Extrempaddler Oskar Speck Im Faltboot nach Australien

Er wurde verprügelt, beschossen und ausgeraubt, doch er paddelte immer weiter: 1932 startete Oskar Speck von Ulm aus eine Fahrt um die halbe Welt. Obwohl er Nichtschwimmer war, durchquerte der Abenteurer in einem winzigen Boot Flüsse, Seen und Meere - und landete am Ende seiner Reise im Gefängnis.

Australian National Maritime Museum

Von Sandra Ketterer


Als Oskar Speck in dieser Nacht die Augen aufmachte, wusste er, dass er in Schwierigkeiten steckte. Etwa 20 Eingeborene der indonesischen Insel Lakor standen um sein Faltboot, alle bewaffnet mit Speeren, Schwertern oder Macheten. Speck, nur bekleidet mit einem Sarong, einer Art Rock für Männer, wollte sie mit seiner Pistole einschüchtern. Doch sie zogen ihn aus dem Boot, er verlor den Rock und sie fesselten ihn. Die Männer seien geradezu entrückt gewesen durch das Glück, einmal einen Weißen hilflos zu ihren Füßen zu haben, erzählte Speck später. Sie schlugen und traten ihn so heftig, dass sein linkes Trommelfell platzte. Aber er konnte fliehen - mit seinem Boot, der Kamera, Filmen und einem Großteil seiner Kleidung.

So etwas hatte der deutsche Elektriker nicht vorhergesehen, als er am 13. Mai 1932 in Ulm zu seiner ungewöhnlichen Reise aufgebrochen war. Der damals 25-Jährige war frustriert über die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands, sein Betrieb mit 21 Angestellten war insolvent und keine neue Arbeit in Sicht. Als er in der Zeitung von Jobs in Kupferminen auf Zypern las, überlegte er nicht lange und fuhr los - allerdings nicht mit einem gewöhnlichen Verkehrsmittel. Speck, ein erfahrener Paddler, nutzte diese Gelegenheit für eine besondere Herausforderung: Ausgerechnet in einem Faltboot wollte er nach Zypern reisen. Er sollte der erste Mensch werden, der in einem solchen Sportgerät diese Strecke zurücklegte. Allerdings nicht, ohne auf dem Weg einige Überraschungen zu erleben.

"Ich war verrückt"

Faltboote waren beliebt zu dieser Zeit. Sie galten als "das Schiff des kleinen Mannes" und standen für Sportlichkeit und Tapferkeit. Die Pionier-Faltboot-Werft in Bad Tölz sah ihre Chance gekommen. Sie erklärte sich bereit, Speck ein Boot nach seinen Vorgaben zu bauen - eine tolle Werbung für ihre Produkte. Dabei übernahm die Firma nicht nur die Herstellungskosten, sondern auch den Transport. Ein Vertrag, der Speck mehrfach rettete: Denn bis zu seinem Ziel würde er noch viermal ein neues Boot bestellen müssen.

1932 begann er mit seinem knapp fünfeinhalb Meter langen Fahrzeug die Reise auf der Donau. Den zweiten Sitz hatte er entfernt, um mehr Stauraum zu haben. Sein Gepäck war spärlich: Kompass, Karten, Wasser, Kondensmilch, Sardinen und Fleisch in Dosen, ein wenig Kleidung und ein Fotoapparat. In den Taschen gerade genug Geld für die ersten Tage. Dazu ein Segel und ein Reservepaddel.

Schon in Passau, der ersten größeren Stadt auf seiner Reise, musste er eine Pause einlegen. Er hatte kein Geld mehr. Mehrere Tage musste er warten, bis Nachschub von seiner Schwester aus Hamburg eintraf. Dann ging es weiter, über Österreich, Ungarn, Bulgarien, das Schwarze Meer, das Mittelmeer, Griechenland und die Türkei.

Specks Taktik auf offenen Gewässern war es, so oft wie möglich in Küstennähe zu paddeln. Das war sicherer, denn ab Windstärke vier fing sein Boot stark an zu schwanken. Faltboote seien vergleichbar mit Fahrrädern, erzählte Speck später in einem Interview. Das Boot müsse ständig in Bewegung bleiben, ansonsten kippe es zur Seite und er falle hinaus. Teilweise musste Speck 16 Stunden am Stück paddeln. Festgeschnallt - denn obwohl er bereits viele Jahre gepaddelt hatte, konnte Speck gar nicht schwimmen. "Gemessen an vernünftigen Standards war ich verrückt", kommentierte er später sein Vorhaben.

Schüsse in der Nacht

Als Speck endlich auf Zypern ankam, freute er sich vor allem über eines: die Frauen. An einem Job auf der Insel hatte er hingegen kein Interesse mehr. Und so beschloss er, seine Reise hier nicht enden zu lassen - und fuhr einfach weiter.

