Ortswechsel: Potsdamer Platz Mutter aller Kreuzungen

Er ist gar kein echter Platz und scheußlich obendrein. Am Potsdamer Platz mitten in Berlin kreuzten sich drei Jahrhunderte lang Menschen, Verkehr und Geschichte. Geschmäcklerische Kritik kratzt ihn heute nicht mehr - für eine Brache hat er es in zehn Jahren weit gebracht.


Mit Wollmützen und Outdoorjacken hat eine Filmcrew sich gegen Berlin gewappnet. Zwei bullige Räder mit Angeber-Alufelgen sind dekorativ auf den Pflasterquadraten drapiert. Die Kamera wartet. Wenige Meter vor der verglasten Kante des PricewaterhouseCoopers-Hauses posiert ein britischer Nobelgeländewagen. Doch der Himmel ist grau, das verdammt die Männer und ihr Model zur Untätigkeit. Um sie herum strömen die Touristen, hinter ihnen der Verkehr auf der Bundesstraße 1, die hier Potsdamer Straße heißt.

Berlin, Potsdamer Platz. Vor keiner Kulisse dieser Stadt könnte das verfrorene Grüppchen eher wie ein Außenposten in äußerster Ödnis wirken als hier, wo die Vorzeigebauten wie Keile aneinander ecken: Neben der gläsernen Kante das dekoverziegelte Kollhoff-Hochhaus, jenseits der B1, der grünglasige Bahntower des Sony-Center, daneben, wie nachgeboren, die zweieiigen Zwillingstürmchen des Beisheim-Centers. In 15 Jahren wurden hier für über 10 Milliarden Euro weit über eine Million Quadratmeter Büroflächen gebaut. Bis heute sind nicht alle vermietet. Dazu teure Apartments, Filialen globaler Hotelketten, ein Musicaltheater, Kinos, eine aseptische Mall, die Geschwüre der Systemgastronomie.

Ein Gedankenspiel: Wenn die wartenden Werbefilmer über eine Zeitmaschine verfügten, wie würde sich im Flug in die Vergangenheit um sie herum die Kulisse ändern? Größte Baustelle Europas, traurigste Brache Deutschlands, Nabel einer längst untergegangenen Welt und schließlich ein bescheidener Anfang im märkischen Sand. Kurz auf die Rückspultaste gedrückt und schon hockte unsere Filmcrew am Rande eines Ackers. Der spätere Tiergarten wäre noch ein sumpfiger Forst. Vier Landstraßen liefen vor einem Stadttor zusammen. Genau dort, wo gut 250 Jahre später der Dirigent Daniel Barenboim das Ballett der Baukräne zu den Klängen von Beethovens Neunter Symphonie tanzen lassen soll.

Kreuzung und Drehkreuz

Erst vor drei Jahrhunderten, 1710, entstand Berlin als Haupt- und Residenzstadt - das Produkt einer Städtezusammenlegung. Friedrich Wilhelm I. ließ in den 1730er Jahren eine Mauer darum herum ziehen, um den Zöllnern das Kassieren zu erleichtern und den Soldaten das Desertieren zu erschweren. Die Mauer hatte 14 Tore, eines davon war jenes am heutigen Leipziger Platz. Dieses Achteck war ein echter Platz, der berühmte Nachbar hingegen nur eine Straßenkreuzung.

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Mittendrin und an der Grenze: Potsdamer Platz

Der Potsdamer Platz ist ein Produkt des Verkehrs. Ein Jahrhundert nach dem Soldatenkönig wurde im Süden der Potsdamer, etwas später der Anhalter Bahnhof gebaut. Täglich strömten von dort Menschenmassen Richtung Stadtzentrum. Ab 1902 nahmen sie ab Potsdamer Platz die erste Berliner U-Bahn. Am Drehkreuz Potsdamer Platz sprossen jene Gewerbe, die vom preußisch-kaiserlichen Getümmel lebten: Im Halbdunkel ein veritables Rotlichtviertel, im grellen Licht eine lange Folge von Luxushotels, Theatern, Varietés und Event-Gastronomie.

"Café Piccadilly", "Wiener Café" und "Bierstube Löwenbräu" - was Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hip war, hier fand es sich. Die "Rheinterrassen" lockten stündlich mit einem simulierten Gewitter, während die Intelligenzija im Café "Josty" schwadronierte. Charlestontänzer, Jazzmusiker, Expressionismus und Dekadenz - in den Zwanzigern war der Namen jener Kreuzung synonym für Weltläufigkeit und Urbanität. Hier waren die Zwanziger wirklich golden, Berlin wirklich der Nabel der Welt.

