Ost-Berlin 1984 Nadja und der Fackelzug

Ein FDJ-Aufmarsch zum 35. Jahrestag der Republik - nie wäre Mark Scheppert auf die Idee gekommen, daran freiwillig teilzunehmen. Aber dann winkte ein Treffen mit dem schönsten Mädchen der Schule. Also doch.

ullstein bild/ Zentralbild/ Ulrich Hässler

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  • Jan-Erik Nord
    Mark Scheppert, Jahrgang 1971, lebt in Berlin-Friedrichshain und arbeitet seit vielen Jahren im Marketing und Vertrieb von Verlagen. 2008 begann er, für einestages zu schreiben, und wurde 2009 Mitglied der Lesebühne "Die Unerhörten". Sein erstes Buch hieß "Mauergewinner", jetzt widmet er sich in "Leninplatz" erneut der untergegangenen DDR. Seine Homepage: www.markscheppert.de

Morgens wurden wir gleich zum Fahnenappell einbestellt. Am Freitag, 5. Oktober 1984, unterrichtete uns Frau Frisch, dass wir sogleich diszipliniert und mit Winkelementen ausgestattet zur Protokollstrecke an die Hans-Beimler-Straße gehen würden. Erich Honecker, Andrei Gromyko und Jassir Arafat sollten dort zu den Feierlichkeiten rund um den 35. Jahrestag der Republik vorbeifahren.

Uns war sofort klar: Wir hatten zwei Stunden schulfrei und konnten uns in kleinen Gruppen absetzen! Kein Lehrer würde uns im dichten Gedränge am Straßenrand vermissen und schon gar nicht im "Espresso an der Bibliothek" auftauchen.

Während ich im Café mein Würzfleisch verspeiste, schwoll der Geräuschpegel vor der Tür an. Okay, die Kolonne schwerer Autos wollte ich gern sehen, aber lieber saß ich inmitten meiner feixenden Jungs. Und dann war der Konvoi schwarzer Schlitten schon vorbei. "Das soll mir nie wieder passieren. Heute Abend gehe ich zum Fackelzug", grölte ausgerechnet Andi. Alle wussten: Er blödelte nur herum.

Zurück im Klassenraum waren Bommel und ich mutterseelenallein. Auf dem Lehrertisch lag das Klassenbuch - unbeaufsichtigt! Nun gab es eigentlich nur eine Möglichkeit: Wir, ausgemachte Fälschungsexperten, schrieben in Fächern, in denen wir auf der Kippe standen, ein paar gute Noten hinein, die das Problem vorerst behoben. Doch was tat mein bester Freund? Er warf das Buch im Überschwang Richtung Wand oberhalb der Tafel.

So geschah das Unglück: Der Zensurenspiegel rutschte zwischen Wand und Tafel in einen Hohlraum. Weder von unten noch von der Seite kamen wir heran. Also schoben wir den Lehrertisch vor, Bommel kletterte hinauf und versuchte mit seinen dünnen Ärmchen, an das verschollene Klassenbuch zu gelangen.

Immer breit, na klar

"Was macht ihr denn da?", brüllte jemand an der Tür. Unser durchgeknallter Hausmeister Müller befahl, den Tisch sofort wieder an seine Stelle zu rücken. Wir gehorchten. "Der steht ja falsch herum!", meckerte er. Die Schublade war vorn, also stand der Schreibtisch richtig, doch wir drehten ihn einmal komplett, damit Müller verschwand und sich wieder seinen Wellensittichen widmen konnte, die er im Schulfoyer züchtete.

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Jugendfreund Scheppert unter Blauhemden: Eine Nacht mit dem allerschönsten Mädchen und Tausende anderen

"Wo ist das Buch, Mark?", rief einer aus dem Hinterhalt. "Dirk, du Arschloch", zischte ich, "hast du mich erschreckt!" Er war unser Klassenbuch-Beauftragter und eigentlich ganz okay. Bommel sagte: "Wir fummeln das Ding nach der Stunde wieder raus, Dirki, weißte doch." Auch für uns wäre ein Verschwinden katastrophal, da wir bereits etliche Zensuren manipuliert hatten und bei Neubewertung sicher viel schlechter eingestuft werden würden.

Alsbald trudelte der Rest der Klasse ein. Geschichtslehrerin Frisch war eine Hundertzwanzigprozentige, die vor dem Unterricht alle aufstehen ließ und in ihrer typischen Keifstellung krächzte: "Für Frieden und Sozialismus, seid bereit!" Bergi murmelte wie die Großen: "Immer breit." Die Lehrerin wollte sich setzen, schepperte mit den Knien gegen die bodentiefe Schreibtischrückwand und jaulte "Auuuua".