In seinem Kopf war der Wunsch nach einer noch größeren Reise geboren worden - einer Fahrt rund um die Welt, bis nach Australien und zurück. Nach einer Reise, mit der er in den Geschichtsbüchern landen würde. Also machte Speck sich auf, zunächst nach Syrien. Sein Ziel: mit dem Bus zum Euphrat. In den Dörfern, in denen er vorbeikam, so erzählte er später, sei er häufig von Einheimischen eingeladen worden: "Ich habe niemals Gastfreundschaft abgelehnt" - allerdings wohl weniger aus der Begeisterung für die Einheimischen heraus als aus Angst, erschossen zu werden. "Auf diese Weise", so meinte Speck nämlich zu wissen, "drückt der Araber seine Abneigung gegenüber zurückgewiesener Gastfreundschaft aus."

Einmal wurde tatsächlich auf ihn geschossen, nachts, als er gerade den Euphrat entlangglitt. Den Grund dafür hat er nie erfahren, auch hat er die Angreifer nie gesehen. Gekränkte Gastfreundschaft kann es jedoch nicht gewesen sein.

In Belutschistan beging Speck einen verhängnisvollen Fehler: Er ließ sein Boot, wenn auch nur kurz, unbeaufsichtigt - und prompt war es weg. Zusammen mit seinem Geld, seinem Pass und allem, was er besaß, außer den Kleidern, die er am Leib trug. Ehe er zwei örtliche Polizisten dazu bewegen konnte, ihm zu helfen, musste er ihnen versprechen, dass er das Geld im Boot mit ihnen teile, wenn sie es fänden. Die Investition rentierte sich: Bereits am nächsten Morgen holten sie die Diebe ein, die ebenfalls mit einem Boot unterwegs waren. Speck teilte sein Vermögen von gerade mal 80 Pfund mit den Polizisten und paddelte weiter.

Viel Geld hatte der Kanute eigentlich nie bei sich. Mit Gelegenheitsjobs hielt er sich über Wasser - etwa mit öffentlichen Vorträgen, die er in Bombay hielt. Außerdem schrieb er während seiner Reise für den "Berliner Lokal-Anzeiger" eine Serie von reißerischen Artikeln. Unter dem Titel "Abenteuer in der Sunda-See" inszenierte er sich als furchtloser Held.

Vom Rekord-Paddler zum Nazi-Spion?

Von der politischen Situation zu Hause hatte Speck während seiner Reise nur wenig mitbekommen. Kurz bevor er im September 1939 in Australien ankam, hört er erstmals die Stimme Adolf Hitlers im Radio. Als er dann an der australischen Küste landete, wurde er sofort festgenommen. Das Land befand sich inzwischen im Krieg mit Specks Heimat. Und ein überraschend auftauchender Deutscher, der alles filmte? Konnte eigentlich nur ein Spion sein, so die Mutmaßung damals.

Bis Kriegsende musste Oskar Speck in Internierungslagern ausharren. Sein wahres Verhältnis zu den Nationalsozialisten blieb dabei unklar. Während seiner Gefangenschaft schrieb Speck einen Beschwerdebrief an den Schweizer Konsul in Melbourne, indem er seine Überstellung in ein Camp forderte, in dem er seinen Patriotismus stärker zeigen könne. War Spreck also tatsächlich ein Nazi-Sympathisant? Denkbar ist aber auch, dass er diese Worte nur wählte, um eine bessere Behandlung zu erfahren. Spätere Bekannte beschrieben ihn als Einzelgänger, der keine Lust hatte, nach Deutschland zurückzukehren und sich von den Nazis als Musterbeispiel deutschen Heldentums herumzeigen zu lassen.

Nach seiner Freilassung 1945 beschloss Speck, in Australien zu bleiben und baute sich dort ein Vermögen mit dem Handel von Edelsteinen auf. Die Verbundenheit zu seiner neuen Heimat hielt sogar bis über seinen Tod hinaus: Als Oskar Speck 1995 starb, vermachte seine Lebensgefährtin dem Australian National Maritime Museum in Sydney Specks Nachlass.



insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Anne Lehmann, 04.11.2013
1.
Super der Artikel. Noch schöner wäre es, wenn durchgängig vom Paddel oder Paddler gesprochen werden würde. Rudern ist etwas anderes!
Maike Kollenrott, 04.11.2013
2.
er ruderte nicht, sondern er paddelte ;-) Paddel sind einteilig, mit Blöättern an beiden Enden - ein Ruder hat nur ein Blatt. Beim Rudern zieht man beide Blätter gleichzeitig durchs Wasser, beim Paddeln abwechselnd.
Andreas Wirsieg, 04.11.2013
3.
Foto 2: trotzdem Speck erst 1939 die Stimme Hitlers erstmals im Radio hörte und sich während seiner Reise nicht für die politische Situation "zu Hause" interessierte, ziert bei Halbzeit seiner Reise in Südindien eine Hakenkreuzfahne sein Boot?
Johannes Steiger, 04.11.2013
4.
Herr Speck hat aber offensichtlich nicht nur gerudert sondern auch ein einfaches Segel benutzt (siehe Foto). Das hilft bei guten Windverhaeltnissen enorm.
Lothar Müller, 04.11.2013
5.
Sehr spannend, aber auch viele Merkwürdigkeiten. Natürlich kippen Faltboote nicht um, wenn sie nicht in Bewegung sind, wie man auf dem ersten und dritten Foto auch sehr gut sehen kann!
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