Nabel und Nadelöhr

Zeitgenössische Aufnahmen zeigen Trambahnen und Pferdefuhrwerke, Lastwagen, elegante Limousinen mit Chauffeur und Boten mit Handkarren aus fünf Richtungen zusammenströmen. Dazwischen eine schwarze Masse Menschlein. 1924 sah sich die Stadtverwaltung genötigt, auf der Potsdamer Kreuzung den "Verkehrsturm" aufzustellen, die erste Ampel der Stadt. Heute steht ein Nachbau der grünen Eisenkonstruktion gleich neben der Stelle, an der die Filmcrew wartend hockt.

Hätten sie ihre Zeitmaschinenfernbedienung zur Hand, mit einem Sprung in die vierziger Jahre könnten die Filmleute die meisten kühnen Häuser um die Kreuzung herum in Trümmer sinken sehen. Am Kriegsende standen Panzersperren, wo einst Friedrich Wilhelms I. Zollmauer verlief. Später trafen hier die Zonen der Amerikaner, Briten und Sowjets aufeinander - ein Dreiländereck des Schwarzmarkts in der Nachkriegsnot. Beim Aufstand der Arbeiter 1953 brannte das verbliebene Columbushaus aus. 1961 durchtrennte die Mauer das Areal.

Nirgends riss Ulbrichts Gewaltbauwerk eine größere Wunde ins Stadtbild als hier, wo zwischen der eigentlichen Mauer und den Absperrungen im Hinterland eine riesige Brache blieb. Ein paar hundert Meter weiter nördlich schrie US-Präsident Ronald Reagan 1987 seine historische Rede über die Mauer gen Osten. Aber am Potsdamer Platz entstand eine einzige Einöde, auch westlich der Mauer.

The Wall und die Box

Als sie fiel, standen die TV-Kameras am Brandenburger Tor, der Bernauer und der Bornholmer Straße. Hier entstanden die ikonischen Fotos fürs deutsche Geschichtsalbum. Auf der Potsdamer Brache inszenierte ein knappes Jahr später der Brite Roger Waters die Rockoper "The Wall". 300.000 Zuschauer machten die Show in der Nacht vom 21. auf den 22. Juli 1990 zum bis dato größten Freiluftkonzert der Geschichte. Vor allem aber wurde es weltweit im Fernsehen übertragen. Plötzlich wussten auch in der westdeutschen Provinz Teenager, die nie im Leben von Friedrich Wilhelm I., Karl Friedrich Schinkel oder Ernst Ludwig Kirchner gehört hatten: Im Herzen Berlins gibt es einen Ort namens Potsdamer Platz.

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In der zweiten Hälfte der Neunziger pilgerten sie - als Wochenendtouristen, auf Klassenfahrt, oder während ihres ersten Praktikums in der Hauptstadt - dorthin. Aus Deutschlands traurigster Brache war die größte Baustelle Europas geworden. Sie gebar Gebäude von gelecktem Globalgeschmack und man konnte dabei zusehen. Die knallrote Infobox auf dem Leipziger Platz war damals Pflichtprogramm für jeden Berlinbesucher. In einem Jahrzehnt wuchs ein Viertel, das Boom statt Brache ausstrahlte.

Daimler hat seinen Part des Potsdamer Platzes an eine schwedische Bank verkauft, auch Sony suchte nach Interessenten für sein Center. Und das Berliner Kultur- und Nachtleben spielt heute abseits dieser gigantischen Retorte. Immerhin, das überdachte Einkaufszentrum ist mittlerweile eines der meistbesuchten der Hauptstadt. Und draußen rauscht an den wartenden Werbefilmern der Verkehr vorbei. Der Potsdamer Platz ist wieder, was er ursprünglich war und dann so lange nicht mehr sein durfte - eine vielbefahrene Kreuzung.



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Jochen Philipp Ziegelmann, 01.10.2008
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Mehr über die Wechselvolle Geschichte und das politische und kulturelle Leben rund um den Potsdamer Platz finden Sie reichhaltig illustriert auf "Potsdamer Platz - Eine Zeitreise" unter www.potsdamer-platz.org
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