Ostrocker Toni Krahl und der Prager Frühling "Sagen, was man denkt"

Bevor Toni Krahl, heute 68, Sänger der Band City wurde, war er 68er. In Ost-Berlin. Als Truppen des Warschauer Pakts vor 50 Jahren die Tschechoslowakei besetzten, protestierte der Jugendliche - und landete in Haft.

ullstein bild/ ARTCO-Berlin

Von Michael Kloft


Zur Person
  • imago/ Lars Reimann
    Toni Krahl, Jahrgang 1949, gründete 1967 in Ost-Berlin seine erste Band und wurde acht Jahre später Sänger der Band City. Ihr Titel "Am Fenster" vom ersten Album, das auch in der Bundesrepublik erschien, war der größte Erfolg eines DDR-Songs im Westen. 2016 veröffentliche Krahl sein Buch "Rocklegenden". City sind ab 27. Oktober 2018 auf Unplugged-Tournee. Termine, Informationen und Tickets gibt es hier.

Am Morgen des 21. August 1968 schaltet Toni Krahl, 18, in Ost-Berlin das Radio an. Es sind große Ferien. Er möchte Musik hören, sich später mit seinen Kumpels treffen oder ins Freibad. Doch die Nachrichten verstören ihn. Von der Niederschlagung der Konterrevolution ist im Staatsrundfunk der DDR die Rede, von einem großen Sieg des Sozialismus.

"Heutzutage würde ich sagen, in meinem Alter: Ich hatte Blutdruck", sagt der inzwischen 68-jährige Frontmann der Rockband City in der SPIEGEL-TV-Dokumentation "Der Prager Frühling und die Deutschen", die am Dienstag um 20.15 Uhr auf ZDFinfo läuft. "Ich habe mich aufgeregt."

Panzer und Truppen aus der Sowjetunion, Polen, Bulgarien und Ungarn besetzten vor genau 50 Jahren die Tschechoslowakei. Sie entmachteten die Führung der Kommunistischen Partei, die eine spektakuläre Wende gewagt hatte. Mit Meinungs- und Pressefreiheit, mit Bürgerrechten und Privatisierungsplänen hatten Reformkommunisten um Parteichef Alexander Dubcek den Sozialismus neu zu beleben versucht und damit vor allem die Betonköpfe im Ostblock herausgefordert.

So wie es ist, darf es nicht bleiben

Toni Krahl erinnert sich, als wäre es gestern gewesen. Den Prager Frühling 1968 hat er hautnah in der Hauptstadt der CSSR erlebt - das Gefühl der Freiheit gespürt, mit Gleichgesinnten aus dem Westen und den sozialistischen Bruderländern Musik gehört, in Klubs gefeiert, ein Leben ohne Zwang genossen: "Das wollten wir mitnehmen nach Hause und auch hier erleben."

TV-Doku: Der Prager Frühling und die Deutschen - vom Traum zum Trauma

ZDFinfo

In der DDR blickt SED-Generalsekretär Walter Ulbricht 1968 mit Entsetzen auf diesen "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", wie die Entwicklung in Prag inzwischen genannt wird. Mit dem Politbüro ist er sich einig, man müsse um jeden Preis verhindern, "faule Eier in die DDR zu importieren". Und so wettern die von der Partei kontrollierten Staatsmedien gegen "konterrevolutionäre Umtriebe".

Toni Krahl empfindet das als "Hetze" gegen die Entwicklung in der Tschechoslowakei: "Es waren Diffamierungen des gesamten Staatsapparates, eine unerträgliche Propaganda, die völlig im Gegensatz zu dem stand, was wir in Prag erlebt haben."

Nach den niederschmetternden Nachrichten zur Invasion trifft er sich am 21. August 1968 mit Freunden und überlegt, was sie jetzt tun können. Anders als die Studenten im Westen der Stadt, die gegen den Vietnamkrieg und das Establishment demonstrieren, haben die Ost-Berliner Jugendlichen keine Erfahrung mit Protestkultur.