Bommel flüsterte mir kichernd ins Ohr: "Der steht ja falsch herum", während Lars und Dirk eilig den Tisch so drehten, dass die Frisch ihre lädierten Beine darunter ausstrecken konnte. Wir lachten innerlich, bis die Augen tränten.

Sie war so neben der Spur, dass sie sogar den Anwesenheitseintrag im Klassenbuch vergaß und uns sofort auf den 35. Jahrestag der DDR einzustimmen begann. Auch heute hielt Genossin Frisch eine langatmige Rede über die Unvergänglichkeit unserer sozialistischen Republik: "Die DDR wird nicht nur 35 Jahre existieren. Nein, sie wird ewig währen." - "Wie das tausendjährige Reich", nuschelte Andi. Am Ende erklärte sie noch, wo sich die Leute zum Fackelzug am Sonnabend treffen.

Nach der Stunde rissen wir mit Hilfe des starken Bergis die seitliche Verkleidung der Tafel ab, holten das Klassenbuch heraus und drückten die Holzlatte provisorisch wieder dran.

Die Traumfrau aus der Parallelklasse

Als ich auf den Schulhof kam, stand dort Nadja. Wir waren allein. Seit zwei Jahren war ich in die schwarzhaarige Traumfrau aus der Parallelklasse böse verliebt und beobachtete sie in fast jeder Pause mit klopfendem Herzen. Sie war das allerschönste Mädchen der Schule und hatte sogar schon einen richtigen Busen. Dummerweise war ich Lichtjahre davon entfernt, auch nur die geringste Chance bei ihr zu haben. Während sie sich ausschließlich mit Westklamotten einzukleiden pflegte, sah ich in meinen Wisent-Jeans und den blau-weißen Stoffidas wie der letzte Eimer aus.

Diesmal aber fragte sie: "Mark, gehst du eigentlich zum Fackelzug?" Ich machte mit dem Finger das Schrauben-Locker-Zeichen, besann mich aber: "Gehst du denn?" - "Ja, ist doch irgendwie was Besonderes. Vielleicht willst du mich ja begleiten?" - "Okay", flüsterte ich. "Wo soll ich dich abholen?"

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Leninplatz

Books on Demand; 148 Seiten; 9,90 Euro.

Wir vereinbarten ein Treffen am Leninplatz. Sie wohnte da, wollte aber nicht, dass ich sie zu Hause abholte, wodurch ich keinen Blick in ihr Zimmer - es sollte aussehen wie im Intershop - erhaschen konnte. Ich wartete im Schatten des riesigen Denkmals. Nadja schien sich zu freuen, hakte sich bei mir ein. Wie ein glückliches Paar liefen wir zur Jannowitzbrücke und fuhren per S-Bahn weiter zur Friedrichstraße.

Zum Fackelzug der FDJ wurden 80.000 vorbildliche Jugendliche aus der gesamten Republik delegiert. Alle trugen das blaue Hemd mit dem FDJ-Symbol über der aufgehenden Sonne auf dem linken Ärmel und einen dunkelblauen FDJ-Anorak aus Polyestergemisch. Auch uns waren Hemd und Jacke noch am Freitag ausgehändigt worden. Somit erhielten wir ein "Mandat zur Teilnahme" im sogenannten "Friedensaufgebot".

Die Einheitskleidung fetzte dennoch, da es zwischen Nadja und mir endlich mal keine Unterschiede gab. Ich ließ das blaue Hemd mit hochgeklapptem Kragen locker aus der Hose hängen, um etwas cooler zu wirken. Beim Blick in Nadjas Ausschnitt kollabierte ich fast vor Erregung. Einmal mehr wurde mir bewusst, dass ich freiwillig hier war - nur für diese eine Nacht mit diesem Mädchen!

"Der Sozialismus wird siechen"

Unsere Lehrerin Frisch brüllte: "Schön, dich zu sehen, Jugendfreund Scheppert. Hier ist deine Fackel! Oh, mit weiblicher Begleitung aus der A-Klasse." Ich band mir den dicken Anorak um die Hüften und trabte in einer unüberschaubaren Blauhemdenmenge gen Brandenburger Tor, dann Unter den Linden zurück Richtung Palast der Republik. Ein Typ mit riesiger FDJ-Fahne vom "VEB Pirnetta Pirna" rief "SED - FDJ" und "Frieden, Freundschaft, Solidarität". Etliche Typen stimmten an: "Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf. Freie Deutsche Jugend, bau auf. Für eine bessere Zukunft richten wir die Heimat auf", "Die Internationale" und "Wir sind die junge Garde des Proletariats".

