ortswechsel ist der Hamburger Jungfernstieg, eine Flaniermeile mit vielen Facetten.

Staatsarchiv Hamburg

Von Gisela Schütte


"Da lässt sich gut sitzen, und da saß ich gut und dachte, was ein junger Mensch zu denken pflegt, nämlich gar nichts, und betrachtete, was ein junger Mensch zu betrachten pflegt, nämlich die jungen Mädchen, die vorübergingen."

So beschrieb der Dichter Heinrich Heine den Jungfernstieg an Hamburgs Binnenalster. Es ist eine ganz und gar zeitlose Schilderung des Boulevards. Mag sein, dass die jungen Mädchen von ihren Bewunderern im Laufe der Zeiten als elfengleich, reizend, entzückend, elegant, magisch oder cool bezeichnet wurden, an der Bedeutung und Nutzung des Ortes ändert das nichts: Der Jungfernstieg ist Hamburgs Visitenkarte und eine Bühne für Touristen und Einheimische, für Flirter und Flaneure.

Dabei ist der Ursprung des Jungfernstiegs höchst prosaisch und hat gar nichts mit stadtplanerischem Kalkül zu tun. Um 1235 errichtete man hier einen Mühlendamm, damit die Alster dem Müller Hinrich Reese genug Wasserkraft für seinen Betrieb lieferte. Fast logisch, dass die Straße Reesendamm genannt wurde. Gegen 1665 verbreiterte man den Weg am Wasser, bepflanzte ihn nach dem Vorbild der Palmaille im benachbarten Altona mit Bäumen und legte eine Ballspielbahn für das dem Croquet verwandte Schlägerspiel "Palla a maglio" an, die der Straße nun ebenfalls den Namen Palmaille gab.

Die gefiel nicht nur den Ballspielern, sondern auch den Spaziergängern. Weil sich dort auch die jungen Hanseatinnen in Szene setzten, die Damen der Gesellschaft ebenso wie die Schönen des Gewerbes, bestimmte einmal mehr die Nutzung den Namen: Die Palmaille wurde zum Jungfernstieg und ließ den Dichter Friedrich Hagedorn schwärmen: "Das Ufer ziert ein Gang von Linden, in dem wir holde Schöne sehen, die dort, wenn Tag und Hitze schwinden, entzückend auf- und niedergehen." Beim Namen Jungfernstieg ist es dann geblieben.

Austern schlürfen mit Heinrich Heine

Doch wer möchte immer nur flanieren und nach einem möglichen Flirt Ausschau halten, ohne sich setzen und vielleicht auch erfrischen zu können? Es bedurfte der Weitsicht und der Lebenskunst eines Franzosen, um dem Jungfernstieg das geeignete Etablissement zu verschaffen: Der Vicomte Augustin Lanclot de Quatrebarbe, der seinen Hals vor der französischen Revolution in die Hansestadt gerettet hatte, ließ sich im Jahr 1799 vom Rat der Stadt den Bau eines Pavillons an der Alster genehmigen. Eine glänzende Geschäftsidee, denn es mangelte nicht an Kundschaft.

Heinrich Heine kam vorbei, um Austern zu schlürfen, denn sein Onkel, der betuchte Bankier Salomon Heine, wohnte gleich schräg gegenüber, und vom eleganten "Hotel Russie" waren es für die Gäste nur ein paar Schritte zum Pavillon, der in den folgenden Jahrzehnte sechs architektonische Nachfolger fand. Für deren Gestaltung machten sich bekannte Planer wie der klassizistische Architekt Carl Ludwig Wimmel und der Rathausbaumeister Martin Haller Gedanken, der Pavillon von 1900 wurde als "Kachelofen" verspottet, Kaffe trank man dort dennoch. Den heutigen Pavillon mit der bislang längsten Existenz baute Ferdinand Streb im Stil der fünfziger Jahre.

Schon lange vorher begeisterte der Ort die Poeten. Anno 1831 schwärmte der weit gereiste Märchen-Dichter Hans Christian Andersen: "Der Jungfernstieg wimmelt von Spaziergängern. Man segelt auf der Alster, und ich hatte Wein und Punsch auf dem Tisch und einen herrlichen Rosenstrauß, den ich von einer Vierländerin für zwei Schillinge kaufte. Der Abend ist so herrlich, die Wolkenpartien sind so malerisch, Türme und Häuser spiegeln sich im in der Alster. Es ist, als hätte die alte Kaufmannsstadt ihre besten Kleider angelegt."

Neue Kleider für den Boulevard

Mit dem Zeitgeschmack der siebziger Jahre legte der Jungfernstieg seine besten Kleider ab und gewandete sich in Waschbeton. Kantige Pavillons bestimmten nun das Bild, dem Wind, Wetter und zahllose Alstervergnügen den Rest gaben. Die Visitenkarte war zur Schmuddelmeile geworden, die allenfalls die Skateboarder entzückte, die auf den Betonstufen ihre Kapriolen schlugen. Eine Bürgerinitiative eroberte den grauen Alsteranleger für die Spaziergänger zurück: Mäzenatentum und viele kleine Spenden brachten die insgesamt rund 16 Millionen Euro zusammen, um den Boulevard bis zum Jahr 2006 wieder in eine Flaniermeile zu verwandeln.

Der Architekt André Poitiers und die Landschaftsplaner WES+Partner lieferten das Schnittmuster für die breite Treppenanlage und die Lindenallee am Wasser, und neben dem Alsterpavillon der fünfziger Jahre entstanden gläserne Kuben mit frostig geätzen Fensterscheiben, über deren Gestaltung gestritten wird. Aber schließlich war der Jungfernstieg gestalterisch doch immer wandelbar, architektonisch im Zeitgeschmack gekleidet. Zeitlos bleiben die Wasserlage und die Befindlichkeit der Flirter und Flaneure, die da sitzen und denken, was junge Menschen zu denken pflegen.



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