Mit Fähnchen in CSSR-Farben

Eines aber wissen sie: So wie es ist, darf es nicht bleiben. Die Hoffnung, die aus Prag herüberweht, darf nicht sterben. Freie Menschen wollen sie sein. Die Gefahren ignorieren sie.

Spontan gehen sie zur Botschaft der CSSR, bekommen aber nur einen hektographierten Parteibeschluss in die Hand gedrückt. Enttäuschend. Für die DDR-Jugendlichen ist es eine zutiefst emotionale Sache, weniger eine politische Frage. Toni Krahl hat eine Idee: "Lass uns doch eine Schweigekundgebung machen, eine Kundgebung vor dem für uns erkennbaren größten Akteur dieser Okkupation - vor der sowjetischen Botschaft. Da werden wir unseren Protest zum Ausdruck bringen."

Sie schreiben kleine Zettel mit Zeit und Ort der Aktion: 25. August, 17 Uhr, Unter den Linden vor der Botschaft der UdSSR. Die verteilen sie in Jugendklubs, bei Tanzveranstaltungen und im Freibad. Sie hoffen, so gleichgesinnte Jugendliche zu aktivieren.

Am Sonntag machen sie sich zu fünft auf Richtung Innenstadt. Sie tragen amerikanische Parkas und Jeans, haben kleine Fähnchen in den Farben der Tschechoslowakei gemalt und sich wie Parteiabzeichen angeheftet. Nahe der Botschaft treffen sie auf ähnliche Grüppchen, einige Dutzend Jugendliche wollen den Protest wagen.

Als Rädelsführer denunziert

Doch ebenso zahlreich haben dort Männer mit militärischem Kurzhaarschnitt Stellung bezogen. Obwohl die Sonne scheint, tragen sie Anoraks und Regenschirme, die als Schlagstöcke dienen können. Plötzlich tauchen Mannschaftswagen der Volkspolizei auf, beginnen mit Ausweiskontrollen. Toni und seine Freunde rennen weg, so schnell sie können - und hängen die Verfolger ab. Über mögliche Konsequenzen machen sie sich keine Gedanken.

Was dann geschieht, lässt sich in Toni Krahls Stasiakten nachlesen, die erhalten geblieben sind. Eine informelle Mitarbeiterin des Ministeriums für Staatssicherheit erfährt von einem Teilnehmer, wer hinter der Protestaktion steckt. Sie denunziert Toni am 29. August 1968 als Rädelsführer.

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Toni Krahl und City: "Eine unerträgliche Propaganda"

In der Schule sollen außerordentliche Versammlungen die Jugendlichen auf Kurs bringen. Toni Krahl geht jetzt kein Risiko mehr ein und lässt die Belehrungen über sich ergehen. Dann erhält er am 12. September eine Vorladung ins Polizeipräsidium: "zur Klärung eines Sachverhaltes".

Sein Vater, Redakteur der Parteizeitung "Neues Deutschland" (ND), rät ihm zur Besonnenheit. Es gehe um die sozialistische Sache, dabei sei Einigkeit das Wichtigste. Am nächsten Morgen macht sich Toni Krahl auf den Weg. "Ich bin ziemlich unvoreingenommen hingegangen", erinnert er sich in der TV-Doku, "hab' gedacht, es ist eigentlich auch schönes Wetter. Dann bist du um acht dort, kannst um zehn im Freibad sein, machst ja schulfrei - aber es wurde alles ganz anders. Es war also keine Klärung eines Sachverhalts, sondern von Anfang an ein Verhör."

"Wissen meine Eltern, wo ich bin?"

Statt die ganze Geschichte kleinzureden, verteidigt der 18-Jährige selbstbewusst sein Vorgehen. Der "Demokratisierungsprozess" in der CSSR sei eine "gute Sache" gewesen, sagt er laut Vernehmungsprotokoll. Er wünschte sich, fügt er mutig hinzu, "dass es auch in der DDR Bestrebungen gäbe, überall und zu jeder Zeit das sagen zu können, was man denkt".