Die vielen Fackeln, der Lärm und das Tamtam der Blauhemden im grell erleuchteten Berlin, dazu Nadja, die eingehakt an meiner Seite lief und ihre Bluse in flammender Hitze immer weiter aufknöpfte... Mein Herz!

Auf Höhe der Ehrentribüne zog mich das wunderschöne Mädchen ganz nah heran und flüsterte: "Was für eine bescheuerte Rentnerbrigade." Honecker, Mittag, Mielke winkten uns senil grinsend zu; auch die jüngeren Genossen wie Krenz und Aurich wirkten fast scheintot. Unser Staatsratsvorsitzender hatte bei der Festansprache noch genuschelt: "Der Sozialismus wird siechen." Genauso sah es dort oben aus.

Ich zertrat verlegen zwei weiße Plastikbecher und schaute gebannt in Nadjas errötetes Gesicht: "Ja, ist Kacke hier, aber mit dir fetzt es trotzdem." Sie lächelte.

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Am Alex löste sich der Pulk auf, dort standen Container für die Fackeln und 600 Busse, um die Dörfler zurück in die Pampa zu bringen. Es begann zu regnen.

Ich wollte Nadja auf einen Eisbecher einladen, doch sie überredete mich, im Café am Leninplatz zwei Flaschen Club Cola zu kaufen. Das Zeug war so süß wie das Mädchen, das mit dem Rücken an die glatte Granitwand des Lenin-Denkmals gelehnt im Nieselregen neben mir saß. Auf einmal legte sie einen Arm um meine Schulter und gab mir den ersten ernstzunehmenden Kuss meines bisherigen Lebens. Ich wollte nie wieder aufstehen und in diesem Augenblick vor Glück sterben.

Am Sonntagmorgen sahen wir uns wieder, da wir auch die Militärparade beim Nationalfeiertag bejubeln mussten. Als ich Nadjas Augen suchte, blickte sie weg und würdigte mich auch später keines einzigen Blickes. Sie ignorierte mich einfach.

Für mich ging an diesem Tag die Welt in Flammen unter. Ich wollte endlich 16 sein und ein Mädchen, dem ich am Vorabend noch die Hand unter die Bluse geschoben hatte, umarmen und leidenschaftlich küssen. Voller Wut lief ich nach der Parade Erich und Genossen auf ihrer Ehrentribüne entgegen. Dort oben wunderten sich bestimmt alle, dass ich nicht einmal zurückwinkte.



insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
Manfred Müller, 05.10.2018
1. Was macht...
... Nadja heute?
Peter Braun, 05.10.2018
2. Genau so
Was will man dazu sagen, so war es. Spannend, die alten geistlosen Slogans wieder zu lesen... Da kommen Erinnerungen hoch.
Franka Schwarz, 05.10.2018
3. Plastikbecher...
gab es nicht , das waren Plastebecher.
Falk Opelt, 05.10.2018
4. Logikfehler?
Der Autor wird uns mit Jahrgang 1971 vorgestellt, er war also zum 35. Republikgeburtstag 1984 13 Jahre. Mitglied in der FDJ ging auf Antrag aber erst ab 14. Zudem finde ich es sportlich, mit 13 Jahren schon 2 Jahre in eine Mitschülerin verliebt zu sein. Andererseits - am Ende des Textes steht etwas von 16 Jahre? So erinnert das Ganze wohl mehr an eine Aneinanderreihung von fiktiven und/oder tatsächlichen Ereignissen des Autors über einen längeren Zeitraum hinweg. Ein Tatsachenbericht vom 5. respektive 7. Oktober 1984 wird es kaum gewesen sein. So hat der Autor - den vorstellenden Worten nach - gemäß seines Marketing-Berufes eher eine Geschichte für Westdeutsche geschrieben die glaubend machen soll, wie die DDR gewesen wäre?
Werner Brown, 05.10.2018
5. @ Falk Opelt
Im Artikel steht, dass der Autor sich wünschte zu diesem Zeitpunkt 16 Jahre alt gewesen zu sein, nicht das er es war. Wie sie richtig festgestellt haben, war er 13 Jahre alt. Das er noch Thälmann-Pionier und nicht bei der FDJ war steht unter den Fotos. Einfach nochmal in Ruhe alles durchlesen und anschauen, dann passt es schon mit der Logik.
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