Die Vernehmer haken unbeeindruckt nach. Krahl: "Es ging in erster Linie immer wieder darum, wer uns angeleitet hätte, wer uns geführt hat. Der größte Vorwurf war, ich wäre geführt worden oder wir hätten nicht aus eigenem Antrieb gehandelt, sondern irgendwelche imperialistischen, westlichen Mächte hätten uns ferngesteuert und zur Konterrevolution angestiftet."

Nach 14 Stunden Verhör wird Toni Krahl erkennungsdienstlich behandelt und wegen "staatsfeindlicher Hetze" in Haft genommen: "Der Haftbefehl wurde verlesen, rein in ein Auto. Ich wusste nicht, wo lang oder wohin, bin im Untersuchungsgefängnis gelandet, stand dort in der dunklen Zelle und hab dann erst mal versucht, einen klaren Gedanken zu fassen. Was ist jetzt passiert? Staatsfeindliche Hetze, was ist denn das, wie kommen die darauf? Was hat das zu bedeuten? Wissen meine Eltern, wo ich bin? Sind noch weitere betroffen? Das waren alles Fragen, die mir durch den Kopf geschossen sind. Und ich glaube, ich habe in dieser Nacht so gut wie gar nicht geschlafen."

"Heimholung in die sozialistische Menschengemeinschaft"

Wochenlang wird Toni Krahl im Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit in Pankow festgehalten und immer wieder verhört. Schließlich verurteilt ihn ein Gericht zu drei Jahren Gefängnis. Die Strafe wird kurze Zeit später auf zwei Jahre mit Bewährung verkürzt. Zu Weihnachten 1968 ist Toni Krahl wieder frei.

Seine Eltern werden von den Genossen inzwischen ausgegrenzt und sind umgezogen. Den Vater hat man erst beurlaubt, dann ins ND-Archiv versetzt. Den Sohn schicken die Behörden in die Brigade "Hans Marchwitza" - zur "Umerziehung und Heimholung in die sozialistische Menschengemeinschaft", wie er in seinen Memoiren schreibt.

Toni passt sich an, so gut es geht. Doch er träumt seinen Traum von einer Karriere als Rockmusiker. "Ein negativer Einfluss der Tätigkeit als Laienmusiker auf die Arbeitsmoral ist nicht zu übersehen", heißt es lakonisch in einem Bericht in der Stasiakte.

1975 landet Krahl als Sänger bei City - und bald darauf mit "Am Fenster" einen Hit, der die Band auch im Westen bekannt macht. Er bleibt optimistisch, dass sich eines Tages auch in der DDR etwas ändern wird. Wie damals, 1968, im Prager Frühling.

    Die Dokumentation "Der Prager Frühling und die Deutschen" läuft am Dienstag, 21. August 2018, um 20.15 Uhr auf ZDFinfo, außerdem am 31.8. um 13.30 Uhr und am 26.9. um 12.45. Das ZDF zeigt sie am 22. August um 00.45 Uhr.
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frank josef kallenbach, 21.08.2018
1. Berichtigung
Truppen des Warschauer Paktes ? Es waren ausschliesslich Sowjetische Einheiten in der CSSR aktiv tätig. Einheiten des Warschauer Paktes , hier die NVA , lagen in den Wäldern der grenznahen Gebiete auf dem Gebiet der DDR, Anteil, logistische Unterstützung, Abschirmung. Ansonsten gehörte auch ich zu den Unterstützern dieser freiheitlichen Bewegung , Dubcek, Svoboda war unsere Schlagworte.
Wolfram Schulz, 22.08.2018
2.
Nichts gegen City, die machen gute Musik... aber Werbung sollte als Werbung gekennzeichnet werden (Touneedaten usw.).
Christiane Preuße-Hülpüsch, 22.08.2018
3. Was bitte ist Ostrock?
– ich kenne nur Rock. Oder ist Lindenberg Westrock?
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